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Vor zwanzig Jahren
An Bord von U 21
Gustav Olshausen
Bei der Vorbereitung
des Berichtes über das Jubiläum 100 Jahre Hausarztpraxis
der Praxis Olshausen in Quickborn (SHÄ 9/2006, S. 32-35) zeigte uns
Dr. Ulrich Olshausen einen Artikel seines Vaters Gustav Olshausen (Deutsche
Medizinische Wochenschrift ,DMW 1935, Nr. 25, Seite 1008-1011).
Der Marinearzt schildert eine Fahrt an Bord des U-Bootes U 21, die Umstände
der Fahrt, seine Untersuchungstätigkeit und weitere Eindrücke.
Besonders faszinierend sind die Schilderungen der Verhältnisse an
Bord und der arbeitsmedizinischen Untersuchungen unter den besonderen
Bedingungen eines U-Bootes des 1. Weltkrieges. (Red.)
Auf
der Fahrt von Wilhelmshaven nach Konstantinopel vom 25.IV.-5.VI.1915
Am Morgen des 25.IV.1915 machte sich ,,U 21 unter dem Kommandanten
Hersing von
Wilhelmshaven aus auf die 9 000 km lange Strecke nach den Dardanellen,
mit der Aufgabe, sämtliche feindlichen schwimmenden Streitkräfte
vor Galjipoli, unter deren Schutz die Engländer ihre Landungstruppen
unterstützten und Konstantinopel bedrohten, zur Aufgabe ihrer Position
zu veranlassen.
Das Gelingen der Aufgabe war eine Brennstofffrage, da der Brennstoff den
Aktionsradius des Bootes bestimmte. ,,U 21 von der III. U-Bootshalbflottille,
ausgerüstet mit auf der Germaniawerft gebauten Zweitakt-Dieselmotoren,
mußte bei sparsamstem Brennstoffverbrauch auf längere Unterwasserfahrten
verzichten, um wenigstens befreundetes Land in der Bucht von Cattaro an
der Adria zu erreichen. Hersing hatte Kurs um Irland genommen, erreichte
Gibraltar am 4.V., nachdem er am Kap Finisterre Frischproviant übernommen
hatte und fuhr aufgetaucht und ungesehen während der Ablösung
der Wachfahrzeuge im Morgennebel durch die Meerenge von Gibraltar. Auch
aufgetaucht ist ein U-Boot im Dunkeln oder in der Dämmerung nur sehr
schwer zu entdecken. Erst 100 sm östlich mußten wir - zum vierten
Male auf der Fahrt - auf kurze Zeit unter Wasser, da zwei englische Zerstörer
unseren Kurs kreuzten. Mit wenigen Kilogramm Treiböl erreichte Hersing
am 12.V. die Bucht von Cattaro und konnte nach gründlicher Überholung
des Bootes nach 9-tägiger Erholungspause bei den gastfreien österreichischen
Seeoffizieren die Mittelmeerreise mit Richtung auf das Ägäische
Meer fortsetzen, wo am 25.V. das englische Linienschiff Triumph
vor Gapa Tepe abgeschossen wurde. Triumph am achteren Schornstein
getroffen, versank in wenigen Minuten. Die Detonation erfolgte 12 Sekunden,
nachdem der Torpedo das Lanzierrohr verlassen hatte, aus einem Abstand
von 300 m. Die Unterwasserfahrt hatte 21 Stunden gedauert. Zwei Tage darauf
traf U 21 nur noch ein einziges Linienschiff vor den Dardanellen
an, alle anderen hatten die Anker gelichtet; es war das 15 000 t große
Linienschiff Majestic.

Am
Morgen des 27.V.1915 wurde ich um vier Uhr mit den Worten des Kommandanten
geweckt: Vorderen Torpedo bewässern. Ich jonglierte mich
aus meiner Hängematte, die im Bugraum zwischen zwei Torpedos auf
engstem Raume ausgespannt war, heraus und zog mich rasch an. Waschen war
die ganze Reise aus Mangel an Wasser verboten, sodaß ich fertig
war, als die Antwort kam: Vorderer Torpedo ist bewässert.
Über uns keucht langsam ein Dampfer vorbei; es kommt Befehl, die
Schleuse vom Torpedo zu schließen. Wir gehen auf Tiefe. Im Bugraum,
liegen sechs Mann, lesen oder räumen auf. Im Funkenraum wird angefragt,
ob die Schraubengeräusche noch zu hören seien. Antwort: Ganz
schwach. Fahren auf 17 Meter. Werden langsam achterlastig. Das Rattern
der Geräusche der Schrauben, des Steamers oben wird wieder lauter.
Ich zähle die Atemzüge des Bootsmannsmaaten Götsching und
konstatiere 17 in der Minute. Er atmet also ruhiger als gewöhnlich.
Ich würde gern in die Zentrale gehen, um Tiefenmanometer und -Steuerung
folgen zu können, darf aber meinen Platz nicht verlassen. Wieder
nähern sich Schraubengeräusche. Ich konstatiere aus dem Rhythmus
des Anapästes einen Fischdampfer in langsamer Fahrt. Wir gehen auf
zehn Meter. Also der Kommandant will sehen, ob er nahe genug an das feindliche
Linienschiff heran ist. Ich sehe, daß die Hände der Besatzung
in unaufhörlicher Bewegung sind. Man hört das Rattern des Tiefenruders,
das in der See vibriert, während es hart gelegt wird. Das Sehrohr
wird aus- und eingefahren. Ein Dampfer braust heran. Diesmal hohe Tourenzahl:
also ein Zerstörer. Wieder werden wir achterlastig. Der Zerstörer
dauernd im selben Abstand zu hören. Wieder wird das Sehrohr ausgefahren.
Abermals nähern sich von Backbord Schraubengeräusche. Doch werden
jetzt die Geräusche durch die des Tiefenruders vollständig verdeckt.
Elf Meter zeigt das Barometer. Sollte geschossen werden? Wir fahren seit
gestern abend neun Uhr unter Wasser. Fünf Uhr. Ich entnehme eine
Harnprobe und stelle sie zur Untersuchung auf spezifisches Gewicht, Elektrolytgehalt
und Harnstoffgehalt hin. Plötzlich kommt Befehl: Schleuse wieder
auf. Auf 35 kg füllen. Winkeleinstellung null Pro-zent. Es ist 5
Uhr 32 morgens. Meldung: Erstes Rohr ist fertig! 5 Uhr 34 dann 35. Das
Sehrohr wird ausgefahren. Die Spannung wächst im Boot ganz momentan
ungeheuer. Mein Puls 108 in der Minute, fliegende Atmung. Ich nehme die
Uhr, um genau zu sehen, wie lange der Torpedo bis zur Detonation läuft.
Denke gerade an die enorme Anforderung an die Nerven des Kommandanten
und des anderen verantwortlichen Personals. Da plötzlich Kommando:
Achtung - Fertig - Los!. 5 Uhr 37 morgens. Zehn Sekunden verstreichen,
20 - 30 - 40 Sekunden, da erfolgt eine riesige Detonation. Ein Hurra dem
Kommandanten. Er hat das Linienschiff auf 750 m abgeschossen. Aus dem
Weyer ergibt sich, es ist ein Schiff der Majesticklasse, Bestückung
und Baujahr festgestellt. Der Kommandant berichtet, während wir mit
abgedrehtem Kurse auf 20 m fahren: wie ein einziges Linienschiff dicht
unter Land gelegen hätte, umgeben von Transportern, und zwar so eng,
daß nur ein Teil vom mittleren Bootsrumpf freilag. In weiterem Abstand
Zerstörer. Und zwischen allen durch hatte er trotz aushängenden
Torpedoschutznetzes das Linienschiff herausgeschossen. Es kenterte in
wenigen Minuten übers Heck und schwamm noch einige Zeit überschlagen
kieloben.
Zwei Tage darauf geriet U 21, beim Versuch aus der Bucht von
Imbros ein Linienschiff vor Anker abzuschießen, in ein U-Bootsnetz,
das sich rings ums Boot legte und durch die Geistesgegenwart des Kommandanten
zerrissen wurde, indem er, im Netz auf 40 Meter Tiefe gehend, drehte und
unter Wasser äußerste Kraft aus der Bucht hinausfuhr. Fünfeinhalb
Stunden schleppten wir das Netz mit uns, bevor wir ungesehen auftauchen
konnten und uns von den stählernen Fangmaschen, die mit Bleigewichten
beschwert waren und an einer Schwimmtrosse aufgebojt waren, wieder frei
machen konnten. Dieser Tag war für meine Beobachtungen besonders
lehrreich, weil der auf der Fernunternehmung fortlaufend von mir kontrollierte
Koranysche Quotient in meinem Harn auf 3,8 anstieg und der Eiweißumsatz
am Tage nach den Netzaufregungen bei mir auf 137,1 stieg.
Über die Art der Untersuchungen und Berechnungen muß ich nun
nähere Angaben machen. Gemessen wurde die 24-stündige Harnmenge.
Ferner das spezifische Gewicht und der aus dem Leitungswiderstand abgelesene
Elektrolytgehalt des Harns mit dem für diese Zwecke sehr brauchbaren
Apparat von Wunder. Reservebatterien der Notbeleuchtung an Bord dienten
als Stromquelle. Man füllt eine Pravaz-Spritze mit dem zu untersuchenden
Harn und mißt den Stromwiderstand. Aus den gemessenen Werten konnte
mittels Tabellen der Prozentgehalt an Elektrolyten bei bestimmter Temperatur
im Harn festgestellt werden. Nun wurde das spezifische Gewicht im Harn
gemessen, das sich sowohl aus Elektrolyten wie aus Nichtelektrolyten,
und zwar vornehmlich aus Harnstoff, zusammensetzt. Den Elektrolyten entsprach
aber auch ein bestimmtes spezifisches Gewicht. Zog man nun dieses von
dem spezifischen Gewicht des Harnes ab, so bekam man Annäherungswerte
für den Harnstoff. Aus der 24-stündigen Harnmenge ließ
sich durch Multiplikation mit 2,9 und Hinzuaddierung eines als fest angenommenen
Koteiweißbestandteiles von sechs Gramm der Gesamteiweißumsatz
in 24 Stunden annähernd berechnen.
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| "U
21" |
Man schelte diesen kleinen entzückenden Apparat von Wunder nicht.
Will man etwa von mir verlangen, daß ich Stickstoffanalysen nach
Kjeldahl während der Fahrt mache und Kotanalysen noch dazu, wenn
man jeden Augenblick erwartet, wie in der Falle des U-Bootnetzes, daß
man samt dem Boot durch Anschlagen einer Sprengpatrone in die Luft fliegt?
Ich wollte wissen, wie seelische Aufregung auf Salz- und Wasserausscheidung
und auf den Stickstoffwechsel wirkt. Mein Kommandant behauptete allerdings,
ich würde demnächst meine Flatus mit Löschpapier auffangen
und analysieren. Ich ließ mich dadurch aber nicht beirren. Um Vergleichswerte
für die Untersuchung zu gewinnen, hatte ich schon vor Antreten der
Fernunternehmung mit zwei Probetagen angefangen. Aus den Untersuchungen
lassen sich folgende Erfahrungen zusammenfassen:
Die Harnmenge, die am Probetage 50 ccm stündlich betragen hatte,
ging während der Fahrt bedeutend zurück, am stärksten zu
Beginn der Fahrt infolge der Seeeinflüsse bis eine Gewöhnung
eingetreten war: Und ebenso ging die Harnmenge am Nachmittage des Netztages
zurück.
Ebenso wie das Wasser verhielten sich auch die Salze in der Ausscheidung.
Es fand eine Salzretention statt, wie aus dem Koranyschen Quotienten und
aus der stündlichen Elektrolytausscheidung hervorging. Am meisten
zu Beginn der Fahrt und am Nachmittag des Netztages. 1 + U%/E%, also der
Korany-Quotient, war an den Probetagen 1,7 bis 1,8. Infolge des Seeganges
stieg er am 26.IV. auf 3,6, um bis zum 28.IV. auf 2 wieder abzufallen.
Am Nachmittag des Netztages stieg er auf 3,8, ging nicht unter 3 und kam
noch einmal auf 3,7, als wir um die Spitze von Gallipoli in die Dardanellen
einlaufen wollten, der Kompaß versagte, wir zwischen Felsenriffen
und Minen bei gleichzeitiger Beschießung von Batterien von Lande
aus, die einem französischen Kreuzer galt, gegen die aus dem Marmarameere
kommende Unterströmung auf 40 Meter nicht gegen den Strom aufdrehen
konnten und uns mit dem Boot in der kritischsten Situation befanden, bis
der Kompaß wieder einsprang und uns die Richtung wieder anzeigte.
Erst am 1.VI. ging der Quotient wieder unter 3.
Schließlich ging aus den Harnuntersuchungen hervor, daß der
Eiweißstoffwechsel vor der Unternehmung 95,8 g betragen hatte, in
den ersten Tagen der Unternehmung fiel er bis auf 74,6 und stieg nach
den seelischen Erregungen vor den Dardanellen auf 137 g. Der Salzretention
folgte nach der Fernunternehmung eine vermehrte Ausscheidung. Die Ursache
für diesen erhöhten Eiweißstoffwechsel sehe ich in einer
Übererregbarkeit des Nervensystems, das teils direkt die Organe zu
erhöhter Leistung anspornt, teils auf dem Umwege über die Blutdrüsen
Impulse vermittelt, die sich chemisch auswirken, wie z. B. via Neben-
und Schilddrüse.
Einige Beispiele für die Reizbarkeit an Bord möchte ich zum
Belege anführen:
Ein Pentrygast wird von einem Deckoffizier am Genick gefaßt und
gewürgt, weil er unnützerweise mit Messegeschirr klappert. Ein
lautes Wort unter der Mannschaft löst bei einem Unteroffizier einen
Wutanfall aus, bei dem er sich vollständig vergißt. Ich fand
einmal einen Heizer, der bewußtlos in Krämpfen am Boden lag.
Er erholt sich rasch wieder und gibt an, daß er sich geärgert
hätte. Ein anderes Beispiel: Ein Mann wegen unmilitärischen
Verhaltens zur Rede gestellt, wird plötzlich hochrot, bekommt Glotzaugen
und stürzt unter Krämpfen hin. Diese Krämpfe sind nicht
nur die höchste denkbare Steigerung der Erregbarkeit des Zentralen
Gehirnes, sondern Äquivalente von Hitzschlägen und gehören
in das Gebiet des akuten oder chronischen Hitzschlages. Die Idiosynkrasie
gegen Geräusche steht mit der starken Beanspruchung des Gehörs
an Bord in Zusammenhang durch die Explosionsgeräusche der Dieselmotoren,
der Alarmglocken, der Druckdifferenzen, die häufig als widerlich
angegeben werden und mit der hohen Spannung, unter der die Aufmerksamkeit
der Besatzung auf äußere Geräusche gerichtet ist. So werden
Außenbordsgeräusche leicht für Schurren an Minenankertrossen
gehalten, wobei zum Zeichen der Sympathikusreizung ein regelrechtes Sträuben
der Haare der Besatzung beobachtet wird. Das verantwortliche Personal
leidet unter diesen Verhältnissen mehr als das nicht verantwortliche.
Ich habe eben die unangenehm empfundenen Druckdifferenzen erwähnt.
Darüber will ich mich kurz fassen, da sie bei den technischen Einrichtungen
an Bord vom Kommandanten vermieden werden können. Normalerweise herrscht
bei Überwasserfahrten und geschlossenem Turmluk und 14 sm Fahrt in
den Maschinenräumen ein Unterdruck von 12 mm Hg. Bei plötzlichem
Öffnen des Schottes zwischen Zentrale und Ölmaschinenräumen
wird dieser Unterdruck momentan ausgeglichen. Zum Entstehen des Unterdruckes
vergehen in der Regel 45 Sekunden, d. h. soviel Zeit, wie zum Ingangkommen
der Dieselmotoren notwendig ist. Bei längeren Unterwasserfahrten
entstehen aber höhere Überdrucke durch Undichtigkeiten der Preßluftflaschen.
Wird nun nach dem Auftauchen versäumt, durch die Kompressormaschine
oder durch Ablassen durch das Kopfventil den Überdruck zu entfernen,
so kann bei plötzlichem Öffnen des Turmluks ein Überdruck
von 0,1 Atmosphären oder 76 mm Hg plötzlich ausgeglichen werden.
Das sind Druckdifferenzen, die nach Art der Caissonkrankheit schädliche
Folgen haben können. Vor allem aber leidet Gehör und Trommelfell
unter diesen Umständen. Es entstehen ferner Unterdrucke bis 30 mm
durch Absaugen der Bootsluft mittels Gebläses während der Dichtigkeitsprobe
vor dem Tauchen und regelmäßig vor dem Füllen der letzten
Regler. Die gefundenen Druckwerte ließen sich an den Barometerkurven
im Kommandantenraum einwandfrei ablesen.
Ich komme nun zu den wichtigsten Beobachtungen während unserer Fernunternehmung.
Temperatur und Feuchtigkeit. Ärztliche Beobachtungen der Mannschaften
der III. Unterseebootshalbflottille hatten die Vermutung nahe gelegt,
daß unter den gesundheitlichen Schäden die hohe Luftfeuchtigkeit
und zu hohe Temperaturen an Bord und damit verbunden die Erschwerung,
ja häufig Behinderung der zur Wärmeregulierung erforderlichen
Wärmeabgabe die erste Stelle einnähmen.
Bei einigen Leuten vom seemännischen und vor allem technischen Personal
war eine vermehrte Zahl von roten Blutkörperchen auf den Kubikmillimeter
also Polyglobulie gefunden worden, die Wasserverlust und Bluteindickungen
bedeuteten. Die Leute mit den höchsten Zahlen an roten Blutkörperchen
hatten auch die höchsten Werte an systolischem Blutdruck. Die U-Bootsleute
schwitzen außerdem verhältnismäßig leicht. Wasser
wird aber auch durch die Atmung abgegeben. Bei längeren Tauchfahrten
ändert sich zunächst nicht die Frequenz der Atmung, sondern
der Atemtypus. Die Atmung wird tiefer und unregelmäßig. Nach
unseren 19 bis 23-stündigen Unterwasserfahrten wurde sie derart beschleunigt
und vertieft, daß beim Sprechen nicht einmal ein mehrsilbiges Wort
in einem Atemzuge gesprochen werden konnte, sondern nach jeder Silbe wurde
geatmet. Also auch hier Wasserverlust. Die Bluteindickung erfolgt nicht
etwa im Stadium der aktiven, sondern im Stadium versagender Wärmeregulierung,
wenn die Körpertemperatur selbst steigt. Solche Temperaturen konnte
ich wiederholt messen. Entsprechend der Bluteindickung waren auch die
Hämoglobinwerte bei den meisten Leuten über 90.
Aus genauen Messungen der Gewichte vor und nach Fernunternehmungen im
Verhältnis zu den Körperlängen wurde ferner festgestellt,
dass die Gewichte alle um die errechneten Minimalgewichte von v. Noorden
minus fünf Kilogramm variierten, und daß die Leute sich alle
verhältnismäßig rasch nach jeder Unternehmung erholten.
Das lenkte auch die Aufmerksamkeit auf das Verhalten des Wassers im Stoffwechsel.
So war es also gerechtfertigt, auf unserer Fernunternehmung Temperatur-
und Feuchtigkeitsmessungen in allen Räumen vorzunehmen. Es wurden
mit einem Augustschen Psychrometer, den mir Prof. Schmidt aus Münster
liebenswürdigerweise zur Verfügung gestellt hatte, Messungen
in der Biscaya, in der Adria und im Ägäischen Meere, über
Wasser und am Ende einer 21-stündigen Unterwasserfahrt, nachdem Majestic
abgeschossen war, vorgenommen. Zur Beurteilung der gefundenen Zahlen seien
folgende Standardzahlen von Flügge kurz in Erinnerung gebracht:
Symptome von Wärmestauung treten ohne Gewöhnung bei einer Lufttemperatur
von 37° und 55 Prozent relativer Luftfeuchtigkeit mit der gleichen
Temperatursteigerung der Haut auf wie bei 23° und 75 Prozent relativer
Feuchtigkeit. Legt man nach diesen Zahlen ein Diagramm an, aus dem für
jede Temperatur die hinzugehörige Feuchtigkeit, um Hitzschlagsymptome
hervorzurufen, abgelesen werden kann, und vergleicht man mit diesem Diagramm
die während der Fernunternehmung gefundenen Werte, so erkennt man,
daß diese bei Überwasserfahrt am letzten Tage der Fahrt nach
der Bocche in der Adria und am Ende der 21-stündigen Unterwasserfahrt
zur Hälfte jenseits dieser Kurve, d. h. noch ungünstiger als
die von Flügge gefundenen Werte, liegen.
Solange die Heizung nicht abgestellt war, waren überall einwandfreie
Aufenthaltsbedingungen. Nach dem Abstellen der Heizung lagen über
Wasser fast alle, am Ende einer 19-stündigen Unterwasserfahrt alle
Werte in einem Bereiche, in dem jede Wärmeregulierung des nicht gewöhnten
Organismus versagen mußte. Dazu kommt, daß in Kopfhöhe
die Temperaturen um 6° höher lagen als in Fußhöhe,
daß nach Abstellen der Motoren Temperaturen bis 50° gemessen
wurden, und daß bei angestellter elektrischer Heizung Temperaturdifferenzen
bis 9,5° von Kopf- bis Fußhöhe gemessen wurden.
Ich halte es für sichergestellt und befinde mich hierin in Übereinstimmung
mit den Untersuchungen von Bathe über die Luftverschlechterung in
abgeschlossenen Räumen auf Kriegsschiffen, daß die bei U-Bootsleuten
zu findenden Symptome, wie Bluteindickungen, Wasserverarmung und Abmagerung,
der tetanoide Symptomenkomplex, zum Teil als Erschöpfungen und Folgen
einer Überbeanspruchung des wärmeregulierenden Apparates, also
als ein chronischer Hitzschlag, anzusehen sind.
Hitze und Feuchtigkeit wirken ja auf Unterseebooten aus dem Grunde besonders
nachteilig auf die Gesundheit, weil die schädliche Wirkung des chronischen
Hitzschlages sich mit einem Mangel an Sauerstoff und einer Überladung
an Kohlensäure, mit einem Mangel an Schlaf und mit seelischen Strapazen,
ja aber auch mit der Einwirkung anderer Gase, wie Ausdünstungen der
Mannschaft und der Kombüse, Petroldämpfen und Verbrennungsprodukten
vom Treiböl und Schwefligsäuredämpfen der Batterien, kombiniert.
Tritt zu diesen Bedingungen noch körperliche Anstrengung hinzu, so
steigen der Sauerstoffbedarf und die Kohlensäureproduktion im Augenblick
so enorm, daß hochgradigste Atemnot die Folge ist. Der Verbrennungsprozeß
im Körper, also vor allem der Sauerstoffbedarf, ist gesteigert bei
körperlicher Anstrengung, bei Mangel an Schlaf, im aktiven wie im
gestörten Stadium der Wärmeregulierung und bei seelischer Erregung.
Setzt man einen derart in der ganzen Ökonomie gestörten Organismus
nun noch in eine sauerstoffarme und kohlensäurereiche Umgebung -
der Sauerstoffzusatz, wie er an Bord üblich ist, ist unzureichend
-, so sind Symptome des Hitzschlages sowohl wie die der Übererregbarkeit
in den verschiedenen Nervensystemen vollständig geklärt. Am
schlimmsten aber von allen Schädigungen ist ohne allen Zweifel die
Feuchtigkeit. Da man hier praktisch eingreifen kann, seien die Ursachen
für sie näher beleuchtet.
Der Wasserdampf der Bootsluft entsteht abhängig von Temperatur und
Barometerdruck durch Zufuhr von außen aus der äußeren
Atmosphäre, zweitens durch Verdampfen des an den Innenwänden
niedergeschlagenen Wassers, das man als Kondenswasser bezeichnen kann,
solange die Temperatur des über die Außendecks und den Druckkörper
spülenden Wassers und der Innenwände niedriger ist als die Temperatur
der Bootsluft, drittens durch Verdampfung von Wasser auf dem elektrischen
Herd der Kombüse, viertens durch Verdampfen von Bilgwasser und fünftens
durch Ausdünstungen der Besatzung, wie Schweiß und Atmung;
an regnerischen Tagen auch noch durch das nasse Zeug, das von der Turmwache
ins Boot getragen wird und in den Ölmaschinenräumen getrocknet
zu werden pflegt. Bei schwerem Wetter können auch Seen direkt durchs
Turmluk in die Zentrale hinunterschlagen.
Abgeführt wird demgegenüber der Wasserdampf der Bootsluft durch
das oben genannte Kondenswasser, das in die Bilgräume ablaufen kann,
die auf ,,U 21 in 1 bis 2-stündigen Intervallen regelmäßig
gelenzt wurden, zweitens durch die Ventilation und drittens während
der Unterwasserfahrt nach Anstellen der Luftreinigung durch die Kalipatronen,
deren Gewichtszunahme im Gebrauch nicht allein durch Absorption der Kohlensäure,
sondern durch Wasseraufnahme herrührt. Am meisten bemerkbar macht
sich das Kondenswasser an den nicht verkleideten Stellen der Innenwände
des Druckkörpers. Die vorhandenen Holzverkleidungen genügten
im Kommandantenraume, nicht aber im Offiziers- und Deckoffiziersraume,
wo in den Rillen zwischen den Holzleisten und teilweise auch auf den blanken
Holzflächen sich stets Schimmel befand. Als vom 3.V.1915 ab aus Sparsamkeitsrücksichten
Heizung und Beleuchtung auf das notwendigste beschränkt wurden, war
die Folge, daß in den jetzt kalten Räumen die Luft fast bis
zur Sättigung mit Wasserdampf geschwängert war. So fiel das
Sättigungsdefizit im Offiziersraum in der Zeit vom 3. bis 13.V. von
7,69 auf 1,48g/cbm. Ja durch Fallen des Barometerdruckes während
des Auftauchens bildeten sich regelmäßig in den kühleren
Räumen dichte Nebel von Wasserdampf. So ist es verständlich,
daß viele organische Gegenstände im Boot nach dem 3.V. noch
stärker schimmelten als bereits vorher, wie Stiefel, Lederbezüge
über den Propellern, Lederkoffer, -kästen und -anzüge,
soweit sie nicht an Deck ausgelüftet werden konnten. Selbst Seide
am Koppel schimmelte, und nasses Zeug, das nicht in den Maschinenräumen
getrocknet war, nahm deutlichen Geruch von Fäulnis an. Die Luftfeuchtigkeit
gibt außerdem Veranlassung, ununterbrochen die in den Wassertröpfchen
gelösten, flüchtigen Verbrennungsprodukte des Treiböles,
von Ausdünstungen der Besatzung und von der Küche einzuatmen.
Die Feuchtigkeit machte sich natürlich auch am Frischproviant bemerkbar.
Infolge der Ungewißheit der Zeit des Auslaufens aus Emden, mußten
dauernd die für die ganze Reise notwendigen Nahrungsmittel an Bord
bereit gehalten werden, von denen ein großer Teil bereits verdorben
war, ehe ,,U 21 in Wilhelmshaven einlief; aber auch als der Zeitpunkt
des Auslaufens genau bekannt war und frische Vorräte an Bord genommen
waren, war es nicht möglich, raschem Verderben des Frischproviantes
vorzubeugen, da die notwendigsten Voraussetzungen zur Konservierung, wie
reinliche Unterbringung in ventilierbaren oder durch Lampen auszutrocknenden
isolierten Schränken oder Kammern, auf ,,U 21 fehlten. Infolge
der Gärung in feuchten, warmen und abgeschlossenen Räumen von
stärkehaltigen Nahrungsmitteln, wie Weizenbrot, ist bei längeren
Tauchfahrten auch an die Möglichkeit von Kohlensäurevergiftungen
zu denken, wie Stabsarzt Sandrock angegeben hat, analog den Fällen
von tödlichen Kohlensäurevergiftungen aus gelagertem Reisschrot
an Bord eines Dampfers.
Daß der Keimgehalt der Luft während der Fahrt durch organische
Zersetzungen (wie z. B. Verschimmeln des Brotes unter Wärme- und
Gasentwicklung im Backbordspind im Offiziersraum wie im Unteroffiziersraum)
bereits in den ersten Tagen der Fahrt sich wesentlich vermehrte, geht
schon aus dem Geruch hervor, der bald in allen Wohnräumen herrschte.
Auch das in Spanien übernommene anfänglich trockene und harte
Weizenbrot wurde verhältnismäßig rascher feucht und ungenießbar
als das aus Wilhelmshaven mitgenommene Roggenbrot. Anderseits, war der
Proviant aus Spanien wegen der Reichhaltigkeit an frischem Gemüse
und an Obstkonserven und vielen Dosen mit Keks uns allen eine sehr willkommene
Abwechslung. Länger als vier Tage hielt sich aber weder der Frischproviant
aus Wilhelmshaven noch aus Spanien.
Nach den Erfahrungen dieser Reise ist es möglich, daß infolge
mangelnder Reinlichkeit (Wasserersparnis, Mangel an Waschgelegenheit)
Stuhlbestandteile in die Nahrung und mit dieser wieder in den Mund gelangen
können. Für die Mannschaft war zum Teil nur jeden vierten Tag
das Waschen gestattet; auch die Offiziere konnten sich nicht jeden Tag
waschen, nicht einmal die Hände. Nachteilige Folgen aber hat diese
minimale Körperpflege nicht gehabt.
Das Trinkwasser ist auf der Reise einwandfrei geblieben.
Von den Aborten wurde von den dreien nur der im Heckraum befindliche benutzt,
weil infolge Platzmangels der im Offiziersraum befindliche als Kleiderspind
diente, und der Abort in der Zentrale trotz der technisch vollkommensten
Anlage aus Gründen des Schamgefühles nicht benutzt worden ist.
Um unnötige körperliche Anstrengung zu vermeiden, würde
es sehr zweckmäßig sein, wenn der Heckraumabort mit Preßluft
zu bedienen wäre. Das Auspumpen unter Wasser ist naturgemäß
um so schwieriger, je tiefer das Boot fährt. Nach den Angriffsfahrten
vor den Dardanellen konnte wiederholt die Beobachtung gemacht werden,
daß derjenige, der den Abort benutzt hatte, außer Atem und
schweißüberströmt vom Heckraum zurückkehrte.
Von nicht hoch genug einzuschätzender Bedeutung würde es sein,
wenn es gelänge, alle Quellen der Bootsfeuchtigkeit zu verstopfen,
nicht nur in gesundheitlicher Beziehung, sondern auch in militärischer,
da die Tauchdauer von dem Sauerstoffvorrate abhängt und in finanzieller,
da die Konservierung des Materials von der Trockenheit der Luft abhängt.
Zur Bekämpfung der Bootsfeuchtigkeit wird eine Verkleidung der Innenwände
aller Bootsräume mit Holz - besser mit geteerten Korkplatten - für
notwendig gehalten, ferner eine physikalische Lufttrocknungsanlage für
Unterwasserfahrt in Gestalt eines Kondensapparates, der chemischen Luftreinigung
vorgebaut in Verbindung mit einer verstärkten Ventilation.
Meine hygienischen und ärztlichen Beobachtungen auf der Fahrt waren
angeregt durch Untersuchungen der Mannschaften der III. U-Bootshalbflottille,
zu der ich schon bei Kriegsausbruch gehörte.
Wenn der Eindruck entstanden sein sollte, daß der Aufenthalt bei
den Fernunternehmungen an Bord von U-Booten sehr gesundheitsschädlich
sein müßte, so möchte ich diesen Eindruck durch die Mitteilung
korrigieren, daß wir uns alle in 3 bis 8 Tagen nach der Ankunft
in Konstantinopel vollkommen erholt hatten.
Quelle: G. Olshausen, Vor zwanzig Jahren, Dtsch Med. Wochenschr. 1935:
61: 1008-1011
Dr. Gustav Olshausen, Marinestabsarzt a. D.,* 18.02.1889 15.06.1971,
zuletzt wohnhaft in Quickborn
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Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 10/2006
S. 68-75
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