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Unsere Nachbarn

5. Norddeutsches Fachärzteseminar
Ärztliche Verbände in Pflicht

Prof. Fritz Beske rät ärztlichen Verbänden zur Entwicklung von Konzepten, mit denen das bestehende Gesundheitswesen fortgeführt werden kann. Der Kieler Gesundheitsökonom empfahl den Verbänden am 12. Mai auf dem 5. Norddeutschen Fachärzteseminar in Schwerin, solche Konzepte den Parteien rechtzeitig zur nächsten Bundestagswahl in 2009 vorzulegen.

 
Dr. Jörg-A. Rüggeberg  
„Ich sehe die ärztlichen Verbände in der Pflicht, der Politik nach der Wahl eine Handreichung zu geben, um ein anerkanntes System fortführen zu können“, sagte Beske. Dabei dürften sich die Verbände nicht auf die Forderung nach zusätzlichen Mitteln im Gesundheitssystem beschränken. Ein ärztliches Konzept zur Weiterentwicklung des Gesundheitswesens müsse auch Vorschläge enthalten, mit denen der Einzelne stärker in die Pflicht genommen werden kann.

 
  Prof. Fritz Beske
(Fotos: di)
Beske sieht derzeit gute Chancen für ein intern abgestimmtes Konzept der deutschen Ärzteschaft. Die Proteste des vergangenen Jahres haben nach seiner Beobachtung zu einer Annäherung aller ärztlichen Gruppierungen geführt. Auf Interesse könnte ein ärztliches Konzept nach Einschätzung Beskes besonders bei Gesundheitspolitikern der Christdemokraten und der Liberalen stoßen. Ein weiterhin von SPD-Ministerin Ulla Schmidt geführtes Gesundheitsressort wird sich nach seiner Ansicht dagegen auch künftig kaum von ärztlichen Vorschlägen leiten lassen. Nach seiner Beobachtung haben alle gesetzlichen Änderungen in der Schmidt-Ära dem Ziel, ein staatlich kontrolliertes Gesundheitswesen ohne freiberufliche Ärzte zu schaffen, gedient. „Jeder Schritt führte in diese Richtung“, sagte Beske.

Neben Beske, der mit seiner Analyse in Schwerin auf ungeteilte Zustimmung stieß, formulierten auch Politiker der FDP, der Grünen und der Linken ihr Unverständnis über die aktuelle Gesundheitspolitik. Schleswig-Holsteins FDP-Gesundheitsexperte Heiner Garg regte eine komplette Neufassung des Sozialgesetzbuches V an, mit dem die Partner der Selbstverwaltung wieder mehr Verantwortung und Entscheidungsfreiheit übertragen bekommen. Vertreter von SPD und CDU waren nicht auf dem Podium. Auch unter den Ärzten war der Unmut über die aktuelle Situation deutlich zu spüren. Ein Gynäkologe beschrieb seinen Unmut so: „In unserem Gesundheitswesen verhalten sich die Patienten wie im Kommunismus. Jeder nimmt sich, was er kriegen kann.“

Deutlich wurde auch, dass eine stärkere Orientierung in Richtung Staatsmedizin von den meisten Ärzten abgelehnt wird. Die Schwächen eines staatlichen Gesundheitswesens machte Dr. John Weatherly vom Berliner Consultingunternehmen Newstand in seinem Bericht über den National Health Service (NHS) in Großbritannien deutlich.

Der geborene Brite sieht in Deutschland keinen Grund für eine umfassende Systemveränderung hin zur Staatsmedizin. Weatherly gab zu bedenken, dass die im NHS angestrebten Leistungen schon 1957, wenige Jahre nach seiner Einführung, nicht mehr bezahlbar gewesen seien. Die Konkurrenz zwischen den Ausgaben für Gesundheit und anderen staatlichen Aufgaben habe in den anschließenden Jahrzehnten zu einer restriktiven Ressourcenvergabe des Systems und zu einer ständigen Verknappung des Angebotes geführt. Das derzeitige Budget von umgerechnet rund 120 Milliarden Euro reicht nicht an die Ausgaben vergleichbarer Länder heran. Eine der Folgen sei der Ärztemangel in Großbritannien, der zu einer im Endeffekt überteuerten Beschäftigung von ausländischen Ärzten geführt habe. Die politische Anforderung, das staatliche System dürfe keine Verluste einfahren, sieht Weatherly auch künftig nicht als erfüllt an. Nach seinen Angaben sind in Großbritannien bis zum Jahr 2010 weiterhin Milliardendefizite zu erwarten. Bevor man in Deutschland ebenfalls auf ein staatlich gelenktes Gesundheitssystem setzt, rät Weatherly zu einer stärkeren Eigenbeteiligung der Patienten. Diese sei in Deutschland im internationalen Vergleich gering. Ärzten in Deutschland sollte es nach seiner Ansicht ermöglicht werden, sich wieder stärker auf ihre Tätigkeit zu konzentrieren. Eine Entlastung verspricht er sich auch von einem neuen Berufsverständnis pflegender Berufe etwa nach dem Vorbild der District Nurses in England. Dort sei es selbstverständlich, dass bestimmte Tätigkeiten wie etwa Blutabnehmen nicht von einem Arzt erledigt werden.

Unabhängig von der Diskussion über die Staatsmedizin hält der Vorsitzende der Gemeinschaft
fachärztlicher Berufsverbände, Dr. Jörg-A. Rüggeberg, das Protestpotenzial in der deutschen Ärzteschaft für groß genug für einen möglichen Systemwechsel. „Die Diskussion, ob wir dieses Gesundheitssystem behalten wollen, ist noch nicht abgeschlossen“, sagte Rüggeberg in Schwerin. Die Parteien böten derzeit keine Alternative. Die auch unter Ärzten diskutierte Frage nach Abschaffung der eigenen, zunehmend vom Staat eingeengten Körperschaften, beantwortete Rüggeberg so: „Ein generelles Abschaffen halte ich für falsch. Aber die staatlichen Fesseln der Körperschaften müssen abgestreift werden. Sie sind nicht Büttel des Staates.“ (di)


Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 6/2007

S. 76/77