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Genetische Anlage
oder Folge von Umwelteinflüssen?
Das natürliche Altern und der natürliche
Tod
Manfred Oehmichen, Christoph Meißner
Das Altern aus rechtsmedizinischer Sicht
Wenn ein Rechtsmediziner über Altern nachzudenken beginnt
(Oehmichen et al. 2002), erwartet man vor allem Aussagen über die
Häufigkeit alternder Menschen als Täter oder Opfer. Er könnte
sozial-, psycho- und pathogenetische Überlegungen anstellen, die
den alternden Menschen zum Täter oder Opfer werden lassen. Der Rechtsmediziner
könnte auch über Detailfragen referieren: die Suizidhäufigkeit,
die Verkehrstüchtigkeit des alten Menschen, die Frage der aktiven
Euthanasie usw. Wir haben einen anderen Zugang an das Problem gewählt,
der aus rechtsmedizinischer - und pathologischer - Sicht ebenso gerechtfertigt
ist.
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| Abb. 1: Die Sterberate
verdoppelt sich nach dem 30. Lebensjahr alle acht Jahre (Gompertz
1825) |
Der Aspekt des Alterns
aus der Sicht des Todes. Dieser Aspekt ist zweifelsfrei durch eine der
möglichen Definitionen des Alterns gerechtfertigt: Der Alterungsprozess
führt über einen zeitabhängigen Prozess zu einem irreversiblen
Funktionsverlust des Organsystems und damit - unweigerlich - zum Tod.
Damit aber stellt sich die Frage, ob der Tod, d. h. besonders der Zeitpunkt
des Todes, genetisch angelegt ist oder durch äußere Einflüsse
bestimmt wird oder gar dem Zufallsprinzip unterliegt. Aus spezifisch-rechtsmedizinischer
Sicht ist die Frage auch so zu formulieren: Gibt es einen natürlichen,
altersbedingten Tod, oder ist der Tod nicht vielmehr abhängig von
äußeren Einflüssen und muss daher durchgehend als nicht-natürlicher
Tod definiert werden, d. h. dass er ein eigentlich vermeidbarer
Tod ist (s. a. Oehmichen und Meissner 2000)?
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| Abb.
2: Todesursachen in Abhängigkeit vom Lebensalter, bezogen auf
die USA im Jahre 1955 (Harrison) |
Im Hintergrund stehen
gravierende Fragen, die für uns alle, als älter werdende Menschen,
von immenser Bedeutung sind:
- Ist das Altern
irreversibel?
- Lässt sich
der Alterungsprozess verzögern bzw. der Tod hinausschieben?
- Gibt es ein ewiges
Leben (s. a. Ritzert 1999)?
- Kann der Tod vorausgesagt
werden? - oder auch: Wie werde ich 100 Jahre alt?
Aus statistisch-epidemiologischen
Erwägungen lässt sich folgende Grundlage für die nachfolgenden
Überlegungen erkennen:
Das Risiko des Todes bzw. die Sterberate (Abb. 1) verdoppelt sich nach
dem 30. Lebensjahr alle acht Jahre (Gompertz 1825, Wickens 1998). Als
Todesursache ergeben sich - in Abhängigkeit vom Alter - unterschiedliche
Krankheitsprozesse, die entsprechend ihrer Häufigkeit aufgeführt
wurden (Harrison 1982 - Abb. 2).
Der nichtnatürliche
Tod
Was aber ist ein Krankheitsprozess? Ist er endogen oder ist er exogen?
Ist er vermeidbar oder behandelbar?
Sieht man sich in der aktuellen medizinischen Umwelt um, bekommt man den
Eindruck, nahezu jeder Krankheitsprozess ist vermeidbar bzw. er ist mindestens
umkehrbar. Das bedeutet aber aus rechtsmedizinischer Sicht: Wenn es so
wäre und ein solcher Prozess zum Tode führen sollte, handelt
es sich um einen nichtnatürlichen Tod - weil er eben vermeidbar oder
behandelbar wäre und weil er auch vorhersehbar ist. Ein solcher Tod
aber dominiert, wenn man sich schlaglichtartig Krankheitsprozesse vor
Augen führt:
- Die Frage der
Natürlichkeit stellt sich bereits bei Aufzucht von Kindern mit
500 g Geburtsgewicht oder weniger. Stirbt ein solches Kind, das im Inkubator
aufgezogen wird: Ist das ein vermeidbarer Tod?
- Werden Kinder
mit Immundefekt aufgezogen und in Isolation gehalten. Stirbt ein solches
Kind an einer Infektion: Ist das ein vermeidbarer Tod?
- Gefäße-,
Herz- und Kreislauferkrankungen sind bedingt durch Stress, Nikotin,
Alkohol - d. h. äußere Einflüsse - sowie durch innere
Einflüsse wie Diabetes mellitus und Hypertonie, die jedoch ihrerseits
behandelbare Krankheiten darstellen. Wenn statistisch festgestellt wird,
dass Busfahrer in Stockholm früher und häufiger einen Herzinfarkt
erleiden als nicht berufstätige Autofahrer, dann muss man davon
ausgehen, dass äußere Einflüsse den tödlichen Geschehensablauf
beeinflussen (Wikström 1991).
- Bekannt sind die
Folgeveränderungen beim Rauchen, wozu u. a. das Emphysem, das Bronchialkarzinom
sowie die periphere Durchblutungsstörung gehören, - Krankheiten,
die alle in der Lage sind, zum Tod zu führen.
- Bekannt sind ferner
die Folgeveränderungen von radioaktiver Strahlung. Hierzu kann
es
u. a. zur Entwicklung von Lymphomen und Leukosen kommen.
- Diskutiert und
bekannt sind schließlich die Folgen des Ozonlochs: Durchgehende
UV-Strahlung führt gehäuft zu Melanomen, die todesursächlich
sein können.
- Nahezu zur Routine
geworden sind inzwischen Herztransplantationen, wenn die spontane Funktion
eines Herzens nicht mehr aufrechterhalten werden kann. Identisch könnte
auch die Implantation eines künstlichen Herzens in Zukunft möglich
sein. Der Herztod ist vermeidbar, - wäre er dann noch natürlich?
- Diskutiert wird
in den letzten Jahren ständig die Frage der Intensivmedizin und
die künstliche Lebenserhaltung (Oehmichen 1995, 1996). Wird die
Beatmung bei monatelangem irreversiblen Koma beendet: Ist das ein natürlicher
Tod?
- In Amerika gibt
es das Angebot, durch einen Einfrierungsvorgang der Hoffnung Rechnung
zu tragen, zu einem späteren Zeitpunkt lebendig wieder aufgetaut
zu werden, wenn die Krankheiten heilbar sein sollten, die zurzeit noch
zum Tode führen. Ist die Person dann bereits tot - oder lebt sie
noch? Und wenn sie nicht mehr lebt, handelt es sich um einen natürlichen
Tod?
- Bekannt ist das
Phänomen, dass Frauen länger leben als Männer. Für
dieses Phänomen wurden vor allem andersgeartete Lebensweisen als
Begründung diskutiert, die den Mann früher sterben lassen
(Klotz et al. 1998). Ist es dann ein natürlicher Tod?
- Vergleicht man
die mittlere Lebenserwartung in unterschiedlich entwickelten Ländern,
erkennt man, dass sich erhebliche Unterschiede entwickeln, die offensichtlich
von außen verursacht wurden. Offenbar ist das Überlebensintervall
abhängig von der kulturellen Entwicklung, wie auch von der medizinischen
Versorgung. Man muss davon ausgehen, dass in den weniger entwickelten
Ländern der vermeidbare Tod deutlich häufiger eintritt als
in den entwickelten westlichen Ländern (Klotz et al. 1998).
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| Abb. 3: Brueghel
(1561-1562) Triumph des Todes, Ausschnitt |
Sieht man Bilder zum
Tod aus dem Mittelalter, so findet man ein deutliches Überwiegen
des nicht-natürlichen Todes - wie hier bei Brueghel Triumph
des Todes - vielleicht aber: weil es ihn zu selten gab. Hatten unsere
Vorfahren eine Ahnung dessen, was wir heute neu zu entdecken vermeinen?
Der natürliche Tod
Theoretisch besteht die Möglichkeit, dass in einigen Jahren alle
äußeren Einflüsse - und damit alle Krankheiten - vermieden
oder zu behandeln sein werden. Was würde passieren, wenn keine Krankheiten
mehr existieren, die zum Tode führen? Gibt es einen Alterungsprozess,
der zum Tode führt, bzw. kann Alter eine Todesursache
darstellen? Das Phänomen der Änderung der Überlebensrate
ist einerseits bei Darstellung der mittleren Lebenserwartung (Abb. 4)
und andererseits bei Vergleich der Jahre 1910 und 1970 in den USA (Abb.
5) unschwer erkennbar (Fries and Crapo 1981). Wieweit die Lebenserwartung
von den Umweltbedingungen gleichzeitig abhängt, ist u. a. in der
Tabelle 1 verdeutlicht.
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| Abb. 4: Mittlere
Lebenserwartung für Männer und Frauen seit 1875 |
Einige berühmte
deutsche Pathologen, letztmals Doerr (1989), sowie auch Amerikaner (u.
a. Fries 1984) stellten fest, dass es den reinen Tod durch
Verbrauch (Alterung) der Organe gibt: Solche Menschen sterben
gar nicht, sie hören nur auf zu leben. Doerr beruft sich
u. a. auf Rössle (1917), der vom reinen Alterstod als
dem einzig natürlichen Tod spricht. Auch Husemann (1977) spricht
von einem natürlichen oder physiologischen Alterstod,
wenn eine Altersatrophie des Herzens und des Gehirns vorliegt. Der Tod
wird von ihm als innere Notwendigkeit angesehen, und er wird
dem pathologischen Tod gegenübergestellt, der durch Krankheit
oder äußere Lebensumstände herbeigeführt wird. Strasser
(1977) geht davon aus, dass Lebewesen ein bestimmtes Alter erreichen,
in dem das Wachstum aufhört, womit das Altern und Absterben der Zellen
beginnt, das über kurz oder lang zum Tode des Individuums führen
müsse.
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| Abb. 5: Überlebensrate
in den Jahren 1910 und 1970 in Abhängigkeit vom Lebensalter -
in den Vereinigten Staaten (Fries und -Crapo 1981) |
Linzbach (1977) stellt
diesen natürlichen Alters-Tod zwar nicht in Frage, möchte aber
festhalten, dass er extrem selten zu beobachten ist. Ebenso
konnte Kohn (1982) nur in 30 Prozent der Obduktionen von Menschen, die
älter als 85 Jahre waren, keine Todesursache feststellen. In den
30 Prozent aber lässt sich nicht ausschließen, dass eine Störung
der Homöostase zu einem funktionellen Versagen geführt hat -
und nicht etwa ein primärer Zusammenbruch der körperlichen Ressourcen.
Diese Betrachtungen können auch wir bestätigen: Analysiert man
den körperlichen Zustand auch des alten Menschen im Rahmen von Obduktionen
im Detail, lässt sich eine bestimmte Todesursache in den meisten
Fällen feststellen und einem Organ zuordnen, d. h. ein reiner, altersbedingter
Tod stellt allenfalls eine seltene Ausschlussdiagnose dar.
Damit bleibt die Frage, ob es heute tatsächlich Anhaltspunkte dafür
gibt, die die Hypothese eines physiologischen natürlichen
Todes stützen. Bezieht man sich diesbezüglich auf die Statistiker
und Epidemiologen, die u. a. durch Extrapolieren Schlussfolgerungen zum
maximalen Alter des Menschen erlauben, dann kommen folgende Gesichtspunkte
zum Tragen: Olshansky und Mitarbeiter (1990) haben anhand theoretischer
Überlegungen für die USA berechnet (s. a. Fries 1984), dass
eine weitere Erhöhung der durchschnittlichen Lebenserwartung bei
Geburt auf mehr als 85 Jahre sehr unwahrscheinlich ist (s. Klotz et al.
1989). Durch eine Extrapolation lässt sich die Halbwertzeit der Abnahme
von Nerven- und Gliazellen im Gehirn berechnen (Treff 1975), woraus sich
ein maximales Alter des Gehirns von 180 bis 200 Jahren berechnen lässt.
Ähnliche Überlegungen lassen sich auf verschiedenen Ebenen spielerisch
durchziehen und stützen offenbar die Hypothese eines Alterstodes.
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| Tab. 1: Mittlere
Lebenserwartung von Männern und Frauen in unterschiedlichen Ländern
(Dtsch Ärztebl 96, 1998) |
Auf ähnliche Schlussfolgerungen kommt die Frage nach dem maximalen
Alter: Schon die Ägypter beschrieben ein maximales Alter von 110
Jahren. Sophokles wurde über 85 Jahre alt, Markus Seneca 93 Jahre.
Offenbar hat sich die maximale Überlebenszeit über Jahrtausende
nicht wesentlich geändert. Allerdings wurde anlässlich des letzten
Symposiums am Deutschen Zentrum für Altersforschung der Universität
Heidelberg festgestellt, dass auch die Lebensspanne größer
zu werden scheint und nicht bei 105 bzw. 110 Jahren endet; eine Französin
starb im 122. Lebensjahr (Dtsch Ärztebl 96, A 2176, 1999). Deutlich
hat sich in den letzten Jahren die Zahl der Längerlebenden geändert:
Die Zahl der Personen mit mehr als 100 Lebensjahren verdoppelt sich alle
zehn Jahre - 1981 wurden 2 280 Menschen gezählt, 1991 bereits 4 390
(Dtsch Ärztebl 96, A 2176, 1999).
1. Das Organsystem als Einflussfaktor
An dieser Stelle soll nur auf das Hormonsystem eingegangen werden und
dabei u. a. das Zentralnervensystem sowie das Immunsystem nicht berücksichtigt
werden. Wesentlich sind folgende Organe mit hormonellen Einflüssen:
die Schilddrüse, die Nebenniere und die Epiphyse.
Die Schilddrüse und Nebenniere beeinflussen das Altern ganz wesentlich
über die Aktivierung des Zellstoffwechsels und nehmen daher Einfluss
auf die Proliferationsaktivität bzw. die anfallenden freien Radikale
und die daraus resultierenden Schädigungen der mitochondrialen DNA
u. a. Überfunktion und/oder Unterfunktion führen zu einer Voralterung,
wie sie besonders bei Schilddrüsenunterfunktionen bekannt ist.
Die Epiphyse produziert Melatonin, das nahezu ausschließlich bei
Nacht sezerniert wird. In Amerika wird diesem Hormon bereits nachgesagt,
es habe eine lebensverlängernde Wirkung (Pierpaoli und Regelson 1994,
1995). Diese konnte auch im Tierversuch nachgewiesen werden (20 Prozent
Zunahme der Lebensspanne), was übertragen auf den Menschen bedeutet:
25 längere Lebensjahre. Bisher fehlen jedoch jegliche klinische Studien.
Schließlich muss auch auf die Geschlechtshormone (Östrogen
vs. Testosteron) hingewiesen werden. Unklar ist die offenbar vom Geschlecht
abhängige mittlere Lebenserwartung, wonach das durchschnittliche
Alter der Frauen durchgehend einige Jahre höher liegt als das der
Männer (vgl. Abb. 4 und Tab. 1). Wieweit bei diesem Unterschied nicht
nur sekundäre hormonelle Faktoren, sondern primär sogar der
Hormonstatus eine Rolle spielen (vgl. Hamilton und Mestler 1969), ist
unklar (Wickens 1998).
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| Abb.
6: Darstellung der Akkumulation der 4977-bp-Deletion der mitochondrialen
DNA in unterschiedlichen Hirnabschnitten, in Abhängigkeit vom
Lebensalter (Schwark et al. 1998) |
2. Zelluläre
Ebene
Der menschliche Körper besteht aus zehn Milliarden Zellen unterschiedlicher
Typen. Die meisten Zellen replizieren sich selbst und sind theoretisch
unsterblich. Hayflick (1968) konnte gegenüber der Unsterblichkeit
jedoch folgende Beobachtungen machen: Er züchtete Fibroblasten und
stellte fest, dass seine Kulturen nach 50 Passagen ( ± zehn Passagen)
abstarben. Menschliche Zellen haben offenbar ein endliches Leben, das
unter diesen Modellbedingungen als Hayflick-Limit bezeichnet
wird. Altern war offenbar ein intrinsischer Vorgang, der innerhalb der
Zellen ablief. Hayflick (1968, 1974, 1980, 1992) konnte unter anderem
die folgenden Variationen beobachten:
- Erwachsene Fibroblasten
zeigten eine geringere Proliferationstendenz als jugendliche Fibroblasten.
- Krankheiten mit
genetisch bedingter Voralterung (Progerie, Werner-Syndrom) zeigten eine
deutlich geringe Proliferationstendenz.
- Nach Einfrieren
von Zellen und Neuanwachsen blieb die Tendenz, maximal 50 Passagen zu
überleben. Identisch sind die Beobachtungen bei dem geklonten Schaf
Dolly zu verstehen, dessen Zellen von erwachsenen Tieren
entnommen worden waren; auch die Zellen von Dolly wiesen ein Alter auf,
das dem Alter der Eltern entsprach: Die Zellen haben offenbar ein Gedächtnis
für ihr Alter (Der Spiegel 1999, 23, 220-221).
- Spezies mit unterschiedlicher
Überlebenszeit zeigten eine Korrelation mit der Proliferationsrate
der Fibroblasten.
Als Begründung für die Wachstumsbegrenzung werden seit Hayflick
zwei Theorien diskutiert:
Verschleißtheorie (Weindruch 1996)
Die Fibroblasten konzentrieren Abbauprodukte in der Zelle, die zur Hemmung
der Proliferation führen, möglicherweise über somatische
Mutationen von DNA und Fehlproduktion von Proteinen. Es konnte u. a. festgestellt
werden, dass der Einfluss von freien Radikalen wirksam wird (Dizdaroglu
1998, 1999), der durch Applikation von sog. Radikalenfängern bzw.
Antioxidantien wie Vitamin E verhindert werden kann (Weindruch 1998).
Freie Radikale entstehen bei jedem Zellstoffwechsel, der Sauerstoff verbraucht.
Intrazellular sind Enzyme vorhanden, die eine Schädigung innerhalb
der Zelle zu verhindern in der Lage sind: Superoxiddismutase (SOD-1, SOD-2),
Katalase, Glutathionperoxidase.
Exogen zugeführte Vitamine E/C können Schaden reduzieren. Dadurch
wird zwar das maximale Alter nicht erhöht, aber der Organismus gegen
Krankheiten geschützt.
Der Anfall von freien Radikalen ist abhängig von dem Energiestoffwechsel,
der u. a. von der angeforderten Leistung des Körpers - und damit
vom Sauerstoffverbrauch - abhängig ist. Der Sauerstoffverbrauch ist
besonders groß in der Muskulatur (50 Prozent der Körpermasse)
und im Gehirn (20 Prozent des Gesamtstoffwechsels), sodass der Alterungsprozess
auch in diesen Organen besonders deutlich ausgeprägt ist, dies besonders
auch deshalb, weil beide Organe überwiegend aus Zellen bestehen,
die sich nicht mehr teilen.
Intrazellulär läuft der Energiestoffwechsel in den Mitochondrien
ab, die eine eigene, autonome replizierende DNA enthalten. Mitochondriale
DNA kann durch anfallende freie Radikale geschädigt werden. Neben
Punktmutationen und Duplikationen werden gehäuft Deletionen induziert,
insbesondere die 4977-Basen-Paar-Deletion (common deletion), die offenbar
altersabhängig ist (Meissner et al. 1997, 1999, Schwark et al. 1998,
Graeber et al. 1996). Diese kann überwiegend in postmitotischen Zellen,
d. h. in Muskelzellen und Hirnzellen (Abb. 6), nachgewiesen werden. Deletionen
der mitochondrialen DNA sind allerdings nicht nur abhängig vom Alter,
sondern von zahlreichen exogenen Faktoren wie z. B. UV-Licht, Hypoxie,
toxischen Einflüssen usw. (Wickens 1998).
Genetische Erklärung (Hayflick 1997, Holt et al. 1996, 1997)
Die Teilungsrate ist bereits programmiert in der DNA enthalten, d. h.
es ist von einem programmierten Zelltod auszugehen (Hockenberg 1995).
Daneben existiert die sog. Telomertheorie (Übersicht: Hodes 1999):
Telomere sind DNA-Sequenzen am Ende der Chromosomen, die eine Fusion der
Chromosomen verhindern. Mit jeder Zell-Teilung werden die Telomere um
ein Segment verkürzt (Harley et al. 1990); die Verkürzung der
Telomere begründet die Teilungshäufigkeit einzelner Zellen.
Speziell bei Krebszellen konnte festgestellt werden, dass diese Telomere
nicht verkürzt werden, was auf das Vorhandensein von Telomerase zurückgeführt
wird, ein Enzym, das in den meisten menschlichen Zellen nicht enthalten
ist. Dadurch kommt es zum ungehemmten Wachstum der Tumorzellen. Das Enzym
könnte aber auch die Überlebenszeit normaler Zellen verlängern,
wenn es denn in die Zelle eingeschleust würde (Bodnar 1998).
3. Genetische Faktoren
Es gibt keinen Zweifel, dass genetische Faktoren auf den Alterungsprozess
Einfluss nehmen, wobei diese Faktoren bisher nur in Ansätzen spezifiziert
werden konnten. Durch die Experimente von Hayflick und Mitarbeitern wurden
erstmals konkrete Hinweise auf genetischer Ebene festgestellt. Diese Schlussfolgerung
wird durch epidemiolgische Studien belegt, nach denen eine signifikante
Korrelation zwischen dem Lebensalter von Eltern und Kindern besteht, z.
B. wenn die Eltern 80 Jahre und älter werden, konnte auch bei 20,6
Prozent der Kinder eine ähnliche Überlebenszeit beobachtet werden.
Zwillingsstudien konnten einen ähnlichen Beleg erbringen: Kallmann
(1957) stellte fest, dass eineiige Zwillinge mit einer Differenz von 36
Monaten (drei Jahre) starben, während zweieiige Zwillinge durchschnittlich
in einem zeitlichen Abstand von 74 Monaten (6,2 Jahre) starben.
Unklar ist, wie gesagt, die Frage, was zur Langlebigkeit führt, d.
h. welche Gene die Langlebigkeit kontrollieren.
Bei Fruchtfliegen konnten auf Chromosom Nr. 3 Gene ausgemacht werden (Luckinbill
et al. 1988), die für die Antioxidantien Katalase und Superoxiddismutase
kodieren und die offenbar die Zelle vor äußeren Einflüssen
zu schützen in der Lage sind. Transgene Fruchtfliegen, die zusätzlich
Kopien dieser Gene tragen, lebten deutlich länger als das Vergleichskollektiv
(Orr und Sohal 1994). Zwischenzeitlich wurden noch andere Gene verantwortlich
gemacht - u. a. bei Nematoden. Zum Teil sind diese Gene wirksam über
den Schutzmechanismus gegen freie Sauerstoffradikale.
Als weiteres Indiz für genetische Faktoren - allerdings als Folge
von Mutationen - müssen zum Teil extrem seltene Krankheiten angesehen
werden, die genetisch bedingt sind und mit einer Voralterung einhergehen:
Progerie (mittlere Lebenserwartung: zwölf Jahre), Cockayne-Syndrom,
Werner-Syndrom, Down-Syndrom, Alzheimersche Krankheit.
Synopse
Auf das Alter - wie auch das Ende des Alterns: den Tod - wirken offenbar
genetische Faktoren ebenso wie innere Einflüsse (Hormone) und äußere
Einflüsse (UV-Licht, Röntgenstrahlen, Ernährung, Medikamente,
Schlaf, Ozon usw.)
ein. Unter anderem ist dabei ein identischer Vorgang zugrunde zu legen:
Alle genannten Faktoren können bei der oxidativen Phosphorilierung
zu einem Anstieg der freien Radikale in der Zelle führen. Diese freien
Radikale induzieren u. a. eine Schädigung der Mitochondrien, die
sich molekulargenetisch u. a. in Deletion der mitochondrialen DNA äußern.
Schutzmechanismen gegen diese Schädigung können u. a. genetisch
angelegt sein bzw. können von außen in Form sog. Radikalenfänger
zugeführt werden, wozu zurzeit die Vitamine E und C gerechnet werden,
wie auch das Schlafhormon Melatonin. Äußere Einflüsse
im Sinne von freien Radikalen können reduziert und damit eventuell
das Altern verlängert werden - durch ausreichend Schlaf, gleichmäßige
körperliche Belastung, wenig toxische Einflüsse - wie Alkohol
- usw.
In Zukunft wird zweifelsfrei über Analysen des Human Genome Project
die Frage genetischer Einflüsse beantwortet werden können, insbesondere
die Frage, ob es sich um einen programmierten oder stochastischen Prozess
handelt.
Theoretisch ist es dann möglich, durch genetische Manipulationen
das Altern zu verlängern, den natürlichen Tod hinauszuzögern
und eventuell sogar zu verhindern.
Um auf die Ausgangsfrage zurückzukommen, ob es einen natürlichen,
altersbedingten Tod gibt, ist zu antworten: Es gibt ihn heute nur selten
- wenn überhaupt. Morgen vielleicht, keiner kann es bisher sagen.
Es stellt sich notwendigerweise die Frage, ob wir uns ihn wünschen
sollten.
Diese Frage stellt sich u. a. besonders unter der Problematik zunehmender
Diskussion - und Realisierung - der Euthanasie, insbesondere in Holland.
Bei uns in Deutschland bekommt das Problem zwischenzeitlich durch die
Überalterung der Bevölkerung und durch die ökonomische
Diskussion im Gesundheitswesen noch einen weiteren äußerst
problematischen sozialen Aspekt.
Mit freundlicher Nachdruckgenehmigung des Focus MUL, Heft 1/2006
Prof. Dr. Manfred Oehmichen, Im Brandenbaumer Feld 39, 23564 Lübeck,
PD Dr. Christoph Meißner, Institut für Rechtsmedizin des UK
S-H, Kahlhorststraße 31-35, 23562 Lübeck
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Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 3/2007
S. 65-71
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