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Medizin und Wissenschaft

Beratung vor Eintritt einer Schwangerschaft
Karl-Peter Giese

Die Beratung junger Frauen im geschlechtsreifen Alter schließt eine mögliche geplante oder zufällige Schwangerschaft ein. Defizite in diesem Bereich beeinträchtigen die Zufriedenheit der Patientinnen und können zu Schwangerschaftskonflikten führen.

Im Zentrum der Beratung stehen die Nahrungsergänzung, der Impfstatus und die Kenntnisse der abgelaufenen Infektionen mit Erregern, die bereits im Frühstadium zu schweren Embryonalschäden führen können. Die Gewichtsregulation und der Trainingszustand wirken sich positiv auf den Verlauf der Schwangerschaft und die Geburt aus, nicht nur hinsichtlich der Schmerzbewältigung, sondern auch hinsichtlich der körperlichen Leistungsfähigkeit.

Dr. Karl-Peter Giese (Foto: Privat)

In einem Bericht des Bundesinstituts für Risikobewertung vom 18. Januar 20071 wird vor einer Unterversorgung der Bevölkerung mit Folsäure gewarnt. Dies betrifft ganz entscheidend die Frauen, die schwanger werden möchten. Eine Folsäureunterversorgung während der Schwangerschaft ist vermehrt mit Neuralrohrdefekten (NRD) bei den Neugeborenen verbunden. Jedes Jahr werden in Deutschland etwa 800 Kinder mit einem NRD geboren, zusätzlich werden 400 Schwangerschaften abgebrochen, nachdem dieser Defekt diagnostiziert wurde. Die Ergänzung der Folsäure bei Kinderwunsch sollte spätestens vier Wochen vor dem Schwangerschaftseintritt beginnen.

„Frauen, die schwanger werden wollen oder könnten, wird (...) geraten, ihre Nahrung zur Vorbeugung von Neuralrohrdefekten mit 400µg Folsäure pro Tag über Supplement zu ergänzen.“
Eine Anreicherung bestimmter Grundnahrungsmittel, wie Mehl, würde eine gezielte Versorgung breiter Bevölkerungsschichten ermöglichen, riskiert aber gleichzeitig eine Überversorgung einzelner Bevölkerungsgruppen mit möglichen negativen Wirkungen. Eine Höchstmenge für die Verwendung von Folsäure in Lebensmitteln wurde noch nicht festgesetzt.

In der Sterilitässprechstunde hat die Nahrungsergänzung ihren festen Platz.

Gleichzeitig sollte vor der Schwangerschaft der Impfstatus überprüft werden und folgende Impfungen entsprechend wiederholt werden (zehn Jahre nach letzter Auffrischung, siehe Impfpass): Röteln, Masern, Windpocken, Keuchhusten, Tetanus. Für mindestens drei Monate muss eine sichere Kontrazeption weitergeführt werden, um die Zeit der Virämie nach Lebendimpfungen zu überbrücken.
Vor der Schwangerschaft ist der Infektionsstatus für Cytomegalie, Hepatitis B, Toxoplasmose und Ringelröteln vorsorglich zu erheben. Um frische Infektionen mit diesen Erregern in der jeweilig sensiblen Phase erfassen zu können.

Impfungen in der Schwangerschaft

Unbedenklich: Diphtherie, FSME (passiv), Hepatitis A (passiv), Tetanus

Kontraindiziert: Masern, Gelbfieber, Mumps, Röteln, Windpocken

Risiko abwägen: Cholera, FSMG (aktiv), Grippe, Hepatitis A (aktiv), Hepatitis B,
Japan. Encephalitis, Kinderlähmung, Meningokokken, Pneumokokken,
Tollwut, Typhus

Infektionen mit Listerien können durch Verzicht auf nicht pasteurisierte Milchprodukte und rohe oder geräucherte Fleisch- und Fischprodukte vermieden werden.

Reisen in tropische Länder sind besonders wegen der Impfungen und prophylaktischen Medikamentengaben oder den eventuell erforderlichen Therapien sehr gründlich zu planen. Lebendimpfungen dürfen während der Schwangerschaft nicht durchführt werden.

Heute kennt jeder seinen aktuellen Bodymassindex2 und kann sein Gesundheitsrisiko abschätzen. Erfahrungsgemäß besteht eine große Motivation, vor Eintritt der Schwangerschaft optimale Bedingungen für Mutter und Kind zu schaffen. Einige Pfunde zuviel lassen sich durch konsequente Lebensstiländerungen, kalorienbewusste Ernährung und körperliche Aktivität leicht beseitigen. Eine verbesserte Zeiteinteilung, genügend ausgleichender Schlaf und ein Verzicht auf alkoholische Getränke und Nikotin begünstigen eine problemlose Schwangerschaft. Es besteht eine große Bereitschaft bereits in der Vorbereitung auf die Schwangerschaft, vom Nikotin Abstand zu nehmen. Raucherentwöhnung in der ärztlichen Praxis3 führt über verschiedene Stufenmodelle einen erfolgreichen Nikotinentzug durch.

Die Zehn Regeln der Deutschen Gesellschaft für Ernährung

1. Vielseitig essen
2. Getreideprodukte - mehrmals am Tag und Kartoffeln
3. Gemüse und Obst -- Nimm "5" am Tag
4. Täglich Milch und Milchprodukte, einmal in der Woche Fisch; Fleisch, Wurstwaren und Eier in Maßen
5. Wenig Fett und fettreiche Lebensmittel
6. Zucker und Salz in Maßen
7. Reichlich Flüssigkeit
8. Schmackhaft und schonend zubereiten
9. Nehmen Sie sich Zeit, genießen Sie Ihr Essen
10. Achten Sie auf Ihr Gewicht und bleiben Sie in Bewegung

Die ideale Ernährungspyramide von der Basis zur Spitze mit dem großen Anteil an Kohlenhydraten als Energielieferanten, mit der reichlichen Versorgung mit Vitaminen und Ballaststoffen durch Obst und Gemüse, mit einer entsprechenden Portion Eiweiß (60-80g/d), mit wenig Fett und Öl und ganz selten mit Süßigkeiten reflektiert die Bedeutung der Nahrungsbestandteile für die Gesundheit.

Die Bedeutung der Ernährung während der Schwangerschaft für die Prägung des Kindes ist vielfältig; so wird der Diabetes mellitus bereits im Mutterleib vorprogrammiert5: Die Insulinresistenz, ein Risikofaktor für Herzmuskelschwäche und Bluthochdruck, tritt bereits bei Neugeborenen auf und ist nicht unbedingt im weiteren Lebenslauf erworben.

Bei Unterversorgung versucht der Organismus eine maximale Verwertung zu erreichen. Dieser Prozess ist irreversibel und belastet den Organismus lebenslang, als negative Folgen kann bei späterer normaler Ernährung Übergewicht entstehen. Es gibt nur kurze Phasen der intrauterinen Entwicklung für die Prägung des Stoffwechsels. Dabei sind sowohl das Unter- wie auch das Übergewicht für die kindliche Entwicklung ausschlaggebend.

Aktivität und sportliche Betätigung sind weiterhin die lebensnotwendige Grundvoraussetzung für das Wohlbefinden, solange es sich nicht um extreme Belastungen handelt und eine verschärfte Gewichtskontrolle zur vorübergehenden Unfruchtbarkeit beiträgt.

Auch geplante Reisen mit längerem Aufenthalt über 2 500 m sind für nicht adaptierte Europäerinnen mit Kinderwunsch genauso wenig anzuraten wie Tauchen in größeren Tiefen.

Auch die körperliche Aktivität hat ihren besonderen Tagesrhythmus: Moderates Ausdauertraining am Morgen verlängert die nächtliche Fettverbrennungsphase, alles im aeroben Bereich, Muskelaufbautraining am frühen Abend setzt einen Nachbrenneffekt für die ganze Nacht in Gang.
Die Betreuung schwangerer Frauen zählt zu den schönsten ärztlichen Aufgaben. Sie erfordert zu gleichen Teilen Kompetenz und Einfühlungsvermögen und kann nur unter Berücksichtigung der Lebenssituation der werdenden Mutter erfolgreich sein. Um Beratungsdefizite zu vermeiden, sollte von den behandelnden Ärzten bei jeder jungen Frau eine mögliche Schwangerschaft in die Therapie integriert werden.


Dr. Karl-Peter Giese, Schillerstr. 12, 24116 Kiel

Literatur

  1. http://www.bfr.bund.de
  2. http://www.odenwald-portal.de/themen/bmi.hph
  3. Kolenda, K.-D. Rauchen oder Gesundheit, Editio Zenk, Forchheim,2006
  4. Elmadfa, I. Ernährungslehre, Verlag Eugen Ulmer, 2004, p. 231
  5. Pfab, T. et al. Circulation, 2006, 114 (16) 1687 - 1692


Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 4/2007

S. 70-72