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Raucherentwöhnung
in der ärztlichen Praxis
Klaus-Dieter Kolenda
Rauchen ist die bedeutendste
beeinflussbare Ursache von Krankheit und vorzeitigem Tod in den westlichen
Industriestaaten1. Auch Passivrauchen verursacht eine erhebliche
Anzahl von vermeidbaren chronischen Krankheiten und Todesfällen2.
In der kürzlich publizierten SNICAS (Smoking and Nicotine Dependance
Awareness and Screening)-Studie wurde die Frage untersucht, ob durch eine
stärkere Einbeziehung von Primärärzten - Allgemeinärzten
und hausärztlichen Internisten - in die Raucherentwöhnung die
flächendeckende Versorgung von Rauchern verbessert werden kann3.
Deshalb sollen im Folgenden zunächst die Ergebnisse der SNICAS-Studie
und dann die Maßnahmen zur Raucherentwöhnung dargestellt werden,
die heute in einer primärärztlichen oder fachärztlichen
Praxis eingesetzt werden können. Diese bestehen vor allem in einer
motivierenden Beratung und Gesprächsführung und dem Einsatz
einer medikamentösen Therapie. Abschließend sollen kurz die
Bemühungen der Ärzte-Initiative Raucherhilfe e. V. (AIR) vorgestellt
werden4.
Ergebnisse der SNICAS-Studie
Es handelt sich um eine Punktprävalenzstudie, an der sich 889 Hausärzte
und mehr als 28 000 unselektierte konsekutive Patienten beteiligt haben.
Die Prävalenz des Rauchens war bei Männern mit 31,5 Prozent
höher als bei Frauen mit 24,9 Prozent. Der höchste Prozentsatz
fand sich unter den jüngsten Personen (16-17 Jahre) - bei Männern
50,7 Prozent und bei Frauen 52,3 Prozent. Im Durchschnitt weist etwa jeder
zweite Raucher ein klinisch bedeutsames Abhängigkeitssyndrom auf.
Obwohl 25,6 Prozent aller nichtabhängigen und 39,4 Prozent aller
abhängigen Raucher als ausgeprägt somatisch gefährdet
beurteilt werden, wird ein Viertel der Raucher
von den Hausärzten gar nicht als solche erkannt. Die Ergebnisse der
Studie belegen einerseits ein großes Interesse der Hausärzte
am Thema Raucherentwöhnung. Andererseits weisen niedrige hausärztliche
Interventionsraten bei gleichzeitig hohen Prävalenzraten von Rauchen
und Nikotinabhängigkeit auf ein beträchtliches Versorgungsdefizit
hin. Als Ursache für diese mangelhafte Versorgungssituation wird
vonseiten der Hausärzte einerseits auf die fehlende Motivation bzw.
Ambivalenz der Patienten hinsichtlich eines Rauchstopps hingewiesen. Ein
großer Prozentsatz der Hausärzte beurteilt die Raucherentwöhnung
andererseits als zu zeitaufwändig. Für etwa jeden
dritten Hausarzt war die mangelnde finanzielle Vergütung ein triftiger
Grund, selbst keine Raucherentwöhnung anzubieten, und überraschenderweise
bewertet über ein Drittel der Ärzte die Maßnahmen als
nicht effektiv genug, um sie in der eigenen Praxis einzusetzen.
Motivierende Beratung und Gesprächsführung
Eine motivierende Beratung von Rauchern in einer Hausarztpraxis muss nicht
zeitaufwändig sein. Sie kann darin bestehen, dass man den Rauchstatus
feststellt und notiert und jeden Raucher bei einem Kontakt unmissverständlich
darauf hinweist, dass es für seine Gesunderhaltung oder die Besserung
seiner Risikofaktoren bzw. Stabilisierung seiner chronischen Krankheiten
besser ist, das Rauchen aufzugeben. Während die dauerhafte Abstinenzquote
bei Spontanentwöhnungsversuchen von aufhörwilligen Rauchern
ohne therapeutische Unterstützung durch Dritte bei ca. zwei Prozent
liegt, kann diese schon durch derartige Kurzinterventionen deutlich erhöht
werden. Immerhin gelingt jedem zehnten aufhörwilligen Raucher der
Zigarettenentzug allein aufgrund einer expliziten ärztlichen Empfehlung5.
Die motivierende Gesprächsführung wurde im Kontext der Behandlung
von substanzabhängigen Menschen entwickelt6. Ziele sind,
ein vertrauensvolles Gespräch über das Suchtproblem zu ermöglichen,
den Kontakt zum Patienten zu stabilisieren, die Inanspruchnahme notwendiger
Hilfen zu fördern und emotionale sowie kognitive Voraussetzungen
für die Entscheidung zur Abstinenz zu schaffen. Die fünf Grundprinzipien
der motivierenden Gesprächsführung beinhalten:
- eine empathische
Grundhaltung des beratenden Arztes,
- die Förderung
der Wahrnehmung von Diskrepanzen zwischen Zielen und Wünschen des
Patienten,
- die Vermeidung
von konfrontativen, moralisierenden und stigmatisierenden Argumentationen,
- das Wissen, dass
Abwehr eine gestörte Interaktion zwischen Arzt und Patient zum
Ausdruck bringt, und
- den Standpunkt,
dass die Erfahrung von Selbstwirksamkeit eine wichtige Voraussetzung
für eine erfolgreiche Verhaltensänderung ist.
4A-Intervention
Der nächste Schritt, den im Prinzip jeder Hausarzt als einfaches
Programm durchführen kann, ist als 4A-Intervention bekannt: Ask-Advice-Arrange-Assist7.
Dabei bedeuten:
- Ask: Bei jedem
Patientenkontakt sollte der Raucherstatus erhoben und notiert werden;
- Advice: Dem Patienten
sollte sein persönliches Risiko aufgezeigt werden und er sollte
unmissverständlich darauf hingewiesen werden, das Rauchen zu beenden;
- Assist: Dem Patienten
sollte Unterstützung bei der Raucherentwöhnung angeboten werden;
- Arrange: Mit dem
Patienten sollten Folgekontakte (auch telefonisch) zur Erfolgskontrolle
vereinbart werden.
Bei dieser 4A-Intervention
sollte auch ein bestimmter Tag des Rauchstopps vereinbart werden, wenn
ein Raucher entwöhnen will. Der Raucher sollte ermutigt werden, eine
Nikotinersatz-Therapie durchzuführen, da diese die Erfolgsrate erhöht.
Es können auch Informationen und Selbsthilfeprogramme wie z. B. Nichtraucher
in sechs Wochen zur Verfügung gestellt werden8.
Im Verlaufe der Entwöhnung muss der Kontakt vom Arzt durch zuvor
abgesprochene Telefonate und Folgevisiten gehalten werden, in der ersten
Zeit wöchentlich. Dabei ist Fingerspitzengefühl nötig,
damit das Vertrauen des Patienten nicht verloren geht.
Bei Patienten, die schon häufiger eine Entwöhnung abgebrochen
haben, können von Psychologen durchgeführte ambulante oder stationäre
Raucherentwöhnungskurse sinnvoll sein. Diese werden häufig von
den Krankenkassen angeboten und führen zu Ein-Jahres-Abstinenzraten
von ca. 20 Prozent und mehr5. Es gibt weitere vielfältige
Angebote zur Raucherentwöhnung,
z. B. in Rehabilitationskliniken, die immer dann in Betracht gezogen werden
sollten, wenn bei den Patienten zusätzlich eine koronare Herzkrankheit,
eine chronisch-obstruktive Lungenerkrankung, eine Hypertonie oder eine
sonstige Risikokonstellation besteht. Hilfreich ist eine Kontaktaufnahme
mit der zuständigen Krankenkasse, der Deutschen Krebshilfe, der Bundeszentrale
für gesundheitliche Aufklärung und dem Deutschen Krebsforschungszentrum
Heidelberg, die sich sehr für das Nichtrauchen engagieren und auch
Informationsmaterial zur Verfügung stellen9. Schließlich
muss darauf hingewiesen werden, dass von der Bundesärztekammer in
Zusammenarbeit mit der Kassenärztlichen Bundesvereinigung 2001 ein
Stufenprogramm zur Raucherberatung und Rauchertherapie in der Arztpraxis
unter dem Titel Frei von Tabak herausgegeben wurde, das sehr
empfehlenswert ist und viele nützliche Materialien für die Praxis
enthält10. Dieses Programm baut ebenfalls auf der 4A-Intervention
auf.
Stufenmodell der Veränderung
Wer sich heute mit der Raucherentwöhnung befasst, stößt
unweigerlich auf das Stufenmodell der Veränderung von Prochaska und
DiClemente, das auch unter der Bezeichnung Transtheoretisches Modell
bekannt ist11. Nach diesem Modell durchläuft jede Verhaltensänderung,
auch der Rauchstopp bzw. die Raucherentwöhnung, regelmäßig
die folgenden fünf Stufen: Absichtslosigkeit, Absichtsbildung, Vorbereitung,
Handlung und Aufrechterhaltung (Abb. 1).
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| Abb.
1: Stufenmodell der Veränderung in Anlehnung an Prochaska und
DiClemente (nach 15) |
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Dabei ist das Durchlaufen
dieser Stufen ein dynamischer Prozess, das heißt, mehrfaches Voran-
und Zurückschreiten zwischen den Stufen gehört zum normalen
Veränderungsprozess.
Bei Patienten auf der Stufe Absichtslosigkeit konzentrieren sich die Beratungsinhalte
vor allem auf Informationsangebote, in denen die Risiken des Rauchens
vor dem Hintergrund der individuellen Risikokonstellation des Patienten
herauszuarbeiten sind. Dabei ist es wünschenswert, dass die Patienten
einen positiven Bezug zu einer Veränderung aufbauen. Der Beratungsstil
sollte insgesamt wenig drängend sein und die Entscheidungsfreiheit
des Patienten betonen, da sonst die Gefahr besteht, dass die Abwehr des
Patienten verstärkt wird. Da der Hausarzt andererseits aufgrund der
Anamnese und der Vorbefunde die gesundheitliche Situation des Patienten
einschätzen kann, sollte er aber von daher auch durchaus begründete
Sorgen äußern.
Auf der Stufe der Absichtsbildung sind die Patienten ambivalent gegenüber
einer Veränderung. Beratungsziel ist hier, den Patienten ein Abwägen
von Vor- und Nachteilen eines Rauchstopps zu ermöglichen, wobei Lösungswege
für mögliche Hindernisse besprochen werden sollten. Wichtig
ist, die Einwände und wahrgenommene Hindernisse der Patienten ernst
zu nehmen und gemeinsame Lösungen zu erarbeiten.
Auf der Stufe der Vorbereitung geht es darum, den Patienten beim Definieren
realistischer Ziele zu unterstützen. Diese können im ersten
Schritt darin bestehen, dass pro Tag weniger Zigaretten geraucht werden.
Der Patient sollte Zuversicht in die eigene Handlungskompetenz aufbauen.
Dies kann der Arzt dadurch fördern, dass er auch kleinste positive
Fortschritte lobt.
Auf der Stufe der Handlung sollten unterstützende Strategien angeboten
werden, z. B. das Vermeiden von Versuchungssituationen, das Aufsuchen
von sozialer Unterstützung und der Einsatz von medikamentösen
Hilfen, insbesondere der Nikotinersatz-Therapie. Wichtig ist in diesem
Zusammenhang auch, einen günstigen Aufhörtag zu bestimmen und
den Patienten vorher eingehend über mögliche Entzugsbeschwerden
zu informieren. Auch sollte das bisher Geleistete anerkannt werden und
ein konstruktiver Umgang mit eventuellen Ausrutschern bzw. Rückfällen
vorbereitet werden.
Auf der Stufe der Aufrechterhaltung steht schließlich der Umgang
mit Rückfällen im Mittelpunkt, aber auch der korrekte Umgang
mit der Nikotinersatz-Therapie, um solchen Rückfällen möglichst
effektiv vorzubeugen.
Nach diesem Stufenmodell ist zunächst immer Beratungsziel, dem Patienten
zu helfen, die nächste Stufe zu erreichen, und nicht notwendigerweise
den sofortigen Rauchstopp. Es ist unrealistisch zu erwarten, dass Patienten
auf der Stufe der Absichtslosigkeit nach einem kurzen Gespräch eine
langfristig stabile Abstinenz erreichen. Ebenso muss mit Ausrutschern
und Rückfällen bei den Patienten gerechnet werden. Diese gehören
zum Veränderungsprozess dazu. Eine förderliche Grundhaltung
in der Beratung zeichnet sich meist stärker durch das Anbieten von
Hilfen als durch das Drängen zur Veränderung aus.
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| Tab.
1: Definition der fünf Stufen der Veränderungsbereitschaft
nach dem Stufenmodell der Veränderung von Prochaska und DiClemente
(nach 11) |
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In der oben genannten
SNICAS-Studie3 berichten 2/3 der untersuchten Raucher, dass sie in der
Vergangenheit bereits versucht haben, das Rauchen einzuschränken
oder ganz einzustellen. Durchschnittlich wurde über fünf Rauchstopps
berichtet. 2/3 aller Raucher würden ihr aktuelles Rauchverhalten
für etwas oder sehr problematisch halten
und wünschten, dieses zu verändern. Ebenso viele wären
zu einem sofortigen Rauchstopp bereit, wenn ihnen ihr Hausarzt ein geeignetes
Angebot machen würde. In Anlehnung an das beschriebene Stufenmodell
der Veränderung wurde bei diesen Patienten auch die Veränderungsbereitschaft
untersucht (Tab. 1). Danach befanden sich 2/3 der aktuellen Raucher auf
der Stufe der Absichtslosigkeit, 28,4 Prozent auf der Stufe der Bewusstwerdung
und nur 7,3 Prozent auf der Stufe der Vorbereitung zu einem Rauchstopp.
Diese Zahlen zeigen, wie wichtig eine motivierende Beratung und Gesprächsführung
in der Arztpraxis für viele Raucher wäre. In der Versorgungsrealität
hat diese jedoch nur einen marginalen Stellenwert3. Das mag auch damit
zusammenhängen, dass der Einfluss der Hausärzte auf das Rauchverhalten
ihrer Patienten bisher eklatant unterschätzt wird5. Die
ca. 70 000 Hausärzte in Deutschland haben meist einen besonders guten
Patientenkontakt. Schon der ärztliche Rat kann, wie oben dargestellt,
bei ca. zehn Prozent der rauchenden Patienten zu einer erfolgreichen Nikotinabstinenz
führen. Auch mehrere Kurzberatungen des Hausarztes (weniger als drei
Minuten) können zu weiteren Steigerungen der Ein-Jahresabstinenz
auf 13 Prozent führen, die sich durch Intensivierung der Beratungen
noch weiter steigern lässt.
Medikamentöse Therapie
Im Gegensatz zu anderen Professionen können die Ärzte bei der
Raucherentwöhnung auch die medikamentöse Therapie einsetzen.
Für diese Indikation ist die Nikotinersatz-Therapie in Deutschland
zugelassen, aber auch das Medikament Bupropion (Zyban), das jedoch erst
in zweiter Linie in Frage kommt. Die SNICAS-Studie hat jedoch aufgezeigt,
dass diese Therapiemöglichkeiten bei den Hausärzten viel zu
selten zum Einsatz kommen3. Das mag unter anderem daran liegen, dass die
Kenntnisse vieler Ärzte auf diesem Gebiet mangelhaft sind.
Nikotinersatz-Therapie
Eine Zigarette enthält im Durchschnitt 6-11 mg Nikotin, davon werden
1-3 mg resorbiert. Ein Raucher, der pro Tag eine Packung raucht, nimmt
also etwa 20-40 mg Nikotin auf. Nach Inhalation des Zigarettenrauchs steigt
die arterielle Nikotinkonzentration in wenigen Sekunden an. Die Plasmahalbwertszeit
des Nikotins beträgt zwei Stunden.
Ebenfalls innerhalb von wenigen Sekunden erreicht das inhalierte Nikotin
das Gehirn, stimuliert dort die nikotinischen Acethylcholinrezeptoren
und bewirkt damit die Ausschüttung zahlreicher Neurotransmitter und
-peptide. Am wichtigsten scheint hierbei die nikotinbedingte Erhöhung
von Dopamin im mesolimbischen Belohnungssystem (Nucleus accumbens
im ventralen Tegmentum). Diese ist nach heutigem Kenntnisstand verantwortlich
für die suchterzeugende Wirkung des Nikotin12. Ein Abfall
der Nikotinkonzentration an den entsprechenden neuronalen Rezeptoren führt
deshalb zum Craving, dem süchtigen Verlangen nach der
Zigarette. Des Weiteren verursacht Nikotin eine Erhöhung der Noradrenalinkonzentration
im Arousel-System des Hirnstamms, insbesondere im Locus coeruleus.
Diese ist verantwortlich für die stimulierende Wirkung von Nikotin.
Ein Abfall der Nikotinkonzentration führt zu einer Erhöhung
der Aktivität der Neurone in diesem Hirnareal und damit zu den typischen
Entzugserscheinungen wie Konzentrationsstörungen, Schlafstörungen,
Unruhe und Reizbarkeit. Die eigentliche rasche Suchtentwicklung entsteht
durch die rasche Toleranzentwicklung der Nikotinrezeptoren, die durch
eine Hochregulation der Rezeptorenanzahl nicht kompensiert wird. Sie benötigen
schließlich die erhöhte Zufuhr von Nikotinmengen, um eine funktionsfähige
dopaminerge und noradrenerge Neurotransmission aufrecht zu erhalten.
Schon nach wenigen Stunden Nikotinkarenz treten die typischen Entzugserscheinungen
auf. In den ersten Stunden und Tagen nach einem Rauchstopp werden die
meisten Raucher wegen der Entzugsbeschwerden wieder rückfällig.
Es liegt daher nahe, die Entzugssymptomatik durch Nikotinzufuhr abzumildern
und aufzufangen, sodass die Raucher in der rauchfreien Zeit dann lernen,
wieder ohne Zigaretten zu leben und zu kommunizieren. Eine weitere Intention
für die Nikotinersatz-Therapie ist, dass viele Raucher das Nikotin
als regelmäßige Stimulanz einsetzen. Durch den Nikotinersatz
fallen sie beim Entzug nicht in ein psychisches Loch.
Für die Nikotinersatz-Therapie sind in Deutschland verschiedene Präparate
mit unterschiedlichen Applikationsformen zugelassen. Dazu gehören
Nikotin-Kaugummis mit zwei bzw. vier mg Wirkstoff, Nikotin-Pflaster, die
für 16 Stunden appliziert werden sollten und 1,5 mg Nikotin pro Stunde
abgeben und Nikotin-Lutschtabletten (Mikrotabs) à zwei mg. Falls
Nikotin-Nasalspray eingesetzt werden soll, muss dieses über die internationale
Apotheke beschafft werden.
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| Tab.
2: Fagerström-Test zur Bestimmung der Nikotin-Abhängigkeit |
Der Einsatz der Nikotinersatz-Therapie
richtet sich nach dem Grad der Nikotinabhängigkeit. Diese kann auf
einfache Weise durch die Beantwortung der sechs Fragen des Fagerström-Testes
festgestellt werden (Tab. 2). Durch Addition der erreichten Punkte wird
ein Gesamt-Punktwert erzielt, der Aufschluss über den Grad der Nikotinabhängigkeit
gibt. Dabei bedeuten null bis drei Punkte eine geringe Abhängigkeit,
vier bis sieben Punkte eine mittelstarke Abhängigkeit und acht bis
zehn Punkte eine starke Abhängigkeit. Wenn man weiterhin die Zahl
der täglich gerauchten Zigaretten berücksichtigt, ergibt sich
für das praktische Vorgehen mit Nikotinersatz eine Stufentherapie,
deren Basis die motivierende ärztliche Beratung und Gesprächsführung
ist (Tab. 3). Wichtig ist dabei, dass entgegen den Warnungen im Beipackzettel
ab der Stufe drei in der Regel eine Kombinationstherapie zu empfehlen
ist, um das drängende Verlangen nach der Zigarette, das Craving,
in den ersten Tagen und Wochen nach dem Rauchstopp wirksam abzumildern
bzw. zu unterdrücken. Dieses Vorgehen setzt natürlich den absoluten
Rauchstopp voraus. Ein gleichzeitiges Weiterrauchen könnte zu Vergiftungserscheinungen
führen und ist deshalb kontraindiziert. Die Dauer der Nikotinersatz-Therapie
beträgt in der Regel mehrere Wochen bis maximal drei Monate.
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| Tab. 3: Praktisches
Vorgehen bei der Nikotinersatz-Therapie unter Berücksichtigung
des Grades der Abhängigkeit. FTND: Fagerström-Test of Nicotin
Dependency |
Zu den Nebenwirkungen
und Kontraindikationen ist zu sagen, dass bei der Anwendung des Nikotin-Kaugummis
nur wenige unerwünschte Wirkungen in Form von Irritation der Mundschleimhaut,
Übelkeit, Flatulenz, Diarrhoen und gastrointestinalen Erscheinungen
auftreten. Ähnliche Nebenwirkungen werden beim Einsatz von Lutschtabletten
berichtet. Die häufigsten Nebenwirkungen des Nikotinpflasters bestehen
in lokalen Hautreaktionen in Form von Jucken und Erythem. Selten treten
stärkere Kontaktdermatitiden auf. Weniger häufig sind Nervosität,
Kopfschmerz, Benommenheit und Schwindel. Schlafstörungen kommen seltener
vor, wenn das Nikotin-Pflaster nur 16 Stunden getragen und vor dem Schlafengehen
entfernt wird. Beim Nikotin-Nasenspray wird meist zu Beginn über
Nasen- und Rachenirritation, Schnupfen und Tränen der Augen geklagt.
Insgesamt sind die Nebenwirkungen in aller Regel nicht bedrohlich, wenn
ausgeschlossen wird, dass zusätzlich zum Einsatz der Nikotinersatz-Präparate
weitergeraucht wird. Die wichtigsten Kontraindikationen für den Einsatz
von Nikotinersatz-Präparaten sind ein frischer Herzinfarkt, eine
instabile Angina pectoris und eine kürzlich erfolgte cerebrale Ischämie.
Die Effektivität der Nikotinersatz-Therapie ist mit mehr als 100
kontrollierten Studien sehr gut abgesichert5,7,12,13. Mit dieser
Therapie sind Ein-Jahresabstinenzraten von 20-30 Prozent zu erreichen.
Die Ergebnisse der verhaltensmedizinisch-orientierten Raucherentwöhnungsgruppenprogramme
lassen sich mit dem zusätzlichen Einsatz von Nikotinersatz-Präparaten
verdoppeln. K. O. Haustein hat kürzlich eine Studie des Raucherberatungszentrums
Erfurt vorgelegt, in der 219 nicht selektionierte entwöhnungswillige
Raucher auf der Basis einer ärztlichen Beratung eine Nikotinersatztherapie
erhielten und eine Kontrolle der Nikotinabstinenz durch CO-Messungen durchgeführt
wurde14. Nach sechs Monaten betrug die Abstinenzrate im Rahmen
einer Intention-to-treat-Analyse 33,3 Prozent. Wenn man die
Patienten, die nur einmal zur Beratung erschienen, nicht mitrechnet, betrug
die Erfolgsquote 40 Prozent.
Bupropion
Mit dem Antidepressivum Bupropion SR (Zyban) steht seit einigen Jahren
die erste nicht nikotinhaltige Tablette zur Raucherentwöhnung zur
Verfügung. Es handelt sich um einen Dopamin- und Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer,
dessen Einsatz über sieben bis neun Wochen zu einer einjährigen
Abstinenzquote zwischen 20 und 30 Prozent führen kann und damit in
einem ähnlichen Bereich liegt wie die Nikotin-Ersatzpräparate7,12,13.
Diese Substanz verringert das Craving und die oben genannten
Entzugserscheinungen und kann dem Raucher bereits nach wenigen Therapietagen
die subjektive Lust bzw. das Bedürfnis zu rauchen nehmen.
Im Vergleich mit Nikotinersatzpräparaten sind allerdings die Nebenwirkungen,
die beim Einsatz dieser Substanz auftreten können, als sehr viel
gravierender einzuschätzen. Bupropion fördert, insbesondere
bei höheren Dosierungen, das Auftreten von Krampfanfällen. Deshalb
liegt die zugelassene Eingangsdosierung in der ersten Woche bei 1 x 150
mg Bupropion ret., danach bei 2 x 150 mg für sieben bis neun Wochen13.
Der Einsatz von Bupropion SR ist bei einer Anamnese von Krampfanfällen
sowie jeglichen medizinischen Umständen oder Begleitmedikamenten,
die die Krampfschwelle senken, kontraindiziert. Ein Problem ergibt sich
hierbei aufgrund der häufig zu beobachtenden Komorbilität von
Alkohol- und Nikotinsucht, da Alkoholmissbrauch und Entzug prinzipiell
die Krampfschwelle erniedrigen und somit für Bupropion SR eine Kontraindikation
darstellen. Weiterhin gibt es eine Reihe von Kasuistiken, aus denen sich
ableiten lässt, dass Bupropion eine bestehende Depression verstärken
kann bis hin zum Suizid13. Aus diesen Gründen ist der
Einsatz von Bupropion zur Raucherentwöhnung problematisch und kommt
nur nach sorgfältiger Abwägung von Nutzen und Risiko in Frage.
Ich denke dabei z. B. an entwöhnungswillige Patienten mit einer schwergradigen
chronisch-obstruktiven Lungenerkrankung, die trotz einer Teilnahme an
einer verhaltensmedizinisch-orientierten Raucherentwöhnung und Durchführung
einer Nikotinersatz-Therapie wiederholt rückfällig geworden
sind.
Weitere Maßnahmen
Hierzu gehören Beratungen, die berücksichtigen, dass das Rauchen
vielfach eine Gewohnheit und mit Belohnungen für den Raucher verbunden
ist. Insbesondere in der ersten Zeit des Rauchstopps wird man dem Ex-Raucher
raten, Orte und Situationen, an die das Rauchen gekoppelt ist, zu meiden.
Diese lassen sich mit einem vorher durchgeführten Raucherprotokoll
erkennen. Außerdem wird man ihm neben dem Einsatz von Nikotinersatz-Präparaten
zu alternativen Verhaltensweisen raten, um das Craving besser
zu beherrschen. Dazu gehören z. B. Wasser trinken, Bonbons lutschen,
tief durchatmen oder ein Entspannungsverfahren (z. B. autogenes Training
oder progressive Muskelentspannung) zu praktizieren. Weiterhin sollte
der Patient versuchen, die Belohnung durch das Rauchen durch
regelmäßigen Sport oder andere Hobbys wie z. B. Besuch von
Musik-, Theater- oder Kinoveranstaltungen zu ersetzen. Darüber hinaus
sollte er sich für erreichte Ziele selbst belohnen, z. B. mit fünf
Euro in eine Urlaubskasse für jeden rauchfreien Tag. Ein großes
Problem ist die Gewichtszunahme, die häufig in einer Größenordnung
von insgesamt ca. fünf bis zehn Kilogramm in den ersten ein bis zwei
Jahren nach dem Rauchstopp auftreten kann. Diese kommt vor allem dadurch
zustande, dass nach dem Rauchstopp eine Appetitsteigerung auftritt. Deshalb
ist es so wichtig, dass die Patienten schon vor Beginn des Rauchstopps
auf dieses Problem hingewiesen werden und eine effektive Ernährungsberatung
zur Vermeidung einer Gewichtszunahme erhalten. Diese besteht bekanntlich
in einer Ernährungsumstellung auf eine möglichst fettarme Kost,
die reichlich Obst, Gemüse, Kartoffeln, Körnerprodukte und nur
sehr wenige fetthaltige Nahrungsmittel enthält15. Schließlich
sei darauf hingewiesen, dass die Objektivierung eines Rauchstopps mit
einer CO-Messung in der Ausatmungsluft auf einfache Weise möglich
ist.
Schlussfolgerungen und Ausblick
Die vorliegende Arbeit zeigt, dass in der ärztlichen Praxis eine
effektive Raucherentwöhnung durchgeführt werden kann, mit der
unter optimalen Bedingungen Abstinenzraten von 30-40 Prozent zu erreichen
sind. Der Erfolg der Raucherentwöhnung ist in positiver Hinsicht
abhängig von der Motivation der Patienten und in negativer Hinsicht
vom Schweregrad der Abhängigkeit. Für beides gibt es heute einfache
Assessment-Instrumente (vergleiche dazu auch Tab. 1 und 2), durch deren
Anwendung Therapieentscheidungen erleichtert werden können16.
Die oben genannte Ärzte-Initiative Raucherhilfe e. V. (AIR), die
im Frühjahr 2004 gegründet wurde, hat sich zum Ziel gesetzt,
ein regionales Netzwerk, bestehend aus hochmotivierten niedergelassenen
Ärzten in Deutschland zu schaffen, die in der Lage und Willens sind,
ärztliche Raucherentwöhnung in ihrer Praxis durchzuführen4.
Dabei ist eine enge Zusammenarbeit mit anderen Berufsgruppen wie den Psychologen,
die eine verhaltensmedizinisch-orientierte Gruppentherapie für Raucher
anbieten, und anderen Institutionen wie Reha-Kliniken, in denen Raucherentwöhnungsprogramme
durchgeführt werden, erwünscht. Angesichts von mehr als 20 Millionen
Rauchern und der bekannten Gesundheitsschäden des Rauchens gibt es
keinen anderen praktikablen Weg, mit dem das bestehende Versorgungsdefizit
auf dem Gebiet der Raucherentwöhnung verringert werden kann. Alle
niedergelassenen Ärzte müssen für dieses Problem sensibilisiert
und motiviert werden, den Raucherstatus ihrer Patienten festzustellen
und den Rauchern den Rauchstopp nahe zu legen. Falls sie selbst keine
weiteren Maßnahmen zur Raucherentwöhnung durchführen wollen,
sollten sie die Patienten an Kollegen überweisen, die sich für
dieses Aufgabengebiet weitergebildet und spezialisiert haben. Ein Weiterbildungskurs
für Ärztinnen und Ärzte zum Erwerb von Kenntnissen auf
dem Gebiet der Raucherentwöhnung wird in Zukunft von der AIR in allen
Bundesländern angeboten werden. Darüber hinaus wird sich die
AIR darum bemühen, dass Kollegen für die Raucherentwöhnung
von den Krankenkassen eine angemessene Vergütung erhalten, wobei
die Vergütung erfolgsabhängig erfolgen könnte.
Prof. Dr. Klaus-Dieter Kolenda, Villenweg 21, 24119 Kronshagen,
E-Mail Klaus-Dieter.Kolenda@gmx.de
Literatur:
- Kolenda, K.-D.:
Rauchen oder Gesundheit ? Schleswig-Holsteinische Ärzteblatt 7/2005;
58: 53 - 59
- Kolenda, K.-D.:
Gesundheitsschäden durch Passivrauchen. Schleswig-Holsteinische
Ärzteblatt 5/2006; 59: 49 - 52
- Hoch, E., A. Franke,
H. Sonntag et al: Raucherentwöhnung in der primärärztlichen
Versorgung - Chance oder Fiktion? Ergebnisse der "Smoking and Nicotine
Dependence Awareness and Screening (SNICAS)"-Studie. Suchtmed 2004;
6: 47 - 51
- Anschrift: Ärzte-Initiative
Raucherhilfe e.V., Waldklausenweg 20, 81377 München, Tel. 089/74140715.
Internet: www.air-raucherhilfe.de, E-Mail: gabriele.siegert@air-raucherhilfe.de
- Mühling, St.,
D. Nowak: Neun Thesen zur Raucherentwöhnung. Suchtmed 2004; 6:
88 - 90
- John, U., U. Hapke,
H-J. Rumpf: Serie - Alkoholismus: Missbrauch und Abhängigkeit von
Alkohol. Deutsches Ärzteblatt 2001; 98: A-2438
- Medikamentöse
Unterstützung bei der Raucherentwöhnung. Arzneimittelbrief
2000; 34: 25 - 29
- Nichtraucher in
6 Wochen. Ein Selbsthilfeprogramm für alle, die das Rauchen aufgeben
wollen. Herausgegeben vom Arbeitskreis Raucherentwöhnung. Leiter:
Priv.-Doz. Dr. A. Batra, Prof. G- Buchkremer, Universitätsklinikum
für Psychiatrie und Psychotherapie Tübingen; Preuss 1997
- Anschriften: Deutsche
Krebshilfe e.V., Thomas-Mann-Str. 40, 53111 Bonn, Tel. 0228/729900,
www. Krebshilfe.de; Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung,
Postfach 910152, 51071 Köln, Tel. 0221/982031, www.bzga.de; Deutsches
Krebsforschungszentrum Heidelberg, Informationsdienst Blauer Dunst:
www.dkfz-heidelberg.de
- Frei von Tabak.
Ein Stufenprogramm zur Raucherentwöhnung und Rauchertherapie in
der Arztpraxis. Texte und Materialien der Bundesärztekammer zur
Fort- und Weiterbildung, Band 7, 3. überarbeitete Auflage, 2001
- Prochaska, J.O.,
C.C.DiClemente, J.C. Norcross: In the search of how people change: Applications
to addictive behaviors. American Psychologist 1992; 47: 1102 - 1114
- Nowak, D., E. Hoch:
Raucherentwöhnung - Pharmakologie, Effizienz und Hemmnisse. Der
Bay Int 2005; 25: 118 - 126
- Schön, S.,
D. Nowak: Medikamentöse Verfahren zur Raucherentwöhnung. Suchtmed
2002; 4: 189 - 199
- Hausstein, K.-O.,
M. Voigt, H. Haustein, C. Meigen: Die Behandlung der Tabakabhängigkeit
mit Nikotin - Erfahrungen aus dem Raucherberatungszentrum Erfurt. Z
Allgemein Med 2004; 80: 108 - 112
- Kolenda, K.-D.
S. Schuch. Fettarm kochen - gesund essen. Grundzüge und Praxis.
Mit 180 schmackhaften Rezepten. Schlüter'sche Verlagsgesellschaft
mbH Co.&KG, Hannover 2004
16. West, R.: ABC of smoking cessation. Assessment of dependence and
motivation to stop smoking. BMJ 2004; 328: 338 - 339
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Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 9/2006
S. 53
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