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Rezensionen

Keiner stirbt für sich allein
Sterbehilfe, Pflegenotstand und das Recht auf Selbstbestimmung

Bibliographische Angaben: Oliver Tolmein, Bertelsmann Verlag München 2006, 256 Seiten, ISBN 3-570-00897-5, 14,95 Euro


Das Thema des Buches ist aktuell, sein Autor Journalist, Jurist und Lehrbeauftragter für Sozial-, Straf- und Behindertenrecht. Tolmein beschreibt einfühlsam Schicksale und er diskutiert eingehend palliative Betreuung, Hospizdienste, das Dilemma um Patienten in einem viele Jahre andauernden Wachkoma und aktive, passive sowie indirekte Euthanasie. In einem Altersheim wird z. B. eine 86-jährige Frau reanimiert, obwohl die Altenpflegerin sagt, die Patientin wolle das nicht. Weil jedoch eine schriftliche Patientenverfügung nicht vorliegt und Pflegepersonen oft nicht über die Wünsche der Patienten orientiert sind, werde auch in aussichtslosen Fällen aus strafrechtlichen Motiven der Notarzt geholt. Ein anderes Beispiel des Autors: Oft zögen bei Multiorganversagen Apparate das Sterben hinaus. Wenn keine Patientenverfügung verfasst wurde, drängen manche Angehörige, alles, was technisch machbar ist, zu tun. „Heute ist die Furcht vor juristischen Fallstricken größer geworden, wir alle haben eine latente Angst davor, dass Angehörige vor Gericht ziehen“, zitiert Tolmein die Ärztin einer Intensivstation. Seine Haltung zur Patientenverfügung ist allerdings seltsam widersprüchlich. Patientenverfügungen seien „statische Instrumente“, die zu einer „starren Größe“ werden. Für den Autor ist Selbstbestimmung des Menschen nur ein ideologisch gefüllter Begriff. Der erbittert geführte Streit um die Amerikanerin Terri Schiavo zeigt jedoch, dass das Gegenteil richtig ist. Sie befand sich viele Jahre in einem persistierenden vegetativen Status (apallisches Syndrom, Wachkoma). Die Entscheidung über eine Langzeitbehandlung sollte von den früheren Wünschen des Patienten abhängig gemacht werden, da ein länger als ein Jahr bestehendes Wachkoma eine schlechte Prognose hat. Der zerrüttende Familienzwist, ob die Magensonde bei Terri Schiavo entfernt werden dürfe, wäre bei Vorliegen einer Patientenverfügung zu vermeiden gewesen. Gerade Ärztinnen und Ärzte können sehr hilfreich sein, wenn sie Personen eingehend beraten, die ihr Selbstbestimmungsrecht ausüben möchten. Gewiss ist Tolmein zuzustimmen, dass palliative Betreuung Sterbender und Hospizdienste eine große Bedeutung haben und weiter auszubauen sind. Der Autor stellt den Abbruch einer sinnlosen Behandlung als „gezielte Herbeiführung des Todes“ dar und verwischt so die ethische Differenz zwischen passiver und aktiver Sterbehilfe. Das ist bedenklich, denn das Nichtgeben oder Abstellen einer sinnlosen und vergeblichen Behandlung in Übereinstimmung mit dem Patientenwillen lässt der tödlichen Krankheit ihren natürlichen Verlauf (passive Euthanasie), während eine letale Injektion auf Wunsch (aktive Euthanasie) auch einen Gesunden töten würde. Wenn ein Mensch schriftlich verfügt habe, bei fortgeschrittenem Morbus Alzheimer keine operativ gelegte PEG-Sonde zu bekommen, hält Tolmein es gesellschaftlich für „nicht akzeptabel“, ihn „nicht mehr zu ernähren“. Das ist auch der Standpunkt des Vatikans. Ja, der Autor ist sogar päpstlicher als der Papst, wenn er die „indirekte Sterbehilfe“ kritisiert, die, indem sie terminal Kranke von unerträglichen Schmerzen befreit, manchmal den Tod etwas beschleunigen kann, ohne diesen Tod zu intendieren. Das Buch hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck: Seine Thematik geht jeden an und wird flüssig dargestellt, die starr-konservative Weltanschauung führt aber zu einer Abwertung der menschlichen Selbstbestimmung, die Kant und der europäischen Aufklärung zu danken ist.

Rezensent: Prof. Dr. Karlheinz Engelhardt, Jaegerallee 7, 24159 Kiel


Peter Plett 1766-1823
Lehrer in der Probstei und Entdecker der Kuhpockenimpfung

Bibliographische Angaben: Peter C. Plett, Konstanz 2006, Druckerei Hergeröder (Tel. 04344/ 1300), Bahnhofstr. 8, 24217 Schönberg, 150 Seiten, DIN A5 mit farbigen Abbildungen, 15 Euro plus 2 Euro Versandkosten. Bezahlung als Vorkasse auf das Konto der Druckerei: Kreissparkasse Schönberg, Kto-Nr. 800 023 06, BLZ 210 515 80


Die medizin-historisch Interessierten in Schleswig-Holstein und anderswo sollten aufmerken. Inzwischen ist das von mir in meinem Aufsatz im Schleswig-Holsteinischen Ärzteblatt 3/2006, S. 56-58, angekündigte Buch über Peter Plett erschienen, der 1791, fünf Jahre vor Edward Jenner, die Kuhpockenimpfung in der Probstei durchgeführt hat. Der Autor Peter C. Plett, Historiker, hat über seinen Urur-Großonkel einen ausführlichen wissenschaftlichen Bericht verfasst, der sich auf insgesamt 70 bis dato im internationalen Schrifttum aufgefundene Quellen stützt, in denen Peter Plett mit seiner Entdeckung oder als Lehrer erwähnt wird.

Das Buch beginnt mit einer kurzen Schilderung des Lebens und der Zeit von Peter Plett. Es war geistesgeschichtlich die Zeit der Aufklärung, die in die französische Revolution mündete. Weiterhin erfährt der Leser Interessantes über die Geschichte der Pockenerkrankung, bei der es sich um eine der großen Seuchen handelte, und die Entdeckung der Kuhpockenimpfung, deren systematische Anwendung seit Beginn des 19. Jahrhunderts dazu geführt hat, dass diese Geißel der Menschheit seit 1978 als ausgerottet gilt. Anhand von zwei authentischen Quellen wird ausführlich die Art und Weise der Kuhpockenimpfung beschrieben, die Peter Plett 1791/92 an drei Kindern des Gutspächters Martini auf Hasselburg im Gute Wittenberg erfolgreich durchführte. Weiterhin wird auch das Berufsleben von Peter Plett geschildert, der zuletzt als Lehrer in Stakendorf bei Schönberg tätig war und vorzeitig, wahrscheinlich wegen Alkoholismus, aus dem Schuldienst entlassen wurde. Auch die für die damalige Zeit bemerkenswerte Pensionsregelung für Peter Plett und seine Familie, die von der Dorfgemeinschaft in Stakendorf getragen wurde, wird ausführlich beschrieben.

In dem hochinteressanten Buch sind auch einige neuere Einsichten auf medizin-historischem Gebiet zu finden. So war Peter Plett nicht der einzige Vorläufer von Edward Jenner, der 1796 sein erstes Kuhpockenexperiment an einem achtjährigen Jungen unternahm und 1798 seine Entdeckung in dem berühmten Artikel „An Inquiry into the Causes and Effects of Variolae Vaccinae, a Disease known by the Name of the Cow-Pox“ veröffentlichte, der sofort große Aufmerksamkeit erregte und dazu führte, dass innerhalb von wenigen Jahren sich die sehr wirksame, aber weniger gefährliche Kuhpockenimpfung (Vakzination) gegenüber der damals praktizierten Menschenpockenimpfung (Variolation) durchsetzte. Das Buch stellt erstmals das gesamte verfügbare Wissen über Peter Pletts fünf Vorgänger zusammen, die im ausgehenden 18. Jahrhundert gelebt haben und von denen dokumentiert ist, dass sie Impfungen mit Kuhpockenlymphe statt mit Menschenpockenlymphe durchgeführt haben. Über diese Vorgänger hatte Peter Plett jedoch keine Kenntnis. Peter Plett war als junger Mann ein ebenso genialer Entdecker wie seine fünf Vorgänger und später Edward Jenner, nur hat er den Ruhm für seine Taten nicht ernten können und auch kein Geld dafür erhalten.

Für ein weiteres medizin-historisch interessantes Detail hat der Historiker Plett grundlegende Fakten zusammengetragen. In meinem oben genannten Aufsatz hatte ich den Kommentar des Eutiner Arztes Dr. Fritz Reich aus einer Arbeit aus dem Jahre 1953 übernommen. Dieser schrieb, Peter Plett habe als Nichtmediziner fünf Jahre früher als der britische Landarzt Eward Jenner einen genialen Einfall zur Tat werden lassen, der ihm einen Platz unter den Unsterblichen hätte sichern können, wenn er sein intuitiv-empirisches Verfahren der medizinischen Fachwelt unterbreitet hätte. In dem Buch werden nun überzeugende Belege dafür angeführt, dass Peter Plett 1790 und 1791/92 jeweils einen Bericht an die Kieler medizinische Fakultät geschickt hat, auf die er jedoch keine Reaktion erhielt. Der Grund dafür war möglicherweise, dass damals die medizinische Fakultät von Ärzten dominiert wurde, die in großem Stil Impfungen mit Menschenpockenlymphe durchführten. Auch in den ersten Jahren nach der bahnbrechenden Entdeckung von Edward Jenner streubten sie sich zunächst, das neue Impfverfahren anzuwenden. Dieses wurde ab 1802 von dem Laboer Pastor Dr. Schmidt mithilfe der Dorfschullehrer propagiert und in der Probstei eingeführt.

Bei dem neuen Buch handelt es sich also um eine hochinteressante wissenschaftliche Arbeit, die gut lesbar geschrieben ist und eine Reihe neuer Erkenntnisse enthält. Dem Buch ist eine zahlreiche Leserschaft, vor allem in Kiel und Umgebung und in Schleswig-Holstein, zu wünschen. Leider sind solche Arbeiten keine Selbstläufer. Das Risiko für Verlage, die solche Arbeiten herausgeben, ist groß. Deshalb ist es zu begrüßen, dass die Druckerei Hergeröder in Schönberg das Wagnis der Drucklegung auf der Basis fester Vorbestellungen zum oben genannten Preis auf sich genommen hat. Das Buch kann ab sofort bestellt werden.

Rezensent: Prof. Dr. Klaus-Dieter Kolenda, Ostseeklinik Schönberg-Holm, 24217 Schönberg


Das Handbuch für den Praxiserfolg

Bibliographische Angaben: Heinz Welling, 3. überarbeitete Auflage, Georg Thieme Verlag Stuttgart, 140 Seiten, 36 Abbildungen, kartoniert, 24,95 Euro, ISBN 3 13 105703 3

Das Buch behandelt den nicht-medizinischen Bereich der Praxisführung. Es handelt von all den Dingen, die man als Praxischef wissen und können muss, um einer Praxis über das rein Ärztliche hinaus zum Leben zu verhelfen. Das ist sehr viel und der Anfänger zahlt bitteres Lehrgeld, wenn ihm dabei nicht jemand hilft, der die Dinge kennt. Organisation ist ja viel wichtiger als man so denkt, ohne Ordnung entsteht Chaos und Aporie. Die tausend nützlichen Tipps und Tricks, Handlungsanweisungen und Ratschläge, die man in diesem schmalen Büchlein von 140 Seiten findet, sind mehr als das Geld wert, die das Werk kostet.
Pflichtlektüre für jeden Berufsanfänger und jeden Fortgeschrittenen zur Perfektionierung des Alltags dringend als Herz gelegt. Außerdem: bestens geschrieben, ein echtes Lesevergnügen!

Rezensent: Dr. Volker von Kügelgen, Schönberger Str. 72-74, 24148 Kiel


Erst Bücher, dann Menschen
Zur Geschichte der Bücherverbrennungen

Bibliographische Angaben: Jürgen Schwalm, WFB-Verlagsgruppe, Bad Schwartau, 2006, broschiert, 78 Seiten, 6,95 Euro, ISBN 3-86672-022-X

Viktor von Weizsäcker, einer der Väter der deutschen Psychosomatik, macht in seiner Autobiographie „Natur und Geist“ ein Geständnis: Als 1933 Heidelberger Studenten auf dem Universitätsplatz Bücher verbrannten, die den Nationalsozialisten missfielen, darunter Bücher Sigmund Freuds, habe er einem jüngeren Kollegen gesagt, für die Verbrennung „käme für mich nur die eine Schrift Freuds in Betracht, in der er seine Leugnung Gottes psychoanalytisch begründet (Die Zukunft einer Illusion)“. Weizsäcker vergaß, dass, wer Bücher auch Ketzer wie Giordano Bruno verbrennt. Von diesem wichtigen Thema handelt das neue Buch des Lübecker Arztes und Schriftstellers Dr. Jürgen Schwalm. 1410 ließ der Erzbischof von Prag die Schriften John Wiclifs, eines Vorläufer der Reformation, verbrennen. Johannes Hus, der böhmische Reformator, musste 1415 in Konstanz den Feuertod sterben. Auch der Arzt Michael Servet wurde 1553 in Genf verbrannt, nachdem ihn Calvin wegen des Angriffs auf die kirchliche Dreieinigkeitslehre vor Gericht stellen ließ. Jürgen Schwalm führt dann weiter durch die ebenfalls aufregende und verblüffende Geschichte der Bücherverbrennung in der Neuzeit, bis er zu dem Tiefpunkt 1933 gelangt. Am 10. Mai 1933 fand die nationalsozialistische Bücherverbrennung statt. 22 Deutsche Städte beteiligten sich daran, auch Kiel, wo auf dem Wilhelmsplatz die Flammen loderten. Die schwarze Liste der zu vernichtenden Bücher „demokratisch-jüdischer“ Prägung enthielt ca. 200 Namen von Schriftstellern und Dichtern, z. B. Heinrich Heine, Erich Maria Remaque und Erich Kästner. Das Wort Heines bewahrheitete sich wieder: „Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen.“ Der Inhalt des kleinen Werkes zeugt von außerordentlicher Kenntnis des Autors und wird spannend, klar und verständlich erzählt. Das Buch ist allen Leser(innen) zu empfehlen, die sich für die Geschichte der Bücherverbrennung und Intoleranz interessieren. Jürgen Schwalm erinnert uns daran, dass Toleranz nicht selbstverständlich, sondern der Ausdruck eines langwierigen Bildungsprozesses ist.

Rezensent: Prof. Dr. Karlheinz Engelhardt, Jaegerallee 7, 24159 Kiel


Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 10/2006

S. 4, 52, 75, 84