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Medizin und Wissenschaft

Aus dem Institut für Medizin- und Wissenschaftsgeschichte der Universität zu Lübeck und dem Dipartimento di Anatomia, Istologia e Medicina Legale, Universitätsklinikum Florenz
„Progetto Medici“ - Analyse der Leichname der Medicifamilie in der Basilica von San Lorenzo in Florenz
Donatella Lippi, Dietrich von Engelhardt

Prof. Donatella Lippi ist Medizinhistorikerin und arbeitet im Dipartimento di Anatomia, Istologia e Medicina Legale, Universitätsklinikum Florenz Prof. Dr. phil. Dietrich von Engelhardt ist Direktor des Instituts für Medizin- und Wissenschaftsgeschichte der Universität zu Lübeck
Die Autoren im Eingang des Hopitals Santa Maria Nuova vor der Figur der Monna Tessa, erste Leiterin des Hospitals

Florenz und die Toskana ziehen seit Jahrhunderten die Touristen wegen ihrer Natur und Kultur, ihrer Landschaft, Weine, Städte und vor allem ihrer Kunstwerke an. Über 300 Jahre war für die Entwicklung dieser italienischen Region und ihrem Reichtum an Zeugnissen der Wissenschafts- und Kulturgeschichte die Dynastie der Medici verantwortlich - von Cosimo il Vecchio (1389-1464) bis Gian Gastone (1671-1737).


Die Medici entstammten nicht dem Adel, sondern einem wirtschaftlich und politisch aktiven Handelsgeschlecht. Als erster trat Giovanni di Bicci (1360-1429) hervor, der ein neues Steuersystem in Florenz einführte. Ihm folgte sein Sohn Cosimo il Vecchio oder Cosimo der Alte, der die Herrschaft der Medici in Florenz und der Toskana begründete und mit dem Titel Pater Patriae ausgezeichnet wurde. Cosimo verschaffte dem Bankhaus Medici weltweite Geltung, förderte Landwirtschaft, Gewerbe und gab auch zahlreiche Impulse in kultureller Hinsicht mit dem Bau der Biblioteca Laurenziana und der Bibliothek von San Marco, mit der Förderung wissenschaftlicher Akademien und Gelehrter sowie der Unterstützung zahlreicher Künstler. Lorenzo il Magnifico oder Lorenzo der Prächtige (1449-1492) setzte nicht nur das politische, wirtschaftliche und kulturelle Engagement seines Großvaters Cosimo fort und unterstützte Wissenschaftler und Künstler, er trat auch selbst als Dichter hervor, unternahm auf seinen Gütern Züchtungsversuche an Schweinen und Fasanen und machte eine spanische Kaninchenrasse in der Toskana heimisch. Durch eine Änderung der Verfassung stärkte er den Einfluss der Medici auf nachhaltige Weise.

Nach Lorenzos Tod wurden die Medici vorübergehend
Cosimo de Medici (Abbildungen: Fotoarchiv IMWG)
von dem Dominikanermönch Girolamo Savonarola (1452-1498) vertrieben, der aber mit seinem unerbittlichen Reformeifer in Konflikt mit dem Papst geriet und 1498 in Florenz auf dem Scheiterhaufen starb. In der folgenden Zeit behielten die Medici über Jahrhunderte die Herrschaft über Florenz und die Toskana, sogar zwei Päpste gingen aus dieser Familie hervor: Kardinal Giovanni (1475-1521), der spätere Papst Leo X., ein gebildeter und kunstliebender Mann, der neben den Künsten auch Naturwissenschaften und Medizin förderte und 1521 den Bann über Martin Luther (1483-1546) verhängte, sowie Giulio (1478-1534), der spätere Papst Clemens VII., ebenfalls den Künsten zugetan und sehr an den Wissenschaften interessiert, der Florenz nach einem republikanischen Intermezzo für die Medici zurückeroberte. Die Medici stiegen zu Herzögen auf und verbanden sich durch ihre Heiratspolitik mit dem höchsten europäischen Adel. Unter Cosimo I. (1519-1574), der Eleonora von Toledo (1519-1562), eine Tochter des Vizekönigs von Neapel heiratete, wurde die Toskana zum Großherzogtum erhoben und wandelte sich zu einem modernen Staat im Stil einer absoluten Monarchie. Auch Cosimo I. förderte Künste und Wissenschaften, mit seiner Unterstützung wurden der Bóboligarten und die botanischen Gärten von Pisa und Florenz eingerichtet.

Lorenzo Magnifico
Dieser einflussreichen und faszinierenden Familie, die auf so vielfältige Weise Florenz und die Toskana geprägt hat, und vor allem ihren Krankheiten und ihrem Sterben wendet sich ein wissenschaftliches Vorhaben italienischer Forscher zu, über das im Folgenden berichtet werden soll. Am 25. Mai 2004 begannen die Arbeiten des paläo-pathologischen und historischen Forschungsprojektes „Progetto Medici“, für dessen Durchführung die Museen und das Opificio delle Pietre Dure (OPD) des Ministeriums für das kulturelle Erbe in Florenz sowie die Universitäten von Pisa und Florenz die Stiftung Medicea-Laurenziana gründeten und dessen Dauer auf mindestens zwei Jahre veranschlagt wurde. 49 Leichname der Medicifamilie sollten im Blick auf ihre Krankheiten und Todesursachen untersucht werden.

Das Projekt verfolgt ein klar definiertes Ziel: Neben paläopathologischen, medizinhistorischen sowie kunst- und kulturgeschichtlichen Fragen sollen wichtige konservative Aufgaben erfüllt werden. Durch die Überschwemmungen des Arno im Jahre 1966 wurden auch die Gräber der Medici beschädigt. Die bisherigen Ausgrabungen haben gezeigt, dass sie sich in einem ernsthaft gefährdeten Zustand befinden und auf jeden Fall umfassend saniert werden müssen.

Das Medici-Projekt entstand auf Vorschlag des Paläopathologen der Universität von Pisa Professor Gino Fornaciari, der 1981 bereits den heiligen Antonius von Padua (1195-1231) und den Tyrannen Ugolino della Gherardesca (1220-1289) mit bemerkenswerten Erkenntnissen über ihren Gesundheitszustand untersucht hat. Die Paläopathologie als Wissenschaft, die morphologische Spuren von Krankheiten aus der Geschichte der Menschheit erforscht, hat sich erst in den letzten Jahrzehnten zu einer selbstständigen Disziplin entwickelt, in der Archäologie, physische Anthropologie und pathologische Anatomie auf fruchtbare Weise miteinander kooperieren. In Zusammenarbeit mit Donatella Lippi, Professorin für Medizingeschichte an der Universität Florenz, konnte mit dem Progetto Medici begonnen werden. Medizingeschichte und Paläopathologie ergänzen sich auf hervorragende Weise in der Rekonstruktion vergangener Situationen; ihre Untersuchungsergebnisse besitzen gerade in dieser Kooperation große Bedeutung in wissenschaftlicher, historischer, anthropologischer und im weitesten Sinne kultureller Hinsicht.

Donatella Lippi beim Abstieg in die Krypta von Gian Gastone
Die paläopathologische Forschung verspricht der Anthropologie wie der Medizin wichtige Einsichten. Einerseits erlauben Art und Lokalisation der verschiedenen Krankheiten der Anthropologie Rückschlüsse auf die Gewohnheiten und den Lebensstil vergangener Völker. Da der Krankheitszustand einer Gesellschaft ihre allgemeinen Verhältnisse und ihre Entwicklung widerspiegelt, stellen die menschlichen Überreste sozusagen eine Art biologisches Archiv der faktischen Auswirkungen der Lebensbedingungen in der Vergangenheit dar. Andererseits verdienen die Erforschung einer Epoche, in der bestimmte Krankheiten zum ersten Mal auftreten, und die Rekonstruktion der Wege, auf denen sich Infektionskrankheiten verbreiten, nicht nur das Interesse der Geschichte der Medizin, sondern auch der modernen Medizin.

Die Daten, die sich aus schriftlichen wie künstlerischen Quellen gewinnen lassen, ergeben ein außerordentlich eindrucksvolles Bild einer historisch-kulturellen Epoche und führen zu umfassenden Erkenntnissen über noch wenig bekannte Lebensaspekte bestimmter Menschengruppen der Vergangenheit, sie können als eine Art evidenzbasierter Medizingeschichte betrachtet werden.

Diesen Voraussetzungen und Zusammenhängen des Medici-Projektes kommt ein besonderes Gewicht zu, da es sich auf eine sozial und kulturell klar umschriebene Gruppe bezieht und mit seinen Forschungsergebnissen neues Licht auf spezifische Lebensbereiche einer sozial gehobenen Klasse oder Schicht der Renaissance geworfen wird.

Die Medizinischen Fakultäten von Pisa und von Florenz arbeiten an diesem Projekt synergetisch zusammen. Die Universität von Florenz beteiligt sich darüber hinaus mit dem Team des Geometers Fabio Fallai, das sich mit großer Professionalität und Einfühlungsvermögen den technischen und operativen Bereichen widmet. Die Arbeiten konnten, nicht zuletzt auch dank der Unterstützung zweier amerikanischer Universitäten, ihren viel versprechenden Anfang nehmen. Die ökonomische Situation bleibt allerdings weiterhin außerordentlich prekär; ohne zusätzliche finanzielle Initiativen werden sich eine Reihe von Fundstücken, die unerwartet aufgetaucht sind, nicht restaurieren lassen. In der Tat konnte nicht vorhergesehen werden, dass nach so vielen Jahrhunderten und zahlreichen Unglücksfällen noch Objekte, Stoffe und Schmuck in diesem Umfang gefunden würden.

Michelangelo-Grabmal des Giuliano dei Medici, 1526-31
Nicht zum ersten Mal wurden sterblichen Überreste von Mitgliedern der Medicifamilie exhumiert. Bereits 1559 fand eine Umbettung statt, als die Leichname von Lorenzo il Magnifico (1449-1492) und seinem Bruder Giuliano de’ Medici (1453-1478) von der Alten Sakristei in die Neue Sakristei der Basilika von San Lorenzo in Florenz überführt wurden.

Die alte Sakristei, erster Zentralraum der Renaissance, war 1419-1429 von Filippo Brunelleschi (1377-1446) als Grablege der Medicifamilie errichtet worden. 1519 begann Michelangelo (1475-1564) mit dem Bau der Neuen Sakristei, der sog. Medicikapelle, sie sollte mit den vier einander gegenüberliegenden Grabmälern von Lorenzo dem Prächtigen, seinem Bruder Giuliano, seinem Sohn Giuliano, Herzog von Nemours, sowie seinem Enkel Lorenzo, Herzog von Urbino, ausgestattet werden. Den Charakter des Herzogs von Nemours gab Michelangelo mit Allegorien des Tages und der Nacht als Symbole des aktiven Lebens wieder, den Charakter des Herzog von Urbino mit Allegorien des Morgens und Abends als Symbole des kontemplativen Lebens. Die Arbeiten an der Medicikapelle konnten allerdings nicht wie geplant zu Ende geführt werden, da Michelangelo 1534 Florenz verließ und sich nach Rom begab. Im Klosterhof der San Lorenzo Basilika hatte er zwischenzeitlich seit 1524 die Biblioteca Medicea Laurenziana für die wertvolle Büchersammlung der Medicifamilie erbaut; auch die Bücherpulte dieser Bibliothek gehen auf seine Entwürfe zurück.

Kleid eines unbekannten Kindes in der Krypta von Gian Gastone
An den Wänden eines Raumes unter der neuen Sakristei der San Lorenzo Basilika wurden im Übrigen vor kurzem bislang unbekannte Skizzen von Michelangelo aufgefunden. Dieser unterirdische Raum diente dem Künstler als Versteck, nachdem Florenz 1830 von den Medici zurückerobert worden war; da er für die republikanische Regierung Befestigungsanlagen als Schutz vor der Belagerung des Medicipapstes Clemens VII. gebaut hatte, musste er dessen Rache fürchten.
1791 wurden wegen Raumproblemen im Inneren der Sakristeien die Särge der Medici - bis auf die Marmorsarkophage - entfernt. 1857 wurden dann alle Gräber auf Befehl von Leopold II. (1797-1870) am jetzigen Ort in der Neuen Sakristei untergebracht. Der Direktor der königlichen Gallerten von Florenz ließ 1875 Alessandro, Herzog von Florenz (1511-1537), und Lorenzo, Herzog von Urbino (1492-1519), exhumieren. 1895 wurden Lorenzo il Magnifico und sein Bruder Giuliano exhumiert.

Die Unterbringung von 1857 hatte der damalige Großherzog der Toskana und Erzherzog von Österreich angeordnet, um die Gräber, die nur an der Oberfläche konserviert und der Öffentlichkeit zugänglich waren, vor immer wieder vorkommenden Beschädigungen und Diebstählen zu schützen. Bei dieser Gelegenheit wurden die Leichname zu identifizieren versucht und endgültig begraben. Die entsprechenden Ergebnisse wurden allerdings erst 1888 im Archivio Storico Italiano mit dem Vorschlag publiziert, auch das Protokoll der Untersuchungsarbeiten zu veröffentlichen, soweit es sich nach den wenigen Dokumenten in entsprechenden Manuskripten rekonstruieren ließ.

Als nach dem Zweiten Weltkrieg architektonisch notwendige Arbeiten zur Abwendung möglicher Kriegsschäden ausgeführt wurden, überprüfte man die Gräber erneut. Der Anthropologe Giuseppe Genna nahm diese Restaurierungsarbeiten von 1945 zum Anlass, die sterblichen Überreste von 13 Mitgliedern der Medici-Familie zu analysieren, unter ihnen Cosimo il Vecchio sowie Lorenzo il Magnifico. Die Forschungsergebnisse wurden jedoch nie umfassend veröffentlicht, die Leichname auch nur lückenhaft untersucht, da wohl keine adäquaten Instrumente zur Verfügung standen oder unzulängliche Methoden angewandt wurden. So stellt sich heute bei einigen Leichnamen sogar die Frage, um welche Person es sich handelt, sodass eine erneute Identifizierung notwendig ist.

Hierin liegt auch eines der Ziele des gegenwärtigen Medici-Projektes. Geplant sind also Studien auf verschiedenen Ebenen, angefangen bei der anthropologischen, paläopathologischen und radiologischen Untersuchung der Medicileichname bis hin zur Klärung allgemeiner Fragen der Sozial- und Kulturgeschichte der italienischen Renaissance.

Die am 25. März 2004 begonnenen Arbeiten wurden bis heute kontinuierlich fortgeführt. Als erstes nahm man sich die Gräber des Großfürsten Cosimo I., seiner Frau Eleonora von Toledo sowie ihrer Kinder Don Giovanni (1543-1562) und Don Garzia (l547-1562) vor. Diese Leichname hatten schon bei der Exhumierung in der Mitte des 19. Jahrhunderts Beachtung gefunden, als die Kleider von Cosimo I., Eleonora und Don Garzia restauriert wurden, die jetzt in der Kostümgallerie des Palazzo Pitti ausgestellt sind.

Krypta von Gian Gastone
Anschließend machte man sich daran, das Grab von Gian Gastone, dem letzten Großherzog der Toskana, zu suchen, der zu Ende seines Lebens geisteskrank geworden sein soll und 1737 ohne Erben verstarb. Recht bald nach Beginn der Arbeit am Medici-Projekt wurde sein Grab in einer unter einer Steinplatte im Boden verborgenen und über mehrere Stufen zugänglichen Krypta gefunden, deren Existenz durch die Quellen nicht eindeutig dokumentiert und lokalisiert war. In archäologischer Hinsicht handelt es sich dabei um eine Besonderheit, insofern Gian Gastone anders als seine Vorgänger in einer unterirdischen Geheimkammer begraben wurde.

In der Grabstätte des Großherzogs stieß man zur großen Überraschung auch auf Gräber mit Leichnamen von sieben Kindern sowie einen „überzähligen“ Schädel. Einige dieser Leichname waren mumifiziert und trugen Überreste ihres Totengewandes. Ein Leichnam, bei dem es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um Don Filippino (1599-1602), den Sohn des Großfürsten
Ferdinand I. (1549-1609) handelt, starb eines natürlichen Todes, er war in ein gut erhaltenes rotes Gewand, eine Hose und ein Hemd gekleidet und trug kleine Schuhe. Die anderen Leichname könnten früh verstorbene Kinder von Cosimo I. sein.

Der Leichnam von Gian Gastone, der in einem im Inneren eines Holzsarges befindlichen Bleisarg ruhte, war von der Cappa Magna des Ordens Santo Stefane bedeckt; ebenso fanden sich bei ihm als herzogliche Insignien seine Krone aus vergoldetem Kupfer und zwei Goldmedaillen.

Krone von Gian Gastone
Die Wiederherstellung dieser Zeugnisse und Überreste der Medicifamilie ist noch nicht beendet, weil sich die Arbeit unter den gegebenen klimatischen Bedingungen überaus schwierig gestaltet. Die Techniker des Florentiner Opificio delle Pietre Dure müssen einerseits die zur Erhaltung der Stoffe angemessenste Vorgehensweise herausfinden und andererseits den Zeitpunkt festlegen, an dem die Restaurierung abgeschlossen und der Öffentlichkeit die Besichtigung möglich gemacht werden kann.
Die Skelette von Francesco I. (1541-1587) und Giovanna d’Austria (1547-1578), Tochter des Kaisers Ferdinand I. (1503-1564), die bereits Mitte des 19. Jahrhunderts untersucht worden waren, wurden exhumiert, um sie in Ruhe analysieren zu können. Damals hatten sich die Anthropologen für die Gewinnung von Daten zur Bestätigung zeitgenössischer eugenischer Theorien interessiert und dafür die perfekt konservierte Haut der Leichname beseitigt, um notwendiges Knochenmaterial gewinnen zu können. Leider gingen dabei Haar- und Nagelreste verloren, mit denen heute die Hypothese einer Vergiftung als Todesursache von Francesco I. leichter überprüft werden könnte.

Die historischen Quellen berichten, dass der Großfürst nach dem Tod seiner österreichischen Ehefrau Giovanna die adlige Venezianerin Bianca Cappello (1548-1587) heiratete, die einen zweifelhaften Ruf besaß und von Francescos Bruder, dem zukünftigen Großherzog Ferdinand I., besonders gehasst wurde. Nach einem Essen, an dem die drei in der Medicivilla Poggio a Caiano in der Nähe von Florenz teilnahmen, starben Francesco I. und Bianca Cappello nacheinander im Abstand von nur wenigen Stunden.

Um jeden Verdacht auszuschließen, ordnete Ferdinand I. die Autopsie beider Leichname an, die zwar ohne jeglichen Aussagewert blieb, bei der aber immerhin die Diagnose Tod durch „gefährliche Krankheit“ gestellt wurde. Sofort kam damals der Gedanke auf, Ferdinand I. habe seinen Bruder und seine Schwägerin vergiftet, die so unbeliebt war, dass sie in einem Massengrab bestattet werden sollte, wo ihr Körper jedoch nicht gefunden wurde; nach den Quellen soll er vielmehr an einer bestimmten Stelle des Gebäudekomplexes der Lorenzokirche begraben worden sein.
Dieses Rätsel der Medicifamilie steht nun möglicherweise unmittelbar vor seiner Auflösung. Vor kurzem nämlich fand Donatella Lippi in einem Manuskript den Hinweis, dass Eingeweide von Bianca Capello nach der Autopsie in zwei Ton-Vasen in der Krypta der Kirche Santa Maria in Bonistallo in der Nähe von Poggio a Caiano vergraben wurden; die Medizinhistorikerin konnte dort tatsächlich Bruchstücke einer Vase mit Eingeweideteilen ausgraben, die nun analysiert werden sollen. Sollten diese Teile zu Francesco und Bianca gehören, wird sich damit wohl nachweisen lassen, ob beide vergiftet wurden.

Bianca Cappello, Alessandro Allori um 1580
Die Überreste von Prinzessin Anna (1569-1584) boten keine große Überraschung, während bei Filippo (1577-1582), einem Sohn von Francesco I., eine erstaunliche Entdeckung gemacht wurde: Filippo starb im Alter von vier Jahren und zehn Monaten, während die Skeletteile des in seinem Grab aufgefundenen Leichnams, nach einer ersten Prüfung, zu einem viel jüngeren Kind gehören. Die Analysen dauern noch an, die auch dieses Geheimnis oder diese Diskrepanz aufklären sollen.

Das Medici-Projekt verfolgt zugleich weitergehende Ziele, als nur Antworten auf konkrete Fragen dieser Art zu finden. Neben archäologischen Untersuchungen, die ein Licht auf die Begräbnisriten der Zeit werfen können, neben konservatorischen Maßnahmen, anthropologischen und kunsthistorischen Themen wird das Projekt, wie schon gesagt, von einer Reihe allgemeiner paläopathologischer und medizinhistorischer Fragestellungen geleitet.

Um diesen verschiedenen Aufgaben gerecht zu werden, wurden außerordentlich raffinierte Untersuchungsmethoden aus den unterschiedlichsten Disziplinen entwickelt und angewandt: Anthropologie, historische Ernährungswissenschaft (Atomabsorptionsspektroskopie), Infrarot-Spektroskopie (zur Untersuchung von organischen Makromolekülen), anatomische Pathologie, Histologie, Histochemie, Immunhistochemie, Elektronenmikroskopie, Molekularbiologie (zur Analyse von DNA), Identifikation und Typisierung pathogener Substanzen.

Der Versuch einer umfassenden biologischen Rekonstruktion wird unter Nutzung der modernsten biomedizinischen Technologien vorgenommen und soll die größtmögliche Zahl von Informationen über die Lebensverhältnisse, den Lebensstil und die Krankheiten gewinnen, unter denen diese wichtigen Mitglieder der Medicifamilie in der italienischen Renaissance lebten, erkrankten und starben. Es wird darüber hinaus möglich sein, das Auftreten bestimmter klinischer wie subklinischer Krankheitsbilder im Umfeld der sozial gehobenen Klasse der Toskana in der Renaissance zu erfassen und ihre Ätiologie wie den pathogenetischen Verlauf zu bestimmen.

Das Forschungsprojekt unter der Leitung der Professoren Gino Fornaciari und Donatella Lippi und in Zusammenarbeit mit der Direktorin der San Lorenzo Kapelle Dr. Monica Bietti beschäftigt eine Gruppe verschiedener Personen. Für die radiodiagnostischen Analysen ist Professor Natale Villari von der Medizinischen Fakultät von Florenz verantwortlich, je nach Notwendigkeit in Kooperation mit Experten aus verschiedenen weiteren Bereichen: Dr. Angelica Vitiello (Pisa) leitet die anthropologischen Untersuchungen, während Professor Franco Ugo Rollo (Perugia) mittels außerordentlich diffiziler Techniken die Beziehung zwischen realen Modellen und Kunstwerken, die ikonographisch überliefert sind, analysiert. Im Dezember 2005 unternahm Professor Mario Marchisio (Pisa) den Versuch, mit radiologischen Verfahren eventuell vorhandene unterirdische Leerräume sichtbar zu machen, während die Professoren Francesco Mari und Elisabetta Bertol vom Florentiner Athenäum die toxikologischen Schäden genauer studierten und Dr. Mario Milco D’Elios von der Medizinischen Fakultät der Florentiner Universität den molekularmedizinischen Teil übernahm.

Die Forschungsergebnisse werden regelmäßig in Pressekonferenzen veröffentlicht, in Zusammenarbeit mit der Spezialoberaufsichtsbehörde der gesamten Museen von Florenz. Der laufende Rechenschaftsbericht der Untersuchungen wird von Zeit zu Zeit über die Homepage der Medizinischen Fakultät der Universität von Florenz allgemein zugänglich gemacht. Auf der Seite www.med.unifi.it kann man unter „Varie“ den Link „Progetto Medici“ anklicken und verschiedene Seiten und verwandte Links abfragen. Hier kann man sich auch über ausgewählte Bilder und einzelne Etappen der Untersuchungsarbeiten einen konkreten Eindruck verschaffen.

Insgesamt besitzt das hier skizzierte Ausgrabungsprojekt der Medicifamilie eine paradigmatische Bedeutung für die Medizin- und Wissenschaftsgeschichte wie die Sozial- und Kulturgeschichte der Renaissance und stellt darüber hinaus ein überzeugendes Beispiel der Kooperation historischer und rezenter Wissenschaften dar, das auch an anderen Orten Nachahmung verdient.
(Deutsch von Ulrike v. Engelhardt)


Mit freundlicher Nachdruckgenehmigung des Focus MUL 23, Heft 3/2006
Prof. Dr. phil. Dietrich von Engelhardt, Institut für Medizin- und Wissenschaftsgeschichte, Königstr. 42, 23552 Lübeck, E-Mail v.e@imwg.uni-luebeck.de, Prof. Donatella Lippi, Università degli Studi di
Firenze, P.zza S. Marco, 4 - 50121 Firenze, Italia,
E-Mail donatella.lippi@unifi.it

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Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 12/2006

S. 61-67