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Was ist der Placebo-Effekt?
Jürgen Windeler
Dieser Beitrag beschäftigt sich kritisch mit der Definition des Placebo-Begriffs.
Nach einer Übersicht zu den wesentlichen Ergebnissen der bisherigen
Placebo-Forschung wird festgestellt, dass die Wissenschaft noch immer
weit entfernt von einem guten und umfassenden Modell zum Placebo-Phänomen
ist.
Aus einer Kritik einschlägiger Placebo-Definitionen ergibt sich,
dass bis heute keine überzeugende positive Definition des Begriffs
Placebo existiert und eine solche auch in Zukunft unrealistisch
ist. Der Begriff Placebo kann nur negativ oder operational
definiert werden. Folglich macht die Verwendung des Placebo-Begriffs außerhalb
von vergleichenden klinischen Studien überhaupt keinen Sinn und sollte
unterlassen werden. Im Sinne einer Restkategorie wird der Begriff Placebo
definiert als eine Beschreibung aller Einflussgrößen in einer
kontrollierten Studie, die (wünschenswerte) Veränderungen eines
Patientenmerkmals nach sich ziehen, mit Ausnahme der in dieser Studie
zu prüfenden Therapiekomponente(n).
Der Begriff Placebo-Effekt sollte im Rahmen von klinischen
Studien durch kontext-abhängige Veränderungen übersetzt
(oder noch besser: ersetzt) werden, die sich aus mindestens sechs Komponenten
zusammensetzen, die im Beitrag diskutiert werden. Die Bestimmung des jeweiligen
Gewichts der einzelnen Komponenten ist bei klinischen Studien allerdings
nicht von Belang, da es hierbei ausschließlich um die Überprüfung
der Wirksamkeit der zu testenden Therapie geht. Insofern schränkt
das Fehlen einer exakten Definition von Placebo-Effekt die
Wertschätzung placebo-kontrollierter Studien in keiner
Weise ein.
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Ein Beispiel zur Einführung:
In vier klinischen Studien zu antiallergisch wirkenden Arzneimitteln (s.
Tab. 1, Teil a) wurde ein mehr oder weniger deutlicher Rückgang der
Symptomatik beobachtet. Man könnte versucht sein, aus diesen Ergebnissen
eine Aussage über die Wirksamkeit der angegebenen Arzneimittel zu
machen. Die Darstellung zeigt aber nur die Hälfte der Wahrheit. Es
handelt sich nämlich bei den Ergebnissen in Tab. 1, Teil a) nur um
jene, die in der Kontrollgruppe erhoben worden sind, bei den Patienten
also, die die angegebenen Präparate gar nicht erhalten hatten. Sie
bekamen stattdessen ein Scheinmedikament, das genauso aussah wie das eigentliche
Präparat, aber den relevanten Wirkstoff nicht enthielt - ein Placebo.
Ein Vergleich mit den Ergebnissen der Patienten, die das untersuchte Medikament
tatsächlich eingenommen hatten (Tab. 1, Teil b), zeigt, dass z. B.
in der dritten angegebenen Studie die Verbesserungen in der Verum-Gruppe
sehr viel deutlicher waren als in der Placebo-Gruppe, dass
andererseits sich die Ergebnisse in der ersten angegebenen Studie zwischen
den beiden Gruppen nicht unterschieden. So eindrücklich durch diese
Gegenüberstellung die Notwendigkeit einer adäquaten Vergleichsgruppe
demonstriert werden kann, so faszinierend ist gleichzeitig die Frage,
was es mit der in der Placebo-Gruppe beobachteten Verbesserung - dem so
genannten Placebo-Effekt - eigentlich auf sich hat.
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Dass ein solcher Placebo-Effekt
keineswegs auf eine medikamentöse Behandlung beschränkt ist,
zeigt ein weiteres, berühmtes Beispiel. In den 50er Jahren wurde
eine operative Therapie der koronaren Herzkrankheit entwickelt, die in
einer Unterbindung der Brustwandarterie bestand. Die Operation wurde in
Amerika weit verbreitet durchgeführt. Im Jahre 1958 führte ein
euphorischer Bericht im Readers Digest zu einer weiteren Zunahme
dieser Therapie. Wie so häufig, rief die Euphorie aber auch Skeptiker
auf den Plan, die die Wirksamkeit der Methode bezweifelten. Ende der 50er
Jahre wurden - damals eine Pionierleistung - zwei kontrollierte Studien
durchgeführt1,5, bei denen ein Teil der Patienten Scheinoperationen
mit Narkose und Hautschnitt, allerdings ohne Unterbindung der Arterie,
unterzogen wurde. Die Auswertung ergab, dass sich die Beschwerden in beiden
behandelten Gruppen besserten und die Patienten deutlich belastbarer waren,
dass aber kein Unterschied zwischen den beiden Gruppen bestand. Auch hier
zeigte sich also, dass die Unterbindung der Arterie nicht effektiver war
als der unspezifische Effekt der Operation, den man auch hier
als Placebo-Effekt bezeichnen würde. Die Publikation der Ergebnisse
führte zu einer sehr raschen Beendigung dieser Operationspraxis.
Geschichte
Der Ursprung des Begriffs placebo (ich werde gefallen
als Form des lateinischen Verbs placere) wird mit einer Passage
im biblischen Psalm 116, Vers 9, in Verbindung gebracht: Placebo
domino in regione vivorum. Der Vers spielte eine besondere Rolle
bei Begräbnisfeiern, und das Wort Placebo wurde im 12. Jahrhundert
für Personen verwendet, die am Grab anstelle der wirklich Trauernden
Grabgesänge anstimmten und Trauer demonstrierten - gegen Bezahlung
natürlich. Es ist interessant festzustellen, dass sich diese Konnotation
des Begriffs Placebo, nämlich etwas vorzumachen oder vorzugeben,
bis heute erhalten hat21.
Seit Ende des 18. Jahrhunderts lässt sich eine medizinische Bedeutung
des Begriffs Placebo nachweisen. Aus einem 1787 herausgegebenen Wörterbuch
stammt die Definition, dass es sich bei einem Placebo um eine unspezifische
Methode oder Medizin (handele), mehr dazu gedacht, den Patienten eine
Weile bei Laune zu halten als zu irgendeinem anderen Zweck. Im Jahre
1800 erschien eine Schrift von John Haygart mit dem Titel Imagination
äs a cause and äs a eure of disorders of the body, in
der er Ergebnisse von Untersuchungen über Placebos präsentierte21.
Nach einer langen, eher dunklen Phase der methodisch aufgeklärten
medizinischen Forschung gewann das Placebo-Thema durch eine 1946 veranstaltete
Cornell-Konferenz zu Therapiefragen (The use of placebos in therapy)
stark an Interesse und Bedeutung. Die weitere Entwicklung führte
kurzfristig zu der berühmten Arbeit von Beecher The powerful
placebo 2 und mittelfristig zu einem großen Forschungsinteresse,
Erklärungen und Determinanten für die beobachteten Effekte näher
zu kommen. Die Forschungen haben zu Tausenden von Publikationen und mehreren
umfassenden Monographien geführt (z. B.4,9,28). Das Forschungsinteresse
scheint in den letzten zehn Jahren allerdings deutlich nachgelassen zu
haben.
Forschungsergebnisse
In den fast 50 Jahren Placebo-Forschung sind zahlreiche Ergebnisse zusammengetragen
worden, die kurz zusammengefasst werden sollen:
1. Es wurde eine Unmenge von Einflussvariablen auf das Auftreten bzw.
das Ausmaß eines Placebo-Effekts identifiziert (Übersicht z.
B. bei3). Strukturell kann man dabei Eigenschaften des Patienten
identifizieren, Eigenschaften des Behandlers, die Qualität der Beziehung
zwischen Patient und Behandler, Einflüsse, die dem sozialen Milieu
des Patienten zuzuordnen sind, Eigenschaften, die die Behandlungssituation
betreffen, schließlich Eigenschaften der Erkrankungssituation selbst
sowie solche der Therapie. Die Interaktionen dieser verschiedenen Komponenten
sind außerordentlich komplex und es scheint nur sehr ungenügende
Ergebnisse dazu zu geben, welche dieser Faktoren in Relation zu welchen
anderen in welchen Situationen welche Bedeutung haben.
2. Das gleiche gilt für Erklärungsmodelle, mit denen man versucht,
die Mechanismen darzustellen, die zu Placebo-Effekten beitragen (siehe
Tab. 2). Auch hier spricht die Vielfalt der Theorien nicht dafür,
dass man einem guten und umfassenden Modell wirklich nahe ist18.
Wichtig ist, davor zu warnen, das Placebo-Phänomen allein durch Suggestion
erklären zu wollen bzw. seine Existenz von verbaler Kommunikation
abhängig zu machen, wie es immer wieder geschieht.
3. Es besteht weitgehende Einigkeit darin, dass es keine typischen Charaktereigenschaften
einer Person gibt, die allgemein besonders gut auf Placebos reagiert (Placebo-Responder).
4. Es gibt verschiedene Mitteilungen, dass bestimmte technische Details
medikamentöser Therapien (Größe der Tablette, Zahl der
Pillen, Invasivität der Anwendung) einen Einfluss auf den Placebo-Effekt
hätten. Auch der Farbe der Tabletten wird ein Einfluss auf die Art
des Placebo-Effektes zugeschrieben: Während blau gefärbte Präparate
zur Beruhigung geeignet sind, wirken rote oder gelbe stimulierend, während
weißen eine schmerzstillende Wirkung zugeschrieben wird.
Ausmaß von Placebo-Effekten
Betrachtet man die in Tab. 1 dargestellten Ergebnisse der vier Allergiestudien,
so stellt man fest, dass Veränderungen in der Placebo-Gruppe zum
Teil erheblich sein können. So ging etwa in der oberen Studie die
Symptomatik von einem mittleren Scorewert von 8,0 auf einen Scorewert
von 2,5 zurück, immerhin eine mittlere Verbesserung der Symptomatik
um ca. 70 Prozent. Ähnliche Ergebnisse wird man in vielen kontrollierten
Studien finden können. Placebo-Response-Raten, also der Anteil von
Patienten, die überhaupt eine Verbesserung ihrer Beschwerden zeigten,
sollen zwischen sieben Prozent bei hirnorganischen Erkrankungen und bis
zu 62 Prozent bei Kopfschmerzen liegen11 (Migräne ausgenommen,
hier liegt der Anteil bei 32 Prozent). Auch bei schwerwiegenden Gesundheitsstörungen
(Angina Pectoris, Multiple Sklerose, Hypertonus) lassen sich positive
Veränderungen ohne eine spezifische Therapie beobachten.
Ein anderer Weg, das Ausmaß von Veränderungen unter einer Placebo-Behandlung
zu ermitteln, wurde von Roberts et al.20 beschritten. Sie untersuchten
in einer aufwändigen Erhebung, wie ausgeprägt berichtete Besserungen
von einigen ausgewählten Behandlungsmaßnahmen waren. Sie wählten
dafür solche Therapien aus, die über einen gewissen Zeitraum
hinweg weit verbreitet waren, bevor man in kontrollierten Studien feststellte,
dass sie einer unspezifischen Therapie nicht überlegen waren. Man
musste aus den Ergebnissen dieser Studien also schließen, dass vorher
berichtete Effekte als gesundheitliche Verbesserungen gelten konnten,
die allerdings, ohne dass Behandler und Patient dies ahnten, nicht durch
spezifische Therapiekomponenten hervorgerufen worden waren. Die Ergebnisse
dieser Untersuchung ergaben noch ausgeprägtere Effekte als die oben
genannten Prozentzahlen. Andere Autoren gehen sogar so weit, Placebo-Effekten
einen Anteil von 80 Prozent bis 90 Prozent an beobachteten gesundheitlichen
Verbesserungen zuzuschreiben. Es soll allerdings hier nicht verschwiegen
werden, dass diesen Zahlen von anderen Autoren ein Wert von Null entgegengesetzt
wird, d. h. der Placebo-Effekt wird überhaupt als fraglich und vermutlich
nicht existent beschrieben13.
Qualität von Placebo-Effekten
Es ist ein auch unter medizinischen Fachleuten außerordentlich weit
verbreiteter Irrtum, dass Placebo-Effekte etwas mit Einbildung zu tun
hätten und - noch schlimmer - dass ein Auftreten von Placebo-Effekten
bedeute, dass der Patient sich die Krankheit nur eingebildet
habe. Diese Einschätzung ist leicht erkennbar als Relikt aus dem
12. Jahrhundert übrig geblieben und äußert sich schon
allein in der Formulierung, dass es sich bei beobachteten günstigen
Veränderungen bei Patienten nur um einen Placebo-Effekt
handele.
Die Wahrheit sieht ganz anders aus. Placebo-Therapien führen zur
Schmerzfreiheit von Patienten, sei es bei Angina pectoris, bei Kopfschmerzen
oder nach Operationen. Von Einbildung wird man hier kaum sprechen können.
Noch klarer wird dies, wenn durch objektive Methoden beobachtet
werden kann, was nach einer Placebogabe geschieht. In der so genannten
CAPS-Studie26 wurde bei Patienten, bei denen nach einem Herzinfarkt im
Langzeit-EKG schwerwiegende, prognostisch ungünstige Herzrhythmusstörungen
aufgetreten waren, eine Therapie mit antiarrhythmischen Präparaten
und eine Placebogabe verglichen. In dieser Studie wurde als Erfolgskriterium
ein deutlicher, klinisch relevanter Rückgang der im Langzeit-EKG
registrierten Rhythmusstörungen definiert. In der Placebogruppe ergab
sich bei 37 Prozent der Patienten ein solcher Erfolg. Diese und viele
andere Beispiele zeigen eindrücklich, dass gesundheitliche Veränderungen,
die in einer Placebo-behandelten Gruppe von Patienten auftreten, durch
objektive Messmethoden und sich daraus ergebende harte
Daten gestützt werden können und keineswegs nur in der Einbildung
der Patienten existieren. Sicher gibt es Erkrankungen, in denen Einbildung
auch eine Rolle spielt. Als alleinige Erklärung bzw. als Grund für
die Geringschätzung solcher Veränderungen generell kann dies
allerdings sicher nicht dienen.
Was ist ein Placebo?
Die Begriffe Placebo und Placebo-Effekt wurden bis hierher nicht definiert.
In den letzten Abschnitten wurde sogar versucht, vorsichtig Formulierungen
zu vermeiden, die in einer Placebo-behandelten Gruppe von Patienten auftretenden
Veränderungen als Effekte eines Placebos zu interpretieren. Obwohl
nämlich keinerlei ernsthafter Zweifel daran bestehen kann, dass bei
Patienten(gruppen) solche Veränderungen tatsächlich beobachtet
wurden, ist die Gleichsetzung dieser Veränderungen mit einem Placebo-Effekt
problematisch und ohne vorhergehende Definition dieses Effekts jedenfalls
unbefriedigend. Leider gerät man jedoch bei dem Versuch einer Definition
in äußerst schwierige Probleme. Wenden wir uns zunächst
dem Begriff Placebo zu und betrachten eine Reihe bisheriger Vorschläge.
Beecher2 hat in seiner klassischen Arbeit folgende Definition
gegeben: A placebo is a pharmacologic inert substance. Fast
alles an dieser Definition ist problematisch. Wenn man ein Placebo als
einen Einflussfaktor bezeichnet, der zu einem Placebo-Effekt beiträgt,
so kann man die Definition zweifellos nicht nur auf Substanzen beschränken.
Der Geruch einer Arztpraxis oder die sichtbaren Narben nach einer Operation
können genauso als Placebos wirken. Hieraus ergibt sich unmittelbar,
dass auch die Einengung auf eine pharmakologische Betrachtung nicht angemessen
ist. Schließlich kann man fragen, ob es sich, falls man die Betrachtungsweise
auf die Pharmakologie fokussiert, bei einem Placebo tatsächlich um
eine pharmakologisch inerte, d. h. träge Substanz handeln
muss, denn als Placebo wird häufig auch ein pharmakologisch aktives
Präparat in einer falschen Indikation oder zu niedrigen Dosierung
angesehen, z. B. ein Antibiotikum bei einer viralen Infektion.
Die Definition von Habermann8 lautet: Ein Placebo ist
die psychosoziale (im Gegensatz zur stofflichen) Botschaft.
Auch hier fällt die, sich allerdings durch die gesamte Placebo-Literatur
ziehende, starke Fokussierung auf die Pharmakologie auf. Neben der schon
zur Definition von Beecher geäußerten Kritik würde aber
mit dieser Definition außerdem jede Form von bewusster psychischer
Beeinflussung, also etwa jede Psychotherapie oder die gesamte sprechende
Medizin, als Placebo bezeichnet werden müssen, was nicht sinnvoll
ist und möglicherweise auch gar nicht in der Absicht von Habermann
liegt.
Bodem3 bezeichnet ein Placebo als eine Behandlung, die
in der Absicht benutzt wird, um eine unspezifische psychologische oder
psychophysiologische Wirkung zu erzielen. Nach einer solchen Definition
müssten quasi alle Arzt-Patienten-Interaktionen als Placebos definiert
werden, ganz abgesehen davon, dass die Definition sich auf einen neuen
nicht definierten Begriff (unspezifisch) stützt und man
sich fragen muss, ob ein Placebo erst zu einem solchen wird, wenn bestimmte
Absichten bezüglich seines Einsatzes bestehen.
Wie exemplarisch gezeigt, lassen sich zu jeder bisher vorgelegten Definition
- und es gibt mindestens 50 weitere - Fragen formulieren und Gegebenheiten
aufzeigen, unter denen diese Definition unsinnig oder unvollständig
wird. Der wohl bekannteste und sorgfältigste Versuch einer Definition
stammt von Shapiro23,24: Ein Placebo ist jede Therapie,
die wohlüberlegt und wissentlich wegen ihrer unspezifischen oder
psycho-physiologischen Wirkung benutzt wird, oder die unbewusst wegen
ihrer vermuteten oder geglaubten spezifischen Wirkung auf eine Patientin/einen
Patienten ein Symptom oder eine Krankheit eingesetzt wird, aber die, ohne
dass Patient(in) oder Therapeut(in) es wissen, ohne spezifische Wirkung
auf die behandelte Problematik ist.
Auch hier liegt ein wesentliches Problem in dem Begriff spezifisch
21,25, der auch in diesen Ausführungen schon mehrfach
benutzt wurde. Wieder fallen einem schnell beunruhigende Fragen ein:
> Ist die Farbe einer Pille unspezifisch? Selbst wenn dies aus pharmakologischer
Sicht so sein sollte, so sind, wie oben dargestellt, die Wirkungen roter
Pillen eben anders als die von blauen. Die Farbe ist, farbpsychologisch
betrachtet, spezifisch.
> Ist die Gabe von Kochsalz eine unspezifische Therapie? Man muss ja
feststellen, dass durch eine solche Therapie Schmerzen gelindert oder
beseitigt werden können, und dass diese Schmerzlinderung vermutlich
durch spezifische molekulare Mechanismen vermittelt wird.
> Ist Aspirin ein spezifisches Medikament? Die bekannten Wirkungen
sind schmerzstillend, entzündungshemmend und gerinnungshemmend. Eine
gegen Kopfschmerzen eingenommene Tablette entfaltet dabei auch gerinnungshemmende
Wirkungen, ohne dass diese für den schmerzlindernden Effekt verantwortlich
wären.
Diese Fragen sind deshalb beunruhigend, weil sie nahe legen, dass es eine
umfassende Positivdefinition des Placebos nicht geben kann7, 18, 21. Man
mag zwar in einer klinischen Studie die zu Vergleichszwecken angefertigte
blaue Tablette ohne Wirkstoff als Placebo bezeichnen und kann so vielleicht
auch in anderen Situationen operational verfahren, eine allgemein gültige
Definition eines Placebos, die alle Eigenschaften eines Placebos enthält,
ist dies jedoch nicht. Sie liegt bis heute nicht vor.
Weitere Überlegungen führen mich zu der These, dass der Placebo-Begriff
außerhalb vergleichender klinischer Studien überhaupt keinen
Sinn macht. Bei der Gabe einer als Placebo bezeichneten Therapie in der
medizinischen Praxis muss man sich ja wieder fragen, was diese Therapie
charakterisiert. Man kann hier z. B. argumentieren, dass man von dieser
Therapie eigentlich keinen Effekt erwartet. Die Konsequenz wäre aber,
den Einsatz eines Placebos in dieser Situation unethisch zu nennen. Man
wird ein Placebo vielmehr deshalb - in Ausnahmefällen - einsetzen,
weil man sich von dieser Therapie bei Fehlen anderer Optionen einen günstigen
Effekt erwartet oder sogar, weil die Nutzen-Schaden-Abwägung gegenüber
anderen Therapien zugunsten des Placebos ausfällt. Für beide
Argumente braucht man jedoch den Begriff Placebo nicht. Es geht vielmehr
immer nur darum, in einer bestimmten Entscheidungssituation eine gut definierte
Therapiemodalität - auch Nichtstun gehört dazu - in den Kanon
aller anderen möglichen Optionen einzuordnen und eine Abwägung
zu treffen. Ein Kriterium, (eine) bestimmte Therapiemodalität(en)
dabei als Placebo zu bezeichnen, gibt es nicht, immer nur
ein schlechter als oder besser als gegenüber
einer anderen Handlungsoption.
Der Begriff Placebo in klinischen Studien
Die Definition eines Placebos macht nur für vergleichende klinische
Studien Sinn. Nach Scheitern aller Versuche einer Positivdefinition scheint
es hier sinnvoll, eine Definition im Sinne einer Restkategorie21 zu versuchen:
Der Begriff Placebo beschreibt in einer kontrollierten
Studie alle Einflussgrößen, die (wünschenswerte) Veränderungen
eines Patientenmerkmals nach sich ziehen, mit Ausnahme der in dieser Studie
zu prüfenden Therapiekomponente(n).
In diesem Zusammenhang offenbart dann auch eine Definition mit stofflichen
und psychoso-zialen Effekten oder Botschaften, die auf den
ersten Blick einleuchtend erscheint, ihre Probleme: Sehr selten wird man
in einer klinischen Studie, in der eine Vergleichsgruppe den zur Diskussion
stehenden Arzneistoff nicht erhält, die Situation vorfinden, dass
hier nur psychosoziale Faktoren wirken. Vielmehr ist es z. B. in allen
klinischen Studien üblich, Begleittherapien mehr oder weniger standardisiert
in beiden Patientengruppen zuzulassen, je nach Indikation sogar ausdrücklich
zu unterstützen oder zu fordern. Man wird einen in der Vergleichsgruppe
beobachteten Effekt damit schwerlich einem zusätzlich gegebenen Placebo
als Placebo-Effekt und damit als psychosozial zuschreiben
können, denn bei den auch in dieser Gruppe gegebenen Begleittherapien
handelt es sich unter Umständen um unbestritten wirksame Behandlungen.
Wenn also das Placebo als psychosoziale Botschaft verstanden werden soll,
so ist die in einer Placebogruppe beobachtete Veränderung keineswegs
Ausdruck dieser Botschaft und sollte daher auch nicht Placebo-Effekt genannt
werden.
Der Placebo-Effekt
1995 wurde von G. Kienle eine Monographie vorgelegt, in der die Autorin
bestreitet, dass die Existenz des so genannten Placebo-Effekts
überhaupt nachgewiesen sei14. Sie argumentiert, dass für den
Nachweis eines Placebo-Effekts erstens ein Placebo gegeben worden sein
muss und zweitens ein beobachteter Effekt tatsächlich der Effekt
dieses applizierten Placebos sein muss. Es ist G. Kienle zwar zuzustimmen,
dass der Begriff Placebo-Effekt unglücklich ist. Eine Formulierung
wie: Der Effekt des Placebos meint die Befindensänderung des
Patienten nach Placebogabe 19 steht in klarem Widerspruch zur Definition
von anderen Behandlungseffekten, nämlich kausalen, nicht nur zeitlichen
Zusammenhängen.
Prof. Dr.
Jürgen Windeler
Medizinstudium in Göttingen und Lübeck. Promotion
1985 und Habilitation 1993 mit Themen aus dem Bereich medizinische
Biometrie, Bewertung von Diagnoseverfahren. Von 1993 bis 1999
Hochschuldozent und stellv. Leiter der Abteilung für Medizinische
Biometrie an der Universität Heidelberg. Publikationen
u. a. zur Methodik von Diagnose- und Therapiestudien, zur Bewertung
unkonventioneller medizinischer Verfahren und zu Argumentationsstrukturen
in diesem Gebiet. Seit 1999 Leiter des Fachbereichs evidenzbasierte
Medizin und seit Juli 2004 leitender Arzt und stellv. Geschäftsführer
beim Medizinischen Dienst der Spitzenverbände der Krankenkassen
(MDS), Essen. |
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Wenn G. Kienle allerdings
behauptet, dass Placebo-Effekte nicht nachgewiesen seien, so gilt das
nur für Effekte nach ihrer eigenen Definition. Die beiden genannten
Bedingungen sind jedoch unerfüllbar, womit der Placebo-Effekt quasi
wegdefiniert wurde. Die erste Bedingung ist deshalb nicht
zu erfüllen, weil das Placebo nicht allgemein - und damit im Zweifelsfall
nie zur Befriedigung Kienles - zu definieren ist. Die zweite Bedingung
ist nicht zu erfüllen, da bisher kein Forschungsinstrument bekannt
ist und auch von Kienle nicht angegeben wurde, mit dem der Effekt eines
mutmaßlichen Placebos in ihrer Definition denn isoliert werden könnte.
Abgesehen davon, dass auch hier wieder Definitionsprobleme des Placebos
relevant werden, bietet sich als Vorgehensweise der Vergleich mit einer
unbehandelten Kontrollgruppe an. Es gibt zurzeit allerdings keine Vorschläge,
wie aus solchen Vergleichen Störeffekte zuverlässig eliminiert
werden könnten, die es eben verhindern, beobachtete Effekte in der
Placebo-Gruppe wirklich der Placebo-Gabe zuzuschreiben (eine Verblindung
kommt z. B. nicht in Frage). Ob dieses Problem überhaupt lösbar
ist, ist zweifelhaft und zurzeit jedenfalls offen.
Der Begriff Placebo-Effekt könnte am ehesten durch kontextabhängige
Veränderungen übersetzt (oder in Zukunft: ersetzt?) werden,
was keine spezifischen kausalen Beziehungen reklamiert und damit das Problem
des Begriffs Effekt umgeht. Ein Placebo-Effekt nach dieser
Definition setzt sich demnach aus mindestens folgenden Komponenten zusammen
(vgl. auch 6):
1. Einem statistischen Phänomen, welches man als Regression
to the mean bezeichnet. Es bedeutet, dass nach einem extremen klinischen
Befund, z. B. einem hohen Blutdruckwert, auch ohne Therapie eher wieder
normalere Werte folgen als noch extremere. Es gibt Untersuchungen, die
nahe legen, dass dieser statistische Effekt ein ganz wesentlicher Bestandteil
des so genannten Placebo-Effekts ist16.
2. Dem Spontanverlauf der Erkrankung. Viele Erkrankungen haben einen fluktuierenden
Verlauf, einige bessern sich auch nach längerem Verlauf oder heilen
aus, wie die meisten akuten Infektionskrankheiten.
3. Günstige Einflüsse, die auf die Person des Behandlers, die
Art der angewandten Prozedur oder auch die Umgebung zurückzuführen
sind.
4. Begleitende Maßnahmen (z. B. Bettruhe) oder andere angewandte
Therapien können zu einem Placebo-Effekt in der hier verwendeten
Definition beitragen.
5. Schließlich sind auch alle Effekte, die auf psychosoziale Verhaltensänderungen
der Patienten als Versuchsperson zurückzuführen
sind, in diesen Placebo-Effekt zu integrieren. Bekannt ist hier der Hawthorne-Effekt,
d. h. Menschen verhalten sich anders, wenn sie wissen, dass sie Mitglied
einer Versuchsgruppe sind.
Welche dieser vielfältigen Faktoren in einer bestimmten klinischen
Studie in welchem Ausmaß wirken und in welchem Verhältnis diese
unterschiedlichen Auswirkungen jeweils stehen, ist sehr schwierig und
nur mit ausgeklügelten methodischen Instrumenten zu ermitteln. Ohne
dass dies ausdrücklich gesagt wird, scheint meist der auf die Komponente
drei zurückzuführende Effekt als der eigentliche Placebo-Effekt
angesehen zu werden. Selbst wenn man dies in einer allgemeingültigen
Definition befriedigend festlegen könnte, was ich bezweifle, so muss
zweierlei festgestellt werden:
(a) Diesen Teilaspekt von allen übrigen Komponenten zu trennen, mag
in psychologisch-experimentellen Labors unter extrem sorgfältig kontrollierten
Versuchsbedingungen möglich sein, in der klinischen Therapieforschung
ist dies undenkbar. Die vergleichsweise sehr kleine Zahl von Studien,
die sich mit der Isolierung dieses Effektes beschäftigen, macht das
Problem drastisch deutlich. Den Placebo-Effekt in dieser auf
Punkt drei eingeengten Definition wird man nicht quantifizieren können.
(b) Für die Wirksamkeitsbeurteilung von Therapien geht es nur um
den Vergleich zwischen zwei unterschiedlich behandelten Patientengruppen.
Für diesen Vergleich ist die Unterteilung einer Veränderung
in der Kontrollgruppe in die verschiedenen Teilkomponenten und deren Quantifizierung
und damit auch eine genaue Placebo-Definition nicht von Belang. Die reklamierte
Bedeutung für die klinische Forschung 10 besteht nicht
und die zahllosen Verweise auf die Arbeit von G. Kienle, mit denen H.
Kiene seine Ablehnung der momentanen Standards der Therapieevaluierung
zu begründen versucht (z. B.12), sind daher nicht hilfreich.
Die hier als Placebo-Effekt bezeichnete Veränderung lässt sich
fast überall finden. Sie setzt sich dann immer aus mindestens einer
der Komponenten zusammen. Diese Veränderung ist selbstverständlich
nicht auf Placebos beschränkt und ist genauso bei jeder
medikamentösen, operativen oder anderen medizinischen Maßnahme
anzutreffen. Insofern ist es wichtig, festzustellen, dass jede Therapie
auch einen Placebo-Effekt haben kann, dessen Anteil zwischen null Prozent
und 100 Prozent des gesamten Effektes beträgt. Im Gegensatz zu einem
weit verbreiteten Missverständnis gibt es diese Veränderungen
natürlich auch bei Kleinkindern oder Tieren15,17.
Es soll zum Abschluss noch einmal herausgestellt werden, welche Rolle
der Placebo-Effekt in der Wirksamkeitsbeurteilung von Therapien spielt.
Die Aussage über eine Therapie und ihren möglichen positiven
Effekt erfordert, dass dargestellt wird, in welchen für den Therapieerfolg
mutmaßlich relevanten Komponenten sich diese Therapie von anderen
(vergleichbaren) Therapien unterscheidet. Dies kann z. B. ein bestimmter
pharmakologischer Wirkstoff sein, die Mineralstoffzusammensetzung eines
Heilwassers, ein bestimmtes Vorgehen bei einer Operation, eine bestimmte,
theoriegeleitete Art der Gesprächsführung u. v. a. m. Diese
Festlegung impliziert, dass man ohne Beachtung dieser Komponenten nicht
zum gleichen Therapieerfolg gelangen würde wie bei deren Anwendung.
In einer vergleichenden Studie werden daraufhin zwei Therapiemodalitäten
miteinander verglichen, nämlich eine Vorgehensweise ohne und eine
Vorgehensweise mit dieser Komponente. Sollte sich als Ergebnis solcher
Studien herausstellen, dass die Vorgehensweise unter Hinzunahme der fraglichen
Komponente besser abschneidet als die Kontrollgruppe, so ist der Schluss
auf die Wirksamkeit dieser Therapie begründet, eventuell ihre Bezahlung
gerechtfertigt und es besteht sogar ein gewisses Indiz für die hinter
ihr stehende Theorie. Zeigt sich in solchen Untersuchungen aber kein Unterschied
zwischen den beiden Therapiegruppen, so ist die Interpretation zulässig,
dass die für den Erfolg dieser Therapie für notwendig gehaltene(n)
Komponente(n) eben nicht notwendig ist (sind). Daraus folgt, dass diese
Therapie durch ein Vorgehen ohne die fragliche Komponente ersetzt werden
kann, also durch andere (einfachere, kostengünstigere usw.) Behandlungen.
Außerdem legt ein solches Ergebnis nahe, dass die Theorie, die diese
Therapiekomponente begründet hat, vermutlich unzutreffend ist.
Mit freundlicher Nachdruckgenehmigung der Zeitschrift für Wissenschaft
und kritisches Denken Skeptiker, Ausgabe 3/98
Prof. Dr. Jürgen Windeler, Medizinischer Dienst der Spitzenverbände
(MDS), Lützowstraße 53, 45141 Essen
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Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 8/2006
S. 32
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