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Medizin und Wissenschaft
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Bericht aus der Medizinischen
Gesellschaft Lübeck
Vor der Diskussion
eines möglichen Zusammenhangs der Abnahme von HRT- und Brustkrebsinzidenz
sind weitere Faktoren, die zu einem Rückgang der Inzidenz führen
könnten, zu berücksichtigen. Ganz allgemein kann ein (ggf. temporärer)
Rückgang einer Erkrankungshäufigkeit verschiedenste Ursachen
haben. Eine erfolgreiche Primärprävention (Ausschaltung/ Verringerung
einer schädlichen Noxe) beispielsweise sollte zu einem Absinken der
Inzidenz führen. Bei der Einführung von Früherkennungsprogrammen
(Sekundärprävention) wäre nach einer Phase des Inzidenzanstiegs
ein deutliches, aber temporär befristetes Absinken der Inzidenz unter
das Ausgangsniveau zu beobachten. Der beobachtete Zusammenhang von HRT
und Brustkrebsrisiko kann auf Basis dieser Daten alleine nicht eindeutig
als kausal angesehen werden, scheint jedoch unter Hinzuziehung weiterer
Evidenz (WHI-Studie, One-Million-Women-Study) wahrscheinlich. Der sich
insgesamt erhärtende Zusammenhang von HRT und Brustkrebsrisiko hat
weit reichende Public Health-Konsequenzen. Eine Reduktion der Brustkrebsinzidenz
um zehn Prozent würde für Schleswig-Holstein etwa 230 weniger
Brustkrebsfälle pro Jahr bedeuten. Weniger Brustkrebsfälle dürften
auch zu weniger Todesfällen an Brustkrebs führen. Die Indikation
für die HRT sollte daher kritisch geprüft und auf die klinisch
indizierten Behandlungsfälle reduziert werden. Möglicherweise
lässt sich bei weiter rückläufigem Verschreibungsverhalten
sogar ein weiterer Rückgang der Brustkrebsinzidenz erreichen.
Jürgen Dunst
referierte über die zunehmende Bedeutung der Strahlentherapie zur
Optimierung der lokalen Tumorkontrolle. Das Mammakarzinom wurde seit etwa
25 Jahren als eine Systemerkrankung aufgefasst. Diese vor
allem von Bernhard Fisher (dem langjährigen Leiter der NSABP-Studiengruppe)
propagierte Theorie hat maßgebliche Verbesserungen in der Behandlung
bewirkt, nämlich die Einführung der brusterhaltenden Therapie
(Rücknahme der Radikalität der Lokaltherapie als logische Konsequenz
der fehlenden Korrelation von lokaler Kontrolle und Überleben) und
die Einführung der adjuvanten, prophylaktischen Chemotherapie. Die
Strahlentherapie wurde als lokale Maßnahme zur Verbesserung der
Brusterhaltungsrate angesehen; einen Einfluss auf das Überleben durch
die Nachbestrahlung erwartete man nicht. Die in den letzten Jahren regelmäßig
aktualisierten Meta-Analysen großer Studien zeigen dagegen seit
etwa fünf Jahren eine zunehmende und hochsignifikante Verbesserung
der Überlebensraten durch die postoperative Radiotherapie. Dies war
aufgrund der Hypothese der Systemerkrankung nicht erwartet
worden. Die Nachbestrahlung der Brust hat für viele Patientinnen
hinsichtlich der Verbesserung der Überlebenszeit einen ebenso hohen
Stellenwert wie die Hormon- oder Chemotherapie (Tab. 1). Die Optimierung
der lokalen Tumorkontrolle hat also eine wesentlich größere
Bedeutung als bis-her angenommen. Daraus ergeben sich für die klinische
Praxis wichtige Fragen und Änderungen. Diese betreffen insbesondere
die Frage der Intensivierung der Lokaltherapie bei jungen Patientinnen
mit hohem Lokalrezidivrisiko, die Optimierung der Interaktion von Strahlentherapie
und Systemtherapie und die Behandlung von lokoregionalen Rezidiven. Möglicherweise
spielen lokale Therapieverfahren auch bei limitierter Metastasierung (als
Ergänzung zur Systemtherapie) eine wichtige Rolle; dies ist zurzeit
Gegenstand von klinischen Studien. |
Schleswig-Holsteinisches
S. 61-63 |
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