zurück zur Rubrikensuche
zurück zum Inhaltsverzeichnis

Medizin und Wissenschaft

Problemfall Insulinpens
Andreas Wittmann

Dr. Andreas Wittmann studierte Sicherheitstechnik an der Bergischen Universität Wuppertal. Seit dem Jahr 2003 ist er als freier wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Arbeitsphysiologie, Arbeitsmedizin und Infektionsschutz (Leitung Prof. Dr. rer. nat. Dr. F. Hofmann) tätig. Im Dezember 2005 wurde er promoviert (Dr.-Ing.). In seiner Dissertation beschäftigte er sich mit den Risiken von Nadelstichverletzungen.


Abb. 1: Beispiele für Insulinpens

Für die Behandlung von Diabetikern werden seit Jahren neben den klassischen Insulinspritzen automatische Dosierinjektionssysteme, so genannte Pens (Abb. 1) verwendet. Diese Systeme haben sich durch die Vereinfachung der Eigenmedikation in der Praxis bewährt und die herkömmlichen Insulinspritzen nahezu vollständig verdrängt. Mittlerweile werden diese Insulininjektionssysteme aber auch regelmäßig durch Mitarbeiter ambulanter Pflegedienste, in Krankenhäusern und Altenheimen verwendet.

Hierbei ergeben sich mehrere Probleme:

Abb. 2: Gefährliches Recapping an Insulinpens

Die von den Herstellern nicht vorgesehene Mehrfachverwendung der Kanülen, die im privaten Bereich oft anzutreffen ist, wird dabei oft vom Pflegepersonal beibehalten: Die sehr kleinen, dünnen Nadeln werden dabei zur Wiederverwendung in ihre Schutzhülle zurückgesteckt („recapping“). Dieses führt häufig zu Nadelstichverletzungen (Abb. 2). Häufig resultiert die Mehrfachverwendung auch daraus, dass von den zuständigen Ärzten nur ein unzureichendes Kontingent an Kanülen verschrieben wird, um das Budget zu schonen.

Werden von insulinpflichtigen Patienten selbst Nadeln mehrfach verwendet, geschieht dies in eigener Verantwortung und ist lediglich aus hygienischer Sicht ein Problem2. Werden vom professionellen Personal jedoch Medizinprodukte zum einmaligen Gebrauch mehrfach verwendet, so ist das eindeutig ein Verstoß gegen die Medizinprodukte-Betreiberverordnung3.

Abb. 3: Abdrehhilfe für Penspitzen mit Ausdrückvorrichtung (Novo Nordisk) (Fotos: Praktische Arbeitsmedizin)

Aber auch das sichere Entfernen gebrauchter Kanülen vom Pen stellt das behandelnde Personal oft vor große Schwierigkeiten. Meist wird hierbei in unmittelbarer Nähe der Kanülenspitze die Nadel mit der Hand abgeschraubt.

Hilfssysteme, wie die von den Herstellern der Pens angebotenen Abschraubhilfen (Abb. 3), finden zu selten Verwendung. Auch verfügen nur wenige Kanülenabwurfbehälter über geeignete Vorrichtungen um die aufgeschraubten Kanülen sicher vom Pen zu trennen. Erschwert wird dieses noch durch die je nach Hersteller unterschiedlichen Durchmesser der Kanülenverschraubungen.

Seit dem Jahr 2001 werden die mittels des Erfassungs- und Managementprogrammes EPINet™ erhobenen Daten über Nadelstichverletzungen (NSV) im Gesundheitswesen von der Universität Wuppertal zentral erfasst und ausgewertet. Die Evaluation der Daten hat gezeigt, dass auffallend viele NSV durch die Nadeln von automatischen Insulininjektionssystemen, so genannten Insulinpens verursacht werden1,4.

Abb. 4: Behälter mit Abdrehvorrichtung für Insulinpenspitzen aber ohne Möglichkeit, diese sicher in den Behälter zu entsorgen (Sarstedt, Terumo)

Von 121 über EPINet™ im Zusammenhang mit der Insulingabe gemeldeten NSV ereigneten sich mindestens 62 durch Pens. Die größten Einzelanteile bei den unfallauslösenden Tätigkeiten bildeten mit je 11,6 Prozent das Recapping und die endgültige Entsorgung der Pennadel.

Präventionsmaßnahmen
Bislang sind die verfügbaren Abwurfbehälter oft nur für die Entsorgung der Penspitzen eines speziellen Herstellers geeignet. Oft können abgeschraubte Penspitzen nicht ohne weitere Hilfsmittel in die Abwurfbehälter gedrückt werden (Abb. 4). Nur wenige Abwurfbehälter verfügen über durchdachte Abdreheinrichtungen, welche ein gefahrloses Entsorgen der benutzten Pennadeln in die Behälter ermöglichen: Am Deckel angebrachte „Ausdrücknasen“
Abb. 5: Behälter mit Abdrehvorrichtung für Insulinpens. Die abgeschraubte Nadel kann mittels einer am Behälterdeckel angebrachten Nase gefahrlos in den Behälter gedrückt werden (Heisig, Rigling)
ermöglichen es, die am Abdrehstern abgeschraubten Nadeln sicher in die Behälter zu drücken (Abb. 5). Universelle Trennkerben ermöglichen nicht nur das gefahrlose Abschrauben der Insulinpennadeln, sondern auch vielfältige andere Möglichkeiten Kanülen vom Spritzenkörper zu trennen (Abb. 6).

Schlussfolgerungen
Die Verwendung von Insulinpens durch Pflegepersonal ist prinzipiell möglich, wenn einige grundsätzliche Voraussetzungen erfüllt sind und geeignete organisatorische Maßnahmen ergriffen werden:
  • Jedes Recapping, egal aus welchen Gründen, muss unterbleiben.
  • Eine missbräuchliche Mehrfachverwendung der Pennadeln darf nicht erfolgen. Die als Medizinprodukte zum einmaligen Gebrauch bezeichneten Nadeln dürfen weder aus Kosten, noch aus Bequemlichkeitsgründen mehrfach verwendet werden. Insbesondere können gängige Verschreibungspraktiken (z. B. eine Nadel pro Tag und Patient) aus Gründen der Arbeitssicherheit nicht akzeptiert werden!
  • Der Einsatz von Insulinpens erfordert die Verwendung von geeigneten Abwurfbehältern. Unter anderem muss sichergestellt sein, dass die Kanülennadel vom Personal gefahrlos aus dem Pen entfernt werden kann. Auch die von den jeweiligen Herstellern der Pens angebotenen Abschraubhilfen ermöglichen ein gefahrloses Verwerfen der Pennadeln in vorhandene Abwurfbehälter.
  • Wenn die beschriebenen Voraussetzungen nicht erfüllt sind, ist von der Verwendung von Insulinpens durch medizinisches Personal eindeutig abzuraten.
  • Bewährte Einwegsysteme wie Insulinspritzen sind dann in ihrer Handhabung ungefährlicher, da keine Manipulation an der Nadel erforderlich ist. Sie können nach ihrer Verwendung einfach komplett in herkömmliche Abwurfbehälter verworfen werden.
  • Auch Insulinspritzen sind mittlerweile als sichere Instrumente erhältlich; damit wird ein versehentliches Verletzen nahezu ausgeschlossen.
Abb. 6: Behälter mit universeller Abdreheinrichtung: Neben sämtlichen verfügbaren Nadeln lassen sich auch Insulinpennadeln aller Hersteller einfach abschrauben. Die Nadeln fallen von selbst in den Behälter (INFA-Lentjes)

Mit freundlicher Nachdruckgenehmigung von Praktische Arbeitsmedizin, Ausgabe 3/März 2006
Dr. Andreas Wittmann, freier wissenschaftlicher Mitarbeiter der Bergischen Universität Wuppertal, Fachgebiet für Arbeitsphysiologie, Arbeitsmedizin und Infektionsschutz, Gaußstr. 20, 42119 Wuppertal

Literatur:

  1. A. Wittmann, Kralj, N., Hofmann, F., (2005):Insulinpens im Klinikalltag - ein Problem? Arbeitsmedizin im Gesundheitsdienst 18 (Hrg. HOFMANN, F., RESCHAUER, G., STÖSSEL, U., edition FFAS, 175 - 179
  2. NN: Konsensuspapier der DGKH zur mehrfachen Verwendung von Insulinpennadeln, online unter http://www.dgkh.de/inhalt.php4?inhalt=1&&sub=7&&submenue=&&open=116, eingesehen am 24.08.2005
  3. Verordnung über das Errichten, Betreiben und Anwenden von Medizinprodukten (Medizinprodukte-Betreiberverordnung - MPBetreibV) in der Fassung der Bekanntmachung1 vom 21. August 2002 (BGBl. I S. 3396), geändert durch Artikel 288 der Verordnung vom 25. November 2003 (BGBl. I S. 2340)
  4. A. Wittmann, Kralj, N., Hofmann, F., (2005): Insulinpens im Klinikalltag
    Die Schwester Der Pfleger 44, (0505), 356- 358


Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 12/2006

S. 67-69