Menschliche
Betreuung am Lebensende
Die Furcht des Patienten, Palliativmedizin und Hospizbewegung
Karlheinz Engelhardt
Während des letzten Jahrhunderts kam es zu einem Wandel der Todesursachen.
Der akute Tod, z. B. durch Infektionen, ist seltener geworden. Chronische
Krankheiten verursachen heute oft einen langen Sterbeprozess. Wenn auch
ein hohes Alter gewünscht wird, so gewinnt gleichzeitig die Lebensqualität
an Bedeutung. Viele Menschen fürchten sich vor Abhängigkeit
und Verlust der Funktionen durch schwere Krankheit am Ende des Lebens,
z. B. vor Urin- und Stuhlinkontinenz, vor dem Pflegeheim und dem Schwinden
körperlicher und geistiger Kräfte. Sie fürchten sich
vor einer künstlichen Verlängerung des Sterbeprozesses, z.
B. vor der kardiopulmonalen Wiederbelebung eines todkranken Krebspatienten
oder der mechanischen Beatmung eines Kranken mit Multiorganversagen1.
Nach zwei Schlaganfällen liegt der ehemalige israelische Ministerpräsident
Ariel Scharon seit Januar 2006 im Koma, als er nach sieben Monaten wegen
Verschlechterung der Nierenfunktion dialysiert wurde2,3.
Der 78-jährige Patient wird über eine PEG-Sonde ernährt.
Jede Krankheit, heißt es, könne überwunden werden. Aber
handelt es sich nicht um eine Sterbensverlängerung? Wo bleibt die
Lebensqualität? Dienen diese Interventionen wirklich dem Wohl des
Patienten?
Welche Reaktionen gibt es auf die Furcht vor einem schlechten Lebensende?
Aktive Euthanasie auf Wunsch eines terminal Kranken ist unter bestimmten
Bedingungen in den Niederlanden legal. Ebenso legal wie die ärztliche
Assistenz der Selbsttötung (ÄAS), bei der der Kranke um ein
tödliches Medikament auf Rezept bittet, weil er unerträglich
leidet. Befürworter von aktiver Euthanasie und ÄAS verweisen
auf die Selbstbestimmung, Gegner, darunter die Bundesärztekammer,
halten die Tötung menschlichen Lebens auch deshalb für verboten,
weil es als Geschenk Gottes anzusehen ist. Die jährliche Zahl der
Bitten um Euthanasie bei terminalen, intolerablen Leiden stieg in den
Niederlanden von 8 900 im Jahre 1990 auf 9 700 im Jahr 19954.
Das Meinungsforschungsinstitut Forsa hatte 2005 ermittelt, dass 74 Prozent
deutscher Bürger bei unheilbaren und unerträglichen Krankheiten
für die Legalisierung einer aktiven Euthanasie auf Wunsch des Patienten
sind. Jedoch kam eine weitere Umfrage zu anderen Ergebnissen: Nur 35
Prozent sprachen sich in dieser Situation für eine Tötung
auf Verlangen aus5. In dieser Umfrage hatte Emnid erläutert,
was palliative Medizin und Hospizbewegung erreichen können.
Eine zweite Reaktion auf die Furcht vor einem schlechten Lebensende
ist die Patientenverfügung. Menschen werden durch die Vorstellung
beunruhigt, über die Umstände ihres Sterbens mit allen technischen
Eingriffsmöglichkeiten von der PEG-Sonde bis zur assistierten Beatmung
nicht mehr mitbestimmen zu können. Heute wird die allgemeine Todesfurcht
teilweise ersetzt durch die Furcht vor einem schlechten Sterben. Solche
Patientenverfügungen beschreiben die Wünsche von Menschen
für den Fall, dass sie in Zukunft nicht selbst über medizinische
Interventionen mitentscheiden können, weil sie z. B. bewusstlos
oder dement sind. Palliative Medizin und Hospizbewegung geben eine dritte
Antwort. Indem sie eine wirksame Schmerz- und Symptombehandlung sowie
eine Patient-zentrierte Kommunikation umfassen, können sie den
Wunsch von Sterbenden nach aktiver Euthanasie und ÄAS überflüssig
machen6.
Palliative Betreuung und Hospizbewegung
Palliative Betreuung7 zielt auf die Erleichterung des Leidens
und Verbesserung der Lebensqualität bei Kranken mit fortgeschrittenen
Prozessen und begrenzter Lebenserwartung. Dazu gehören die kunstgerechte
Behandlung von Schmerzen und Symptomen, die Berücksichtigung von
psychosozialen und spirituellen Themen sowie eine gute Kommunikation
mit dem Patienten und ihren Familien. Wenn irgendwo sinnvoll und ohne
Missbrauch des Wortes von Ganzheitlichkeit zu sprechen ist, dann hier.
Palliative Betreuung bezieht ihre Kraft aus dem praktizierten Konzept
der Ganzheitlichkeit. Unmögliches sollte einem verzweifelten Patienten
nicht versprochen werden, aber man kann ihm zusagen, dass eine Menge
für ihn getan werden kann und dass er von dem Behandlungsteam,
zu dem neben Ärzten auch Krankenschwestern, Pfleger, Sozialarbeiter
und Geistliche gehören, nicht verlassen wird8. Eng verwandt mit
der palliativen Betreuung ist die Hospizbewegung. Cicely Saunders begann
ihre Arbeit als Krankenschwester, 1951 bis 1957 studierte sie Medizin
und gründete 1967 das St. Christophers Hospiz in London.
Sie hatte Respekt vor dem terminal Kranken und stellte durch ihre Persönlichkeit
ein Klima her, in dem Patienten und ihre Familien Vertrauen gewannen9.
Hospizprogramme bieten Betreuung während der letzten sechs Monate
des Lebens an. Nicht nur für Karzinomkranke, sondern auch für
Patienten mit AIDS, Herz-, respiratorischer Insuffizienz und anderen
terminalen Krankheiten10. Hospizinitiativen betreuen schwer kranke und
sterbende Patienten ambulant oder in Hospizstationen, während Palliativstationen
an Krankenhäuser angeschlossen sind. Oft wird die Familie durch
die Pflege überfordert. Im Hospiz, wo eine private Atmosphäre
herrscht und zu jeder Zeit Besuche möglich sind, werden solche
Patienten umfassend betreut. Grundgedanke von Cicely Saunders: Sterben
nicht durch aktive Euthanasie verkürzen, sondern Sterben menschenwürdig
gestalten. Die Annahme von Palliation und Hospiz ist für viele
Patienten nicht leicht. Einerseits empfinden terminal Kranke oft die
Todesnähe, andererseits hoffen sie, dass keine Verschlechterung
eintritt. Deshalb sollte ihnen gesagt werden, dass eine Kombination
von aktiver und supportiver Behandlung sinnvoll ist11. Was wünscht
man am Lebensende? Eine Untersuchung12 zeigt, dass fünf
Punkte besonders zu berücksichtigen sind:
1. Gute Schmerz- und Symptomkontrolle,
2. Vermeidung einer unangemessenen Verlängerung des Sterbens,
3. Gefühl der Kontrolle,
4. Erleichterung der Last von betreuenden Angehörigen und
5. Verstärkung der Beziehung zu nahen Menschen.
Welche
Symptome sind behandelbar?
Unkontrollierte Karzinomschmerzen und andere quälende Symptome
sind ein Grund dafür, dass sich Schwerkranke fürchten. Mehr
als 90 Prozent der Schmerzen können erleichtert werden, wenn wir
uns an die Richtlinien der Schmerztherapie, z. B. an die analgetische
Leiter der WHO mit ihren drei Stufen für leichte, mittelschwere
und schwere Schmerzen halten13. Zur Beurteilung des Schweregrades
ist eine visuelle Schmerzskala nützlich. Für schwere Schmerzen
ist Morphin ein wichtiges Opioid. Deutschland lag mit einem Morphinverbrauch
von 13 kg pro eine Million Einwohner 1997 weit hinter anderen Industrieländern14.
Nach Hochrechnungen ergibt sich allein für die Behandlung von Tumorpatienten
ein jährlicher Bedarf von ca. 80 kg Morphin pro eine Million Einwohner.
Adjuvante Mittel, z. B. trizyklische Antidepressiva und Antikonvulsiva,
werden zusätzlich bei neuropathischen Schmerzen eingesetzt15.
Der physische Karzinomschmerz wird durch Depression und Angst verstärkt.
Wird nur er behandelt und den psychischen und sozialen Aspekten nicht
die gleiche Aufmerksamkeit geschenkt, so hat die beabsichtigte Schmerzlinderung
u. U. nur geringen Erfolg1.
Auch andere Symptome, z. B. Anorexie, Gewichtsverlust, Obstipation,
Atemnot, Nausea und Erbrechen können quälen. Hier sind die
Ursachen zu erforschen und eine adäquate pharmakologische Behandlung
einzuleiten. Eine Nausea kann z. B. durch Hypercalcämie (Hydrierung,
Biphosphonate) oder Opioide (Metoclopramid) verursacht sein16.
Erschöpfung, Müdigkeit und Energieverlust fanden sich bei
75 Prozent der untersuchten Karzinompatienten17. Steckt eine
Depression hinter den Symptomen, ist eine entsprechende Therapie möglich.
Erythropoetin kann bei Müdigkeit helfen, die durch eine Anämie
verursacht wird. Am Ende dieses Abschnitts eine Bemerkung zum präfinalen
Rasseln, das auch für Angehörige einen erheblichen Stress
darstellt. Es ist durch 30°-Seitenlagerung und subkutane Anticholinergika
(Scopolamin oder N-Butylscopolamin) zu reduzieren18.
Welche psychosozialen und spirituellen Probleme existieren?
Naturgemäß haben Patienten mit fortgeschrittenen Krankheiten
auch psychische Probleme. Mehr als 37 Prozent von befragten Karzinompatienten
litten unter Depression und Angst19. Im Unterschied zur normalen Trauer
des Abschieds gibt es klinische Depressionen mit vollkommener Freudlosigkeit
und Hilflosigkeit, mit den Gefühlen von Wertlosigkeit und Schuld,
nicht selten begleitet von suizidalen Gedanken20. Die Behandlung
umfasst nicht nur Antidepressiva, sondern auch Schmerzkontrolle und
emotionelle Unterstützung. Ein guter Patient-Arzt-Kontakt mildert
Angst. Manchmal sind Benzodiazepine angezeigt. Allerdings wegen psychomotorischer
Schwäche und anderer Nebenwirkungen nur als Kurzzeittherapie21.
Je nach Untersuchung treten am Lebensende bei 28 Prozent bis 83 Prozent
der Patienten akute Delire auf22. Solche Delire ängstigen
den Patienten und seine Familie, vor allem weil sie eine Kommunikation
mit dem Sterbenden erschweren. Es gibt zahlreiche Ursachen dieser organisch
bedingten Verwirrungszustände, z. B. Hypercalcämie, Exsikkose
und Medikamente. Die Behandlung eines Delirs kann das Sterben erleichtern.
Patienten erwarten oft auch in den letzten Monaten und Wochen ihres
Lebens viel von der Medizin. Als Ärzte wollen wir keine Hoffnungen
zerstören, wir sollten aber auch keine Mirakel versprechen. Wenn
wir mit dem Kranken nicht ehrlich reden, sind unnütze aggressive
Therapien die Folge. Illusionen versperren Spiritualität, die nach
Lebenssinn, Erfüllung und Vollendung fragt. Spiritualität
betrifft nicht nur die traditionelle und konfessionelle Gläubigkeit.
Friede kann sich einstellen, wenn der Kranke auf sein Leben zurückblickt
und Familienkonflikte noch gelöst werden. Im Frieden zu sein
korreliert bei Patienten mit progredienten Karzinomen und anderen terminalen
Krankheiten oft mit emotionellem Wohlbefinden23.
Manchmal wünscht der Kranke einen Geistlichen. Ein Pastor, der
einfühlsam zuhört, kann hilfreich begleiten. Religiöser
Trost ist imstande, das Sterben zu erleichtern. Andererseits haben Religionen
oft, wie der Theologe und Ethiker Hartmut Kreß24 hervorhebt,
mit dem Tod Motive vom Teufel, Hölle oder ewiger Verdammnis
verknüpft ... Die Lehre vom strafenden Gott und die Aussage, Gott
schicke den Menschen Krankheit und Sterben als Sündenstrafe, haben
bis weit in die Moderne hinein gewirkt und Menschen über ihr physisches
Leiden hinaus seelisch belastet.
Wie auch immer der Glaube des Kranken beschaffen sein mag - es ist wichtig,
ihn zu respektieren und der Versuchung zu widerstehen, ihn zu den eigenen
Werten bekehren zu wollen.
Hat die Patientenverfügung einen Sinn?
1969 hatte Louis Kutner zuerst die Idee der Patientenverfügung25.
Er reagierte damit auf die Furcht, dass die Technologie Ärzte dazu
veranlasst, bei Sterbenden Interventionen zur künstlichen Lebensverlängerung
einzusetzen, die Kranke nicht wünschen. Patientenverfügungen
beschreiben die Wünsche der Menschen für den Fall, dass sie
zukünftig nicht selbst über den Einsatz medizinischer Techniken
mitentscheiden können, weil sie z. B. eine Demenz, Bewusstlosigkeit
oder einen Schlaganfall mit Sprachstörungen haben. Bei einer Befragung
äußerten sich ältere Menschen über mögliche
Eingriffe, wenn sie an einer fortgeschrittenen und tödlichen Krankheit
leiden: 93 Prozent wünschten dann keine künstliche Ernährung,
92 Prozent keine mechanische Beatmung, 90 Prozent keine kardiopulmonale
Wiederbelebung26. Viele Menschen würden gern eine Patientenverfügung
abfassen, aber sie benötigen dazu ärztliche Hilfe. Sie hätten
gern die Chance, mit dem Arzt ihres Vertrauens Themen des Lebensendes
zu diskutieren.
Andererseits machen es Gegner der menschlichen Autonomie dem Konzept
der Patientenverfügung nicht leicht. Dabei werden die Patientenverfügung
als statisches Instrument und die Selbstbestimmung als ideologischer
Begriff abgewertet27. Die Praxis widerspricht diesen Einwendungen.
Dazu zwei Beispiele: Der Notfalldienst kommt in die Wohnung eines älteren
kachektischen Mannes mit Herzstillstand. Die Familie sagte, dass der
Patient ein progressives Karzinom hat und keine kardiopulmonale Wiederbelebung
wollte. Wenn keine schriftliche Patientenverfügung vorliegt, wird
der Patient wahrscheinlich wiederbelebt28.
Terri Schiavo29,30,31 war seit 1990 in einem persistierenden
vegetativen Status (Wachkoma, apallisches Syndrom). Medizinisch begründete
Hoffnung auf Besserung bestand nicht. Weil keine Patientenverfügung
vorlag, gab es einen erbitterten Familienstreit, ob die PEG-Sonde entfernt
werden dürfe, um die Krankheit nicht weiter am natürlichen
Verlauf zu hindern. Erst 2005 wurde die Ernährungssonde auf Beschluss
eines amerikanischen Gerichts entfernt. Die Patientin durfte sterben.
Hoffentlich führt der beklagenswerte Streit um Terri Schiavo dazu,
dass mehr Patientenverfügungen ausgestellt werden.
Wenn wir die Verfügung eines Patienten, d. h. seine Wünsche
und Selbstbestimmung respektieren, achten wir seine Freiheit.
Integration in die tägliche Praxis?
Bereits Studenten können an die palliative Betreuung herangeführt
werden, damit sie lernen, die Perspektive des Patienten zu verstehen
und durch seine Augen zu sehen. Patient-zentrierte Kommunikation schließt
Respekt vor dem Kranken ein und konfrontiert mit existenziellen Fragen.
Das ist nicht einfach, aber wenn klinischen Lehrern und Professoren
dieses Thema wichtig ist, sind auch Studenten zu gewinnen32.
Menschen mit terminalen Krankheiten wünschen oft, zu Hause zu sterben,
aber obwohl 65 Prozent der Patienten mit Karzinom diesen Wunsch hatten,
schafften es nur 30 Prozent. Um ihren Erwartungen entgegenzukommen,
wäre es von großem Nutzen, die Prinzipien der palliativen
Betreuung und Hospizbewegung in die hausärztliche Praxis zu integrieren33,34.
Zwar entwickelte sich die palliative Medizin als eigene Disziplin35.
Selbstständige Spezialstationen entstanden, in denen praktiziert
wird, dass die Linderung von Leiden genauso ernst zu nehmen ist wie
Heilung, auf die unsere medizinische Ausbildungskultur lange Zeit ein
wenig einseitig fokussierte. Deshalb haben viele Hausärzte- und
Allgemeinärzte erkannt, dass die Prinzipien der palliativen Versorgung
und der Hospizbewegung nicht allein den Spezialisten angehen. Hausärzte
und palliative Experten haben gemeinsame Werte: Sie denken ganzheitlich
und arbeiten patientzentriert im Kontext der Familie und eines Teams,
zu dem Gemeindeschwestern, Sozialarbeiter, Pastoren und nicht zuletzt
viele ehrenamtlich tätige Helferinnen der Hospizbewegung gehören.
Auf diese Weise können Hausärzte dazu beitragen, dass terminal
Kranke noch eine sinnvolle Zeit zu Hause mit ihrer Familie verbringen.
Prof. Dr. Karlheinz Engelhardt, Jaegerallee 7, 24159 Kiel
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Schleswig-Holsteinisches
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