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Unsere Nachbarn

Psychotrauma
Wenn wir etwas nicht mehr verkraften können
Werner Loosen

 
Dr. Bernhard Osen (Foto: wl)  
Wie gehen wir um mit Katastrophen, Kriegen, Attentaten, Unfällen, wie gehen wir um mit frühkindlichem sexuellen Missbrauch, mit Todesangst oder mit blutigen Bildern? Fest steht: Nicht jeder Mensch wird krank und leidet an den so genannten posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS). Andere aber brauchen eine Therapie. Darum ging es in einer Pressekonferenz anlässlich der 9. Jahrestagung der Deutschsprachigen Gesellschaft für Psychotraumatologie (DeGPT) in Hamburg.

Was ein Trauma ist, erläuterte Dr. Bernhard Osen, Chefarzt an der Medizinisch-Psychosomatischen Klinik Bad Bramstedt, so: „Das ist eine potenzielle oder reale Todesbedrohung, eine ernsthafte Verletzung oder die Bedrohung der körperlichen Unversehrtheit.“ In den USA haben Studien ergeben, dass unter den Traumafolgen mehr als 50 Prozent der erwachsenen Frauen leiden und 60,7 Prozent der Männer. In Deutschland gibt es weniger Studien - Häufigkeiten von Traumata sind festgestellt worden bei 25 bis 27 Prozent von jungen Erwachsenen, vor allem nach Unfällen und körperlicher Gewalt. Folgen traumatischer Ereignisse sind nach den Worten von Bernhard Osen unwillkürliche und belastende Erinnerungen, Vermeidungsverhalten, ein allgemeiner emotionaler Taubheitszustand, anhaltende physiologische Übererregung, Schreckhaftigkeit und Schlaflosigkeit. Ehe von dem genannten Zustand gesprochen werden kann, so haben sich die Wissenschaftler geeinigt, müssen die Symptome länger als vier Wochen dauern (weitere Krankheitszeichen finden Interessenten unter www.degpt.de).

Nicht jeder entwickelt eine PTBS. Wer bereits vorher seelisch erkrankt war, wer früher eine Traumatisierung erlitten hat, wer bestimmte Persönlichkeitsmerkmale hat - die oder der kann betroffen sein. Was hält die anderen gesund? „Sie haben einen besonderen Kohärenzsinn, sie sind persönlich sehr offen, sie haben eine hohe soziale Anerkennung“, erklärt der Arzt. Hinzu kommen vielleicht ein tragendes Verbundenheitsgefühl mit anderen, eine stärkere religiöse Orientierung, ein stärkerer Veränderungswillen und die Erweiterung der Bewältigungsmöglichkeiten.

Behandlungsziele

Der Therapeut wird die Kontrolle über emotionale Reaktionen (wieder) zu stärken versuchen. Er wird die Integration des Erlebten in das Selbstkonzept betreiben, es geht darum, dem Patienten erneut zu Vertrauen zu verhelfen. Dazu ist eine vertrauensvolle therapeutische Beziehung nötig, es geht um Psychoedukation, um kontrolliertes Wiedererinnern der traumatischen Situation „mit dem Ziel, das Hier und Jetzt zu unterscheiden vom Dort und Damals“. Dazu müssen Bewertungen verändert, muss intensiv über Schuld- und Schamgefühle gesprochen werden. Schließlich geht es darum, Ressourcen zu aktivieren und das Selbstwertgefühl des Betroffenen wieder aufzubauen. Viele dieser Schritte sind ambulant möglich. In der Klinik in Bad Bramstedt, Teil der bundesweit arbeitenden Schön-Kliniken, gibt es neben Diagnostik, Anamnese und Einzeltherapie eine initiative Gruppe PTBS, eine problemorientierte Gruppentherapie, Entspannungs- und Kunsttherapie. Die Klinik wurde 1993 gegründet, sie hat heute knapp 400 Betten.

Wann ist eine Behandlung erfolgreich? Bernhard Osen: „Wenn die Erregbarkeit reduziert ist, wenn das Vermeidungsverhalten abgebaut werden kann, wenn sich die emotionale Situation des Betroffenen verbessert hat, wenn er sich wieder öffnen kann.“ Die Behandlung dauert durchschnittlich sechs bis acht Wochen, eine Wiederaufnahme ist jederzeit möglich.

Werner Loosen, Faassweg 8, 20249 Hamburg


Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 6/2007

S. 74