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31. Interdisziplinäres
Forum der Bundesärztekammer
Neue Erkenntnisse medizinischer Forschung
Edda Oppermann
Schnelle Vermittlung gesicherter neuer Erkenntnisse der medizinischen
Forschung, Diskussion eventuell obsolet gewordener Methoden und natürlich
auch ihre Auswirkungen auf die Praxis standen auch auf dem 31. Interdisziplinären
Forum der Bundesärztekammer in Berlin im Mittelpunkt der Vorträge
und Diskussionen. Gefragt wurde aber auch: Welche Methoden werden zu Unrecht
nicht mehr angewandt? Welche alten Methoden sind in Vergessenheit geraten?
Und: Welche Fehler werden erfahrungsgemäß häufig gemacht?
Das Angebot des Forums
richtet sich natürlich an alle interessierten Ärztinnen und
Ärzte, aber insbesondere auch an die Fortbildungsbeauftragten der
Landesärztekammern, die aufgerufen sind, die Fortbildungsschwerpunkte
in ihren Regionen für das folgende Jahr festzulegen und diese als
Multiplikatoren in ihren Ärztekammern zu kommunizieren. Die Fortbildungsbeauftragten
aus Schleswig-Holsteins Kreisen übrigens nehmen diese Aufgabe gern
wahr: Auch dieses Jahr stellten unsere Vertreter zahlenmäßig
die meisten Teilnehmer auf dem Interdisziplinären Forum!
In jeweils halbtägigen Themenblöcken wurden dieses Jahr fünf
Schwerpunktthemen bearbeitet: Suchterkrankungen, Andrologie, Adipositas,
Versorgung betagter Menschen sowie Arzneitherapie und Arzneimittelsicherheit
im Alter. Regen Zuspruch fand auch der Abendvortrag zum Thema Der
medizinische Fortschritt aus ethischer Sicht, für den die Bundesärztekammer
Prof. Dr. phil. Dietrich von Engelhardt aus Lübeck gewinnen konnte.
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| Fortbildung
ist auch Chefsache: Prof. Dr. Heyo Eckel, Prof. Dr. Dr.
h. c. Karsten Vilmar, Dr. Franz Bartmann, Prof. Dr. Christoph Fuchs,
Dr. Justina Engelbrecht (v. l.) (Fotos: rat) |
Nur ein Drittel
der Alkoholabhängigen lässt sich behandeln, aber intensive Therapie
führt zu hohen Abstinenzraten
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Prof.
Dr. Fritz Hohagen, Lübeck |
Mit einem jährlichen
Pro-Kopf-Verbrauch von 10,1 Liter reinen Alkohol gehört Deutschland
weltweit zu den Ländern mit dem höchsten Alkoholkonsum; europaweit
belegt Deutschland Platz fünf. Jährlich sterben hierzulande
über 70 000 Menschen durch riskanten Alkoholkonsum oder durch kombinierten
Konsum von Alkohol und Tabak. Etwa zehn Prozent der Bundesbürger
haben einen riskanten Alkoholkonsum, der gesundheitsschädlich sein
kann; rund 1,6 Millionen Menschen gelten als alkoholabhängig. Deutschland
steht damit im europäischen Spitzenfeld, und internationale Vergleiche
belegen, dass das politische Potenzial zur Eindämmung dieser volkswirtschaftlich
hochrelevanten Schäden groß, aber wenig genutzt ist.
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| Dr.
phil. Dipl.-Psych. Hans-Jürgen Rumpf, Lübeck |
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Mehr
als 70 Prozent der Alkoholabhängigen nehmen keine suchttherapeutische
Hilfe in Anspruch. Im Suchthilfesystem besteht eine deutliche Unterversorgung,
warnte Dr. phil. Dipl.-Psych. Hans-Jürgen Rumpf vom Universitätsklinikum
Schleswig-Holstein in Lübeck. Nur etwa 15 Prozent der Abhängigen
erhielten die klassischen Angebote wie eine qualifizierte
Entgiftung oder Entwöhnungsbehandlung. Einmal süchtig,
immer süchtig bedeute aber nicht, dass man eine Sucht nicht
behandeln, bewältigen oder gar überwinden könne. In der
Suchtkrankenhilfe würden insbesondere verhaltenstherapeutische, familientherapeutische
und analytisch-tiefenpsychologische Verfahren zur Anwendung kommen. Nach
einem Jahr intensiver Behandlung lägen die Abstinenzraten bei ca.
50 Prozent, betonte Rumpf.
Auch der Verbrauch von Arzneimitteln mit Missbrauchs- und Abhängigkeitspotenzial
ist in Deutschland hoch; besonders häufig sind Frauen und ältere
Menschen betroffen. Die Zahl der Arzneimittelabhängigen, insbesondere
derer von Benzodiazepinen und Schmerzmitteln, schätzen die Experten
auf ca. 1,4 Millionen. Wenn die Verschreibungen in diesen beiden
Gruppen über die letzten Jahre auch rückläufig zu sein
scheinen, kann doch keine Entwarnung gegeben werden, sagte Prof.
Dr. Fritz Hohagen, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie
am Universitätsklinikum in Lübeck. Bei der Entwöhnungsbehandlung
von Medikamentenabhängigen gebe es noch weitaus größere
Defizite als bei Alkoholabhängigen. Nur wenige Betroffene nähmen
suchtspezifische Hilfen in Anspruch. Bei der Bewilligung ambulanter und
stationärer Entwöhnungsbehandlungen lägen diese jeweils
bei unter einem Prozent der Gesamtbewilligungen, so Hohagen.

Eine wichtige Rolle bei der Behandlung von Suchterkrankungen spielen der
Hausarzt oder das Allgemeinkrankenhaus. Insbesondere Konzepte der Frühintervention
können die Defizite bei der Versorgung von Suchtkranken abmildern.
Der Hausarzt gilt vielen Patienten als Vertrauensperson, zu der zum Teil
ein jahrelanger Kontakt besteht. Ein auffälliges Trinkverhalten oder
ein Medikamentenmissbrauch können so frühzeitig bemerkt werden.
Zudem steht eine Vielzahl von Erkrankungen direkt oder indirekt mit dem
Alkoholkonsum in Verbindung. Das bietet günstige Anknüpfungspunkte
für ein beratendes Gespräch. Im Krankenhaus kann die zeitweilige
Abstinenz oder der körperliche Entzug für eine Beratung und
weiterführende Maßnahmen genutzt werden.
Auch wenn die pharmakotherapeutischen Möglichkeiten einer Suchttherapie
stetig verbessert werden, liegt doch der Hauptansatz in der psychotherapeutischen
Einflussnahme. Hierzu sprach PD Dr. med. habil. Klaus Junghanns, Klinik
für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums
Schleswig-Holstein in Lübeck. Er skizzierte die verschiedenen psychotherapeutischen
Behandlungsstrategien. Bei der Behandlung von Suchtkranken haben sich
Kurzinterventionen als sehr wirksam erwiesen. Mehrere kurze Beratungsgespräche
oder auch das Aushändigen einer Broschüre oder von Selbsthilfemanuals
haben bei Risikokonsumenten zu einer Reduktion des Alkoholkonsums geführt.
Bei Abhängigen sind allerdings weitergehende suchtspezifische Maßnahmen
erforderlich. In der Gesprächsführung mit dem Patienten haben
sich spezifische Methoden im Sinne eines Motivational Interviewing (Motivierende
Gesprächsführung) sehr bewährt.
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| PD
Dr. med. habil. Klaus Junghanns, Lübeck |
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Impotenz
und Fertilitätsstörungen - Domäne des Andrologen
Die Andrologie ist, verglichen mit der Gynäkologie, noch ein relativ
junges Fach in der Praxis, der Hilfebedarf bei Männern und Paaren
aber nicht zu unterschätzen. Längst nicht alle Männer mit
Erektionsstörungen sprechen auf eine Behandlung mit modernen Arzneimitteln
an. Nur in der Hälfte der Fälle ist eine Behandlung mit so genannten
PDE-Inhibitoren (Sildenafil, Vardenafil und Tadalafil) Erfolg versprechend.
Hier muss das gesamte Spektrum der Behandlungsmöglichkeiten genutzt
werden, um Patienten mit erektiler Dysfunktion zu helfen. Vor dem
ersten Therapieversuch muss klar sein, dass die Therapie der erektilen
Dysfunktion ein Konzept verschiedenster Optionen umfasst, sagte
PD Dr. Herbert Sperling, Chefarzt der Klinik für Urologie am Krankenhaus
St. Franziskus in Mönchengladbach.
Die Behandlungsstrategien reichten inzwischen von der Sexualtherapie über
die Testosteron-Substitution bis hin zu Injektionen, Vakuum-Erektionshilfen
und Schwellkörperimplantaten. Besonders Vakuumsysteme erfahren derzeit
aufgrund der Erstattungspraxis der Krankenkassen eine Renaissance. Bei
den meisten Patienten wird durch das Vakuum ein erektionsähnlicher
Zustand induziert, der zum Geschlechtsverkehr befähigt. Die primäre
Akzeptanz der Patienten erscheint niedrig; wird es jedoch angewendet,
so sind Zufriedenheitsraten von mehr als 70 Prozent bei Patienten und
Partnerinnen nachweisbar, sagte Sperling.
In Deutschland
leiden etwa sieben Prozent der Männer unter Fertilitätsstörungen.
Die häufigste Form der genetisch bedingten Unfruchtbarkeit des Mannes
ist das so genannte Klinefelter Syndrom (KS), von dem etwa 0,2 Prozent
der erwachsenen männlichen Bevölkerung betroffen sind. Doch
nur bei etwa einem Viertel aller Männer mit Klinefelter Syndrom werde
die Störung auch diagnostiziert, sagte Prof. Dr. Eberhard Nieschlag,
Präsident der Deutschen Gesellschaft für Andrologie und Direktor
des Instituts für Reproduktionsmedizin am Universitätsklinikum
Münster. Angesichts der hohen Sterblichkeitsrate sei es daher von
großer Bedeutung, dass die Krankheit häufiger erkannt werde.
Das Klinefelter Syndrom äußert sich durch Testosteronmangel,
ein geringes Hodenvolumen und Zeugungsunfähigkeit, erklärte
Nieschlag. Folgeerkrankungen könnten Diabetes mellitus, Epilepsie,
Embolien, Osteoporose oder psychische Störungen sein.
Würde
die Untersuchung der Hoden und die richtige Interpretation der Hodengröße
nicht nur in der Lehre, sondern auch in der Praxis zur Standarduntersuchung
eines männlichen Patienten gehören, könnten mehr Männer
mit Klinefelter Syndrom frühzeitig diagnostiziert werden, sagte
Nieschlag. Gelegentliche Arztbesuche und Reihenuntersuchungen wie bei
der Musterung seien Gelegenheiten, um betroffene Personen zu entdecken.
Eine rechtzeitige Diagnose sei umso wichtiger, als ein Testosterondefizit
heute effektiv und individuell durch die Gabe natürlichen Testosterons
ausgeglichen werden könne. Regelmäßige Kontrollen,
zu denen auch Vorstellungen in einem spezialisierten Zentrum in jährlichen
Abständen gehören, dienen der Therapieüberwachung, der
Behandlung und Vorbeugung von Symptomen und insgesamt einer möglichst
hohen Lebensqualität für Betroffene, so Nieschlag.
Schon 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen sind übergewichtig
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Prof.
Dr. Jan Schulze, Dresden |
Adipositas
hat in den entwickelten Industriestaaten epidemische Ausmaße angenommen:
Schon jetzt ist gut die Hälfte der Deutschen übergewichtig,
jeder fünfte Bundesbürger gilt sogar als stark übergewichtig
(adipös). Übergewicht und Adipositas steigen nach wie
vor an. International liegt Deutschland dabei durchaus in der Spitzengruppe,
sagte Prof. Dr. Jan Schulze, Präsident der Sächsischen Landesärztekammer
und Facharzt für Innere Medizin am Universitätsklinikum der
TU Dresden. Zu erklären sei diese Entwicklung mit unserem Lebensstil,
dem Bewegungsmangel in Beruf und Freizeit sowie einer Über- und Fehlernährung.
Die durch Adipositas hervorgerufenen Kosten lägen bei sechs Prozent
aller Krankheitskosten und betrügen etwa 15 bis 20 Milliarden Euro
pro Jahr, so Schulze.
Allein
in den USA werden die Kosten auf 117 Milliarden Dollar geschätzt.
Experten zufolge sind derzeit etwa 1,3 Milliarden Menschen auf der Welt
von Übergewicht und Adipositas betroffen. Das Mortalitätsrisiko
bei diesen Patienten steigt im Durchschnitt auf das zwei- bis dreifache
der Normalbevölkerung, erklärte Prof. Dr. Rudolf Weiner,
Chefarzt an der Chirurgischen Klinik am Krankenhaus Sachsenhausen in Frankfurt
am Main. Die Lebenserwartung vermindert sich dadurch für übergewichtige
Männer um bis zu acht Jahre, für übergewichtige Frauen
um bis zu sechs Jahre.
Adipositas führt zu einer großen Zahl an Folgeerkrankungen.
Dazu gehören Diabetes mellitus, Hypertonie und Herzerkrankungen,
auch kombiniert als metabolisches Syndrom, Schlafapnoe, Arthrosen und
psychische Leiden. Adipositas hat somit ähnlich schwerwiegende gesundheitliche
Folgen wie Tabak- oder Alkoholmissbrauch.
Beängstigend ist vor allem die rapide Gewichtszunahme von Kindern
und Jugendlichen und die daraus resultierende frühe Entwicklung von
gefährdenden Begleit- und Folgekrankheiten. Laut Bundesgesundheitssurvey
vom September 2006 sind 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen übergewichtig
- ein Anstieg von 50 Prozent im Vergleich zum Anfang der 90er Jahre. Die
Zahl der adipösen Kinder und Jugendlichen hat sich sogar im selben
Zeitraum auf 6,3 Prozent verdoppelt. Adipositas im Kindes- und Jugendalter
geht mit einer erheblich geminderten Lebensqualität einher. Dazu
gehören ein gestörtes Selbstbild, vermindertes Selbstvertrauen
und soziale Diskriminierung, warnte Prof. Dr. Martin Wabitsch, Leiter
der Sektion Pädiatrische Endokrinologie und Diabetologie am Universitätsklinikum
Ulm. Etwa 30 Prozent dieser Kinder und Jugendlichen hätten eine Fettlebererkrankung
als Folge ihres Übergewichts entwickelt, ebenfalls 30 Prozent litten
bereits am metabolischen Syndrom. Bei 25 Prozent lägen orthopädische
Folgeerkrankungen vor und ein Prozent leide bereits an einem Altersdiabetes.
Diese Zahlen zeigen, dass eine immense Kostenlawine auf das deutsche
Gesundheitssystem zurollen wird, so Wabitsch. Adipositas im Kindes-
und Jugendalter sei für herkömmliche Maßnahmen weitgehend
therapieresistent. Dieser Bereich stelle daher eine klassische Aufgabe
für die Präventivmedizin dar. Eine wirksame Prävention
kann von einzelnen Personen oder Gruppen im Gesundheitssystem jedoch nicht
erbracht werden, so Wabitsch. Sie ist viel mehr eine vorrangig
familienpolitische, hoheitliche Aufgabe des Staates.
Bundesärztekammer-Präsident:
Prof. Dr. Jörg-Dietrich Hoppe
Die Fortbilder: Dr. Franz Bartmann, Dr. Justina Engelbrecht,
Prof. Dr. Heyo Eckel (v. l.)
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Folgenreich
sind Übergewicht
und Adipositas aber auch bei Erwachsenen. Hier gibt es in Deutschland
nur wenige sinnvolle Behandlungsangebote, obwohl wir längst evidenzbasierte
Leitlinien zur Prävention und Behandlung der Adipositas auf der Grundlage
zahlreicher guter Studien haben, sagte Prof. Dr. Hans Hauner, Leiter
des Else-Kröner-Fresenius-Zentrums für Ernährungsmedizin
der Technischen Universität München. Diese Leitlinien würden
gemeinsam von mehreren Fachgesellschaften herausgegeben und regelmäßig
aktualisiert. Jede Therapie sollte multidisziplinär sein, d. h. Ernährungstherapie,
Bewegungssteigerung und Verhaltensmodifikation sollten miteinander kombiniert
werden und auf den einzelnen Patienten individuell zugeschnitten werden,
so Hauner. Gewichtssenkende Medikamente könnten die Wirksamkeit dieser
Basistherapie bei richtiger Indikationsstellung verbessern.
Strategien für gesundes Altern könnten große Ressourcen
bei alten Menschen mobilisieren
Alte Menschen haben eine Fülle von Ressourcen, die wir fördern
müssen. Leider aber wird Alter in unserer Gesellschaft immer noch
überwiegend als eine Phase abnehmender Gesundheit und chronischer
Krankheiten verzerrt wahrgenommen, sagte Prof. Dr. Elisabeth Steinhagen-Thiessen,
Leitern der Forschungsgruppe Geriatrie an der Berliner Charité.
Die Gesellschaft müsse sich darauf einstellen, dass aufgrund des
demographischen Wandels der Anteil älterer, hilfsbedürftiger
Menschen weiter steigen werde. Mögliche Strategien für
ein gesundes Altern könnten darin bestehen, die Bedeutung der Prävention
und Rehabilitation bei älteren Menschen hervorzuheben, Chancen für
den Einsatz neuer Medien in der Versorgung älterer Menschen zu nutzen
und für eine zunehmende Geriatriesierung der Aus- und Fortbildung
medizinischer Berufe zu sorgen, erklärte Steinhagen-Thiessen.
Durch die höhere Lebenserwartung der Menschen sind in den Industriestaaten
Alterserkrankungen wie die Osteoporose auf dem Vormarsch. Die Zahl der
osteoporosebedingten Oberschenkelhalsbrüche werde in den kommenden
Jahren exponentiell ansteigen, warnte Prof. Dr. Kuno Weise, ärztlicher
Direktor der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik Tübingen. In
den nächsten 50 Jahren sei eine Verdreifachung solcher Frakturen
zu erwarten. Schon heute belaufen sich die Folgekosten eines Oberschenkelhalsbruches
im ersten Jahr nach dem Ereignis auf 25 000 Euro, sagte Weise. Die
Kosten für Aufenthalte in Pflegeheimen seien darin noch nicht einmal
enthalten. Daraus ergebe sich die dringliche Notwendigkeit einer speziellen
Prävention. Dazu gehörten die Aufklärung der Patienten
im Hinblick auf osteoporosebedingte Frakturen, die Durchführung einer
Osteoporosediagnostik sowie die Einleitung geeigneter, auch medikamentöser
Präventivmaßnahmen zur Vermeidung von Folgefrakturen.
Für den Chirurgen ist die zunehmende Zahl älter werdender Menschen
zwar bedeutsam, aber es besteht nicht automatisch ein per se erhöhtes
Operationsrisiko bzw. ein Ausschlusskriterium für große kurative
Eingriffe. Eine wichtige Rolle spielt das biologische Alter,
gemessen über die physische und psychische Belastbarkeit des Patienten
bzw. seine mögliche Multimorbidität. Fortschritte im perioperativen
Management, in der Anästhesie, der chirurgischen Technik mit Minimalisierung
des Traumas sowie die Intensivmedizin haben dabei zu einer kontinuierlichen
Risikoreduktion auch in der geriatrischen Chirurgie beigetragen. Ziel
der Alterschirurgie müsse sein, den Menschen nicht nur am Leben,
sondern im Leben zu halten. Hochrisikopatienten werden sie oft nur deshalb,
weil sie erst im fortgeschrittenen Erkrankungsstadium oder bei lebensbedrohlichen
Komplikationen in die Klinik eingewiesen werden. Eine frühzeitige
Operation hingegen hat bei gesicherter Indikation gerade bei betagten
Patienten auch eine präventive Bedeutung.

Zu hoch dosiert, zu viel Verschiedenes
Bei kritischer Betrachtung der im Rahmen der gesetzlichen Krankenversicherung
verordneten Medikamente muss festgestellt werden, dass ein sehr großer
Anteil auf die Behandlung betagter und hochbetagter Patientinnen und Patienten
entfällt. Häufig werde allerdings, so der Mitherausgeber des
Arzneiverordnungsreports, Prof. Ulrich Schwabe, Heidelberg, die Dosis
nicht der im Alter bei vielen reduzierten Nierenfunktion angepasst oder
es werden Interaktionen bei der Verordnung mehrerer Medikamente nicht
berücksichtigt. Darüber hinaus gebe es auch Arzneimittel, die
grundsätzlich bedenklich für die Anwendung im Alter angesehen
werden. In den USA ist hierzu bereits eine Liste (sog. Beers-Liste) erstellt
worden, die allerdings nicht direkt auf den deutschen Arzneimittelmarkt
übertragen werden kann. Die Arzneimittelkommission der deutschen
Ärzteschaft hat daher eine Arbeitsgruppe unter der Leitung von Prof.
Daniel Grandt eingesetzt, die gemeinsam mit Vertretern der Deutschen Gesellschaft
für Geriatrie entsprechende Empfehlungen für Deutschland erstellen
soll.
Ebenfalls kritisch referierte Dr. Hans Harjung, niedergelassener Internist
in Griesheim, der sich mit der leitliniengerechten Therapie und Multimedikation
aus der Sicht des niedergelassenen Arztes befasste. Zwar stünden
heute für viele Krankheitsbilder wissenschaftlich gut begründete
Therapieleitlinien zur Verfügung. Sie haben aber meist den quasi
idealen Patienten, wie er für klinische Studien rekrutiert
wird, zum Gegenstand. Deshalb ist über die Leitlinien hinaus die
eigene pharmakologische Kompetenz und die ärztliche Vernunft gefordert,
um vor dem Hintergrund evidenzbasierter Empfehlungen auch eine optimale
Arzneitherapie des individuellen älteren Menschen - insbesondere
angesichts häufig bestehender Multimedikation - sicher, wirksam und
wirtschaftlich vertretbar durchzuführen.
Dr. Edda Oppermann,
Ärztekammer Schleswig-Holstein, Bismarckallee 8-12, 23795 Bad Segeberg
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Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 2/2007
S. 47-52
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