zurück zur Rubrikensuche
zurück zum Inhaltsverzeichnis

Rezension

Licht und Schatten des Vergangenen
Eine Kindheit und Jugend in Plauen 1930-1946


Bibliographische Angaben: Prof. Dr. Karlheinz Engelhardt, Vogtland-Verlag, Plauen 2006, 119 Seiten, ISBN 3-928828-36-3, 8 Euro

Wann ist eine Biographie, die Beschreibung eines Einzelschicksals, für andere lesenswert? Wenn sie eine Vergangenheit lebendig macht, die wert ist, vor dem Vergessen bewahrt zu werden - und wenn nur noch wenige Zeitzeugen leben, die befragt werden könnten, schreibt der Autor im Vorwort. In der Tat, die Epoche des Nationalsozialismus mit seiner Vorgeschichte, der Zweite Weltkrieg und die Nachkriegszeit sind für die Gegenwart noch von erheblicher Bedeutung, auch in der Medizin (etwa Stichwort Traumatisierung). Für ärztliche Leser kommt aber noch mehr hinzu, denn aus der rundum geglückten Autobiographie des Kieler internistischen Chefarztes a. D. (Städt. Krankenhaus) lässt sich vielleicht eine „Botschaft“ entnehmen: Auf dem Weg zum „guten Arzt“ können biographische Voraussetzungen hilfreich sein, wie ein an Erlebnissen und Begegnungen reiches Leben mit Höhen und Tiefen - und mit der dazugehörigen „phänomenologischen“ Aufmerksamkeit, Neugier, Menschenliebe und mit Gerechtigkeitssinn.

Der Autor weckt unser Interesse durch einen Kunstgriff, indem er immer wieder zur Schilderung des Einzelschicksals den zeitgeschichtlichen Hintergrund hinzufügt, z. B. die beklemmende Verwandlung der zivilen in eine vom Krieg bestimmte Gesellschaft, mit Verfolgung, Bombenkrieg, Durchhalteparolen und Widerstand, Flüchtlingsströmen, Besetzung zunächst durch die Amerikaner, später die Russen.

Medizinisches fehlt nicht in dem Band, also eigene und familiäre Krankheiten, Erfahrungen mit guten Hausärzten oder die Annahme, eine mitleidige russische Ärztin habe seinem in Kriegsgefangenschaft geratenen Vater geholfen.

Farbig wird die Schilderung durch Details, die manchem Leser (und dem einige Jahre später und nur wenig entfernt aufgewachsenen Rezensenten) bekannt vorkommen könnten, wie Klavierunterricht, Karl-May-Lesefieber, erste Kino- und Reise-Erfahrungen. Und ein simples, aber tiefgründiges Wort (S. 35): „Möglich ist alles“, so der Autor zu einem historisch denkbaren Treffen von May und Nietzsche in Plauen. Erinnert das nicht an das bekannte Thomas-Mann-Zitat „Es geht alles auch anders“ - allen unseren Prinzipienreitern und Bedenkenträgern anempfohlen?

Sympathisch, wie offen und ehrlich über eigene Missgeschicke und über Verfehlungen in der Familie berichtet wird - kurz, alles andere als eine der planvoll geschönten (Promi-)Biographien zur Mehrung des eigenen Ansehens, sondern eine sehr authentisch wirkende Lebensgeschichte. Lesenswert!

Rezensent: Dr. jur. Horst Kreussler, An der Karlshöhe 1, 21465 Wentorf


Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 2/2007

S. 20