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Einfluss
onkologischer Therapien auf die weibliche Fertilität und Fertilitätsprävention
Frank Nawroth, Michael Ludwig
Nach einem Vortrag
und Syllabusbeitrag beim XVIII. Intensivkurs gynäkologische Endokrinologie
und Reproduktionsmedizin für Frauenärzte in Hamburg
Risikofaktoren für eine irreversible Schädigung der Gonaden
sind operative Eingriffe und/oder die bei malignen Erkrankungen erfolgende
adjuvante lokale bzw. systemische Therapie. Daher müssen Konzepte
zur Prävention der Fertilität und die Beratung darüber
heute integraler Bestandteil onkologischer Behandlungen von präpubertären
oder Patientinnen im reproduktiven Alter sein. Im Vergleich zur einfachen
und etablierten Kryokonservierung von Spermien sind präventive Konzepte
der weiblichen Fertilität oft komplexer, verlangen eine individuelle
Planung und bedeuten häufig eine Verzögerung der onkologischen
Therapie der Grunderkrankung.
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POF in 42 % der Pat. 30-39 Jahre und in 60 % aller therapierten Pat.
Tab. 1: Ovarialfunktion und Fertilität nach onkologischen Therapien
(Lobo, 2005) |
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Grundlage der Beratung
ist die Einschätzung des Risikos der adjuvanten Therapie für
eine gonadale Schädigung, wobei eine individuelle Vorhersage mitunter
schwierig ist. Insbesondere Polychemotherapien unter Verwendung von Alkylantien
sind mit einem hohen Risiko einer prämaturen Ovarialinsuffizienz
(POF-Syndrom) behaftet. Ein weiterer wichtiger Einflussfaktor hinsichtlich
der Auswirkungen einer Therapie ist das Alter der Patientin (Tab. 1).
Auch bei Patientinnen mit posttherapeutisch regelmäßigen Zyklen
besteht eine erhöhte Wahrscheinlichkeit einer latenten Einschränkung
der ovariellen Reserve, offensichtlich mitunter erst bei einer ovariellen
Stimulation. Neben Kenntnissen über die aktuellen präventiven
Möglichkeiten und der Auswahl sowie zeitnahen Realisierung des individuell
geeigneten Konzeptes steht die Schaffung von logistischen Strukturen im
Vordergrund, die oft eine interdisziplinäre Koordination erfordern
und in Abhängigkeit von der jeweiligen Dringlichkeit zeitnah umsetzbar
sind. Vorstellbar sind dabei unterschiedliche Optionen, deren aktuelle
Bedeutung in Tabelle zwei dargestellt wird.
- Transposition
der Ovarien
m Chemoprotektion durch GnRH-Agonisten
- ovarielle
Stimulation und Kryokonservierung unfertilisierter oder fertilisierter
Zellen
- Kryokonservierung
und Transplantation von Ovarialgewebe
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| Tab.
2: Möglichkeiten zur Prävention der weiblichen Fertilität |
Transposition der Ovarien (Ovariopexie)
Humane Oozyten weisen eine hohe Strahlensensitivität auf, sodass
bereits bei < 2 Gy die Hälfte aller Oozyten irreversibel geschädigt
ist (Wallace et al., 2003). Bei der Transposition der Ovarien erfolgt
daher eine operative intraabdominale Verlagerung der Ovarien nach lateral/
kranial, sodass deren Verlagerung aus dem Bestrahlungsfeld erreicht wird.
Als Ursache für den in der Literatur teilweise beschriebenen geringen
präventiven Effekt der Methode hinsichtlich der Ovarialfunktion vermutet
man Streustrahlungen. In einem aktuellen Review hingegen wird die Methode
zusammenfassend als insgesamt trotz ihrer Effektivität und Einfachheit
deutlich unterschätzt und zu selten angewendet beschrieben (Bisharah
et al., 2003). Die Autoren fanden in einer Medline-Recherche englischsprachiger
Publikationen in 88,6 Prozent eine erhaltene Ovarialfunktion und schlussfolgerten,
dass die Methode unbedingt in das Behandlungskonzept einbezogen und mit
den Patientinnen diskutiert werden sollte. Dabei bleibt die Prognose über
den Nutzen einer Transposition im Einzelfall schwierig, da diese von der
Streustrahlung, der Beeinträchtigung der Gefäßversorgung,
dem Alter der Patientin, der Bestrahlungsdosis sowie der Applikationsart
(intrakavitäre Brachytherapie oder extern perkutan) abhängt.
Möglich wäre als präventives Konzept die Kombination der
ovariellen Transposition mit der gleichzeitigen Gewinnung von Ovarialgewebe
zur Kryokonservierung (siehe S. 60).
Protektion des Germinalgewebes durch GnRH-Agonisten (Chemoprotektion)
Da Zellen mit einer hohen Teilungsaktivität sensitiver gegenüber
zytotoxischen Einflüssen sind, wird hier versucht, die Teilungsgeschwindigkeit
medikamentös zu senken und dadurch die Schädigung der Gonaden
durch eine adjuvante Chemotherapie zu limitieren. Die Effektivität
hormonaler Kontrazeptiva ist in ausreichend großen prospektiven
Studien nicht bewiesen und generell aufgrund der suboptimalen ovariellen
Suppression auch zweifelhaft.
Zweifel an der Wirksamkeit von GnRH-Agonisten (GnRHa) resultieren aus
dem Wissen, dass sich ca. 90 Prozent aller ovariellen Follikel in einem
Ruhestadium befinden, keine FSH-Rezeptoren exprimieren (Oktay et al.,
1997) und daher kein FSH zur Initiierung des Wachstums benötigen
(Meduri et al., 2003). Da das Ziel aber gerade in der Erhaltung der Primordialfollikel
besteht, ist die Rationale zur Suppression der Hypophyse durch GnRHa ungeklärt.
Zusammenfassend fehlen momentan umfangreiche randomisierte Studien mit
eindeutigen Beweisen der Wirksamkeit von GnRHa. Die initiale vermehrte
Gonadotropinfreisetzung der Hypophyse nach erster Applikation des GnRHa
(so genannter Flare up-Effekt = starker Gonadotropinanstieg),
welche der vollständigen Niederregulation der ovariellen Funktion
mit hypogonadotropem Zustand vorangeht, bedeutet durchschnittlich eine
7- bis 14-tägige zeitliche Verzögerung bis zum optimalen Beginn
der Chemotherapie. Eine Möglichkeit zur Verkürzung dieses Intervalles
wäre die Anwendung von GnRH-Antagonisten, die innerhalb von etwa
acht Stunden zu einer kompetitiven Rezeptorblockade ohne flare up
führen. Deren Stellenwert muss nach konträren Ergebnissen im
Mausmodell - sowohl eine Protektion vor Cyclophosphamid (Meirow et al.,
2004) als auch eine Reduktion der Primordialfollikel (Danforth et al.,
2005) - aber weiter evaluiert werden.
Ovarielle Stimulation und Kryokonservierung von unfertilisierten oder
fertilisierten Oozyten
Nachteil dieses Konzeptes ist eine zeitliche Verzögerung von etwa
drei bis vier Wochen für die ovarielle Stimulation, sodass es bei
zeitnah erforderlicher onkologischer Therapie, aber auch bei präpubertären,
noch nicht stimulierbaren Patientinnen nicht umsetzbar ist. Die spätere
Lagerzeit der Zellen nach der Kryokonservierung spielt nach heutigem Kenntnisstand
eine untergeordnete Rolle. Kritisch wird die Stimulation bei hormonsensitiven
Tumoren beurteilt, wobei alternativ zur Gonadotropinstimulation publizierte
Stimulationen mit Tamoxifen oder Aromatasehemmern ansprechende Ergebnisse
zeigten (Oktay et al., 2004).
Nach der ovariellen Stimulation lassen sich Eizellen sowohl befruchtet
als auch - bei nicht vorhandenem Partner - unbefruchtet einfrieren. Die
Überlebensraten unbefruchteter Zellen erreichen mittlerweile nahezu
die von befruchteten (etwa 70 bis 90 Prozent). Die Fertilisierungsraten
aufgetauter unbefruchteter Zellen sind nach intrazytoplasmatischer Spermieninjektion
(ICSI) höher als nach konventioneller In-vitro-Fertilisation (IVF)
(Kazem et al., 1995; Fabbri et al., 2000).
Kryokonservierung von humanem Ovarialgewebe
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Abb.
1: Möglichkeiten der Verwendung von kryokonserviertem/
aufgetautem Ovarialgewebe |
Bei präpubertären und damit nicht medikamentös stimulierbaren
Patientinnen sowie in Akutsituationen mit kleinem Zeitfenster bis zum
Beginn der adjuvanten onkologischen Therapie stellt die Kryokonservierung
von Ovarialgewebe eine zunehmend diskutierte und wissenschaftlich untersuchte
Option dar. Zur Verwendung des Ovarialgewebes nach dem Auftauen gibt es
verschiedene Möglichkeiten (Abb. 1).
a) orthotope Autotransplantation - Transplantation des Gewebes im Bereich
der Ovarloge bzw. in ein nicht mehr funktionstüchtiges Ovar mit der
Möglichkeit einer Spontangravidität,
- heterotope Autotransplantation
(z. B. subkutan am Bauch, Arm etc.), wobei hier bei bestehendem Kinderwunsch
dann eine IVF erforderlich wäre. Diese einfache Methode erscheint
vor allem sinnvoll, wenn die Patientin die Transplantation nicht wegen
des Kinderwunsches, sondern z. B. nur zur Vermeidung eines POF-Syndroms
wünscht.
b) Xenotransplantation
- Transplantation des Gewebes in immundefiziente Versuchstiere
(z. B. Mäuse), perspektivisch eher nur zur Untersuchung wissenschaftlicher
Fragestellungen.
Mittlerweile wurde bereits ein Kind nach orthotoper Autotransplantation
und Spontangravidität (Donnez et al., 2004) sowie eines nach orthotoper
Autotransplantation und IVF geboren (Meirow et al., 2005). Eine weitere
Spontangravidität nach orthotoper Autotransplantation (Demeestere
et al., 2006) sowie eine Schwangerschaft nach heterotoper Autotransplantation
und IVF (Rosendahl et al., 2006) endeten mit Aborten. Außerdem existieren
mehrere Publikationen über eine unauffällige Ovarialfunktion
nach Chemotherapie und ortho- sowie heterotoper Autotransplantation (Donnez
et al., 2005; Schmidt et al., 2005).
Ein mit den Patientinnen zu diskutierendes Problem bleibt die theoretische
Möglichkeit der Retransplantation von Tumorzellen, wobei das Risiko
hier wahrscheinlich auch von der Tumorentität abhängt (Oktay,
2001). Entsprechende Hinweise für Lymphome im Mausmodell (Shaw et
al., 1996) konnten beim Menschen aber nicht bestätigt werden (Meirow
et al., 1998; Kim et al., 2001). Im Vordergrund steht daher momentan unter
anderem die Entwicklung geeigneter und routinetauglicher Methoden zur
Detektion von Tumorzellen im aufgetauten Gewebe vor der Transplantation
(Kurokawa et al., 1996; Radich, 1999).
Neben der Kryokonservierung von Ovarialgewebe bei potenziellem Kinderwusch
wäre die spätere Transplantation auch zur Vermeidung einer Hormonersatztherapie
außerhalb des Kinderwunsches denkbar (Kiran et al., 2005).
Zusammenfassung
Mit der Kryokonservierung/Transplantation von humanem Ovarialgewebe als
realistische präventive Option wurden die vorhandenen präventiven
Konzepte erweitert. Mit der Anzahl präventiver Konzepte unterschiedlicher
Fachgebiete für Patientinnen wächst aber auch die Bedeutung
der interdisziplinären Kooperation. Die komplexe Kenntnis der zur
Verfügung stehenden Optionen zum Fertilitätserhalt ist Voraussetzung
für die individuelle und schnelle Planung des geeigneten Vorgehens.
Eine kritische Beratung über präventive Möglichkeiten muss
bei der Vielzahl onkologischer Patientinnen integraler Bestandteil des
Therapiekonzeptes sein.
Die individuelle Prognose des präventiven Effektes einer Transposition
der Ovarien ist schwierig, da diese abhängt von der Streustrahlung,
der Beeinträchtigung der Gefäßversorgung, dem Alter der
Patientin, der Bestrahlungsdosis sowie der Applikationsart. Die Wirksamkeit
einer Protektion durch hormonale Kontrazeptiva ist aufgrund der ungenügenden
Ruhigstellung der Ovarien fraglich. Ob GnRHa tatsächlich zu einer
Minimierung zytotoxischer Einflüsse führen, werden weitere umfangreiche
prospektiv randomisierte Studien klären müssen.
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| Abb.
2: Flussschema der präventiven Möglichkeiten der weiblichen
Fertilität |
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Ovarielle Stimulation,
Follikelpunktion und Kryokonservierung der unfertilisierten oder fertilisierten
Zellen nehmen wenigstens drei bis vier Wochen in Anspruch - eine Zeit,
die bei zahlreichen akut therapiebedürftigen onkologischen Erkrankungen
nicht zur Verfügung steht. Bei hormonsensitiven Tumoren wird die
ovarielle Stimulation kritisch diskutiert. In der Präpubertät
ist sie nicht möglich, danach käme alternativ die ovarielle
Stimulation mit Tamoxifen oder Aromatasehemmern infrage. Verbesserte Ergebnisse
der Kryokonservierung unbefruchteter Oozyten lassen diese auch bei partnerlosen
Patientinnen sinnvoll erscheinen.
Nach kritischer Aufklärung der Patientin über den aktuellen
Stand der Kryokonservierung von Ovarialgewebe, die noch zu lösenden
Probleme sowie die noch begrenzten Erfahrungen nach Transplantation kann
diese Methode in der Routine angeboten werden (Nawroth et al., 2003) (Abb.
2).
Fazit für die Praxis
Für die Prävention der Fertilität existiert kein Idealkonzept,
sondern im Vordergrund der Bemühungen müssen zeitnahe Festlegung
eines individuellen Vorgehens, kritische Beratung über die Prognose
des Konzeptes sowie seine meist interdisziplinäre Planung und Realisierung
stehen. Dieses individuelle Konzept wird vor allem durch das Alter der
Patientin, die Tumorentität, die verbleibende Zeit bis zur onkologischen
Therapie, die geplanten Therapiemaßnahmen und die Dringlichkeit
des Wunsches der Patientin bestimmt.
Mit freundlicher Nachdruckgenehmigung des Hamburger Ärzteblattes
Heft 10/2006
Literatur bei den
Verfassern
PD Dr. Frank Nawroth, Prof. Dr. Michael Ludwig,
Endokrinologikum Hamburg, Zentrum für Hormon- und Stoffwechselerkrankungen,
Reproduktionsmedizin und gynäkologische Endokrinolosie, Lornsenstr.
6, 22767 Hamburg
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Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 2/2007
S. 58-62
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