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Psychologische
Aspekte der Organtransplantation
Michael Hüppe
Die Art der Organspende ist zeit- und kulturabhängig. In westlichen
Industrienationen erfolgt sie mehrheitlich via Leichenspende (synonym:
postmortale Spende, post mortem Spende). Die im angloamerikanischen Sprachraum
übliche Bezeichnung ist ,,cadaver donation, ein Terminus, der
in Deutschland in direkter Übersetzung wegen negativer semantischer
Konnotationen unüblich ist. Im Additional Protocol to the Convention
on Human Rights and Biomedicine, on Transplantation of Organs and Tissues
of Human Origin des Europarates wird 2002 ausschließlich der
Terminus deceased per-sons verwendet (http://conventions.coe.int/
treaty/en/treaties/html/186.htm). Die medizinische Alternative ist die
Lebendspende, die in Deutschland durch das Transplantationsgesetz 1997
geregelt ist. Die Lebendspende darf nach dem Protokoll des Europarates
nur dann in Be-
tracht gezogen werden, wenn there is no suitable organ or tissue
available from a deceased person and no other alternative therapeutic
method of comparable effectiveness (Article 9).
Die Zeit vor einer Organtransplantation ist bei den betroffenen Patienten
durch den Zustand einer chronischen Erkrankung und die Möglichkeit,
diese bis zur Transplantation mittels medizinischer Maßnahmen zu
tolerieren, geprägt. Die folgenden Ausführungen basieren primär
auf Befunden zu Nierentransplantationen nach chronischer Niereninsuffizienz.
Auf Literaturangaben wurde weitgehend verzichtet.
Psychologische Untersuchungen im Kontext der Organtransplantation beschreiben
im Schwerpunkt psychische Funktionen (Emotion und Motivation, Aufmerksamkeit,
Wahrnehmung, Motorik, Lernen, Denken und Gedächtnis) vor und nach
Transplantationen. Die psychischen Funktionen werden dabei oft in heterogene
komplexere Konstrukte zusammengefasst. Eines der prominentesten ist das
der gesundheitsbezogenen Lebensqualität, das nach breiter Übereinstimmung
die Komponenten psychisches Befinden, körperliches
Befinden, soziale Beziehungen und funktionale
Kompetenz beinhaltet. Die Betrachtung konzentriert sich bei der
post mortem Spende auf den Organempfänger und bei der Lebendspende
zusätzlich auf den Spender und auf die Beziehung zwischen Organspender
und -empfänger.
Die Zeit vor einer Organtransplantation ist für den Patienten durch
eine Reihe von Belastungsfaktoren (Stressoren) gekennzeichnet, die in
Abhängigkeit vom Spendemodus unterschiedlich ausgeprägt sind:
- Wartezeit auf ein
Organ und Dialysedauer: deutlich geringer bei der Lebendspende (34 versus
70 Monate bei Nierentransplantationen),
- Planbarkeit der
Transplantation (besser bei der Lebendspende),
- Kontrolle des Transplantationsprozesses
(günstiger bei der Lebendspende),
- Einschränkungen/Umstrukturierungen
im Alltag.
Für die Hämodialyse
(oft dreimal pro Woche für vier bis fünf Stunden) gilt: Je länger
(Stunden pro Woche) und je häufiger die Patienten dialysiert werden,
umso geringer sind die Spätschäden und umso länger leben
die Patienten. Aus den genannten Zeiten und Empfehlungen ergeben sich
massive Einschränkungen in der Berufsaktivität und in Aktivitäten
des täglichen Lebens. Des Weiteren ergeben sich für die Patienten
Einschränkungen beim Essen und Trinken (z. B. auf einen Liter maximale
Flüssigkeitsaufnahme pro Tag).
Die Folgen dieser lang anhaltenden Stressoren sind auch von Merkmalen
des Patienten (z. B. Persönlichkeitsmerkmale wie emotionale Labilität,
habituelle Stressverarbeitung), physischen Bedingungen (z. B. Wohnumwelt)
und dem sozialen Kontext (z. B. Ausmaß sozialer Unterstützung)
abhängig. Entsprechend groß ist die interindividuelle Variabilität
psychischer und somatischer Reaktionen in der Zeit vor der Organtransplantation
(ausführlich zur Stressthematik: Janke & Wolffgramm, 1995). Untersuchungen
belegen die Entwicklung von Angst und Depressivität, die Reduktion
von Lebensqualität, sowie neuropsychologische Auffälligkeiten.
Franke et al. (2000) zeigten, dass 51,7 Prozent der Patienten einer Warteliste
für Nierentransplantationen auffallend hohe psychische Belastung
beschreiben. Bei einer körperlich gesunden Vergleichsgruppe lag dieser
Prozentsatz bei 36,2 Prozent.
Auch nach erfolgreicher Organtransplantation existieren für den Patienten
Belastungsfaktoren (Dauermedikation, Angst vor Misserfolg, Akzeptanz des
Fremdorgans, Anpassung an neue Lebensbedingungen). Die Gruppenanalysen
zeigen aber durchgängig eine Verbesserung des psychophysischen Befindens
und der gesundheitsbezogenen Lebensqualität, sodass i. d. R. keine
Unterschiede mehr gegenüber Vergleichsgruppen existieren. In der
schon erwähnten Untersuchung von Franke et al. (2000) fanden sich
fünf Jahre nach erfolgreicher Nierentransplantation 36,1 Prozent
psychisch auffallend belastete Patienten, was dem Prozentsatz der körperlich
gesunden Vergleichsgruppe entspricht.
In einer kürzlich abgeschlossenen Untersuchung von in Lübeck
nierentransplantierten Patienten (Hüppe, Fricke, Machnik, Strik,
Doktorandin: B. Tolle) betrug der Anteil psychisch auffallend belasteter
Patienten, deren Transplantation im Durchschnitt zwei Jahre zurück
lag, 31,3 Prozent. In dieser Untersuchung wurden Lebendspende-Empfänger
mit Empfängern einer post mortem Spende mit mehreren psychologischen
Verfahren verglichen, von denen eines den aktuellen Zustand im Vergleich
zu der Zeit vor der Transplantation erfragte. Beide Patientengruppen beschrieben
eine Abnahme von negativen Befindensaspekten (z. B. Gesundheitssorgen,
Missstimmung) und eine Zunahme von positiven Befindensaspekten (z. B.
allgemeines Wohlbefinden, körperliche Fitness) seit der Transplantation.
Diese Veränderungen waren bei den Patienten nach einer Lebendspende
deutlich stärker.
Einzelne weitere Befunde zu Lebendspende-Empfängern zeigen, dass
postoperativ Empfindungen von Dankbarkeit und Verpflichtung auftreten,
dass aber auch längerfristig kein Bedauern über die Annahme
des Organs existiert. Dabei wird allerdings auch von Lebendspende-Empfängern
die post mortem Spende als günstigere Alternative gesehen.
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| Abb.
1: Gesundheitsbezogene Lebensqualität bei Nierenspendern, soziodemographisch
vergleichbaren Referenzpersonen von Patienten nach post mortem Nierenspende
und Vergleichspersonen des Bundesgesundheitssurvey 1998. Dargestellt
sind 25., 50. und 75. Perzentil als Box und der arithmetische Mittelwert
als Punkt. Kennzeichnungen unter den Balken beziehen sich auf Vergleiche
zu Lebendspendern und zu Referenzpersonen. (*): p<0,10; ns: nicht
signifikant (p>0,l0) |
Befunde zum Lebendspender
zeigen, dass deren gesundheitsbezogene Lebensqualität postoperativ
vergleichbar oder sogar höher als in der Normalbevölkerung ist.
Obwohl fast alle Spender ihre Entscheidung auch im Rückblick positiv
bewerten, berichtet eine kleinere Gruppe über anhaltende hohe psychische
Belastungen durch die Organspende (vier Prozent). In vergleichbarer Situation
wären diese Spender nicht mehr dazu bereit. Besonderes Merkmal der
Gruppe ist das Versterben des Organempfängers im ersten postoperativen
Jahr. In der schon erwähnten Lübecker Untersuchung wurden Nierenspender
mit einer soziodemographisch ähnlichen Personengruppe verglichen.
Diese Gruppe stand in naher persönlicher Beziehung zu Organempfängern
via post mortem Spende. Abb. 1 zeigt Vergleiche dieser Gruppen untereinander
und zu einer vergleichbaren Stichprobe des Bundesgesundheitssurvey 1998.
Verwendet wurde der SF-36 Health Survey, das international wohl meistverwandte
Verfahren zur Erfassung gesundheitsbezogener Lebensqualität (Bullinger
& Kirchberger, 1998). Es lässt eine Zusammenfassung verschiedener
Einzelskalen in eine psychische Summenskala und in eine körperliche
Summenskala zu, wobei höhere Werte jeweils bessere gesundheitsbezogene
Lebensqualität anzeigen. In der körperlichen Summenskala liegen
die Werte der Organspender über denen der Vergleichspersonen (in
der Tendenz signifikant), dies trifft aber in vergleichbarer Weise für
Referenzpersonen ohne Organspende zu, die ebenfalls mit einem erfolgreich
nierentransplantierten Patienten engen Kontakt haben (ebenfalls in der
Tendenz signifikant). Damit liegt ein wichtiger Hinweis vor, dass die
Selektion der Nierenspender (z. B. besonders guter präoperativer
Gesundheitszustand) die hohe postoperative Lebensqualität nicht erklärt.
Wir vermuten, dass vielmehr psychologische Faktoren von Bedeutung sind,
die im Zusammenleben mit einer nahe stehenden Person wirksam werden, der
im Zustand einer chronischen Erkrankung effektiv geholfen werden konnte.
Mit freundlicher Nachdruckgenehmigung des Focus MUL Heft 2, Juni 2005
Prof. Dr. phil. Dipl.-Psych. Michael Hüppe, UK S-H, Campus Lübeck,
Klinik für Anästhesiologie, Ratzeburger Allee 160, 23562 Lübeck
Literatur
- Bullinger. Monika,
u. Inge Kirchberger: SF-36. Frcixt'lioitt'n -.niti Gesiindhei1s:u*liunL
Göttingen: Hogrefe 1998
- Franke. Gabriele
Helga, Uwe Heemann, Mathias Kohnle. Peter Lu-etkes, Nicole Maehner u.
Jens Reimer: Qitalily of l.ife in patients bcfore and afler kidnev trunsplaiikition.
Psychology and Heallh 14(2000)5.1037-1049
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Ärzte
sind die wichtigsten Ansprechpartner
Ärzte sind
für viele Menschen die bevorzugten Ansprechpartner zum Thema
Organspende.
Die Repräsentativbefragungen der Bundeszentrale für gesundheitliche
Aufklärung (BZgA) in der Allgemeinbevölkerung und von
Jugendlichen zeigen, dass sich die meisten Menschen über 20
Jahre mit ihren Fragen zur Organspende an den Arzt wenden würden.
Auch bei Jugendlichen unter 20 Jahren steht der Arzt nach den Angehörigen
bereits an zweiter Stelle. (BZgA)
Informationen
für Ihre Patienten
Informationsmaterialen
für Patienten, Plakate, Broschüren und Ausweise finden
Sie im Internet
unter
www.organspende-kampagne.de/info/speziell/arztpraxis/
(Homepage
der BZgA)
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Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 9/2006
S. 61
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