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3. wissenschaftliches
Treffen des Arbeitskreises Notfallmedizin der DGAI
Notfallmedizinische Forschung
Jan-Thorsten Gräsner, Jan Bahr, Bernd W. Böttiger, Erol Cavus,
Volker Dörges, André Gries, Tanja Rosolski-Jantzen, Volker
Wenzel, Jens Scholz
Auch 2007 lud der 1. Sprecher des Arbeitskreises Notfallmedizin der Deutschen
Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI),
Prof. Jens. Scholz, zum dritten Treffen der wissenschaftlichen Arbeitsgruppen
Notfallmedizin nach Kiel ein. Die ca. 60 Teilnehmer konnten
sich einen Überblick zu aktuellen Einzelprojekten und vernetzten
Studien verschaffen.
Der nachfolgende Bericht fasst die vorgestellten Projekte zusammen und
bietet somit die Möglichkeit, sich ein Bild über die aktuelle
Forschungs- und Studiensituation im Bereich Notfallmedizin zu machen.
Die Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin
des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UK S-H), Campus Kiel
(Direktor: Prof. Dr. Jens Scholz), organisiert seit mehreren Jahren diese
weit über die Grenzen von Schleswig-Holstein bekannte Veranstaltung.
Ausbildung und Lehre
Die notfallmedizinische Ausbildung an Universitäten wurde von Brokmann,
Aachen, mit einer Umfrage erfasst. Klassische Lehrmethoden
überwiegen gegenüber Konzepten wie problemorientiertes Lernen
oder E-Learning; Multiple-Choice-Klausuren gegenüber praktischen
Prüfungen und strukturierten Examen.
Breckwoldt, Berlin, widmete sich in seinem Beitrag den Langzeit-Effekten
eines speziellen EH-Kurses, der von Studierenden für Studierende
gegeben wird und auf praktischen Übungsteilen mit realitätsnahen
Szenarien aufbaut. Im Vergleich zum konventionellen Kurs wird dieser als
sehr gut bewertet. Eine standardisierte Überprüfung der Kenntnisse
nach 20 Monaten zeigte jedoch keine Unterschiede.
Um eine Vereinfachung der Basismaßnahmen der HLW ging es Skorning,
Aachen. Der in den Guidelines 2000 vorgesehene siebenstufige Basis-Check
(1) wurde auf drei Schritte reduziert (2), in einem weiteren Schritt wurde
die Beatmung weggelassen (3). In der Gruppe 1 wurden die Maßnahmen
nach sechs Monaten nur noch von 12,5 Prozent korrekt durchgeführt.
In Gruppen 2 und 3 wurde früher mit den Thoraxkompressionen begonnen,
in Gruppe 3 war die Anzahl durchgeführter Kompressionen am höchsten.
Die Vorteile der Software ReaDok zur Dokumentation und Analyse
des Erfolges beim Reanimationstraining gegenüber Video-Analysen,
Aufzeichnungen von MegaCode-Simulatoren oder Papier-Protokollen stellte
Kunigk, Würzburg, vor.
Rücker, Rostock, untersuchte, ob Studierende in der Lage sind, auf
Videos mit realen Situationen Schnappatmung, Apnoe bzw. normale Atmung
zu erkennen. Eine Schnappatmung wurde häufig als normale Atmung verkannt,
wobei Studierende im 6./7. Semester noch schlechter abschnitten als Erstsemester.
Über einen neuen Ansatz in der grenzüberschreitenden Luftrettung
und der Zusammenarbeit zwischen Dänemark und Deutschland berichtete
Dörges, Kiel. Im Rahmen eines EU-Projektes wurden systematisch Ausbildungsstände
und Arbeitsmethoden analysiert und das gesamte Personal nach einer gemeinsam
erarbeiteten Richtlinie ausgebildet.
Die endotracheale Intubation (ITN) wurde von Timmermann, Göttingen,
mit der Intubationslarynxmaske (ILMA) verglichen. Als Probanden der randomisierten
Studie dienten Studierende der Medizin. Keine signifikanten Unterschiede
bezüglich der Ventilation, jedoch signifikant mehr Zeit für
die ITN wurden herausgearbeitet.
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| Vorsitzende der
Veranstaltung: Professoren Volker Dörges, Volker Wenzel, Jens
Scholz, Bernd W. Böttiger (v. l. n. r.) |
Grundlagenforschung
Aktuelle Resultate aus der experimentellen Trauma-Forschung stellte Wenzel,
Innsbruck, vor. Der passagere Einsatz von Vasopressin bei komplexen Beckenfrakturen
und Mesenterialverletzungen bis zur chirurgischen Versorgung könnte
sich günstig auf das Überleben auswirken.
Schneider, Heidelberg, erzielte an Ratten durch kontinuierliche Infusion
von Neurotensin, einem an zentralen, spezifischen Rezeptoren wirkenden
Peptid, eine dosisabhängige Hypothermie - ein neuer Therapieansatz
zur Neuroprotektion.
Meybohm, Kiel, konnte bei der alternierenden Applikation von Adrenalin
und Vasopressin gegenüber alleiniger Gabe von Adrenalin bei der Reanimation
am Schweinemodell eine Verbesserung von koronarem und zerebralem Perfusionsdruck
sowie der Hirndurchblutung zeigen.
Die Reanimations-Empfehlungen 2005 mit einem Kompressions-/Ventilationsverhältnis
(K/V) von 30:2 wurden dem bisherigen K/V von 15:2 und einer alleinigen
Kompressionsgruppe ohne Ventilation von Cavus, Kiel, gegenübergestellt.
Bei einem K/V von 15:2 waren arterielle Oxygenierung höher und Azidose
geringer ausgeprägt.
Qualitätsmanagement
Schlechtriemen, Saarbrücken, referierte über das Traumanetzwerk.
Bei allen vom Saarländischen Rettungsdienst präklinisch versorgter
Traumapatienten wurden Verletzungsschwere, Zeitdauer der präklinischen
Versorgung und des Transportes, Umfang der präklinischen Versorgung
und Versorgungsstufe der Zielklinik für die Jahre 2005-2006 analysiert.
Die Einrichtung von First-Responder (FR)-Gruppen zur Unterstützung
des Rettungsdienstes in einem ländlichen Bereich untersuchte Naths,
Mölln. In die Analyse gingen 200 FR-Einsätze ein. Den durchschnittlichen
Zeitvorteil der FR von 7,2 (+/- 3,2) min konnte für primär einfache
Diagnostik sowie Erste-Hilfe-Maßnahmen genutzt werden.
Hinkelbein, Mannheim, ermittelt auf der Grundlage von jährlich 2
000 000 bodengebundenen und 80 000 Luftrettungseinsätzen die Unfallrisiken
für das eingesetzte Personal. In einer retrospektiven Analyse der
Jahre 1996-2005 konnte kein Unterschied für die Unfallhäufigkeit
jedoch für das Todesfallrisiko zu Ungunsten der Luftrettung festgestellt
werden.
Eine Arbeitsgruppe um Hauke, Ulm, untersuchte die papiergestützte
digitale Einsatzdokumentation. Durch Kombination von Papierprotokoll und
digitalem Stift konnte ein klassisches Protokoll an die Weiterbehandelnden
übergeben und die Daten für eine elektronische Bearbeitung zugängig
gemacht werden. Die Vorteile im Hinblick auf Akzeptanz, Vermeidung von
Doppeleingaben sowie der Verifizierung am PC wurden bestätigt.
Schmidtbauer, Berlin, beschrieb die Entwicklung eines Einsatzplanes für
die Bewältigung von ABC-Lagen im Krankenhaus. Aus der Erfahrung der
Giftgasanschläge in Tokio hat die Bundeswehr für Berlin Vorbereitungen
im Hinblick auf Materialvorhaltung, Personalressourcen sowie Umsetzbarkeit
in den Zielkliniken getroffen.
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rechts: Kongressteilnehmer
(Fotos: UK S-H) |
Klinische Studien
Sellmann, Duisburg, Roessler, Göttingen, und Kill, Marburg, berichteten
über Studien zur Im-
plementierung einer prähospitalen nicht-invasiven Beatmung (NIV).
Alle drei Referenten unterstrichen die Vorteile für die Patienten
und fanden keine patientengefährdenden Komplikationen. Der Aufbau
einer nationalen Datenbank zur NIV im Rettungsdienst wird vorbereitet.
Roessler, Göttingen, stellte ein prospektives Projekt der Jahre 2004-2006
zur Verwendung des Larynxtubuses als initiale Beatmungshilfe bei Reanimationen
vor. Er zeigte, dass in allen Fällen die Einlage des Larynxtubus
auf Anhieb möglich ist. Im Falle einer insuffizienten Ventilation
über den Larynxtubus lag entweder eine vorbestehende Aspiration oder
ein Cuffdefekt vor.
Dörges, Kiel, stellte eine prospektive klinische Studie mit zwei
kürzlich entwickelten Einmal-Beatmungshilfen (Larynxtubus/LTS-D®
vs. Intubationslarynxmaske/FastrachTM-D®) vor. Geprüft wurden
Handhabung, Systemdichtigkeit, Patientenkomfort, ausreichende Ventilation
und adäquate Oxygenierung in der klinischen Routine. LTS-D® und
FastrachTM-D® konnten zeitgerecht platziert werden. Beide Verfahren
ermöglichten eine suffiziente Oxygenierung und Ventilation. Die LTS-D®
zeigte eine höhere Systemdichtigkeit und ermöglichte höhere
Atemwegsspitzendrücke.
Bassi, Basel, stellte eine Untersuchung der REGA-Basis Basel vor. Es werden
die initialen Cuffdruckwerte und der weitere Cuffdruckverlauf bei 59 Primär-
und 53 Sekundäreinsätzen der Luftrettung erfasst. Es zeigte
sich, dass die initial gemessenen Cuffdrücke bei Primär- 82
Prozent und bei Sekundäreinsätzen 64 Prozent zu hoch(> 25
cm H2O) waren.
Breitkreutz, Frankfurt, berichtete über 15 endotracheale Intubationen
erwachsener Notfallpatienten mit dem starren Intubationsfiberskop nach
Bonfils (BIF). Bei allen Patienten (Patienten mit einfachem Atemweg, polytraumatisierte
Patienten unter HWS-Immobilisation mittels Stifneck, Patienten mit unerwartet
schwierigem Atemweg) war eine zeitnahe (< 40 sec.) Platzierung des
Endotrachealtubus möglich.
Schmidbauer, Berlin, stellte eine Untersuchung an anatomischen Leichenpräparaten
vor. Nach simuliertem Erbrechen wird der Schutz vor Aspiration bei Anwendung
von supraglottischen Beatmungshilfen beurteilt. Combitube, Easytube und
Intubationslarynxmaske konnten dem Maximaldruck von 130 cm H2O standhalten.
Larynxmaske, Larynxmaske Pro Seal, Larynxtubus und Larynxtubus S II ließen
bei geringeren ösophagealen Drücken eine Leckage zu.
Brenner, Heidelberg, stellte die Heidelberger Intraossäre Punktions-(HIOPS)-Studie
vor. Am erwachsenen Leichenpräparat wurde ein halbautomatisches intraossäres
Punktionssystem (EZ-IO) und ein manuelles intraossäres Punktionssystem
(16-G-IO-Nadel) evaluiert. Bei vergleichbaren Insertionszeiten der als
erfolgreich gewerteten Punktionsversuche konnten unter Verwendung des
EZ-IO mehr erfolgreiche Punktionen im ersten Versuch registriert werden.
Bei der EZ-IO-Punktion traten weniger technische Komplikationen auf.
Bernhard, Heidelberg, konnte in einer prospektiven Studie über zwei
Jahre mit insgesamt 273 Patienten zeigen, dass durch die Einführung
eines Schockraumalgorithmus für schwerverletzte Patienten (ISS >
16) langfristig eine Verkürzung der Zeitintervalle bis zum Abschluss
der bildgebenden Diagnostik bzw. bis zum Beginn der Notoperation erreicht
werden kann.
Wyl, Basel, lässt durch zwei unabhängige Ärzte 20 Original-Schockraum-Szenarien
beobachten. Verantwortlichkeit, Behandlungsabfolge, Kommunikation und
Behandlungsqualität ergaben bei anschließender Dokumentation
in strukturierte Fragebögen eine hohe Beobachterübereinstimmung.
Schikora, Demmin, analysiert mittels Fragebogen das Management innerklinischer
Notfallsituationen in den Krankenhäusern in Mecklenburg-Vorpommern.
Die Auswertung deckt Schwachstellen des innerklinischen Notfallmanagements
auf (mangelnde Ausrüstung, Ausbildung, Dokumentation und Auswertung).
Vogelsang, Bochum, stellt eine drei Jahres Analyse innerklinischer Notfallsituationen
vor. Bei 229 Notfallmeldungen wurde in 63 Fällen ein Kreislaufstillstand
beobachtet. In 52 Fällen wurde ein AED (automatischer externer Defibrillator)
angelegt, der in 40 Fällen einen Schock empfahl. Bei 32 Patienten
konnte die Spontanzirkulation wieder hergestellt werden. 20 Patienten
konnten nach Hause entlassen werden.
Krieter, Saarbrücken, vergleicht vier Methoden der pCO2-Messung (mobile
BGA, transcutane Messung, endtidale Messung, stationäre BGA) bei
33 beatmeten Patienten während des Intensivtransportes. Trotz signifikanter
Unterschiede zwischen den Messverfahren gab es nur bei der Kapnometrie
klinisch relevante (- 5,3 ± 6,1 mmHg) Messwertabweichungen.
Breitkreuz, Frankfurt, geht der Frage nach, ob Ärzte ohne Vorkenntnisse,
kurze etwa fünf Sekunden dauernde Echokardiographiebefunde nach je
vier Unterrichtseinheiten (à 45 Minuten) Theorie und Praxis erkennen
können. Die Antwort lautet ja: Am Kursende konnten alle Teilnehmer
einen Perikarderguss, eine hochgradig reduzierte LVEF und eine PEA erkennen.
Mit einer retrospektiven Auswertung von 2 255 Notarzteinsätzen will
Genzwürker, Mannheim, die Frage beantworten, ob das Fachgebiet des
Notarztes die Intubationshäufigkeit (IH) und die Intubationsinzidenz
(II) im Notarztdienst beeinflussen. Nach seinen Ergebnissen hängt
die IH vorwiegend von der Einsatzhäufigkeit des Notarztes ab, während
die II bei Assistenzärzten gehäuft ist. Das Fachgebiet des Notarztes
spielt in der untersuchten Stichprobe keine Rolle.
Wenzel, Insbruck, macht auf eine geplante randomisierte internationale
multizentrische Studie aufmerksam, in der untersucht werden soll, ob die
Injektion von Vasopressin (zehn IE bis zu dreimal) beim therapierefraktären
traumatisch-hämorrhagischen Schock zur Verbesserung der Überlebensrate
von Unfallopfern beitragen kann.
Spöhr, Heidelberg, stellte Ergebnisse der Thrombolysis in Cardiac
Arrest (TROICA) Studie vor. Nach Einschluss von 1 050 Patienten zeigte
sich, dass die zusätzliche Therapie mit TNK ohne Heparin weder die
30-Tage-Mortalität noch die Rate der in die Klinik aufgenommenen
Patienten positiv beeinflussen konnte.
Prof. Dr. Jens Scholz, Dr. Jan-Thorsten Gräsner, Dr. Erol Cavus,
Prof. Dr. Volker Dörges, UK S-H, Campus Kiel, Klinik für Anästhesiologie
und Operative Intensivmedizin, Dr. Jan Bahr, Zentrum Anästhesiologie,
Rettungs- und Intensivmedizin, Georg-August-Universität Göttingen,
Prof. Dr. Bernd W. Böttiger, Prof. Dr. André Gries, Klinik
für Anästhesiologie, Sektion Notfallmedizin, Ruprecht-Karls-Universität
Heidelberg, Prof. Dr. Tanja Rosolski-Jantzen, Klinik für Anästhesiologie,
Hanse-Klinikum Wismar, Prof. Dr. Volker Wenzel, Universitätsklinik
für Anästhesie und Allgemeine Intensivmedizin, Medizinische
Universität Innsbruck
Korrespondenzanschrift: Dr. Jan-Thorsten Gräsner, UK S-H, Campus
Kiel, Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin,
Schwanenweg 5, 24105 Kiel, E-Mail graesner@anaesthesie.uni-kiel.de
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Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 7/2007
S. 63-66
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