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Gnadenlose
Abrechnung
Schlechte Zukunftsaussichten für unsere Enkel
Medizinsoziologe Jost Bauch von der Universität Konstanz ging in
der Kieler Hermann Ehlers Akademie der Frage nach, in welcher Gesellschaft
unsere Enkel leben werden. Seine Analyse geriet zur gnadenlosen Abrechnung
mit der nach dem Krieg geborenen Generation.
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Prof. Dr. soc.
Jost Bauch
(Foto: di) |
Ich
weiß keine Lösung, außer dass wir künftig den Gürtel
enger schnallen müssen, sagte Bauch am 22. Mai in Kiel. Einen
Königsweg zur Lösung von Problemen wie Überalterung, Überschuldung
und überforderte Sozialsysteme gibt es nach seiner Ansicht nicht.
Bauch hält einen Strauß von Maßnahmen für notwendig.
Angefangen bei einer neuen Familienpolitik, um den Menschen das Leben
mit Kindern wieder zu erleichtern, über eine Tarifpolitik, die eine
internationale Wettbewerbsfähigkeit ermöglicht, bis zur Gesundheitspolitik,
die nach seiner Meinung den Vorschlägen des Kieler Gesundheitsökonomen
Prof. Fritz Beske folgen und dringend die Diskussion um eine noch solidarisch
finanzierbare Grundversorgung führen sollte.
Zuvor hatte Bauch mit zahlreichen Statistiken deutlich gemacht, wie groß
die Probleme in Deutschland wirklich sind. Beispiele:
Im Jahr 1970 zahlten 22 Millionen Erwerbstätige in Deutschland noch
11,4 Milliarden Euro für acht Millionen Rentner. Im Jahr 2005 zahlten
26,5 Millionen Erwerbstätige schon 140 Milliarden Euro für 20
Millionen Rentner - Tendenz steigend. Oder: 6 750 Euro gibt Deutschland
jedes Jahr pro Kopf für die soziale Sicherung aus. Solche Zahlen
hat nach Ansicht Bauchs in erster Linie seine eigene Generation, die Jahrgänge
der zwischen 1940 und 1970 Geborenen, zu verantworten. Wir, die
68er Generation, haben alles an Wohlstand verzehrt, was da war. Unsere
Generation hinterlässt ein zerrüttetes Land, sagte Bauch.
Faul, rücksichtslos, hedonistisch und egoistisch sei diese Generation
im Mittel, für ihn steht fest: Man war zu faul, für den
gewünschten Wohlstand lange genug zu arbeiten. Bauch rechnet
schon bald mit Generationenkonflikten, weil Renten trotz staatlicher Zusagen
unweigerlich gekürzt werden müssten. Er hält auch Spannungen,
die unsere Demokratie gefährden könnten, für möglich.
Im Mittelpunkt der Probleme steht für ihn die unzureichende Kinderzahl
in Deutschland. Im internationalen Vergleich liegt Deutschland mit 1,35
Kindern je Frau weit abgeschlagen. Und diesen Wert schafft Deutschland
nur, weil Frauen mit Migrationshintergrund deutlich mehr Kinder haben
(1,9). Also eine Erhöhung der Zuwanderung als Lösung für
die deutschen Probleme? Nein, meint Bauch. Schon jetzt kämen jährlich
gut 200 000 Zuwanderer nach Deutschland. Um den Geburtenrückgang
der Deutschen aufzuhalten, wäre eine Zuwanderungswelle von einem
solchen Ausmaß notwendig, das zu viele gesellschaftliche Veränderungen
nach sich ziehen würde. Also wird die deutsche Bevölkerung nicht
nur überaltern, sondern schrumpfen. Und eine sinkende Bevölkerungszahl
wird aus mehreren Gründen zu einem sinkenden Wohlstand führen,
etwa weil die Lohnnebenkosten und die Staatsschulden auf mehr Schultern
verteilt werden müssen, weil die Binnennachfrage sinkt, weil die
Arbeitszeit steigt und damit die Arbeitsmotivation sinkt oder weil die
Mittel für Innovationen und Wissenschaft schrumpfen. Auch die Leistungen
im Gesundheitswesen werden nach seiner Ansicht nicht zu halten sein. Für
Bauch steht fest, dass man über Leistungsbereiche, die ganz aus der
solidarischen Finanzierung heraus müssen, nachdenken sollte. Sonst
werde es in Deutschland zu stärkerer Rationierung kommen. Die meisten
Zuhörer in der Hermann Ehlers Akademie stimmten zumindest in der
Tendenz Bauchs Prognosen zu. Dennoch blieben manche optimistisch. Ein
pensionierter Lehrer fasste die Stimmung der Zuversichtlichen zusammen:
Wir werden es schaffen, weil wir es schaffen müssen.
(di)
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Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 6/2007
S. 34
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