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Medizin und Wissenschaft

Kieler Herzchirurgen erfolgreich in der Herzklappen-Forschung
Anja Aldenhoff-Zöllner

Kieler Arbeitsgruppe für mikrochirurgisch-implantierbare Herzklappen: Prof. Dr. Jochen Cremer, PD Dr. Georg Lutter, Dr. René Quaden, mit dem weltweit neuesten Bioreaktor zur Aufzucht von Herzklappenzellen und Dr. Tim Attmann, der Preisträger (v. l. n. r.) (Fotos: UK S-H)

Kinder mit komplexen, angeborenen Herzfehlern benötigen bis zum Erwachsenenalter häufig mehrere Operationen - speziell, wenn dabei eine Herzklappe betroffen ist. Für die Patienten und deren Eltern bedeutet dies häufige Krankenhausaufenthalte.

Ein so genanntes minimal-invasives Verfahren zum Ersatz einer Herzklappe könnte den betroffenen kleinen und größeren Patienten große komplexe Operationen ersparen. Eine Herzklappe, die mittels eines Katheters über die Leiste implantiert werden könnte, stellt daher so etwas wie eine Revolution der bisherigen Therapie von angeborenen und erworbenen Herzklappenerkrankungen dar.

Seit mehr als fünf Jahren arbeiten Kieler Herzchirurgen aus dem Team von Prof. Dr. Jochen Cremer, Direktor der Klinik für Herz- und Gefäßchirurgie, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel, an einer Möglichkeit, die herkömmliche Operationstechnik beim Ersatz der so genannten Pulmonalklappe (Klappe an der Lungenschlagader) im Sinne der kleinen Patienten zu vereinfachen.

Jetzt hat der Kieler Herzchirurg Tim Attmann den Wissenschaftspreis 2007 der Ulrich-Karsten-Stiftung, vergeben von der deutschen Gesellschaft für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie für seine Forschung auf dem Gebiet der katheterimplantierten Herzklappen am rechten Herzen erhalten. Mitbeteiligt in der Forschergruppe sind die Mitarbeiter der Klinik für Diagnostische Radiologie unter der Leitung von Prof. Martin Heller, die die genaueste Platzierung der Herzklappen mittels neuester radiologischer Technik ermöglichen und die Mitarbeiter der Klinik für Anästhesiologie von Prof. Jens Scholz, die mit einer ausgewogenen Narkose dafür sorgen, dass es bei der Herzklappen-Implantation zu keiner Kreislaufeinschränkung kommt.

Eine Herzklappe aus körpereigenen Zellen zur katheterunterstützten Implantation

Zeitgleich hat die Arbeitsgruppe um PD Dr. Georg Lutter mit ihrem Kooperationspartner PD Dr. Ulrich Stock aus Tübingen mehr als 600 000 Euro bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft eingeworben, um Herzklappen aus körpereigenem Gewebe herzustellen. Dieses Verfahren, bei dem dem späteren Empfänger der Herzklappe zunächst Zellen entnommen werden, wird als Tissue Engineering bezeichnet. Körpereigene Zellen werden außerhalb des Körpers vermehrt und für den Aufbau einer Herzklappe benutzt. Diese kann dann gefaltet und über einen Katheter in das rechte Herz implantiert werden. Die körpereigene Herzklappe soll in Zukunft auch mit dem Körper, beispielsweise bei Kindern, mitwachsen.

Ein Klappenstent, der mithilfe körpereigener Zellen durch tissue-engineering hergestellt wurde. Er wird gefaltet über einen Katheter in das rechte Herz implantiert.

Die Arbeitsgruppe Lutter und Cremer hat damit in diesem Jahr mit ihren Kooperationspartnern bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft und beim Bundesministerium für Bildung und Forschung über 1,7 Millionen Euro eingeworben. Wichtige Partner bei der Durchführung sind das Laserzentrum in Lübeck und das Institut für Mikrotechnik der TU Braunschweig. Die Fördermittel werden in den nächsten drei Jahren in die Weiterentwicklung von Techniken eingesetzt, um verkalkte, patienteneigene Herzklappen über einen Leistenkatheter herauszuschneiden, um anschließend eine neue körpereigene Herzklappe zu implantieren.

Dieses kombinierte Verfahren ist heute für den Patienten noch nicht verfügbar, wird in der modernen Herzklappen-Chirurgie jedoch eine große Rolle spielen. Für den Körper und Organsysteme des Patienten bedeutet es, dass die gesamte Operation schonend durchgeführt werden kann und die Operationswunde im Bereich des Brustbeins nicht mehr notwendig ist. Die Patienten können früher nach Hause entlassen werden und benötigen keine lange Rehabilitation mehr.

Weltweit arbeiten fünf Arbeitsgruppen intensiv und erfolgreich auf diesem Gebiet. An sehr wenigen Zentren werden Verfahren des Herzklappenersatzes über die Leiste bereits am Menschen angewendet, jedoch ausnahmslos ohne Beseitigung der verkalkten, patienteneigenen Klappe. Dadurch sind die Ergebnisse bisher sehr ernüchternd. Die Arbeitsgruppe sieht daher die Notwendigkeit zur nachhaltigen experimentellen Forschung. Erst wenn die Methode ausgereift ist, sollte eine klinische Anwendung am Patienten erfolgen.

Dr. Anja Aldenhoff-Zöllner, Pressesprecherin UK S-H, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel, Brunswiker Straße 10, 24105 Kiel, Campus Lübeck, Ratzeburger Allee 160, 23538 Lübeck


Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 7/2007

S. 67, 68