Thromboseprophylaxe
und -therapie mit niedermolekularen Heparinen
auf der Grundlage der Konsensusempfehlung der Arzneimittelkommission
des UK S-H sowie der aktuellen wissenschaftlichen Datenlage
Hans Dietrich Bruhn, Ulrich Fölsch, Ulrich Kunzendorf, Heiner
Mönig, Rüdiger Simon, Thomas Wagner
Thromboseprophylaxe
Die Thromboseprophylaxe soll in ihrer Dosierung risikoadaptiert erfolgen.
In der Praxis werden das niedrige und mittlere Risiko zu einem Standardrisiko
zusammengefasst und parallel wird eine Hochrisikogruppe definiert. Dabei
werden folgende Gesichtspunkte bei der Beurteilung des Thromboserisikos
berücksichtigt:
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Linksseitige
Beckenbeinvenenthrombose bei metastasierendem Ovarialkarzinom bei
einer 53-jährigen Patientin. Tumorzellen-Thromboplastine sind
eine häufige Ursache für Beckenbeinvenenthrombosen. |
Prädisposition
und Exposition
Zur individuellen Prädisposition zählen Lebensalter > 50
Jahre, Thrombophilie (APC-Resistenz, d. h. Mutation im Faktor-V-Gen,
Protein-C-, Protein-S-Mangel, Antithrombin-III-Mangel, Mutation im Prothrombin-Gen,
erhöhter Lipoprotein(a)-Plasmaspiegel, Hyperhomocysteinämie,
Hyperkoagulabilität, speziell mit Erhöhung der Faktor-VIII-Aktivität
auf > 200 Prozent, verminderter Fibrinolyseaktivator, Dysplasminogenämie),
frühere Thromboembolien, postthrombotisches Syndrom mit Varicosis,
Lähmungen (besonders häufig Thrombosen im Bereich der gelähmten
Extremitäten), familiäre Vorgeschichte.
Nicht im Gerinnungslabor erfassbar und trotzdem für die individuelle
Prädisposition wichtig sind: Beckenvenensporn, Herzinsuffizienz,
bradykarde Herzrhythmusstörungen mit verlangsamter Blutströmung,
erhöhte Blutviskosität (Einnahme von Diuretika, Polyglobulie,
speziell auch bei Rauchern, Polycythaemia vera).
Weitere
signifikante Thromboseursachen
Tumorleiden mit der Freisetzung von Tumorzellen-Thromboplastinen und
dadurch ausgelöster ständiger Aktivierung des Gerinnungssystems.
Entzündliche Prozesse, die zur Aktivierung der Thrombozyten führen:
Daher Thromboseneigung bei schweren chronischen Entzündungen wie
beispielsweise Colitis ulcerosa, Morbus Crohn, Pneumonie, Sepsis.
Erhöhtes Krankheitsrisiko bei besonderer Exposition:
Große operative Eingriffe zählen zu Hochrisiko-Situationen,
Hüft-, Knie- und Frakturen-Operationen.
Bei längerer Bettlägerigkeit, Gravidität und im Wochenbett
erhöhtes Thromboserisiko (in der Gravidität verdreifacht,
im Wochenbett verzehnfacht).
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| Verschluss
der Vena femoralis und der Vena saphena im Bereich des rechten Beines
bei einer 41-jährigen Sportlehrerin |
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Medikamentöse
Maßnahmen
Aufgrund verschiedener Aspekte (wissenschaftliche Evidenz, Kosten) hat
die Arzneimittelkommission des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein
beschlossen, für die Thromboseprophylaxe Fragmin® (Dalteparin)
in Fertigspritzen zu empfehlen:
Niedrig-Risiko: Fragmin® P (2 500 E, FS), 1 x täglich subcutan.
Hoch-Risiko: Fragmin® P Forte (5 000 E, FS), 1 x täglich subcutan.
Entsprechend den o. g. Kriterien und der aktuellen Studienlage sind
die meisten internistischen Indikationen als Hochrisiko-Indikationen
einzustufen.
Beim Höchstrisiko (Unfallchirurgie/Orthopädie): Arixtra®
(Fondaparinux) erwägen!
Bei Schwangeren kann niedermolekulares Heparin zur Thromboseprophylaxe
eingesetzt werden, da die niedermolekularen Heparine wie das unfraktionierte
Heparin nicht placentagängig sind. Das trifft auch für das
zur Prophylaxe zugelassene Fragmin® zu. Niedermolekulare Heparine
gehen nur in ganz geringem Umfang in die Muttermilch über und werden
gastrointestinal nicht resorbiert, sodass beim Säugling keine Heparin-Wirkung
zu erwarten ist.
Therapie
der tiefen Venenthrombose
In der Thrombosetherapie haben sich die niedermolekularen Heparine in
subcutaner Applikationsform dem Standardheparin gegenüber als teilweise
überlegen erwiesen und sind in der Therapiedurchführung einfacher
zu handhaben. Die Arzneimittelkommission des Universitätsklinikums
Schleswig-Holstein empfiehlt zur Therapie der tiefen Venenthrombose
Clexane® multidose (Enoxaparin) in gewichtsadaptierter Dosierung
(2 x täglich 1 mg/kg, beispielsweise also bei einem Körpergewicht
von 70 kg 2 x täglich 0,7 ml subcutan).
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Erfolgreiche
Fibrinolysetherapie und Beseitigung des thrombotischen Materials
einschließlich Erhaltung der Venenklappen |
Bei
ausgeprägter Niereninsuffizienz wird von nephrologischer Seite
der Einsatz niedermolekularer Heparine weniger empfohlen und ggf. nur
unter regelmäßiger Kontrolle der Plasmaspiegel des jeweils
eingesetzten niedermolekularen Heparins (unter Messung der anti-Xa-Wirkspiegel).
Bei gravierender Niereninsuffizienz ist vor allem wieder das unfraktionierte
Heparin einzusetzen unter Kontrolle der aPTT.
Weiterhin ist bei extremen Körpergewichten (Untergewicht, z. B.
40 kg, und Übergewicht, beispielsweise 125 kg) ein Monitoring des
anti-Xa-Spiegels im Plasma dringend wünschenswert! Entsprechend
des anti-Xa-Plasmaspiegels von Fragmin® und Clexane® ist dann
eine Dosisanpassung erforderlich.
Unfraktioniertes Standardheparin (i. v. über Perfusor) gelangt
bisher bei notwendiger kurzfristiger Steuerung über die PTT in
vielen kardiologischen Einheiten immer noch zum Einsatz (beispielsweise
beim akuten Coronarsyndrom). Auch im Hinblick auf die notwendige Antagonisierung
durch Protamin ist Standardheparin als günstig einzustufen.
In vielen Bereichen wird auch schon niedermolekulares Heparin beim akuten
Coronarsyndrom zum Einsatz gebracht, wobei dann zur Kontrolle des Wirkspiegels
im Plasma die anti-Xa-Aktivität über das zuständige Gerinnungslabor
gemessen werden muss (wobei auch niedermolekulares Heparin durch Protamin
antagonisiert werden kann).
Die aktuellen Empfehlungen des American Collage of Cardiology sowie
der American Heart Association und die aktuellen Leitlinien der Deutschen
Gesellschaft für Kardiologie zur Behandlung des akuten Coronarsyndroms
verweisen auf randomisierte klinische Studien, welche gezeigt haben,
dass bei akutem Coronarsyndrom (instabile Angina pectoris und Nicht-ST-Hebungsinfarkt)
die niedermolekularen Heparine dem unfraktionierten Heparin überlegen
sind. Dementsprechend wurden in die aktuellen Empfehlungen die niedermolekularen
Heparine bei der konservativen Behandlung des akuten Coronarsyndroms
dem unfraktionierten Heparin vorangestellt (Pharmacotherapy 2004; 24:
1325-1415). Auch bei Patienten mit ST-Hebungsinfarkt (STEMI), die eine
fibrinolytische Therapie mit Tenecteplase als Reperfusionsstrategie
erhalten haben, war Enoxaparin dem unfraktionierten Heparin überlegen.
Die Zurückhaltung vieler Kardiologen im Hinblick auf das niedermolekulare
Heparin beruht im wesentlichen auf dem in Deutschland häufig praktizierten
primär interventionellen Vorgehen beim akuten Coronarsyndrom. Die
meisten interventionellen Kardiologen bevorzugen bei interventionellem
Vorgehen (Herzkatheteruntersuchung und PTCA) das unfraktionierte Heparin
aufgrund seiner besseren Antagonisierbarkeit, der besseren Steuerbarkeit
(ACT im Herzkatheterlabor verfügbar) und kürzeren Halbwertszeit
(insbesondere bei niereninsuffizienten Patienten).
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| Schema
der Fibrinolysetherapie: Aktivierung von Plasminogen durch die entsprechenden
Aktivatoren zu Plasmin. Zusätzliche Angabe der Hemmkörper
PAI 1 und PAI 2 sowie α 2-Antiplasmin. |
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Vorgehensweise
bei Verdacht auf Heparin-induzierte Thrombozytopenie (HIT II)
Der Verdacht auf eine Heparin-induzierte Thrombozytopenie ergibt sich
aus der klinischen Situation bei Abfall der Thrombozytenzahl (< 50
Prozent im Vergleich zum Ausgangswert) oder bei Thrombozytenabfall auf
Werte < 100/nl. Eine zusätzliche Absicherung der Verdachtsdiagnose
kann durch den ELISA (HIT-Test) erfolgen. Die Entscheidung zum Absetzen
des Heparins muss klinisch unter Berücksichtigung des Thrombozytenverlaufs
getroffen werden. In der therapeutischen Situation kann ersatzweise
rekombinantes Hirudin (Refludan®) oder das Heparinoid Orgaran®
(Danaparoid) sowie neuerdings grundsätzlich auch Arixtra® eingesetzt
werden. Die Dosierungsrichtlinien der Hersteller unter Berücksichtigung
der Nierenfunktion sind strikt zu beachten. Zur Kontrolle der Hirudin-Therapie
eignen sich die Hirudin-Plasmaspiegel (alternativ Analyse der Ecarin-Zeit).
Grundsätzlich kann auch mit der PTT der Hirudin-Spiegel überwacht
werden, wobei allerdings aufgrund ungünstiger Eichkurvenverhältnisse
keine richtige Korrelation zwischen Hirudin-Plasmaspiegel und Verlängerung
der PTT existiert.
Heparin-induzierte Thrombozytopenie (HIT II) in der Anamnese
Bei erneuter Notwendigkeit der Thromboseprophylaxe entweder Orgaran®
oder Revasc® einsetzen! Orgaran® ist wegen seiner längeren
Halbwertzeit (1 x tägliche Gabe) zu bevorzugen. Die Reexposition
von rekombinantem Hirudin (speziell Refludan®) kann in seltenen
Fällen zu tödlich verlaufenden anaphylaktischen Reaktionen
führen. Alternativ kann aufgrund der pharmakologischen Eigenschaften
und der vorliegenden klinischen Daten Arixtra® in der Thromboseprophylaxe
bei bekanntem HIT II eingesetzt werden.
Ambulante versus stationäre Thrombosebehandlung
Mehrere Studien belegen, dass die subcutane Gabe von niedermolekularem
Heparin in der Initialbehandlung der venösen Thrombose mindestens
so effektiv und sicher ist wie die intravenöse Gabe von unfraktioniertem
Heparin (Langzeit-Perfusor). Damit wird erstmals eine ambulante Thrombosebehandlung
durch subcutane Applikation von niedermolekularem Heparin möglich!
Ein leitliniengerechtes Thrombosemanagement erfordert zunächst
eine sichere Thrombosediagnostik. Anschließend muss individuell
für jeden Patienten die initiale Antikoagulation mit Heparin wie
auch die nachfolgende Umstellung auf Vitamin-K-Antagonisten (Marcumar®)
und das erforderliche Monitoring sichergestellt werden. Kontraindikationen
und Begleiterkrankungen sind zu berücksichtigen und können
zusammen mit der individuellen Behandlungssituation Gründe für
eine stationäre Aufnahme darstellen. Eine Checkliste kann zwar
bei der Entscheidung helfen, erübrigt aber nicht die Aufklärung
und Abwägung der Vor- und Nachteile einer ambulanten Behandlung
für jeden Einzelfall.
Checkliste ambulante Thrombosebehandlung
Eine Thrombosebehandlung kann ambulant erfolgen, wenn alle folgenden
Punkte zutreffen:
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Die
tiefe Venenthrombose wurde mit einem bildgebenden Verfahren gesichert
(Sonographie, Phlebographie).
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Es
liegt keine mit Schmerzmitteln zu behandelnde Beinschwellung vor.
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Es
liegt keine schwere Grunderkrankung vor, die eine stationäre
Aufnahme notwendig erscheinen lässt.
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Es
liegen keine klinischen Zeichen einer Lungenembolie vor (z. B. Atemnot,
atemabhängige Schmerzen, Herzrasen, unerklärter Bewusstseinsverlust).
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Niedermolekulare
Heparine in Fertigspritzen können zu Hause gegeben werden (Patient,
Angehörige, Pflegedienst).
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Die
Einstellung auf Vitamin-K-Antagonisten (Cumarine) kann ambulant erfolgen.
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Die
Kompressionstherapie kann zu Hause durchgeführt werden.
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Die
Compliance des Patienten lässt erwarten, dass alle therapeutischen
Maßnahmen akzeptiert werden.
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Die
Umfelddiagnostik (z. B. Tumorerkrankung) kann ambulant erfolgen und
ist sichergestellt.
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Der
Patient wünscht nicht ausdrücklich eine Krankenhausbehandlung.
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Alle
beteiligten Ärzte tragen für diesen Patienten das Konzept
der ambulanten Behandlung mit.
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Der
Patient ist ausführlich über die Erkrankung und ihre Komplikation
aufgeklärt.
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Der
Patient kann auch in der Nacht und an Sonn- und Feiertagen einen Arzt
für Fragen und Komplikationen erreichen. Wichtige Rufnummern
sind ihm bekannt.
Leitliniengestützte
Empfehlungen zur Thrombosediagnostik und -therapie
In der Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Angiologie wird
empfohlen, die Abklärung eines Verdachts auf eine tiefe Venenthrombose
an einer Einrichtung (Praxis, Ambulanz, Krankenhaus) durchzuführen,
die für diese Fragestellung eine standardisierte und sichere Strategie
verfolgt. Unter dem Gesichtspunkt der Kosteneffektivität und des
Patientenkomforts wird die Sonographie der Bein- und Beckenvenen als
Diagnostikum der ersten Wahl angesehen. Für den Fall, dass der
sonographische Befund bezüglich einer distalen Thrombose unsicher
ist, sollten folgende Alternativen in Betracht gezogen werden:
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Phlebographie
im unmittelbaren Anschluss an die Sonographie.
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Engmaschige
Wiederholung der Sonographie.
-
Die
Einbeziehung der klinischen Vorhersagewahrscheinlichkeit kann den
Prozentsatz von Patienten, die für eine Wiederholungsuntersuchung
oder für die Phlebographie vorgesehen werden, deutlich verringern.
Nur bei starker Diskrepanz zwischen sonographischem Ergebnis und klinischer
Vortestwahrscheinlichkeit wird zur definitiven Klärung phlebographiert,
bei mittlerer Wahrscheinlichkeit und negativer Sonographie genügt
die engmaschige Wiederholungsuntersuchung.
-
Durchführung
des D-Dimer-Tests als alleinige Untersuchung zum Ausschluss einer
Thrombose ist - unabhängig vom Testsystem - aktuell nicht als
klinisch sicher zu betrachten. Der Ausschluss einer Venenthrombose
mit einem D-Dimer-Testergebnis im Referenzbereich bei niedriger Vortestwahrscheinlichkeit
wird zurzeit geprüft.
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Klinisch
sicher und mit einem vertretbaren Aufwand verbunden ist die Beschränkung
von Phlebographie oder sonographischer Kontrolluntersuchung auf Patienten
mit der Kombination aus positivem D-Dimer-Test und negativer Sonographie.
Die zusätzliche Einbeziehung der klinischen Vorhersagewahrscheinlichkeit
zur weiteren Eingrenzung wurde in prospektiven Studien nicht getestet,
ist aber wahrscheinlich sinnvoll.
Initiale Antikoagulation
Die Standardbehandlung der tiefen Beinvenenthrombose und der Lungenarterienembolie
ist, unabhängig vom Schweregrad, die Therapie mit niedermolekularen
Heparinen. Die Dosis für Clexane® (Enoxaparin) beträgt
2 x 1 mg/kg Körpergewicht; d. h. bei 70 kg 2 x 0,7 ml Clexane multidose.
Ein initialer intravenöser Bolus ist bei der Therapie mit niedermolekularem
Heparin nicht erforderlich. Auf routinemäßige Gerinnungskontrollen
(z. B. Messung der anti-Faktor-Xa-Aktivität) kann in Analogie zu
den großen Therapiestudien verzichtet werden, solange die Behandlungsbedingungen
der Studien eingehalten werden. Einzelne Laborkontrollen sind besonders
in folgenden Situationen sinnvoll:
a) Eingeschränkte Nierenfunktion;
b) langdauernde Anwendung (> 14 Tage lang);
c) < 50 kg oder > 100 kg schwere Patienten.
Von manchen Nephrologen wird aufgrund der Problematik erhöhter
Plasmaspiegel der niedermolekularen Heparine mit Blutungsgefahr bei
Niereninsuffizienz weiterhin der Einsatz von unfraktioniertem Heparin
bei Niereninsuffizienz empfohlen! Beim Umgang mit niedermolekularem
Heparin bei Patienten mit Niereninsuffizienz wird von den Nephrologen
des UK S-H das folgende Vorgehen empfohlen:
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Bei
einer Creatininclearance < 30 ml/min: Dosisreduktion um 50 Prozent
und Kontrolle des anti-Xa-Spiegels.
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Bei
einer Creatininclearance von 30-60 ml/min: Kontrolle des anti-Xa-Spiegels
und Dosisadjustierung entsprechend der anti-Xa-Aktivität.
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Creatininclearance
> 60 ml/min: Keine Dosisanpassung erforderlich!
Normalerweise liegt der Zielbereich für den anti-Faktor-Xa-Spiegel
bei zweimaliger täglicher Anwendung zwischen 0,4 und 0,8 I.E./ml
(ca. drei Stunden nach der Injektion).
Sekundärprophylaxe
Sekundärprophylaxe erfolgt mit Cumarinderivaten. Der therapeutische
Zielbereich der INR liegt bei 2,0 bis 3,0. Für eine längere
Dauer der Antikoagulation sprechen insbesondere die Rezidivthrombose,
die spontane Thrombose, eine Tumorerkrankung, eine familiäre Thromboseneigung
oder eine Thrombophilie mit hohem Thromboserisiko (z. B. Antithrombinmangel,
Lupus-Antikoagulans, bestimmte Kombinationen von Mutationen, z. B. Faktor-V-Leiden
und Hyperhomocysteinämie). Als Gründe gegen eine längerfristige
Antikoagulation sind z. B. ein Lebensalter von > 60 Jahren, der Zustand
nach Apoplex oder gastrointestinaler Blutung, eine schwerwiegende Begleiterkrankung,
eine schwierige Steuerung der oralen Antikoagulation und andere Kontraindikationen
zu nennen.
Als alternative Antikoagulation eignet sich unfraktioniertes Heparin subcutan
und niedermolekulares Heparin subcutan. Offizielle Studien liegen diesbezüglich
noch nicht vor. Vor dem Hintergrund bisheriger Studienergebnisse jedoch
handelt es sich um eine im Rahmen der ärztlichen Behandlungsfreiheit
zu rechtfertigende Maßnahme. Der Übergang von der vollen auf
die halbe Behandlungsdosis beim niedermolekularen Heparin nach etwa 10
bis 14 Tagen ist beschrieben als Maßnahme der Folgeantikoagulation
(Sekundärprophylaxe anstelle der Vitamin-K-Antagonisten). Diese Behandlung
ist aber erheblich teurer als die orale Antikoagulation und sollte daher
auf bestimmte und begründete Ausnahmefälle beschränkt bleiben.
Kompression und Mobilisation
Die Kompressionsbehandlung hat einen analgetischen und einen antiödematösen
Effekt. Als wesentlicher Langzeiteffekt ist die Verminderung von Häufigkeit
und Schweregrad des postthrombotischen Syndroms belegt. In der akuten
Krankheitsphase ist das Anlegen eines Wechselverbands mit Kurzzug- oder
Mittelzugbinden empfehlenswert. Nach Abschwellung der Extremität
sollte ein Kompressionsstrumpf der Klasse II oder III tagsüber getragen
werden. Über die optimale Strumpflänge liegen bisher keine ausreichenden
Daten vor. Bei proximaler Thrombose (d. h. einschließlich und oberhalb
der Vena poplitea) ist initial ein Oberschenkelstrumpf empfehlenswert,
bei distaler Thrombose (d. h. unterhalb der Vena poplitea) genügt
in der Regel ein Wadenstrumpf. Auch in der langfristigen Behandlung des
Zustandes nach Beinvenenthrombose ist bei der Oberschenkelvenenthrombose
nach initialem Oberschenkelstrumpf dann im weiteren Langzeitverlauf auch
nur noch ein Unterschenkelkompressionsstrumpf erforderlich, wie neuere
Studien gezeigt haben.
Die Immobilisation von Patienten mit akuter tiefer Bein-/Beckenvenenthrombose
- zusätzlich zur Antikoagulation und Kompression - reduziert weder
die Frequenz von Lungenembolien noch die Häufigkeit und Schwere des
postthrombotischen Syndroms. Das ist unabhängig von der Lokalisation
der Thrombose und gilt daher für die Unterschenkelvenenthrombose
gleichermaßen wie für die Beckenvenenthrombose. Bei akuten
Beschwerden kann es sinnvoll sein, das Bein in den ersten Tagen für
die überwiegende Zeit des Tages zu schonen und hoch zu lagern.
Prof. Dr. Hans Dietrich Bruhn, Prof. Dr. Ulrich R. Fölsch, Prof.
Dr. Heiner Mönig, Klinik für Allgemeine Innere Medizin, UK S-H,
Campus Kiel, Schittenhelmstraße 12, 24105 Kiel, Prof. Dr. Ulrich
Kunzendorf, Klinik für Nieren- und Hochdruckkrankheiten, UK S-H,
Campus Kiel, Prof. Dr. Rüdiger Simon, Klinik für Kardiologie,
UK S-H, Campus Kiel, Prof. Dr. Thomas Wagner, Klinik für Hämatoonkologie,
UK S-H, Campus Lübeck, Ratzeburger Allee 160, 23538 Lübeck
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Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 11/2006
S. 65-70
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