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Modellversuch in Mecklenburg-Vorpommern
Telegesundheitsschwestern unterwegs

Werden Ärzte in den neuen Bundesländern bald von einer Gemeindeschwester, die Patienten regelmäßig zu Hause betreut, entlastet? Erste Modellversuche hierzu laufen bereits, unter anderem ist auf Rügen eine so genannte Telegesundheitsschwester unterwegs. Der Präsident der Ärztekammer Mecklenburg-Vorpommern, Dr. Andreas Crusius, meldet allerdings Bedenken an. Er hält eine kritische Begleitung der von der Universität Greifswald initiierten Modellprojekte für notwendig.

Für den Rostocker Klinikinternisten müssen vor einer flächendeckenden Einführung von Gemeindeschwestern noch zahlreiche Fragen geklärt werden. Besonders der Tätigkeitsumfang, die Anbindung an den Arzt und die Honorarfrage sieht er als Knackpunkte. „Kein Arzt im Osten kann die Schwester bei stagnierenden Honoraren bezahlen“, gibt Crusius zu bedenken. Nach seiner Ansicht wären die für die Modellprojekte verwandten Mittel besser für die Förderung der Weiterbildung für Allgemeinmediziner angelegt gewesen. Bislang ist nicht klar, aus welchem Topf Gemeindeschwestern in einer Regelversorgung bezahlt werden sollen. Ärztevertreter befürchten, dass die Politik ihnen Mittel mit dem Argument, bei weniger Ärzten werden Mittel für Gemeindeschwestern frei, streitig machen könnten.

Dr. Andreas Crusius (Foto: di)
Vergleichbare Projekte wie die Telegesundheitsschwester auf Rügen werden derzeit in mehreren Bundesländern im Osten Deutschlands erprobt. Die Schwestern messen dabei Blutdruck, Blutzucker, den Puls, nehmen Blut ab oder nehmen Schutzimpfungen vor. Zu den Tätigkeiten zählen standardisierte Tests, Medikamentenanamnese oder Sturzprävention. Beim Projekt der Telegesundheitsschwester sind nach Angaben des Greifswalder Instituts für Community Medicine bis Ende März 56 Patienten im Alter zwischen 55 und 92 Jahren auf Rügen betreut worden. Im brandenburgischen Lübbenau wurden durch Gemeindeschwestern 141 Patienten zwischen 55 und 98 Jahren sowie 61 Akutpatienten betreut. Die 141 Patienten leiden in den meisten Fällen an Hypertonie, an Herzkrankheiten sowie an Diabetes. Insgesamt wurden dort 687 Hausbesuche absolviert. Eine Kontaktaufnahme mit dem behandelnden Hausarzt war in 20 Fällen nötig. Eine in Lübbenau erfolgte Befragung von vier beteiligten Ärzten sowie von 60 Patienten erbrachte überwiegend positive Ergebnisse. Die Ärzte sind der Auffassung, dass die Mehrzahl der Patienten von der Betreuung durch die Gemeindeschwester profitiert. Die Patienten gaben an, die Erklärungen der Schwester leicht verstehen zu können und bescheinigten ihr, ausreichend Zeit zu haben und auf ihre Wünsche eingegangen zu sein. Viele von ihnen können sich ein ähnlich gutes Vertrauensverhältnis zur Schwester wie zum Hausarzt und weitere Routinebesuche durch die Schwester vorstellen.

Cruisus bleibt dennoch kritisch. Neben der offenen Frage der künftigen Finanzierung solcher Angebote sieht Crusius eine große Gefahr für Patienten, wenn die Schwester arztunabhängig arbeitet - trotz telemedizinischer Unterstützung. „Eine Schwester weiß nicht so genau wie ein Arzt, was sie bei einem Patienten fühlt und sie kann es dem Arzt auch nicht so genau schildern“, warnt Crusius. Ähnlich kritisch hatte sich zuvor auch schon der Vorstand der Kassenärztlichen Vereinigung in Mecklenburg-Vorpommern zum Modellversuch geäußert. In Bausch und Bogen ablehnen will Crusius das Modell zwar nicht, warnt aber davor, die Gemeindeschwester in Zeiten des Ärztemangels als Ersatz für den Arzt zu betrachten. Genau dies, so befürchtet Crusius, könnte die Politik aber bezwecken - mit entsprechend negativen Folgen für die Patientenversorgung. (di)


Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 5/2007

S. 75