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Rezensionen


Zukunft sichern: Senkung der Zahl chronisch Kranker
Verwirklichung einer realistischen Utopie

Bibliographische Angaben: P. Schauder, H. Berthold, H. Eckel, G. Ollenschläger (Hrsg.), Deutscher Ärzte-Verlag, Köln 2006, 622 Seiten, gebunden, ISBN 3-7691-0457-9, 99,95 Euro

In den letzten Jahrzehnten hat sich nicht nur in Deutschland das Krankheitsspektrum gewandelt: Chronische Krankheiten haben zugenommen. Eine Ursache ist der für die industrielle Gesellschaft charakteristische Lebensstil mit Überernährung, Bewegungsmangel, Alkoholabusus und Tabakrauchen. Es handelt sich bei dem vorliegenden Buch um ein Riesenwerk, das 86 Autoren geschrieben haben. In der Bundesrepublik Deutschland gibt es zehn Millionen chronisch Kranke, z. B. mit Karzinomen, Adipositas, Diabetes mellitus Typ 2, Hypertonie, Schlaganfall, koronarer Herzkrankheit, chronisch-obstruktiver Lungenkrankheit und Osteoporose. Das Buch hat sich zur Aufgabe gesetzt, die Häufigkeit chronischer Krankheiten durch gesunde Ernährung, Tabakabstinenz, körperliche Aktivität und Vermeidung eines Alkoholabusus zu reduzieren. Klaus-Dieter Kolenda, Kiel, erläutert z. B., wie es durch solche Lebensstiländerungen zu einer teilweisen Rückbildung von Koronarstenosen kommen kann. Während die absolute Risikoreduktion und die „number needed to treat (NNT)“ oft ernüchternd sind - z. B. müssen 164 Patienten ein Jahr lang mit Statinen behandelt werden, um einen Todesfall zu vermeiden - ist die NNT bei nichtmedikamentöser Intervention oft günstiger. Heiner Raspe, Lübeck, stellt überzeugend dar, wie der Chronifizierungsprozess der Schmerzsyndrome aufzuhalten ist. Langfristig kann auch die Entmedikalisierung von Rückenschmerzen, solange sie nicht mit den Zeichen der „Roten Flagge“ verbunden sind, zu besseren Ergebnissen führen. Mit Recht betont das Buch den positiven Aspekt der Prophylaxe und Prävention durch eine gesündere Lebensweise. Allerdings können mehr Vorsorge- und Screeninguntersuchungen, die Senkung der Normalgrenzen biologischer Werte auch zu einer immer größeren Zahl von Gesunden mit Befunden, zu einem Heer von Überwachungs- und Behandlungsbedürftigen führen. So sollen sich nach dem Vorschlag von Eberhard Wieland, Stuttgart, alle Erwachsenen ab dem 20. Lebensjahr ihre Lipide untersuchen lassen. Wenn das Gesamtcholesterin mit unter 200 mg/dl und das LDL-Cholesterin mit unter 130 mg/dl im gewünschten Bereich sind, soll im 5-jährigen Abstand kontrolliert werden. Da selbst in der Altersgruppe der 30- bis 39-Jährigen in Deutschland die Gesamtcholesterinkonzentration bei 70 Prozent der Männer und 62 Prozent der Frauen mehr als 200mg/dl beträgt, werden Medikalisierung und Therapiebedürftigkeit von Gesunden ausgeweitet. Ein Beispiel für Nutzen und mögliche Nachteile der Prävention ist auch die „Polypille“, die ein Statin, Diuretikum, einen Betablocker und ACE-Hemmer, ferner Aspirin und Folsäure enthält und die Gesunde ab dem 55. Lebensjahr nehmen könnten. Dadurch sind kardiovaskuläre Krankheiten zu verhüten, gleichzeitig wird eine Masse von Pillenschluckern erzeugt, die wegen möglicher Nebenwirkungen regelmäßig die ärztliche Sprechstunde aufsuchen müssen. Der Schwerpunkt des Sammelwerks liegt aber auf einer Reform unserer Lebensweise. Dabei kommt es bei der Vielzahl der Autoren naturgemäß zu Überschneidungen und Wiederholungen. Als eine Art Großlexikon der primären, sekundären und tertiären Prävention ist das Buch zu empfehlen.

Rezensent: Prof. Dr. Karlheinz Engelhardt, Jaegerallee 7, 24159 Kiel


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Die Lebenslinie. Eine Erfahrung.

Bibliographische Angaben: Peter Härtling, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2005, 110 Seiten, gebunden, ISBN 978-3462036106, 14,90 Euro


Patientzentrierte Medizin bedeutet auch, die Ereignisse der Krankheit und die Erfahrungen des Kranken durch dessen Augen zu sehen. Wie ist die Perspektive des Patienten? Dafür ist das vorliegende Buch ein anschauliches Beispiel. Peter Härtling, einer der bekanntesten deutschen Schriftsteller, erkrankt mit neunundsechzig lebensbedrohlich. „Der Schmerz, der mich weckte“, beginnt die Erzählung, „drehte sich aus dem linken Handgelenk, fräste sich durch den Arm, der schwer und heiß wurde, erreichte die Schulter, lief auseinander, breitete sich als Gitter über die Brust aus, er lastete mit jedem Atemzug mehr und mehr, ein Panzer, der mir die Luft raubte, der mich zunehmend einschnürte und mir Angst machte.“ Vorderwandinfarkt mit Lungenödem heißt die Diagnose. Der Patient erlebt einen Herzkatheter, eine Ballondilatation und das Einlegen von Stents. Später kommt es zum Hirninfarkt. Peter Härtling schildert seine Erfahrungen mit Ärzten, er beschreibt Atemnot, intermittierendes Hinken, Müdigkeit, Schwäche, motorische Ungeschicklichkeit, aber auch gelegentliche Zornausbrüche und die Angst, nicht mehr schreiben zu können. Das kleine Buch ist gerade auch Ärzten(innen) zu empfehlen, da es den Umgang des Patienten mit seinen Krankheiten lebendig darlegt. Wie Peter Härtling, seinem versagenden und rebellierenden Körper konfrontiert, um die Wiedergewinnung von Funktionsfähigkeit, Lebensfreude und Selbstständigkeit kämpft, lohnt sich zu lesen.

Rezensent:
Prof. Dr. Karlheinz Engelhardt, Jaegerallee 7, 24159 Kiel


Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 3/2007

S. 52, 75