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Cilostazol - verbesserte
Therapie-Möglichkeiten für pAVK-Patienten
Friedrich Kallinowski, Gunter Schimmel, Uwe Becker
Gehen ist Leben. Unter diesem Motto ist zum 01.01.2007 Pletal® (Wirkstoff:
Cilostazol) als neuer Thrombozyten-Aggregations-Hemmer zur Behandlung
von Patienten mit Claudicatio intermittens in Deutschland zugelassen worden.
Multizentrische, placebo-kontrollierte, randomisierte klinische Studien
an insgesamt mehreren tausend Patienten in den USA haben gezeigt, dass
sich unter der Cilostazol-Behandlung die Gehstrecke verdoppeln kann. Die
American Heart Association, das American College of Cardiology und der
TransAtlantic Inter-Society Consensus (TASC II) haben daher den höchsten
Empfehlungsgrad für die medikamentöse Therapie der Claudicatio
Intermittens ausgesprochen.
Die Zulassung als Therapeutikum zur Behandlung der Claudicatio intermittens
ist auf die Wirkung an den Thrombozyten, Endothelen und vaskulären
glatten Muskelzellen gestützt. Bei Blutplättchen zeigt sich
eine reversible Erhöhung des intracellulären cAMP-Spiegels und
damit eine reversible Hemmung der Thrombozyten-Aktivierung und -Aggregation
bei minimaler Blutungsneigung. Damit unterscheidet sich diese Hauptwirkung
von Cilostazol prinzipiell von der Wirkungsweise der etablierten Alternativen,
Acetylsalicylsäure und Clopidogrel. Untersuchungen zur Blutungszeit
in wechselnden Kombinationen an Patienten mit Claudicatio intermittens
belegen, dass die gleichzeitige Einnahme von Acetylsalicylsäure oder
Clopidogrel jeweils mit Cilostazol keine signifikante Steigerung der Blutungszeit
über den Effekt von ASS oder Clopidogrel alleine bewirkt (Abb. 1).
Cilostazol weist aber noch Wirkungen an glatten Muskelzellen und an Gefäßendothelien
auf (Abb. 2). An glatten Muskelzellen resultiert eine Gefäßerweiterung
sowie eine Hemmung der Intimaproliferation. An der Endothelzelle wird
die Atherosklerose-bedingte Dysfunktion und damit vermutlich die Plaquebildung
deutlich gemindert. Folgerichtig zeigten sich positive Effekte in einer
japanischen Studie an 1 052 Patienten zur Sekundärprävention
nach Schlaganfall (Cilostazol Stroke Prevention Study, CSPS, Goto, 2006).
In einem bis zu vierjährigen Follow-Up fand sich eine relative Risiko-Reduktion
von Cilostazol von nahezu 42 Prozent gegenüber Placebo für einen
erneuten cerebralen Infarkt. Pro Jahr müssten 17 Schlaganfall-Patienten
behandelt werden, um einen wiederholten Schlaganfall zu verhüten.
Goto berichtet weiter, dass unter Cilostazol-Therapie die Rate an Myokardinfarkten,
transitorisch-ischämischen Attacken und intracraniellen Blutungen
signifikant gemindert war. Damit ist die über die Thrombozyten-Aggregationshemmung
hinausgehende Wirkung klinisch belegt.
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| Abb. 1: Änderungen
der durchschnittlichen Blutungszeit bei Patienten mit Claudicatio
intermittens unter Behandlung mit verschiedenen Thrombozyten-Aggregations-Hemmern
(mod. n. Wilhite et al., J Vasc Surg 2003). Untersucht wurde die Blutungszeit
jeweils nach mindestens 14 Tagen kontinuierlicher Medikamenteneinnahme
mit nachfolgender Karenzzeit (ASS = Acetylsalicylsäure 325 mg
po qd, Cilo = Cilostazol 100 mg po bd, Clop = Clopidogrel 75 mg qd).
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Die vorgenannte japanische
Studie weist bereits auf die Sicherheit im klinischen Einsatz hin. Acht
klinisch kontrollierte Phase III-Studien wurden in den USA für die
Zulassung 1999 zur Behandlung der Claudicatio intermittens durchgeführt
(Pratt, 2001). Eingeschlossen waren insgesamt 2 702 Patienten: 1 374 Patienten
nahmen Cilostazol, 973 Probanden ein Placebo und 355 Teilnehmer erhielten
Pentoxifyllin. Zusammen mit nicht-kontrollierten Studien wurden in den
USA bis 2001 insgesamt über 70 000 Patientenjahre überwacht.
Inzwischen ist Cilostazol bis Mitte 2006 für mehr als drei Millionen
Patientenjahre verschrieben worden. Verglichen mit Placebo traten unter
Cilostazol häufiger Kopfschmerzen, weiche Stühle in Einzelfällen
bis zum Durchfall und andere gastrointestinale Beschwerden, unter Pentoxifyllin
häufiger Übelkeit und Pharyngitis auf. In der therapeutischen
Dosierung von 2 x 100 mg Cilostazol täglich oral brachen 3,7 Prozent
der Patienten die Therapie wegen Kopfschmerzen ab verglichen mit 0,3 Prozent
der Kontrollgruppe. Die sonstigen Nebenwirkungen waren in allen drei Gruppen
vergleichbar (Pratt, 2001). Beispielsweise erlitt 1,0 Prozent der Patienten
mit Cilostazol einen Myokardinfarkt, verglichen mit 0,8 Prozent in der
Placebo- und mit 1,1 Prozent in der Pentoxifyllin-Gruppe (Dean, 2002).
Schlaganfälle wurden jeweils in 0,5 Prozent der Cilostazol- und Placebo-Gruppe
und in 1,1 Prozent der Pentoxifyllin-Gruppe beobachtet. Eine Übersterblichkeit
wie bei anderen Phosphodiesterase-III-Hemmern konnte bei dem andersartigen
kardialen Angriffspunkt ausgeschlossen werden. Die beobachtete cardiovaskuläre
Gesamtmorbidität einschließlich sämtlicher aufgetretener
Todesfälle aus jedwedem Grund betrug 6,5 Prozent für Cilostazol
und 7,7 Prozent für Placebo (Pratt, 2001).
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| Abb. 2: Schematisierte
Darstellung der verschiedenen Wirkungen von Cilostazol an Endothelien,
glatten Gefäßmuskelzellen und Thrombozyten |
Wie bei anderen kardiovaskulären
Erkrankungen auch ist der erste therapeutische Schritt bei der Behandlung
der peripheren arteriellen Verschlusskrankheit die Ausschaltung der Risikofaktoren.
Nikotinentwöhnung, Kontrolle des Bluthochdruckes und der Blutfette,
Diabeteseinstellung und Gehtraining sind etablierte Behandlungskonzepte.
Dabei besteht nach Diehm und Lawall (2001) bei 34 Prozent der Patienten
eine Kontraindikation zum Training. Von den verbleibenden zwei Dritteln
nimmt die Hälfte regelmäßig am Gehtraining teil. Zu erwarten
ist eine Befundkonstanz oder Gehstreckenzunahme bei bis zu 90 Prozent der
Patienten.
Thrombozyten-Aggregationshemmer sind wichtige medikamentöse Säulen,
obwohl der nachgewiesene Effekt bei Patienten mit arterieller Verschlusskrankheit
eher gering ist. Die Antiplatelet Trialists Collaboration hat 145
randomisierte Studien zur langfristigen Behandlung mit Thrombozyten-Aggregations-Hemmern
überprüft (Antiplatelet Trialists Collaboration, 1994).
Es fand sich ein Trend, aber keine signifikante Besserung oder ausgeprägte
Risikoreduktion für Myokardinfarkt, Schlaganfall oder gefäßbedingtem
Tod auch nach jahrelanger Einnahme von ASS und anderen Medikamenten. Trotz
der Empfehlung vieler Fachgesellschaften und trotz der überzeugenden,
vielfältigen klinischen Erfahrungen hat die US Food and Drug Administration
(FDA) folgerichtig in 1998 keine Empfehlung für Acetylsalicylsäure
in der Sekundärprävention der peripheren arteriellen Verschlusskrankheit
ausgesprochen. Clopidogrel hingegen wurde aufgrund der guten Ergebnisse
in einer Studie, dem Clopidogrel versus Aspirin in Patients at Risk of Ischemic
Events (CAPRIE) Trial, von der FDA für die Sekundärprophylaxe
auch bei Claudicatio intermittens empfohlen.
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| Abb.
3: Zunahme der schmerzfreien Gehstrecke unter verschiedenen Behandlungsregimes,
modifiziert nach Daten aus Thompson et al., 2002 |
Cilostazol wurde in den
USA verschiedenen Zulassungsstudien unterzogen (Abb. 3). In einer wichtigen
Studie an 698 Patienten mit mittlerer bis schwerer Beinclaudicatio wurden
100 mg Cilostazol zweimal täglich, 400 mg Pentoxifyllin dreimal täglich
oder Placebo dreimal täglich über 24 Wochen verglichen. Zum Ende
der Studie zeigten die Cilostazol-Patienten eine Zunahme der Gehstrecke
um 54 Prozent, während Pentoxifyllin und Placebo nur eine Steigerung
um 30 und 34 Prozent bewirkten. Die zusätzliche Steigerung unter Cilostazol
war statistisch hochsignifikant. Zwei weitere Cilostazol-Studien zeigten
eine klare Dosis-Wirkungs-Beziehung. Dabei ließ sich unter 100 mg
im Durchschnitt eine Steigerung von 51 Prozent, unter 50 mg im Durchschnitt
eine Steigerung um 38 Prozent beobachten. Cilostazol wurde jeweils zweimal
täglich eingenommen und jeweils gegen Placebo getestet. Die gesamte
Nebenwirkungsrate, die zum Abbruch der Teilnahme an einer klinischen Studie
führte, lag in allen Studien bei etwa drei bis vier Prozent. Weitere
Dosissteige-
rungen führten dabei zu einer inakzeptablen Erhöhung der Nebenwirkungsrate.
Erfreulicherweise ging die Erhöhung der Gehstrecke mit einer Erhöhung
der Lebensqualität, einer Minderung der Schmerzen und einer besseren
Akzeptanz im häuslichen Umfeld einher (Dean, 2002). Die Tagestherapiekosten
(2 x 100 mg Cilostazol) betragen zzt. 2,28 Euro. Die Behandlung beginnt
mit einer Überprüfung der Verträglichkeit für zwei Wochen.
Die Therapiedauer sollte dann zunächst auf 24 Wochen festgesetzt werden.
Die Leistungsdaten von Cilostazol 2 x 100 mg sind in aller Kürze:
- Steigerung der
maximalen Gehstrecke bis zu 100 Prozent (gegen Placebo).
- Steigerung der
schmerzfreien Gehstrecke bis zu 96 Prozent (gegen Placebo).
- Signifikante Verbesserung
der Lebensqualität.
Die Neuzulassung in
Deutschland eröffnet eine langerwartete therapeutische Möglichkeit
zur medikamentösen Behandlung der peripheren arteriellen Verschlusskrankheit.
Die anti-atherogene Potenz von Cilostazol weckt darüber hinaus das
Interesse von Gefäßchirurgen, Interventionalisten und konservativ
tätigen Angiologen gleichermaßen, da weitergehende positive
Effekte auf die Grundkrankheit zu erwarten sind.
Dr. Gunter Schimmel, Abteilung für Gefäßchirurgie, Krankenhaus
St. Adolf-Stift, Reinbek,
Dr. Uwe Becker, Angiokardiologie, Mühlenbergklinik Holsteinische
Schweiz, Bad Malente-Gremsmühlen
Korrespondenz: Prof. Dr. Friedrich Kallinowski, Klinik für Visceral-
und Gefäßchirurgie, Westküstenklinikum, Esmarchstraße
50, 25746 Heide, E-Mail FKallinowski@WKK-Hei.de
Literatur
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Collaboration. Collaborative overview of randomised trials of antiplatelet
therapy-I: prevention of death, myocardial infarction, and stroke by prolonged
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1994.
Pratt C.M. Analysis of the cilostazol safety database. Amer J Cardiol
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Diehm C, Lawall H. Die konservative Behandlung der Claudicatio intermittens.
Cardiovasc 1: 1-12, 2001
Goto S. Cilostazol: potential mechanism of action for antithrombotic effects
accompanied by a low rate of bleeding. Atherosclerosis Suppl 6: 3 - 11,
2006
Thompson PD, Zimet R, Forbes WP, Zhang P. Meta-analysis of results from
eight randomized, placebo-controlled trials on the effect of cilostazol
on patients with intermittent claudication. Am J Cardiol 90: 1314 - 9,
2002
Wilhite DB et al., Managing PAD with multiple platelet inhibitors: the
effect of combination therapy on bleeding time. J Vasc Surg 38: 710 -
3, 2003
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Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 3/2007
S. 59-61
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