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110. Deutscher Ärztetag,
Münster
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Eröffnungsveranstaltung
des 110. Deutschen Ärztetages in Münster
Es ist der Tag 45 nach Inkrafttreten des GKV-Wettbewerbsstärkungsgesetzes: Ein regnerischer Vormittag in Münster, sodass nicht die Glocken läuten, eine große Halle, die bis auf den letzten Platz gefüllt ist und als Hauptpersonen die wichtigsten Akteure im deutschen Gesundheitswesen. Ich selber sitze mit einem eher indifferenten Gefühl weiter hinten im Saale. Denn trotz der mit einer selten da gewesenen einstimmigen Solidarität unter der Ärzteschaft durchgeführten Protestaktionen konnten die wesentlichen Teile der neuen Gesundheitsreform nicht verhindert werden, die zu mehr Fremdbestimmung führen wird und die an den Grundfesten der ärztlichen Berufsausübung und Profession rüttelt. Während die ärztliche Seite davon ausgeht, dass die ärgsten Befürchtungen (der Ärztinnen und Ärzte) mit der Gesundheitsreform übertroffen wurden, kommt die Gesundheitsministerin mit einem guten Gefühl nach Münster, Verschlechterungen sehe sie nicht, wie sie in einem Zeitungsinterview vor Eröffnung des Ärztetages mitteilte. Größer können Wahrnehmungsdifferenzen wohl kaum sein, deshalb war wohl für eine spannende Eröffnungsveranstaltung gesorgt.
In seiner Eröffnung begrüßte uns der Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe, Kollege Windhorst, mit launigen markanten Worten. Er ließ noch einmal den letzten Deutschen Ärztetag in Münster vor 25 Jahren Revue passieren, in dem seinerzeit auch schon über Kostendämpfung, überbordende Bürokratie und Probleme des Datenschutzes gesprochen wurde. Seitdem ist ein Viertel Jahrhundert vergangen, die Medizin hat sich sehr viel weiterentwickelt, die Rahmenbedingungen ärztlicher Berufsausübungen dabei deutlich verändert. Dennoch könnte vieles von damals auch heute noch in der Zeitung stehen, die Probleme sind irgendwie gleich geblieben und sind weiterhin ungelöst. Von Gesundheitsreform zu Gesundheitsreform konnten keine wesentlichen Konflikte des modernen Gesundheitswesens, wie die Einnahmeschwäche, die Auswirkungen des demographischen Wandels und des medizinischen Fortschritts, vernünftig angegangen werden. Fazit: In Westfalen nicht Neues.
Die nächste Grußansprache
hielt Karl-Josef Laumann, der Minister für Arbeit, Gesundheit und
Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen. Er begann westfälisch ruhig,
zeigte Verständnis für die Anliegen der Ärzteschaft und
unterstrich immer wieder, dass das deutsche Gesundheitswesen zu den besten
der Welt gehöre, was nicht auch zuletzt den Ärzten zu verdanken
sei. Er sprach an, dass fast jeder Deutsche, der ins Ausland fährt,
eine Reiserücktrittsversicherung abschließt, damit er bei gesundheitlichen
Problemen in seinem Heimatland behandelt werden kann. Munterer wurde er,
als er über den Staatsdirigismus auch im Gesundheitswesen sprach
und damit das Gesundheitsprogramm seiner Partei von dem der anderen großen
Regierungspartei abgrenzte. Wer Verantwortung trägt, ist zur
Leistung bereit. Wer durch Staatsdirigismus entmündigt wird, zieht
sich zurück, erklärte er unter dem Beifall der Delegierten.
Ein anderer ärztlicher Vorfahre hat dieses bereits vor vielen Jahrhunderten
zu Papier gebracht, denn Paracelsus beschrieb schon vor einem halben Jahrtausend
diese Weisheit mit folgenden Worten: Keines anderen Knecht sein, der sein
eigener Herr sein kann. Fazit: In Westfalen nichts Neues.
Dann kam die Rede
unserer Gesundheitsministerin. Auch sie begann eher westfälisch ruhig
und sprach zunächst über die wichtigen ärztlichen Aufgaben
in der Kinder- und Jugendmedizin, über Bewegungsmangel und ihr neues
Schwerpunktthema, der Adipositas. Es klang zunächst wie ein Beitrag
zur Unter-, Über- und Fehlversorgung, nur auf dem reinen ernährungstechnischen
Gebiet. Zur Gesundheitsreform zunächst kein Hinweis, diese ist ja
auch unter Dach und Fach und kaum mehr einer Anmerkung wert. Erst zum
Schluss geht sie nolens volens doch noch mal auf die Kritik der Ärzteschaft
an der Gesundheitsreform ein. Sie könne die ganze Aufregung nicht
verstehen, der Gesundheitsfonds sei doch etwas Gutes, eine neue EBM-Reform
stehe bevor, hier sei mit festen Eurobeträgen zu rechnen, allerdings
bei einem festen Mengengerüst. Ich bin zwar kein Abrechnungsstratege,
aber ob dies zu einer wesentlich besseren Vergütung im kassenärztlichen
Bereich führt, möchte ich irgendwie mit meinem gesunden Menschenverstand
bezweifeln. Aber vielleicht trägt dieses ja dazu bei, dass man wenigstens
vorher weiß, was man hinterher verdient. Also, irgendwie soll alles
besser werden, aber wie genau das aussieht, das ließ die Ministerin
wiederum offen, sodass auch hier das Fazit lautet: In Westfalen nichts
Neues.
Zum Schluss möchte
ich doch noch auf einige Punkte eingehen, die im Westfalenland doch neu
waren und die mehr als erwähnenswert sind: Dazu gehört die
gemeinsame Initiative der Bundesärztekammer, der Kassenärztlichen
Bundesvereinigung und des Bundesgesundheitsministeriums zur Erarbeitung
der Rolle der Ärzteschaft im Nationalsozialismus. Auf diesem Ärztetag
wurde zum ersten Mal der Forschungspreis dazu verliehen, der an fünf
junge, und nicht mehr ganz so junge Forscher in verschiedenen Kategorien
verteilt wurde. Dieses Projekt ist wichtig und es ist auch richtig, dass
dies im Zusammenschluss mit den genannten Organisationen erfolgt. Dabei
wurden einzelne ärztliche Schicksale in Zeiten des Nationalsozialismus,
aber auch die Rolle der Verbände in dieser Zeit beleuchtet. Leider
diente diese gemeinsame Aktion der Gesundheitsministerin als Forum, um
hier expressis verbis einen jetzt noch sehr aktiven Verband herauszustellen,
dessen Nachkriegsgeschichte nichts mit seiner Rolle im Nationalsozialismus
gemeinsam hat. Dennoch bleibt festzuhalten, dass Aufklärung, Aufdeckung
und Aufarbeitung dieser dunklen Zeit nach wie vor von enormer Wichtigkeit
ist und zur Vermeidung zukünftiger Fehlentwicklungen beitragen kann.
Neu war auch die Gestaltung des musikalischen Rahmenprogramms in Form eines Sechszylinders. Diese sechsköpfige a cappella Musikgruppe sang beschwingt Traditionelles und Modernes, Heiteres und Nachdenkliches. Es ist schon erstaunlich, was allein die Stimme erreichen kann, auch ganz ohne Instrumente. Vielleicht war dies auch ein Plädoyer für die sprechende Medizin und deren Wichtigkeit, die eventuell weitere Technik entbehrlich macht.
Und dann gab es doch
noch etwas Neues von unserer Ministerin, denn sie griff bei ihrer Eröffnungsrede
ganz unverblümt in eines der ureigensten Felder ärztlicher Selbstverwaltung
ein, nämlich der Weiterbildungsordnung, in dem sie Korrekturen in
ihrem Sinne forderte. Das sich die Ministerin in Kammerangelegenheiten
einmischt, ist mehr als unakzeptabel. Aber vielleicht ist die Kombination
von fachlicher Unkenntnis und politischer Ideologie dann doch nicht etwas
ganz Überraschendes. |
Schleswig-Holsteinisches
S. 47-50 |
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