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Kammer-Info aktuell

Bakterieller Wund- und Sepsiserreger in Meerestieren und salzhaltigem Badewasser
Vibrio vulnificus

Infektionen mit Vibrio vulnificus sind sporadisch und kommen weltweit vor. Die häufigsten Berichte kommen aus den USA (Ostküste), Japan und Taiwan. In Deutschland sind seit 1993 immer wieder Einzelfälle durch Infektionen nach Kontakt mit Ostseewasser bekannt geworden.

Erkrankungen durch Vibrio vulnificus sind zwar selten, zeichnen sich jedoch durch schwere septische Verläufe mit hoher Letalität aus (> 50 Prozent): Wundinfektionen mit tiefgreifenden Nekrosen und sekundärer Sepsis verlaufen häufig foudroyant, ebenso Erkrankungen mit „primärer Sepsis“ nach Verzehr roher oder unzureichend gegarter Meerestiere (Austern, Muscheln, Krebse). Gefährdet sind besonders ältere und immunsupprimierte Patienten mit Vorerkrankungen (z. B. Diabetes mellitus oder Leberleiden).

Wegen des raschen und schweren Krankheitsverlaufs ist es entscheidend, bei begründetem Verdacht unverzüglich mit einer geeigneten antibakteriellen Therapie (Cephalosporine der dritten Generation, Gyrasehemmer, Tetrazykline) zu beginnen, auch wenn die mikrobiologische Bestätigung noch aussteht. Zur Vermeidung von Lebensmittelinfektionen sollten Meerestiere nicht roh verzehrt und auf gutes Durchgaren geachtet werden.

Vibrio vulnificus, (v. l. n. r.) auf Blutagar, TCBS-Agar (grün) und auf mCP-Agar (gelb)
(Fotos: Institut f. medizinische Mikrobiologie u. Hygiene, Lübeck)

Vorkommen

Vibrio vulnificus hat weltweit ein natürliches Reservoir in salzhaltigem Meerwasser. Die Keimvermehrung erfolgt bevorzugt bei Wassertemperaturen über 20° C.

Erregernachweis


Vibrio vulnificus ist ein gramnegatives, halophiles („salzliebendes“), toxinbildendes Bakterium. Der Erregernachweis erfolgt aus Wundsekret, Blutkultur oder Stuhlproben. Bei verdächtigem Krankheitsbild sollte das beauftragte Labor über den Verdacht informiert werden, weil durch spezielle Kulturmedien die Aussagekraft der Untersuchung verbessert werden kann.

Übertragung


Im Bereich der Ostseeküsten kann der Erreger beim Baden oder Waten im seichten Wasser über oberflächliche oder tiefe Hautverletzungen in den Organismus gelangen und sich dort ausbreiten.
Ein weiterer Übertragungsweg besteht bei der Verarbeitung oder dem Verzehr von rohen oder unzureichend gegarten Meerestieren (Austern, Muscheln, Krebse), die mit Vibrio vulnificus kontaminiert sind.

Nach Angaben des Centers for Disease Control and Prevention (CDC), USA, kann bei prädisponierten Personen die sehr geringe Zahl von 100 Keimen für eine Erkrankung ausreichend sein.

59-jährige Patientin mit Vibrio vulnificus Infektion nach Baden in Ostseewasser. Grunderkrankung: Non-Hodgkin-Lymphom.

oben: Läsionen an Hand und Unterarm links

unten: Narbige Abheilung vier Monate nach Antibiotika-Therapie mit Cefotaxim plus Gentamicin

Krankheitsbild

Vibrio vulnificus kann bei gesunden Personen nach Verzehr kontaminierter Lebensmittel eine Gastroenteritis mit einer Inkubationszeit bis zu 16 Stunden verursachen. Es kann jedoch auch zu einer primären Sepsis mit Fieber, Schüttelfrost, zu Hautulzerationen mit Blasenbildung und tiefen Nekrosen sowie zu Multiorganversagen kommen. Diese Infektionsform wurde bisher im Ostseeraum nicht nachgewiesen.

Hier kann es nach Kontakt mit Meerwasser bei vorbestehenden Hautläsionen zu Wundinfektionen mit tiefen Nekrosen kommen. Daraus kann sich sekundär sehr rasch ein septisches Krankheitsbild mit metastatischer Besiedelung weiterer Körperteile, Fieber und Schüttelfrost entwickeln.

Die Letalität liegt bei septischem Verlauf bei über 50 Prozent. Bei betroffenen Extremitäten ist eine Amputation oft unvermeidlich.

Betroffen sind besonders Patienten mit chronischen Erkrankungen wie Lebererkrankungen, Diabetes mellitus, Alkoholabhängigkeit, Immunsuppression oder -schwäche sowie Personen in fortgeschrittenem Alter.

Eine systematische Erfassung der Infektionen ist nicht etabliert, sodass weltweit von einer Unterschätzung der Fallzahlen auszugehen ist.

Fazit

In Sommermonaten sollte bei verdächtigem Krankheitsbild an die Möglichkeit einer Infektion mit Vibrio vulnificus gedacht und gezielt nach dem Verzehr solcher Produkte bzw. bei Wundinfektionen nach dem Kontakt mit Meerwasser gefragt werden. Bei begründetem Verdacht sollte unverzüglich eine antibakterielle Therapie (Cephalosporine der dritten Generation, Gyrasehemmer, Tetrazykline) eingeleitet werden.

Risikopersonen sollten über mögliche Infektionsgefahren informiert werden (z. B. kein Baden oder Waten im Meer bei offenen Wunden).

Aktuelle Informationen über Infektionsrisiken in allen Ländern der Welt veröffentlicht das CRM - Centrum für Reisemedizin, Düsseldorf, im Internet unter www.crm.de und www.travelmed.de.

Bei weiteren Fragen zum Krankheitsverlauf bzw. zur Behandlungsmöglichkeit können Sie sich wenden an:Prof. Dr. Werner Solbach, Institut für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene/Medizinaluntersuchungsamt, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Lübeck
Ratzeburger Allee 160, 23538 Lübeck, Tel. 0451/500-2801, E-Mail Werner.Solbach@hygiene.uni-luebeck.de.

Ministerium für Soziales, Gesundheit, Familie, Jugend und Senioren des Landes Schleswig-Holstein, Adolf-Westphal-Str. 4, 24143 Kiel


Literatur:

Kuhnt-Lenz K, Krengel S, Fetscher S, Heer-Sonderhoff A, Solbach W.


Sepsis with bullous necrotizing skin lesions due to Vibrio vulnificus acquired through
recreational activities in the Baltic Sea. Eur J Clin Microbiol Infect Dis. 2004 23:49-52.


Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 6/2007

S. 38-40