Der Pharmabluff
- wie innovativ die Pillenindustrie wirklich ist
Bibliographische Angaben: Marcia Angell, KomPart Verlag
Bonn 2005, 288 Seiten, Hardcover, ISBN 3980662195, 24,80 Euro |
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Marcia Angell war
viele Jahre leitende Redakteurin der international renommierten Zeitschrift
New England Journal of Medicine. In dieser Funktion hatte
sie viele Kontakte mit der amerikanischen Pharmaindustrie, die sie in
dem vorliegenden Buch kritisiert. Im Etat der großen Pharmakonzerne,
sagt die Autorin, machen Forschung und Entwicklung nur einen kleinen Teil
aus. Die Ausgaben hierfür werden von den gewaltigen Aufwendungen
für Marketing und Verwaltung bei weitem in den Schatten gestellt.
Pharmakonzerne haben zu großen Einfluss auf die klinische Prüfung
ihrer eigenen Produkte. Viel spricht dafür, dass diese Praxis
zu einer einseitigen Forschung zugunsten der Medikamente des Geldgebers
führt.
Marcia Angell kritisiert die große Zahl der Nachahmer (mee
too)-Präparate. Von 1998 bis 2002 erschienen in den USA 415
neue Medikamente. 77 Prozent waren solche Nachahmerpräparate. Mit
ihnen, z. B. mit Statinen, Protonenpumpenhemmern, selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern,
wollen Konkurrenzunternehmen einen Anteil am florierenden Markt erobern.
Zu der Annahme, irgendeines dieser Präparate sei bei vergleichbarer
Dosierung besser als ein anderes, besteht eigentlich kein Anlass.
Erst kürzlich ereignete sich, dass ein solches Mee-too-Medikament,
ein Statin, wegen gefährlicher Nebenwirkungen vom Markt genommen
werden musste.
Ein Kapitel des Buches beschreibt die Besuche von Firmenvertretern in
Arztpraxen und Kliniken, die oft schon bei der Ankunft viele kleine
Aufmerksamkeiten verteilen. Ärztemuster sind ein sehr
wirksames Mittel, um Ärzte und Patienten mit einem teuren, neu zugelassenen
Medikament vertraut zu machen, wenn ein älteres, preiswerteres Präparat
ebenso gut wäre.
Die von der Industrie gesponserten Fortbildungen sind eine beispiellose
Gelegenheit, das Verschreibungsverhalten der Ärzte zu beeinflussen.
Bezahltes Essen und andere Annehmlichkeiten, moniert Marcia Angell, fördern
den Vertrieb der besprochenen Medikamente. Sowohl Redner medizinischer
Fortbildungsveranstaltungen als auch Autoren, die in medizinischen Zeitschriften
publizieren, können von der Industrie Zahlungen erhalten, sodass
finanzielle Konflikte der Interessen offen zu legen sind.
Das Buch ist zu empfehlen, da es eine Lanze für objektives Arzneimittelwissen
und für eine Fortbildung bricht, die nicht im Dienst des Herstellers
steht. Dabei sind allerdings zwei Einschränkungen zu machen: Das
Buch ist sehr auf USA-Verhältnisse zugeschnitten, die es z. B. einem
Teil der US-Amerikanern nicht erlauben, ihre Arzneimittel zu bezahlen.
Zweitens wird das Verständnis des Textes dadurch gestört, dass
meistens nur die amerikanischen Handelsnamen der besprochenen Medikamente,
jedoch nicht die internationalen Freinamen, bzw. Wirkstoffe genannt werden.
Rezensent: Prof. Dr. Karlheinz Engelhardt, Jaegerallee 7,
24159 Kiel
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Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 8/2006
S. 4
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