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Andrologie in einer
dermatologischen Praxis
Möglichkeiten - Grenzen - Ausblick*
Carl Schirren
* Vortrag anlässlich
des ersten Carl Georg Schirren-Symposiums am 09.12.2006 in Kiel (Tymbos
für Carl Georg Schirren [1892-1989])
Wenn ich in diesem Rahmen, des ersten Carl Georg Schirren-Symposiums,
über Andrologie spreche, dann muss auch daran erinnert werden, ohne
dass seinerzeit der Begriff der Andrologie bereits in Deutschland vorhanden
war, dass der Praxisgründer Carl Schirren (1861-1921) im Jahre 1903
in einem Bericht über die Geschlechtskrankheiten in Kiel und
Umgebung für die Jahre 1901-1903 erstellt im Auftrage des Kieler
Ärztevereins zu der bemerkenswerten Feststellung gelangte,
dass die bei der Gonorrhoe auftretenden Komplikationen vornehmlich
eine Folge der zu scharfen örtlichen Behandlung seien. Mit
anderen Worten: Die in der Folge bei einer Gonorrhoe auftretende Epididymitis
mit nachfolgender Unfruchtbarkeit des Mannes aufgrund einer Verschlussazoospermie
ist dann durch den behandelnden Arzt verursacht worden.
Man könnte versucht sein, aus dieser Beobachtung, die seinerzeit
und auch später in der Literatur keine Beachtung gefunden hat, einen
Anfang für die Andrologie zu sehen. Ich sehe davon jedoch ab und
bringe Ihnen dieses mehr als Respekt vor dem Geist des Hauses.
Die Andrologie ist eine Spezialität in der Medizin, die sich aus
der Dermatologie entwickelt hat und für einige andere Disziplinen
ein Anlass gewesen ist, sich auch damit zu beschäftigen. Die Anfänge
der Andrologie liegen in den Jahren nach dem II. Weltkrieg, als einige
Assistenten der Universitäts-Hautkliniken sich mit dieser Spezialität
ein Arbeitsgebiet wählten, was es bisher überhaupt nicht gab,
für welches aber im Zusammenhang mit Störungen der Zeugungsfähigkeit
des Mannes als Folge venerischer Infektionen - diese wurden von den Dermatologen
behandelt - ein großer Bedarf bestand. Wenn es im Laufe der Jahre
zu einem unerfreulichen Konkurrenzdenken der anderen Disziplinen kam,
die ihrerseits das Primat für sich beanspruchten, so ist das zu bedauern,
da es der Sache selbst geschadet hat. Nachwehen dieser Kämpfe sind
bis in die Gegenwart zu spüren.
Während man anfangs in den Hautkliniken von Fertilitäts-Labors
u. a. sprach, bürgerte sich vor allem unter dem Einfluss einer Bemerkung
von Harald Siebke ein, der Oberarzt unter Robert Schröder an der
Kieler Frauenklinik gewesen war und dann als Ordinarius der Bonner- Frauenklinik
vorstand, dass ... dann der Dermatologe, der sich mit der Untersuchung
des Mannes auf Zeugungsfähigkeit beschäftigt, Androloge nennen
sollte, wie der Frauenarzt Gynäkologe sei. Dieser Wandel in
der Nomenklatur der eigenen Tätigkeit fand bei den Vorständen
der wissenschaftlichen Gesellschaften keine große Gegenliebe, man
befürchtete eine Aufsplitterung des eigenen Faches. Der Begriff Andrologie
eroberte sich aber innerhalb kurzer Zeit die internationale Anerkennung,
sodass nun überall nur noch von Andrologie gesprochen wurde, wenn
es um die Untersuchung der Zeugungsfähigkeit ging. Medizinhistorische
Studien haben dann ergeben, dass der Begriff Andrologie bereits im Jahre
1886 Verwendung gefunden hatte (Schirren, 2005).
Um Ihnen zu zeigen, in welchem Umfang und mit welchen Resultaten ein niedergelassener
Dermatologe andrologisch tätig sein kann, habe ich Ihnen die Daten
aus der Praxis Schirren am Schlossgarten aus den Jahren 1953-1969 ausgewählt,
deren Einzeldaten von Dr. Katrin Schirren in ihrer Dissertation ausgewertet
worden sind. Diese Arbeit stellt aus zwei Gründen eine Besonderheit
dar:
- Zum einen handelt
es sich um eine Auswertung handschriftlich dokumentierter Daten bei
1 631 Patienten, was nicht ganz einfach war, da die Handschrift des
Seniors oft kaum von ihm selbst entziffert werden konnte.
- Es handelt sich
um eine Dissertation der Enkelin von C. G. Schirren an der Universität
Hamburg, eine seinerzeit von mancher Stelle belächelte Unternehmung,
was vor allem wohl darauf beruhte, dass man bisher keine Erfahrungen
damit gehabt hatte, dass ein Mitglied einer Familie über die Tätigkeit
des eigenen Großvaters in der Lage sein könnte, nach streng
wissenschaftlichen Gesichtspunkten zu arbeiten. Die Zweifler haben sich
überzeugen müssen, dass etwas Derartiges dennoch möglich
war.
Ein Vergleich der
Patientenzahlen in den einzelnen Jahren zeigt überzeugend, dass ein
kontinuierlicher Anstieg bis auf 105 Patienten im Jahre 1963 zu beobachten
ist und anschließend bis auf 254/251 in den Jahren 1967/1968.
Das Lebensalter dieser Patienten lag mit 907 Fällen in einem Alter
zwischen 35 bis 40 Jahren. Lediglich zwei Männer waren über
51 Jahre alt.
Wenn man die Dauer des Kinderwunsches analysieren will, dann ergibt sie
für ein bis zwei Jahre Kinderwunsch 39,0 Prozent aller Fälle.
Wenn man den Zeitraum auf ein bis drei Jahre erweitert, dann kommt man
auf 44,6 Prozent.
An Erkrankungen in der Vorgeschichte entfallen 7,5 Prozent auf eine Leistenbruch-Operation,
5,7 Prozent auf eine Gonorrhoe, 0,6 Prozent auf eine Syphilis und 4,5
Prozent auf einen Hodenhochstand, der in 43,3 Prozent in dieser Gruppe
doppelseitig gewesen war.
Ein besonderes Interesse des Praxisinhabers galt den Nikotin/Zigaretten-Rauchern
seiner Fertilitäts-Patienten. Hierzu ergab sich, dass 64,1 Prozent
(752 Männer) Nichtraucher waren und 820 Patienten eine bis 20 Zigaretten
täglich rauchten.
Von besonderem Interesse bei den andrologischen Daten der Patienten von
C. G. Schirren ist eine Beobachtung, die er bei einem Mann machte, der
kinderlos verheiratet war, 100 Prozent sehr lebhaft bewegliche Spermatozoen
aufwies, dessen Spermatozoen allerdings insofern eine Besonderheit aufwiesen,
als alle Spermatozoen rundköpfig waren, also nicht die Charaktaristika
des spitz zulaufenden Spermatozoenkopfes aufwiesen. Der Senior erkannte,
dass das etwas Besonderes sein würde und telefonierte mit mir deswegen,
um meine Meinung dazu zu hören. Ich kannte aus der Literatur und
aus meinen eigenen Studien, dass rundköpfige Spermatozoen immer wieder
unter den pathologischen Spermatozoen nachzuweisen sind. Dass allerdings
100 Prozent aller Spermatozoen diese Abnormalität aufweisen würden,
war mir unbekannt und machte eine gründliche Untersuchung dieses
Mannes einschließlich Hodenbiopsie, um die Vorstufen erfassen zu
können, erforderlich. Der Mann kam dann zu mir nach Hamburg. Inzwischen
beriet ich mich mit dem befreundeten Anatomen A. F. Holstein über
das Vorgehen. Wir machten erneut ein Spermiogramm, verarbeiteten das Ejakulat
einschließlich biochemischer Dinge, führten eine Hodenbiopsie
durch und kamen damit der Lösung des Problems deutlich näher.
So fanden wir (Schirren, C. G. sen., A. F. Holstein und C. Schirren, 1971),
dass in diesem Falle eine Spermatogenese erfolgt, jedoch in den Spermatiden
eine Fehlbildung des Akrosoms erfolgt, sodass nur akrosomlose Spermatozoen
im Ejakulat erschienen. Diese Untersuchungen waren allerdings nur möglich
durch Einführung einer neuen histologischen Methode, der Semidünnschnitt-Technik,
mit welcher auch eine elektronenmikroskopische Untersuchung vorgenommen
werden kann. Mittels der Paraffin-Technik ist das nicht möglich (Holstein
und Wulfhekel, 1971).
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a-c: Normale
Entwicklung von Spermatiden bei einem fertilen Mann.
d-f: Pathologische Spermatidenentwicklung bei dem hier untersuchten
infertilen Mann: das Akrosom und der Spermatidenkern differenzieren
sich unabhängig voneinander.
Zeichnungen nach elektronenmikroskopischen Bildern. (Quelle: C. G.
Schirren, sen., A. F. Holstein und C. Schirren: Über die Morphogenese
rundköpfiger Spermatozoen des Menschen. Andrologia 3, 117-125,
1971) |
Mit den durch uns erhobenen Befunden war der Patient zeugungsunfähig
und keinerlei Therapie zugänglich. Warum bringe ich dieses Beispiel,
das so selten ist und daher für einen praktizierenden Andrologen
bedeutungslos sein dürfte? Ich meine, dass dieses Beispiel gerade
deshalb eine Präsentation wert ist, weil es überzeugend darlegt:
Auch ein in der Praxis stehender Arzt ist in der Lage, Entdeckungen zu
machen, die bis dato an keiner Universität gemacht worden waren und
die zu völlig neuen Erkenntnissen der Spermatogenese beim Menschen
führen. Man muss eben nur die Gabe besitzen, das Wichtige vom Unwichtigen
zu trennen, Besonderheiten eines klinischen Befundes zu erkennen und die
Möglichkeit suchen können, sich an der richtigen Stelle Rat
zu holen.
Die Therapie des Andrologen muss sich an den Befunden orientieren, die
er erhoben hat. Sie sollte sich darüber hinaus aus der Gesamtsituation
des kinderlosen Paares ergeben, so ist es sinnvoll, eine entsprechende
Absprache mit dem behandelnden Gynäkologen herbeizuführen, wie
überhaupt die andrologisch/gynäkologische Zusammenarbeit ein
sehr wesentlicher Schlüssel zum Erfolg, d. h. für eine Schwangerschaft,
sein sollte. Ich habe Fälle erlebt, in denen dem Patienten durch
den Gynäkologen erklärt wurde: Lassen Sie erst einmal
eine Behandlung bei Ihnen durchführen, damit Sie normal
sind. Dann können wir weitersehen. An dieser Auskunft ist dreierlei
falsch:
- Ein Spermiogramm
muss nicht normal sein, damit die Frau schwanger wird.
- Die genannte Auskunft
macht das Paar unsicher. Das ist aber im Hinblick auf den angestrebten
Erfolg kontraproduktiv, zumal hinreichend bekannt und auch belegt ist,
dass es in vielen Fällen ausreichend, d. h. Erfolg versprechend
sein kann, wenn der Mann sich überhaupt zu einer andrologischen
Untersuchung entschließt und keine weiteren Maßnahmen durchgeführt
werden. Man spricht dann vom so genannten psychologischen Faktor.
- Jede operative
Maßnahme bei der Frau und ebenso auch beim Mann ist davon abhängig,
dass bei dem jeweiligen Partner ein Befund vorhanden ist, der eine Operation
rechtfertigt. Ich berühre damit ein Thema, welches für mich
der wesentliche Bestandteil bei allen therapeutischen Überlegungen
ist. Wenn man beispielsweise berücksichtigt, dass die Spermatogenese
beim Menschen drei Monate an Zeit in Anspruch nimmt, dann muss man jede
medikamentöse Therapie an diesem Zeitlimit orientieren. Eine Kontrolle
des Spermiogramms sollte
daher erst nach drei Monaten erfolgen. Denn vorher können nur Nebeneffekte,
z. B. auf die akzessorischen Geschlechtsdrüsen, erfasst worden
sein. Welche Medikamente zum Einsatz kommen können, das hängt
von dem Spermiogrammbefund ab. Ich habe bei Motilitätsstörungen
sehr gerne mit überzeugendem Erfolg Kallikrein eingesetzt; dieses
Präparat ist seit langem als Padutin in der Behandlung von Durchblutungsstörungen
bekannt. Leider wird es nicht mehr hergestellt. Bei Störungen der
morphologischen Qualität sind Androgene in geringer Dosierung angezeigt
(z. B. Proviron 50 mg täglich; Andriol 40/80 mg täglich).
Bei einer gleichzeitig bestehenden Varikocele sollte man diese durch
den Urologen mittels einer hohen Ligatur der vena spermatica beseitigen
lassen. Bei einer Azoospermie sollte geklärt werden, ob es sich
nur um einen Verschluss der ableitenden Samenwege handelt. Dann wäre
eine operative Refertilisierung angebracht. Dazu sollte man aber eine
Institution heranziehen, die über entsprechende Erfahrungen verfügt
und diese Eingriffe ständig durchführt. Darüber hinaus
sei nicht vergessen, die gynäkologische Situation vor der Operation
abklären zu lassen.
In den Bereich der
Andrologie gehört auch die Diagnostik und Therapie der sexuellen
Impotenz. Hier kann das bereits erwähnte Gespräch zu Dritt
angebracht sein, bei welchem sich in vielen Fällen herausstellen
wird, dass die Eheleute über diese Problematik noch nicht miteinander
gesprochen haben und völlig unterschiedliche Auffassungen darüber
besitzen.
Alle Spezialkenntnisse sollten nicht in Vergessenheit geraten lassen,
dass eine vernünftige Lebensführung Grundvoraussetzung für
jeden therapeutischen Erfolg ist. Ein Gesichtspunkt, der bei den meisten
kinderlosen Paaren auf Unverständnis stoßen dürfte, weil
man ja Anspruch auf ein Medikament hat. Es erfordert viel
Ruhe und Energie aufseiten des Andrologen die Patienten davon zu überzeugen.
Ich komme zum Schluss:
Ich habe meine Aufgabe nicht darin gesehen, Sie zu perfekten Andrologen
zu machen. Vielmehr sollte mein Beitrag dazu dienen, Ihnen einen Einblick
in die Möglichkeiten zu vermitteln, welche auch in einer freien Praxis
auf diesem Sektor bestehen. Dafür bedarf es einer gesonderten Ausbildung
in diesem Fachgebiet am besten vor der Niederlassung und des regelmäßigen
Besuches von Fortbildungsveranstaltungen nach der Niederlassung. Das erfordert
alles viel Zeit, verlangt ein hohes Maß an Einsatzbereitschaft und
setzt vor allem eine besondere emotionale Bindung an dieses Spezialgebiet
voraus. Denn wie Max Weber es formuliert hat: Nichts ist für
den Menschen als Menschen etwas wert, was er nicht mit Leidenschaft tun
kann. Wir nannten den von uns erhobenen Befund Rundkopf-Spermatozoen,
welcher dann südlich des Mains in Globozoospermie umgetauft wurde,
nachdem man dort die eigenen Spermiogramme auf morphologisch abnorme Formen
kontrolliert hatte und dabei ebenfalls einige Fälle mit 100 Prozent
Rundkopfspermatozoen gefunden hatte.
Inzwischen sind 30 Jahre vergangen. An den seinerzeit erhobenen Befunden
und ihrer Deutung hat sich nichts geändert. Geändert hat sich
allerdings unsere seinerzeit getroffene Feststellung der absoluten Zeugungsunfähigkeit
eines Mannes mit 100 Prozent Rundkopfspermatozoen. Denn durch die Entwicklung
einer neuen Technik innerhalb der Reproduktionsmedizin der intracytoplasmatischen
Spermatozoen-Injektion (ICSI) ist es gelungen, ein Rundkopfspermatozoon
in eine Eizelle zu verbringen, woraufhin sich ein normaler Embryo entwickelte
und es am Ende der Schwangerschaft zur Geburt eines gesunden Kindes kam.
Dieser Effekt ist folgendermaßen zu verstehen: Unter normalen
Voraussetzungen kann es nur dann zu einer Penetration des Spermatozoons
in eine Eizelle kommen, wenn das Spermatozoon ein Akrosom besitzt, das
für die Penetration verantwortlich ist. Ein Rundkopfspermatozoon
besitzt diese Fähigkeit nicht, da es akrosomlos ist. Das genetische
Material befindet sich jedoch im hinteren Abschnitt des Spermatozoen-Kopfes
und ist Garant für die Entwicklung des Embryos.
Prof. Dr. Carl Schirren, Buurnstraat 13, 25938 Midlum/Föhr, ehem.
Direktor der Abt. für Andrologie und des Zentrums für Reproduktionsmedizin
der Universität Hamburg
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Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 2/2007
S.78-81
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