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Epidemiologisches
Bulletin
Listeriose
Zur Situation bei wichtigen Infektionskrankheiten in Deutschland (Teil
I)
Herbert Hof, Biserka Becker, Martin Mielke, Judith Koch
Infektionen des Menschen durch Bakterien der Gattung Listeria werden fast
ausschließlich durch L. monocytogenes verursacht, einen in unserer
Umwelt weit verbreiteten Erreger, der im Wesentlichen mit kontaminierten
Lebensmitteln aufgenommen wird. Bei einer im Alltagsleben recht häufigen
Exposition kommt es nur vergleichsweise selten zu manifesten Erkrankungen,
die verschiedene Organsysteme betreffen können und überwiegend
Personen mit einer bestimmten Prädisposition (z. B. Abwehrschwäche,
höheres Lebensalter) betreffen. Praktisch wichtig ist auch die Möglichkeit
intrauteriner oder perinataler Infektionen. Die Bedeutung der Krankheit
ergibt sich aus einem hohen individuellen Risiko für die Erkrankten
und aus einer sehr deutlichen Zunahme der in den letzten Jahren erfassten
Erkrankungsfälle, für die es gegenwärtig noch keine hinreichende
Erklärung gibt. Es ist von einer Untererfassung der Erkrankungen
auszugehen; bei entsprechender Symptomatik sollte auch an die Möglichkeit
einer Listeriose gedacht werden. Im Folgenden wird im ersten Abschnitt
über die Besonderheiten dieser Infektion informiert und im zweiten
Teil über Ergebnisse einer Analyse der Meldedaten für die Jahre
2001-2005 berichtet:
Listeriose - eine Übersicht
Merkmale des Erregers
Innerhalb der Gattung Listeria (grampositive, bewegliche, nicht sporenbildende,
fakultativ anaerobe Stäbchen) unterscheidet man sechs verschiedene
Arten, allerdings hat praktisch nur L. monocytogenes eine Bedeutung als
Krankheitserreger des Menschen. Innerhalb der Art L. monocytogenes können
zwei bzw. sogar drei phylogenetische Linien unterschieden werden, wobei
in der Linie I die Serovare 1/2b, 3b, 4b und 4e vertreten sind, dagegen
in der Linie II die Serovare 1/2a, 1/2c, 3a und 3c und in der Linie III
die Serovare 4a und 4c.1
Entscheidend für die Pathogenität ist, dass auf dem Genom eine
Insel aus mehreren Genen besteht: hly kodiert ein Toxin (ein Hämolysin
= Listeriolysin), pIcA und plcB kodieren Phospholipasen, actA kodiert
ein Protein, welches Aktin einer eukaryontischen Zelle polymerisiert,
mpl kodiert eine Metalloprotease; all das steht unter der Kontrolle eines
Regulatorgenes prfA. Weiterhin sind für die Pathogenität noch
die Gene inIA und inIB von besonderer Wichtigkeit, da diese Oberflächenstrukturen
ebenso wie der Virulenzfaktor P60 (Gen iap) die für die Invasion
wichtige Adhäsion an Rezeptoren der Wirtszellen bewirken.2
Zur Ökologie: Im Grunde sind Listerien geophil und somit praktisch
ubiquitär zu finden. Da sie anspruchslos sind, vermehren sie sich
auch unter Bedingungen, die für andere humanpathogene Bakterien u.
U. weniger tolerierbar sind. Listerien vermehren sich z. B. bei niedrigen
Temperaturen (sogar im Kühlschrank!), bei niedrigem pH-Wert (Wachstumsstopp
erst unterhalb von pH 4,5) sowie bei hohen Salzkonzentrationen, sie tolerieren
auch einige Schwermetalle. Bei Temperaturen unter 30 °C sind Listerien
peritrich begeißelt und somit beweglich.
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| Tab. 1: Zum potenziellen
Vorkommen von Listerien in Lebensmitteln |
Intrazelluläres
Habitat: Im Menschen zeigen Listerien ein für die Pathogenese bedeutsames
Verhalten - sie sind fakultativ intrazelluläre Erreger. Mithilfe
von Oberflächenproteinen InIA, InIB und P60 können sie sich
spezifisch an Rezeptoren auf Epithelzellen und auch Parenchymzellen verschiedener
Organe binden. Selbst Neurone können befallen werden. Im Darmepithel
dürfte so eine Bindung der Listerien mittels InIA an das E-Cadherin
erfolgen, wodurch sie in das Innere der Zellen eindringen können.
Wenn sich die Bakterien erst einmal in einer membranumgebenen Vakuole
in der Wirtszelle befinden, sind sie vor vielen unspezifischen Abwehrmaßnahmen
des Körpers geschützt. Mithilfe der auf der o. g. Pathogenitätsinsel
kodierten Virulenzfaktoren verlassen die pathogenen Listerien jedoch die
Vakuole, gelangen ins Zytoplasma und können sich dort vermehren.
An einem Pol der Bakterien kann Aktin der Wirtszelle polymerisiert und
angelagert werden, wodurch das Bakterium seinen Platz in der Wirtszelle
verändert. Die Lokomotion ist geradezu rasant und ziellos, sodass
die Listerien an verschiedene Zellkompartimente gelangen, z. B. in den
Zellkern oder auch an die Unterseite der Zytoplasmamembran, wo eine Extrusion
erfolgt. In solchen Zellfortsätzen, die in die Nachbarzelle penetrieren
und sich dort auflösen, gelangen die Listerien direkt von Zelle zu
Zelle. Sie können so anatomische Barrieren überwinden, z. B
die Darmwand, die Plazenta und die Blut-Hirn-Schranke, ohne Kontakt mit
humoralen Abwehrmechanismen zu bekommen. Der Wirtsorganismus kann daher
eine Infektion mit intrazellulär vermehrungsfähigen Bakterien
in der Regel nur mit einer zellvermittelten Abwehrreaktion, d. h. einer
T-Zell-vermittelten Immunreaktion, beherrschen. Das histologische Korrelat
einer solchen Reaktion ist das Granulom.2
Quellen der Ansteckung und Übertragungswege
Hauptübertragungsfaktor sind Lebensmittel (Tab. 1). Die Ansteckung
mit L. monocytogenes erfolgt ganz überwiegend über kontaminierte
Nahrungsmittel. Hauptsächlich sind es Rohmilchprodukte, Rohwürste,
geräucherte Fische und vakuumverpackte verzehrsfertige Produkte.
In Europa waren für fast die Hälfte aller bisher aufgetretenen
Listeriose-Ausbrüche Milchprodukte verantwortlich. Eine Kontamination
der Milch kann schon während des Melkens stattfinden, aber auch nach
der Pasteurisierung der Milch ist im weiteren Herstellungsprozess eine
Kontamination noch möglich. Dies belegen Beispiele der Listeriose-Ausbrüche
aus Finnland (kontaminierte Butter) und aus den USA (pasteurisierte Milch).
Hartkäse sind weit weniger kontaminiert; auch industriell gefertigter
Joghurt und Quark sind frei von Listerien.
Aus vielen Fleischsorten, wie z. B. Schweine-, Rind- und Hühnerfleisch
sowie
Fleischerzeugnissen, z. B. Salami, Schinken und Würsten, konnte L.
monocytogenes isoliert werden. Kurz gereifte Rohwürste, wie Tee-
oder Mettwurst, sind bis zu 20 Prozent mit Listerien kontaminiert. Am
Institut für Hygiene und Toxikologie der Bundesforschungsanstalt
für Ernährung und Lebensmittel in Karlsruhe wurden 287 Kochwürste
(Schinkenwurst, Mortadella, Lyoner, Gelbwurst, Bierwurst, Weißwurst)
auf Listerien untersucht. In 10,5 Prozent der Proben konnte L. monocytogenes
nachgewiesen werden.
Eine weitere wichtige Ansteckungsquelle stellt geräucherter Fisch,
wie z. B. Räucherlachs, dar. In vielen wissenschaftlichen Studien
wurde nachgewiesen, dass der rohe Fisch selten mit Listerien kontaminiert
ist und dass die Kontamination zum größten Teil während
der Verarbeitung des Rohmaterials stattfindet. Da diese Produkte meistens
vakuumverpackt sind und zusätzlich eine lange Haltbarkeit aufweisen,
ist eine starke Vermehrung der Listerien während der Kühllagerung
möglich. Von den insgesamt 100 fertig verpackten Lachsproben, die
auch am Institut für Hygiene und Toxikologie untersucht wurden, erwiesen
sich 59 Proben als mit Listerien belastet. Aus 51 Proben konnte L. monocytogenes
isoliert werden.3
Da Listerien in der Erde überall vorkommen, sind naturgemäß
viele Gemüse, z. B. Kopfsalat, mit ihnen behaftet. Nahezu frei von
Listerien sind meist Karotten, Tomaten und Äpfel (Tab. 1).
Praktisch wichtig ist, dass eine nachträgliche Kontamination von
a priori Listeria-freien Lebensmitteln verhindert werden muss.4 Weil Listerien
bei Temperaturen über 70 °C absterben, sind alle Nahrungsmittel
unmittelbar nach dem Kochen und Braten in Bezug auf Listerien einwandfrei.
Allerdings wird immer wieder beobachtet, dass durch Unachtsamkeit während
einer Lagerung eine nachträgliche Kontamination, z. B. im heimischen
Kühlschrank, erfolgen kann. In einer Häufigkeit von bis zu fünf
Prozent finden sich Listerien im Darm gesunder Personen.
Eine Infektion erfolgt nach Aufnahme hoher Erregermengen oder aufgrund
disponierender Faktoren. Immungeschwächte Personen (z. B. aufgrund
einer längeren Behandlung mit Cortison) und Schwangere sollen deshalb
bestimmte Vorsichtsmaßnahmen beachten (Tab. 2).
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| Tab. 2: Präventive
Maßnahmen, um das Listeriose-Risiko zu reduzieren |
Sonderfälle der
Übertragung: In wenigen Fällen wurde über Infektionen durch
Hautkontakt mit verseuchtem Wasser oder durch Erde berichtet, wobei sich
an den Eintrittsstellen der Haut Geschwüre bilden.
In seltenen Fällen kann auch bei intensivem Kontakt mit erkrankten
Tieren - meist in der Landwirtschaft - eine Infektion entstehen, also
z. B. eine Dermatitis bei einem Veterinärmediziner, der eine manuelle
Gebärmutterlösung bei einem infizierten Rind durchführt
und die anschließende Hautdesinfektion vernachlässigt. Ein
Fallbeispiel ist die Keratokonjunktivitis eines Kindes von Landwirten
nach Arbeiten im Stall, wo ein Ausbruch bei Tieren zu verzeichnen war.
Eine Ansteckung von Mensch zu Mensch tritt praktisch nur als intrauterine
oder perinatale Infektion auf oder - in sehr seltenen Fällen - als
nosokomiale Infektion auf Neugeborenenstationen.
Zur Frage der infektiösen Dosis: Es ist schwer, eine Aussage über
die infektiöse Dosis für L. monocytogenes zu treffen, da aufgrund
der u. U. langen Inkubationszeit (3-70 Tage) die Erregermenge im Lebensmittel
zum Zeitpunkt der Infektion nicht mehr ermittelt werden kann. Außerdem
hängt die für eine Infektion erforderliche Dosis stark vom Gesundheitszustand
der jeweiligen Person ab. In der Literatur wird von infektiösen Dosen
von 105-109 KbE pro Milliliter bzw. Gramm Lebensmittel bei gesunden Erwachsenen
berichtet. Bei Risikopersonen wurden Werte zwischen weniger als zehn und
104 KbE pro ml bzw. g Lebensmittel dokumentiert. Auch tierexperimentelle
Untersuchungen helfen nicht wesentlich weiter, da z. B. Mäuse im
Darm nicht über die entscheidenden Rezeptoren verfügen.
Zum Nachweis von Listerien aus Lebensmitteln
Der erste Schritt bei der Isolierung von Listerien aus Lebensmitteln ist
eine Anreicherung in einem selektiven Nährmedium, wie z. B. Fräser-Bouillon.
Reagenzien wie Acriflavin und Nalidixin, die dem Medium zugesetzt werden,
hemmen das Wachstum der Begleitflora und ermöglichen so eine selektive
Anreicherung der Listerien. Diesem Anreicherungsschritt folgt das Ausbringen
auf selektive Agarplatten, wie Palcam- oder Oxford-Agar. Diese Agarplatten
enthalten ebenfalls Substanzen, die das Wachstum anderer Bakterien hemmen.
Außerdem wird ihnen noch Aesculin zugesetzt, welches von Listerien
umgesetzt werden kann und zur Bildung der charakteristisch aussehenden
Kolonien
führt.
Die klassischen mikrobiologischen Nachweise von Listerien in Lebensmitteln
nach der Referenzmethode DIN EN ISO 11290-1 und -2 sowie nach § 64
des Lebensmittel- und Futtermittelgesetzbuchs (LFGB) sind zeit- und arbeitsaufwändig,
sodass die Untersuchungsergebnisse erst nach fünf bis sieben Tagen
vorliegen. Derzeit befindet sich die ISO-Methodik in Überarbeitung.
Die bei dieser Methode verwendeten Medien ermöglichen keine Differenzierung
zwischen L. monocytogenes und apathogenen Listerien. Für ein praxisorientiertes
Monitoring im Rahmen einer Kontrolle ist diese Methode daher weniger geeignet.
Mit dem Ziel, eine verbesserte Diagnostik zu erreichen, sollen bis jetzt
vorgeschriebene Standardnährmedien (z. B. Oxford- und Palcam-Agar)
durch selektivere chromogene Nährböden (ALOA, OCLA, Rapid L.
mono) ersetzt werden. Diese Medien können anhand der spezifischen
Reaktionen eine direkte Differenzierung zwischen L. monocytogenes und
anderen Listeria-Species auf der Agarplatte ermöglichen.3 Daher könnte
eine Keimzahlschätzung nach Subkultivierung, die beim
Gebrauch vom Oxford-Medium die einzige Möglichkeit der Keimzählung
ist, der Vergangenheit angehören. Bei der Isolierung von L. monocytogenes
aus Lebensmitteln wirkt sich die massive Begleitflora störend aus,
da die Listerien selbst nur in einer geringeren Zahl vorhanden sind und
durch die Begleitflora (z. B. Milchsäurebakterien) an ihrer Vermehrung
häufig gehemmt werden.5
Die hohe lebensmittelhygienische Bedeutung von Listeria monocytogenes
erfordert eine ständige Weiterentwicklung von neuen und schnellen
Nachweismethoden. Um möglichst schnell Ergebnisse zu erhalten, die
eine gleich hohe Sensitivität und Spezifität aufweisen wie die
gängigen klassischen Verfahren, muss nach alternativen Methoden gesucht
werden, die einen Nachweis von L. monocytogenes in kürzester Zeit
erlauben. Zu solchen Methoden gehören z. B. molekulare Techniken,
wie PCR oder Realtime-PCR.
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| Tab.
3: Geschätzte Inzidenz der Listeriose in bestimmten Gruppen der
Bevölkerung (pro 100 000 Individuen pro Jahr) |
Als Zielsequenzen
für L. monocytogenes eignen sich die spezifischen Virulenzgene
(prfA, hly). Die PCR-Techniken werden die Überwachung der Lebensmittelhygiene
vereinfachen. Die Methode ist schnell, sensitiv und zeigt darüber
hinaus ein hohes Potenzial zur Automatisierbarkeit. Solche Schnellmethoden
eignen sich insbesondere auch zum Einsatz im Rahmen betrieblicher Eigenkontrollen,
wie sie z. B. die Lebensmittelhygiene-Verordnung vorschreibt.
Labordiagnostik der Listeriose des Menschen
Die Kultur der anspruchslosen Listerien aus sonst sterilen Kompartimenten,
z. B. Blut, Liquor, Eiter und Amnionflüssigkeit, ist unproblematisch;
mit den üblichen Nährmedien gelingt dies innerhalb von ein bis
zwei Tagen. Dagegen ist die Kultur aus polymikrobiell kontaminierten Proben,
wie etwa Stuhl oder Vaginalsekreten (Lochien), schwieriger.
Die biochemische Differenzierung mittels kommerziell erhältlicher
Kits ist hilfreich, zuverlässig und in den allermeisten Fällen
in der medizinischen Praxis ausreichend. Eine Serotypisierung ist nicht
unbedingt erforderlich, wäre aber mithilfe von käuflichen Antiseren
möglich. Zumindest ist die Typisierung von > 90 Prozent der Isolate
vom Menschen mit dem Antiserum gegen 01 und 04 möglich. Die Diskriminationsfähigkeit
der Serotypisierung ist also gering. Dies weist auf die Unzulänglichkeit
dieser Methode hin, denn ein wirkliches Erkennen von epidemiologischen
Zusammenhängen ist damit selten möglich. Eine Feintypisierung
mittels RAPD oder PFGE ist im Speziallabor erreichbar, womit dann evtl.
Ausbrüche aufgeklärt und Quellen von Infektionen aufgedeckt
werden können.
Der Nachweis von Antikörpern gegen Listerien im Blut eines Patienten
ist nicht geeignet, eine akute Erkrankung eines Patienten zu beweisen.
Ein positiver Befund ist, wie bei allen serologischen Testen, in der allerersten
Zeit nach Kontakt gar nicht zu erwarten und somit ist ein erwünschter
Hinweis für eine gezielte Antibiotikatherapie damit nicht zu erhalten.
Auch später bleibt die Immunreaktion oft aus, weil die Listeriose
oft bei immunkomprimierten Patienten abläuft, die gar nicht in der
Lage sind, Antikörper im üblichen Maße zur produzieren.
Anderseits ist auch ein positiver Antikörpernachweis kein Beweis
für das Vorliegen einer Listeriose, weil mit anderen Bakterien, etwa
den Streptokokken der Serogruppe G, Antigengemeinschaften bestehen. Die
Serologie ist demnach auch nicht geeignet, die Durchseuchung einer Bevölkerung
zu erkennen. Mit Recht wird deswegen die Listeria-Serologie als eine nonsense
Reaktion bezeichnet! Sie bringt mehr Ungewissheit als zuvor und wirft
mehr Fragen auf, als sie beantworten kann.6
Die Krankheitsbilder der Listeriose
Die Listeriose des Menschen äußert sich vielfältig. Vermutlich
ist eine Gastroenteritis oft Vorläufer einer systemischen Infektion.
Weil aber Symptome, wie krampfartige Leibschmerzen und Durchfall, viele
Gründe (infektiöser und nichtinfektiöser Art) haben können,
wird im Einzelfall dieses Stadium meist nicht erkannt und auch keine gezielte
Diagnostik durchgeführt. Die Zeit zwischen dem Verzehr und solchen
ersten Manifestationen kann bei sehr hoher Belastung nur wenige Stunden
betragen, ist aber meistens verlängert durch eine Phase der Vermehrung
der Listerien im Körper, die viele Tage und sogar Wochen betragen
kann. Im Prinzip ist eine Ausscheidung im Stuhl über einige Zeit
möglich. Im Allgemeinen ist bei einem gesunden Erwachsenen die angeborene
unspezifische Infektabwehr oder die einsetzende Immunreaktion in der Lage,
diese Infektion bereits im Anfangsstadium zu begrenzen bzw. schwere Verläufe,
die über einen Fieberschub hinausgehen, zu vermeiden.
Bei Abwehrschwäche, wobei ganz unterschiedliche prädisponierende
Situationen bekannt sind (Tab. 3), können sich die Listerien über
die Lymphknoten hinaus ausbreiten. Im Prinzip kann jedes Organ betroffen
sein; hauptsächliche Manifestationen sind die Sepsis (mit Leber-
und Milzbefall), Meningitis und Enzephalitis. Die Prognose dieser Erkrankungen
ist schlecht. Bis zu 30 Prozent der Patienten mit Listeria-Meningitis
sterben; diese Infektion ist bedrohlicher als andere Meningitiden durch
andere bakterielle Erreger! In den USA ist L. monocytogenes für rund
28 Prozent der durch Lebensmittel verursachten Todesfälle verantwortlich.
Im Vergleich zur Listeriose zeigt eine Salmonellose eine Letalität
von nur 0,04 Prozent.4
Die konnatale Listeriose hat eine eigene Pathogenese. Im Prinzip kann
während der gesamten Schwangerschaft eine transplazentare Übertragung
erfolgen, weil wegen der intrazellulären Vermehrungsfähigkeit
solche Barrieren leicht durch cell-to-cell spread überwunden werden.
Bei der Schwangeren sind die Symptome recht unterschiedlich. In einigen
Fällen ist die septische Streuung so kurz und so gering, dass subjektiv
gar keine Auffälligkeiten bemerkt werden. Gelegentlich wird eine
fieberhafte Erkältung erlebt, die zumeist als ein banaler, katarrhalischer
Infekt gedeutet wird, sodass keine diagnostischen Maßnahmen, wie
etwa eine Blutkultur, erfolgen. So entgeht dieses Risiko meist einer Abklärung.
Nur in wenigen Fällen ist die Erkrankung so stark, dass eine Diagnose
versucht wird, was dann auch durch Blutkultur möglich wäre.
Je nach Phase der Schwangerschaft sind die Folgen ganz unterschiedlich.
Eine Infektion in der frühen Phase führt meist zum Abort; bei
Infektion in der späten Phase der Schwangerschaft kann evtl. eine
Frühgeburt erfolgen, wobei das Kind dann auch mehr oder weniger schwere
Zeichen einer intrauterinen Infektion bei Geburt aufweist. Klassischerweise
kommt es bei einer Disseminierung in verschiedene Organe zum Bild der
Granulomatosis infantiseptica. Ein Auftreten der klinischen Infektzeichen
noch bis zu vier Tagen nach der Geburt (early-on-set) spricht für
eine intrauterine Infektion. Tritt die Symptomatik bei Kind nach dem 4.
Tag auf, spricht man von late-on-set, was entweder auf eine Übertragung
von Mutter auf Kind unter der Geburt zurückzuführen ist oder
für eine Exposition des Neugeborenen durch die Umgebung, z. B. Kreißsaal
bzw. Neonatalstation, spricht.
Zur Therapie
Die Erfolge der antimikrobiellen Chemotherapie sind unbefriedigend. Dies
ist zunächst erstaunlich, weil in der Klinik - im Gegensatz zu Isolaten
aus Lebensmitteln - praktisch keine resistenten Stämme beobachtet
werden und die meisten der gängigen Antibiotika wirksam sind (bis
auf Fosfomycin, Nalidixinsäure und Cephalosporine der 3. Generation).
Erklärungen wären, dass die Keime intrazellulär wachsen,
wo die meisten Antibiotika nicht wirken, dass bei der kalkulierten Therapie
einer bakteriellen Meningitis zumeist Cephalosporine der 3. Generation
eingesetzt werden oder weil die Krankheit zumeist bei abwehrgeschwächten
Personen verläuft, sodass die Unterstützung durch die körpereigene
Abwehr fehlt.
Die besten Ergebnisse werden durch eine Therapie mit Ampicillin in hohen
Dosen (z. B. 4-6 x 2 mg pro Tag über 14-21 Tage) erzielt. Dessen
Wirkung kann beim Erwachsenen (nicht in der Schwangerschaft) noch durch
eine Kombination mit Gentamicin (z. B. 180-240 mg einmal am Tag über
14 Tage) verstärkt werden, weil die beiden Antibiotika synergistisch
wirken und dadurch die Bakterizidie verstärkt wird, was vor allem
bei abwehrgeschwächten Patienten von Vorteil ist. Aus theoretischen
Überlegungen, wegen der intrazellulären Aktivität, wäre
eine zusätzliche Gabe von Rifampicin sinnvoll. Alternativ wäre
Moxifloxacin zu empfehlen oder auch Cotrimoxazol.7,8
Teil 2 im Schleswig-Holsteinischen Ärzteblatt 4/2007
Mit freundlicher Nachdruckgenehmigung des Epidemiologischen Bulletin,
Heft 49/2006
Für diesen Beitrag danken wir Prof. Dr. Herbert Hof, Konsiliarlabor
für Listerien, Universitätsklinikum Mannheim, Biserka Becker,
Institut für Hygiene und Toxikologie der Bundesforschungsanstalt
für Ernährung und Lebensmittel, Karlsruhe, Prof. Dr. Martin
Mielke und Dr. Judith Koch, RKI, Berlin, die ihn gemeinsam erarbeitet
haben. Ansprechpartnerin am RKI ist Dr. Judith Koch (E-Mail KochJ@rki.de)
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Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 3/2007
S. 53-58
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