|
Kammer-Info aktuell
|
|||||
| Die
Angststeuerung und die Kassenmedizin Martin Gattermann Man wollte wohl schon die Kinder durch Furcht zu folgsamen Staatsbürgern erziehen. Durch Furcht und Angst, und das war freilich ganz verkehrt! (Erich Kästner, Als ich ein kleiner Junge war, München, 8. Aufl. 2006, S. 83 f.)
Fachverbände preschen vor, Verbündete in den offensichtlich sterbenden Kassenärztlichen Vereinigungen oder den viel neueren Genossenschaften suchend oder verratend. Bisherige Sicherungslinien wie flächendeckender Widerstand gegen Bürokratiequatsch (i. e. die Disease-Management-Programme beispielsweise) kollabieren, die Nichtübersichtlichkeit für den Einzelnen ist jetzt schon perfekt und perfektioniert prozessual. Dabei habe ich noch keinen gefunden, der auf unserer Seite diese neue Entwicklung guthieße - sieht man von der Funktionärskaste einmal ab. Weder wirtschaftlich noch wissenschaftlich (in dieser Reihenfolge wird heutzutage gedacht) lassen sich stichhaltige Gründe für diese inflationäre Zerschlagung heutiger Kollektivvertraglichkeit finden. Wir sind die Beute einer missgünstigen und - dieses Eindrucks kann man sich immer weniger erwehren - offensichtlich neidmotivierten Regelungspolitik geworden. Wir reagieren gewissermaßen systemimmanent. Das hehre Versprechen unserer Bundeskanzlerin in ihrer Antrittsrede Lassen Sie uns mehr Freiheit wagen ist allenthalben, zutiefst aber in der so genannten Gesundheitspolitik, zur Farce geworden. Nein, nicht das Streben nach sinnvollen oder auch nur notwendigen Erneuerungen, auch nicht die Hoffnung auf eine materiell erträglichere Situation, scheinen die Motive vieler Kollegen(innen) zu sein, die sich zum Gang in diese schöne neue Welt aufmachen, sondern eine immer ausgeklügeltere Angststeuerung leitet uns. Es ist der Kampf der Schafsherde mit dem Wolf, den der Einzelne dadurch führt und gewinnt, dass er andere zum Opfer macht und selbst entwischt. Oh alte Ärzteherrlichkeit, wohin bist Du entschwunden! Wir haben uns den Schneid abkaufen lassen. Wir haben jegliche Initiative verloren, wir reagieren nur noch, und zwar so, wie es unsere politische Gegenseite sich ausgerechnet hat und wie dies unseren krankenkässlichen Partnern einseitig zugute kommt. Gibt es einen Ausstieg aus diesem Holzweg? Ich meine: ja. Es bedarf dazu allerdings zweier Tugenden, deren wir uns wieder befleißigen müssten: Solidarität und Zivilcourage. (Nebenbei sei angemerkt, dass es für die Solidarität in unserer Sprache schwache Übersetzungen wie Gemeinsamkeit gibt, während die Zivilcourage zumindest rein begrifflich uns Deutschen fremd geblieben ist!). Wenn wir also begriffen, dass unser Auseinanderdriften nicht zwangsläufig, sondern menschengegeben und von unseren Politikern sehr geschickt ausgelöst und explizit gewollt wurde, und wenn wir einsähen, dass die Krankenkassen ihrerseits ja auch im Konkurrenzkampf stehen, dann dürften wir nicht einfach nur opferhaft mit ansehen, wie Einzelne aus unseren Reihen als Vertragsärzte einzelner Krankenkassen scheinbar privilegiert werden und die Nichterwählten dem Untergang geweiht sind. Nein, Solidarität und Zivilcourage, das heißt die Einsicht in unsere eigene Macht, müsste uns den Spieß umkehren lassen: In einem starken formalen Bündnis (seine innere Adhäsion und eigentliche Legitimität schöpft, wie gesagt, aus unserer Einigkeit!) könnten und müssten wir unserseits vielleicht sogar nur eine Krankenkasse auswählen und zum Exklusivvertragspartner machen, wenn sie unsere Vorstellungen und Einsichten partnerschaftlich respektiert und umsetzt. Wenn schon die flächendeckende Kollektivvertraglichkeit im Finalstadium liegt, sollten wir dies als Chance - beispielsweise über unsere Ärztegenossenschaft - verstehen und nutzen. Wir haben doch noch weniger als jemals zuvor zu verlieren. Wir können doch nur noch gewinnen - aber nicht gegeneinander, in unsinnigen Rankings und Pseudoqualifikationen zerstritten und von Dritten aufgehetzt. Wir müssen sicherlich alle umdenken, aber wir sollten es in unserer Weise tun und nicht so, wie es die Gegenseite spekuliert und kalkuliert. Man hat uns in den letzten Jahren fortwährend gedemütigt und neudeutsch depontenziert, aber man hat uns - hoffentlich - noch nicht das Rückgrat gebrochen oder unsere Seele getötet. Widerstand im angesprochenen Sinn tut Not, um unserer, unserer Familien und, nicht zuletzt, unserer Patienten willen! Dr. Martin Gattermann, Pestalozzistr. 16, 25826 St. Peter-Ording, stellv. Vorsitzender UnderDOCs e. V. |
Schleswig-Holsteinisches
S. 35 |
||||