Die
klassische Trigeminusneuralgie
Klinik, Diagnostik, Therapie
Uwe Kehler, Bernd Eckert, Axel Müller-Jensen
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Abb.
1: Schmerzausbreitung der Trigeminusneuralgie:
1. Ast: Stirn und Nasenrücken
2. Ast: Oberkieferbereich
3. Ast: Unterkieferbereich (Quellen: ÄKHH) |
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Die Schmerzen der klassischen
Trigeminusneuralgie gehören zu den stärksten für Menschen
vorstellbaren Schmerzen. Auf einer Schmerzskala von null bis zehn erreichen
sie fast immer die höchste Stufe. Aus diesem Grunde ist eine fachgerechte
und zügige Diagnosestellung sowie Einleitung einer meistens außerordentlich
erfolgreichen Behandlung notwendig. Der folgende Artikel gibt den aktuellen
Stand der Diagnostik und Therapie wieder.
1. Klinik,
Pathophysiologie und Epidemiologie
Die Trigeminusneuralgie
ist gekennzeichnet durch einseitige, blitzartig einschießende Schmerzattacken
im Versorgungsgebiet des I. bis III. Trigeminusastes (Abb. 1). Die Attacken
sind von Sekunden Dauer, häufig in Serien auftretend. Bei hoher Schmerzintensität
können sie durch Reizung so genannter Triggerzonen ausgelöst werden
(z. B. durch Berührung, Luftzug, Kauen).
Synonym werden Begriffe wie Tic doloreux, typische oder idiopathische Trigeminusneuralgie
gebraucht (Tab. 1). Idiopathisch ist jedoch irreführend, da - wie man
heute weiß - ein Gefäß-Nerv-Konflikt im Übergang zwischen
Trigeminusnerven und Brücke ursächlich vorliegt. Durch den Gefäß-Nerven-Kontakt
kommt es zu einer umschriebenen Atrophie der Dendroglia/Myelinscheide. Dieser
Übergangsbereich ist besonders sensibel. Durch die Atrophie (dieser
Isolierschicht) können Impulse von den Fasern, die die Berührungsempfindung
weiterleiten, auf Schmerzfasern überspringen. Diese Ephapsen
erklären gut die Triggerbarkeit sowie die blitzartig einschießenden
Schmerzen.
Die Trigeminusneuralgie
beginnt in der Regel nicht vor der 4. Lebensdekade, die Häufigkeit
steigt mit zunehmendem Lebensalter. Die jährliche Inzidenz beträgt
bei Männern 3,4/100 000, bei Frauen 5,9/100 000. Am häufigsten
sind der II. und III. Trigeminusast zusammen betroffen, es folgen der II.
und III. Ast jeweils allein. Die Beteiligung des I. Trigeminusastes ist
ebenso wie ein beidseitiger Befall so selten, dass an der Diagnose der Trigeminusneuralgie
gezweifelt werden muss. Der neurologische Befund erweist sich als regelrecht.
Insbesondere lassen sich keine sensiblen Defizite und auch keine zusätzlichen
neurologischen Herdsymptome feststellen (Tab. 2). Differenzialdiagnostisch
muss die Trigeminusneuralgie von der Trigeminusneuropathie unterschiedlicher
Ätiologie, vom atypischen Gesichtsschmerz sowie dem seltenen SUNCT-Syndrom
(short-lasting unilateral neuralgiform headache attacks with conjunctival
injection, tearing, sweating and rhinorrhoea) abgegrenzt werden (Tab. 3).
2.
Bildgebende Diagnostik
Die Differenzialdiagnose zwischen einer klassischen und einer symptomatischen
Trigeminusneuralgie wird durch bildmorphologische Befunde gestützt,
die vornehmlich mit der Kernspintomographie erhoben werden. Mittels eines
kompletten MRT-Untersuchungsprotokolls können organische Ursachen einer
symptomatischen Trigeminusneuralgie mit sehr großer Sicherheit erkannt
werden. Die Ausschlussdiagnostik dient in erster Linie der Erfassung von
Tumoren im Kleinhirnbrückenwinkel (häufig: Meningeome des Ligamentum
petrosellare, Neurinome), entzündlichen Prozessen (ganz überwiegend
Multiple Sklerose) sowie malignen Grunderkrankungen (Schädelbasistumoren,
Metastasen, Meningeosiscarcinomatosa).
Die bildgebende Diagnostik muss den gesamten pontinen Abschnitt des Trigeminus-Kerngebietes,
das arachnoidale Kompartiment des Nervus trigeminus, das Ganglion Gasseri
im Cavum Meckeli sowie die peripheren V1-V3-Segmente im Verlauf des Sinus
cavernosus vollständig erfassen.
Das sensible
Kerngebiet des N. trigeminus befindet sich im dorsalen Hirnstamm und reicht
vom Diencephalon bis in das Myelon in Höhe von HWK 1/2. Der Kernbereich
ist am besten mit einer sagittalen T2-Sequenz zu erfassen.
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MRT:
T2-Dünnschicht, Trigeminusneu-rinom (schmaler Pfeil) li. am Übergang
zum Ganglion Gasseri, Gefäß-Nerven-Kontakt (breiter Pfeil)
Abb. 2: Darstellung des arachnoidalen Verlaufes |
Zur Darstellung
des arachnoidalen Verlaufes vom Hirnstamm bis zum Ganglion Gasseri eignen
sich dünnschichtige Sequenzen, die einen sehr hohen Kontrast zwischen
Hirnnerven und umgebendem Arachnoidalraum herstellen (T2-Dünnschicht
- 0,9 bis 1 mm - Abb. 2) oder eine 3-D-Gradientenechosequenz, ClSS-Sequenz
(Constructive Interference in Steady State, rekonstruierte Schichtdicke
0,8 mm). Auch die Auffaserung des N. trigeminus im Ganglion Gasseri kann
in diesen dünnschichtigen Sequenzen gut erfasst werden. Diese Sequenzen
besitzen eine hohe Sensitivität zur Erfassung von raumfordernden Prozessen.
Eine meningeale Anreicherung sowohl im Niveau der Arachnoidea als auch in
der Dura mater kann aber nur in der kontrastmittelgestützten Sequenz
(optimal in Fettsättigung FS) erfasst werden und ist insbesondere zur
Erfassung einer Meningeosis carcinomatosa/leucaemica oder einer granulomatösen
Meningitis unverzichtbar. Bei der Differenzialdiagnose von Raumforderungen
im Kleinhirnbrückenwinkel kann eine Diffusionswichtung sehr hilfreich
sein. Eine hier lokalisierte Diffusionsstörung ist pathognomonisch
für ein Epidermoid insbesondere in der Abgrenzung von einer Arachnoidalzyste
(Abb. 3 a, b). Eine umschriebene Anreicherung im N. trigeminus ohne Raumforderung
entspricht dem Befund einer Neuritis und kann nur gelegentlich als Hyperintensität
in der T2-Wichtung erkannt werden. Sehr viel häufiger ist der Nachweis
von Demyelinisierungsherden im Hirnstamm bei einer Multiplen Sklerose.
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| MRT:
T1 nach KM, Asymmetrie mit erweitertem linken KHBW, keine KM-Anreicherung,
kein erkennbarer Tumor |
MRT:
Diffusionswichtung, Diffusionsstörung im linken KHBW; pathognomischer
Befund für ein Epidermoid |
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| MRT:
T2-Dünnschicht transversal, der re. N. Trigeminus gut abgrenzbar,
der li. Trigeminus wird durch das nahezu liquorisointense Epidermoid
verlagert |
MRT:
T2-Dünnschicht koronar, der li. Trigeminus (Pfeil) wird durch
das Epidermoid nach kranial verdrängt |
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| Abb.
3 a und b: Differenzialdiagnose der Trigeminusneuralige: Epidermoid |
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Bei knochendestruierenden
Prozessen oder Tumoren, die in die Schädelbasis einwachsen, ist die
Computertomographie eine unverzichtbare Zusatzmethode, um das Ausmaß
der Knochendestruktion oder eine Tumormatrix ausreichend darzustellen.
Die Morphologie der Knochendestruktion ist darüber hinaus ein wichtiges
differenzialdiagnostisches Kriterium (Abb. 4).
Eine zusätzliche Angiographie ist indiziert beim Verdacht auf eine
arteriovenöse Malformation (AV-Angiom, craniale Durafistel) oder
ein Aneurysma, die in der Regel in den genannten MR-Sequenzen als atypische
tubuläre Signalauslöschung (flow void) erfasst werden.
Eine MR-Angiographie sollte bei positivem Nachweis ergänzt werden.
Bei stark vaskularisierten Tumoren können eine präoperative
Angiographie und ggf. eine superselektive Tumor-Embolisation erforderlich
sein.
Der Kontakt zwischen Trigeminus-Austrittspunkt und Gefäß, ganz
überwiegend der A. cerebelli superior, ist ein häufiger Befund,
der - für sich allein genommen - keine pathogene Bedeutung besitzt
(Abb. 2). Gefäß-Nerven-Kontakte können abhängig von
der technischen Untersuchungsqualität bei mindestens 25 Prozent gesunder
Kontrollpersonen erhoben werden. Insbesondere bei älteren Patienten
mit hypertensiver Makrovaskulopathie sieht man häufig eine Elongation
der A. basilaris mit direktem Kontakt zum N. trigeminus, ohne dass dies
Symptome auslösen würde. Nur in Verbindung mit der Symptomatik
einer klassischen Trigeminusneuralgie ist der Nachweis eines Gefäß-Nerven-Kontaktes
diagnostisch zu werten und bei der Indikation zur operativen Therapie
zu berücksichtigen.
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MRT:
fettgesättigt nach KM, KM anreichender Tumor in der re. Felsenbeinspitze
mit Hirnstammkompression am Austrittspunkt des re. N. Trigeminus und
Infiltration der temporalen Dura |
CCT:
Maligne Knochendestruktion im Felsenbein und Os temporale re. sowie
im Clivus |
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Abb.
4: Differenzialdiagnose der Trigeminusneuralgie: Schädelbasistumor
- Sarkom |
3. Medikamentöse Therapie
Die zur Anwendung kommenden Medikamente sind in Tab. 5 zusammengefasst.
Im Allgemeinen sollte zunächst ein Therapieversuch mit Carbamazepin
in einschleichender Dosierung unternommen werden. Wegen weniger Interaktionen
könnte auch Oxcarbazepin primär Verwendung finden, welches in
einem Verhältnis 1,5 : 1 zum Carbamazepin steht. Insbesondere bei
älteren Patienten muss hier jedoch eine gelegentlich auftretende
Hyponatriämie als Nebenwirkung berücksichtigt werden.

Bei
therapierefraktären Schmerzen ergibt sich die Indikation für
eine add-on-Therapie mit Lamotrigin bzw. Gabapentin. In der letzten Zeit
hat sich - auch bereits in der Monotherapie - Pregabalin in einer bereits
effektiven Anfangsdosierung von 2 x 75 mg täglich bei guter Verträglichkeit
bewährt. Phenytoin kann in parenteraler Form bei Schluckunfähigkeit
wertvoll sein. Bei anhaltenden Schmerzsalven im Akutfall kann hier 250
mg Phenytoin i. v. in 20 Minuten einen Durchbruch ermöglichen.
Generell hat zu gelten, dass eine Monotherapie zu bevorzugen ist in Verbindung
mit konsequenter Aufsättigung. Umsetzen oder Kombination sollte erst
bei Refraktärität erwogen werden. Generell gilt, die niedrigste
noch wirksame Dosis zu finden. Der Versuch einer Dosisreduktion sollte
im Allgemeinen erst nach vier bis sechs Wochen Schmerzfreiheit durchgeführt
werden.
4. Operative Verfahren
Nach Versagen oder Unverträglichkeit der konservativen Therapie,
aber auch bei berufsbedingten Bedenken gegen die medikamentöse Therapie
(z. B. bei Kraftfahrern) muss an eine operative Therapie gedacht werden.
Bevorzugt wird im Allgemeinen die kausale, nicht destruktive mikrovaskuläre
Dekompression nach Jannetta (Tab. 6). Alle perkutanen Verfahren sind destruktive
Verfahren. Im Einzelfall muss eine individuelle Therapie in Abhängigkeit
von Alter, Begleiterkrankungen, aber auch Patientenwunsch (z. B. Angst
vor Schädeleröffnung) gesucht werden. Die häufigsten Verfahren
sind die Thermoläsion des Ganglion Gasseri und die mikrovaskuläre
Dekompression nach Jannetta, die im Folgenden näher beschrieben werden.

4.1. Thermoläsion des Ganglion Gasseri
Das ursprüngliche Prinzip der kontrollierten Thermoläsion ist
die möglichst selektive Ausschaltung der Schmerzfasern. Die Schmerzfasern
(A - und C-Fasern) haben nur eine dünne bzw. keine Myelinschicht.
Damit sollen sie gegenüber einer Erhitzung viel anfälliger sein
als Fasern mit einer dickeren Myelinschicht. Tatsächlich kommt es
bei einer Erhitzung auf 65-70° C jedoch zu einer Schädigung praktisch
aller Fasern, wobei die Entfernung zur Nadelspitze eine Rolle spielen
dürfte. So muss man nach einer Thermoläsion neben der Schmerzfreiheit
doch auch gewisse Gefühlsstörungen in Kauf nehmen.
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Technik:
Die Thermoläsion wird in Kurznarkose durchgeführt. Ca. 2-3 cm
lateral des Mundwinkels wird eine Thermosonde eingeführt und unter
Röntgen-Bildwandler-Kontrolle durch das Foramen ovale hindurch bis
zur Trigeminuswurzel geschoben (Abb. 5). Die exakte Position wird durch
Stimulation beim wachen Patienten so lange variiert, bis eine Reizung
genau im schmerzhaften Gesichtsbereich gelingt. Unter Kurznarkose wird
dann die Nadelspitze auf 65-70° C für eine Minute erhitzt.
Ist die Stimulationsstärke zum Erzielen eines Schmerzes verdreifacht
oder bereits eine Analgesie im lädierten Bereich vorhanden, wird
die Thermoläsion beendet und die Nadel entfernt. Der Patient kann
in der Regel ein bis zwei Tage später die Klinik verlassen.
Die Erfolgsquote ist mit über 90 Prozent sehr günstig, teilweise
werden auch sehr günstige Langzeitergebnisse mit 80 Prozent nach
zehn Jahren angegeben. Im Falle eines Rezidivs kann die Thermoläsion
wiederholt werden. Auch einige atypische Trigeminusneuralgien können
mit dem perkutanen Verfahren günstig, wenn auch deutlich weniger
erfolgreich beeinflusst werden.
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4.2.
Mikrovaskuläre Dekompression (Jannetta-Operation)
Diese Behandlungsmethode ist die einzige kausale Behandlung der typischen
Trigeminusneuralgie. Prinzip ist die Behebung des Gefäß-Nerven-Kontakts
im präpontinen Trigeminusabschnitt. Dies wird realisiert durch Einbringen
eines Polsters zwischen Nerven und Gefäß. Die Operation führen
wir in der Regel in Rückenlage mit zur Gegenseite gedrehtem Kopf
durch. Vorteil dieser Lagerung ist, dass das Kleinhirn nach Liquorentnahme
mit der Schwerkraft nach unten zieht und so automatisch den Kleinhirnbrückenwinkel
ohne Retraktion freigibt. Nach Durchtrennen einiger arachnoidaler Adhärenzen
werden der Trigeminus und das komprimierende Gefäß im Kleinhirnbrückenwinkel
freipräpariert. Häufig findet man eine erhebliche Druckusur
am Nerven. Nach Abpräparation und evtl. Verlagerung des Gefäßes
wird ein Polster (z. B. ein Teflon- oder Muskelstück) eingelegt,
um den erneuten Konflikt zu verhindern (Abb. 6). Danach wird die Wunde
mittels Dura-, Muskel-, Subkutan- und Hautnaht wieder verschlossen. Die
kleine ca. 2-2,5 cm große Trepanationsöffnung wird durch Knochenzement
(Palacos) verschlossen. Der Krankenhausaufenthalt liegt im Allgemeinen
bei sieben Tagen.
Die Erfolgsquote ist hoch: Schmerzfreiheit wird in über 80 Prozent
erreicht, in gut 15 Prozent erzielt man Schmerzlinderung. Die Patienten
wachen in der Regel bereits schmerzfrei aus der Narkose auf. Die Mortalitätsrate
liegt bei 0,5 Prozent, Komplikationen werden in 3,6 bis 34 Prozent angegeben,
erwähnenswert sind hier die Hypästhesie im Trigeminusbereich,
die Taubheit des ipsilateralen Ohres und die Liquorfistel. Operationsbedürftige
Rezidive treten in einer Größenordnung von elf Prozent bei
mittlerer Nachbeobachtungszeit von sechs Jahren auf.
Es gibt heute eine Reihe von Erkrankungen (z. B. Facialisspasmus, Glossopharyngeusneuralgie,
Tinnitus), die durch einen Gefäß-Nerven-Konflikt ausgelöst
werden und ebenso gut mit einer mikrovaskulären Dekompression geheilt
werden können (Tab. 7).
4.3. Seltene Verfahren
Diese Verfahren sind weniger verbreitet, es gibt aber doch einige Zentren,
die die nachfolgend erwähnten Behandlungsformen favorisieren und
erhebliche Fallzahlen sowie entsprechende Erfahrungen besitzen.
4.3.1. Glycerolinjektion
Die Glycerolinjektion wird mit der gleichen Punktionstechnik wie die Thermoläsion
durchgeführt. Die Nadelspitze wird in die Trigeminuszisterne (die
das Ganglion Gasseri umgibt) platziert. Injiziert werden ca. 0,4 ml Glycerol,
ein wasserfreier Alkohol. Die Erfolgsquote liegt bei über 90 Prozent,
die Langzeiterfolge werden nach zehn Jahren mit 80 Prozent angegeben.
Gefühlsstörungen sind häufig, störende Dysästhesien
werden mit 20-40 Prozent angegeben. Die Anaesthesia dolorosa (Schmerz
bei gleichzeitigem Ausfall der Oberflächensensibilität) wird
mit 1,8 Prozent erwartet, aseptische Meningitiden sind möglich.

4.3.2. Ballonkompression des Ganglion Gasseri
Hierfür wird ein 4-French aufblasbarer Ballonkatheter in der oben
beschriebenen Punktionstechnik (5.1) in die Trigeminuszisterne eingeführt
und mit 0,75-1 ml (entsprechend einem intraluminalen Druck von 1 000-1
500 mmHg) gefüllt. Die anfänglichen Ergebnisse entsprechen denen
anderer perkutaner Verfahren, die Rezidivquote ist jedoch höher;
die Anaesthesia dolorosa tritt dagegen nur extrem selten auf (0,1 Prozent).
4.3.3. Stereotaktische (Radiochirurgische) Bestrahlung
Der Anfangserfolg der stereotaktischen Bestrahlung der Trigeminusnervenwurzel
liegt bei über 85 Prozent und sinkt nach 33 Monaten auf 75,4 Prozent
ab. Nach der Prozedur treten Gefühlsstörungen in ca. zehn Prozent
der Fälle auf, Langzeitergebnisse müssen abgewartet werden.
Die früher geübten läsionellen Therapien (Exhärese
peripherer Trigeminusäste und extradurale Durchtrennung von Trigeminusästen
an der Schädelbasis) können mit den Erfolgs- und Komplikationsquoten
der perkutanen Verfahren nicht mithalten und sollten nicht mehr durchgeführt
werden (AWMF Leitlinie Neurologie: Trigeminusneuralgie).
Zusammenfassung
Die klassische Trigeminusneuralgie kann klinisch bereits durch sorgfältige
Schmerzanalyse mit hoher Sicherheit diagnostiziert werden. Symptomatische
Trigeminusneuropathien und der atypische Gesichtsschmerz müssen differenzialdiagnostisch
ausgeschlossen werden. Die bildgebende Diagnostik ist hier besonders zum
Tumorausschluss wichtig. Der Gefäß-Nerven-Kontakt kann bei
geeigneten, hoch auflösenden NMR-Schichten bereits häufig erkannt
werden, kann aber auch ohne entsprechende Symptomatik vorkommen.
Nach Versagen oder Unverträglichkeit der medikamentösen konservativen
Therapie sind die weitest verbreiteten operativen Verfahren die kausale
mikrovaskuläre Dekompression nach Jannetta oder die symptomatische
Thermoläsion des Ganglion Gasseri. Beide haben eine günstige
Prognose bei - in geübter Hand - geringer Komplikationsrate. Sofern
es der klinische Zustand erlaubt, ist die kausale mikrovaskuläre
Dekompression vorzuziehen, da sie eine Heilung mit geringer Rezidivrate
ohne zusätzliche Sensibilitätsstörungen verspricht.
Mit freundlicher Nachdruckgenehmigung des Hamburger Ärzteblattes
Heft 12/2006
Literatur bei den Verfassern
Prof. Dr. Uwe Kehler, Neurochirurgie,
PD Dr. Bernd Eckert, Neuroradiologie,
Prof. Dr. Axel Müller-Jensen, Neurologie,
Neurozentrum der Asklepios Klinik Hamburg Altona, Paul-Ehrlich-Str.
1, 22763 Hamburg
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Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 2/2007
S. 62-68
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