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Gesundheits- und Sozialpolitik
Werden jetzt die Raucher stigmatisiert?

Auf der einen Seite werden die Öffnungszeiten für Biergärten verlängert - kein Gesundheits- oder sonstiger Politiker denkt über Belästigung der Nachbarschaft nach, Hauptsache, die Wirtschaft profitiert (im doppelten Sinn des Wortes), dass jemand in einem solchen Umfeld vielleicht alkoholkrank wird - vergiss es. Apropos Gesundheitsgefahren: Mehr als 5 000 Menschen sterben Jahr für Jahr in Verkehrsunfällen. Es lohnt aber offensichtlich mehr, sich über die Gefahren des Rauchens zu ereifern, als, provozierend sei es gesagt, immer wieder festzustellen, dass Autos zu tödlichen Waffen werden können. Nun also sollen in Deutschland Rauchverbote ausgebaut werden, um Nichtraucher besser zu schützen. Nach einer Konferenz der Gesundheitsminister der Länder hieß es lapidar, dem Nichtraucherschutz werde in unserem Land noch nicht die notwendige Bedeutung beigemessen. Die Minister nannten gesetzliche Rauchverbote neben freiwilligen Vereinbarungen als ein „zunehmend wichtiges Instrument“.

 
Jörg Gölz (Foto: wl)  
Dass Verbote aller Art nichts nützen, siehe Prohibition, sollte den Ministern bekannt sein. Das kann die eine oder der andere als Geschichte abtun. Wir brauchen aber gar nicht auf historische Erfahrungen zurückzugreifen, auch aktuell tut sich eine Menge, das uns nachdenklich werden lassen kann: Gegen die um sich greifende Hysterie angesichts der Tatsache, dass in unserem Land immer noch mehr als 20 Millionen Menschen rauchen, wendet sich der in Berlin niedergelassene Arzt, Dr. Jörg Gölz, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Suchtmedizin: „Suchtmediziner behandeln ein diskriminiertes und stigmatisiertes Klientel - seien es Alkoholiker, Raucher oder Konsumenten illegaler Drogen. Suchtmedizin hat daher auch immer gegen Diskriminierung von Menschen mit bestimmten Erkrankungen vorzugehen. Dieser Schutz muss jetzt auch Rauchern gewährt werden! Ich habe etwas gegen die Stigmatisierung der Raucher. Keinesfalls will ich die Gefahren des Rauchens klein reden, schließlich bin ich Arzt, aber das, was da passiert, treibt mich auf die Palme!“, sagte Jörg Gölz dem Schleswig-Holsteinischen Ärzteblatt (Zur Erinnerung: Die Deutsche Gesellschaft für Suchtmedizin DGS hat vor drei Jahren AST initiiert, die AntiSTigma-Aktion, um darauf hinzuweisen, dass Suchtkranke sozusagen ganz normale Kranke sind, dass sie Hilfe brauchen, dass der so genannte freie Wille bei einer Sucht wenig bewirken kann. Weitere Informationen dazu finden sich unter www.antistigma.de.)

Weiter erläutert Jörg Gölz, die Freiheit, sich eines Genusses wegen selbstschädigend zu verhalten, sei grundrechtlich gesichert: „Diese Freiheit findet dort Grenzen, wo andere geschädigt werden. Was gelingen muss, ist also die Koexistenz von Rauchern und Nichtrauchern mit möglichst geringer Schädigung der Nichtraucher und ausreichend Entfaltungsraum für die Raucher.“ Die aktuelle Tendenz, den gesamten öffentlichen Raum rauchfrei zu gestalten, sei entgegen allen Behauptungen in seiner Notwendigkeit nicht zweifelsfrei belegt „und insofern eine Diskriminierung der Raucher“.

Stigmatisierung der Raucher
Das Thema hat sich bei Jörg Gölz in den vergangenen fünf Jahren entwickelt, und zwar deshalb, weil nicht länger nur das Rauchen stigmatisiert werde, sondern längst bereits der einzelne Raucher. Ausgegangen ist dies von den USA: „Nachdem die Alkoholprohibition ebenso grandios gescheitert ist wie der propagierte ‚Krieg gegen die Drogen’ - er hat übrigens Milliarden an Dollar verschlungen und das Anwachsen illegaler Drogen nicht beeinflusst, hat man sich überlegt, was man nun verbieten könnte. Dabei wurde das Passivrauchen als angeblich total lebensgefährlich entdeckt.“ Ein Merksatz von Jörg Gölz: Jede Kampagne gegen süchtiges Verhalten entwickelt wegen ihrer Erfolglosigkeit die gleiche Maß- und Grenzenlosigkeit, die der Sucht zu eigen ist. Und: Es gibt kein Mittel, die Sucht aus der Welt zu schaffen! Mit Blick auf die USA fügt er hinzu: „Die Kränkung, die das Scheitern dieser Utopien mit sich bringt, verwandelt sich in Wut auf die Raucher, die einfach nicht bei der schönen gesunden Welt mitmachen wollen.“

Schlechte Datenlage

„Was da jetzt gepredigt wird“, so Jörg Gölz, „ist mit einer grenzenlosen Heilerwartung verknüpft - beispielsweise wird behauptet, ohne Rauchen gäbe es keine Probleme mehr, auch keine sozialen.“ Um die Menschen gegen das Rauchen zu mobilisieren, wird es mit einem magischen Bannspruch versehen: Das Rauchen verursacht angeblich mehr Todesfälle als Aids, Alkohol, illegale Drogen, Verkehrsunfälle, Morde und Suizide zusammen. Dass dies alles nicht vergleichbar ist, stört die Aktivisten nicht. Eine exakte Zahl gibt es nämlich nicht. So aber steht das Rauchen auf der einen Seite, alle vorstellbaren Schrecken stehen auf der anderen Seite. Diese Form von Vergleichen sei wissenschaftlich durch nichts gerechtfertigt. Nach den Worten von Jörg Gölz dienen sie der Stimmungsmache und sind ein Instrument zur Stigmatisierung der Raucher. Denjenigen, die solche Vergleiche veröffentlichten, sei ein realistischer Begriff von der Natur des Menschen verloren gegangen: „Der allgemeine Gesundheitswahn hat das Denkvermögen weggespült“, sagt Gölz und fügt hinzu: „Betrachten Sie die Manipulationsmöglichkeiten. Sie können ebenso behaupten, dass 90 Prozent aller Raucher keinen Lungenkrebs bekommen, so wie 90 Prozent aller Krebsfälle bei Männern durch das Rauchen entstehen. Was davon stimmt, lässt sich nicht eindeutig nachweisen. Nachweisbar aber ist, dass die allgemeine Lebenserwartung immer weiter gestiegen ist!“ Vielleicht kann man anders herum fragen: Warum sterben Raucher? Fest steht, dass es jenseits des 70. Lebensjahres (bei Frauen nach dem 80. Lebensjahr) mehr Herz-Kreislauf-Erkrankungen gibt. Bösartige Neubildungen treten ebenfalls nach dem 70. Lebensjahr gehäuft auf - aber sonst? Keine Zahlen, keine Beweise: „Es geht hier nicht mehr um die Gesundheit, es geht um die Lust am Verbieten, es geht um Angstmache und darum, den Menschen die (Lebens-)Lust zu nehmen!“, wettert Jörg Gölz. Nehmen wir nur die Todesfälle in Deutschland, die sich (angeblich) einwandfrei auf das Rauchen zurückführen lassen: 90 000, das sind 1,1 Prozent der Bevölkerung (bei rund 25 Millionen Rauchern). Am Passivrauchen sterben angeblich 3 300, das entspricht 0,004 Prozent. „Da kann niemand von einwandfreier Datenlage sprechen. Die Quellen der Verbote sind metaphysischer Art!“

Hauptsache: gesund

Zudem werde jedes Verhalten, das sich nicht allein von Gesundheit leiten lasse, als mörderisch eingeordnet. Gölz erinnert an eine Nichtrauchervereinigung, die die Bundestagsabgeordneten schriftlich gefragt habe, wie lange sie noch den rauchenden „Kindesmördern“ bei ihrem Tun zuschauen möchten. (Zur Erinnerung: In Deutschland wird bei 60 Fällen von plötzlichem Kindstod das Rauchen der Eltern als möglicherweise mit verursachend gewertet.) Inzwischen, so die Erfahrung des Berliner Arztes, sagen selbst Politiker, sie könnten nur noch Stimmen gewinnen, wenn sie gegen das Rauchen losziehen - jenseits aller Vernunft. „Und wenn das alles nicht hilft, dann hat gleich jemand das Schlagtotargument parat - du bist von der Zigarettenindustrie gekauft.“ Jörg Gölz erinnerte an einen Slogan aus den USA: „Anti-smoking - that is a mission from God.“ „Was heißt das, anders ausgedrückt, als dass Gesundheit etwas wäre, das sich einfach herstellen ließe!?“ Im Mormonenstaat Utah wird gar behauptet, Gott habe beschlossen, den Gebrauch des Nikotins zu untersagen. Gegenfrage: Seit wann gibt es Mormonen, wie lange gibt es Gott? Die Nazis hatten es etwas schlichter: „Eine deutsche Frau raucht nicht.“

Und heute? In Kalifornien darfst du rauchen - im eigenen Auto, bei geschlossenen Fenstern, um keinen anderen zu schädigen Du darfst in den eigenen vier Wänden rauchen, vorausgesetzt, die Klimaanlage ist so installiert, dass der Rauch nicht in ein anderes Zimmer abzieht, in dem womöglich jemand sitzt. Und du darfst rauchen in Indianerreservaten, da fällt einem nur noch die Vokabel „Rassismus“ ein. In Texas ist die letzte Zigarette vor der Hinrichtung inzwischen verboten, bei 20 Fällen von vollzogener Todesstrafe in einem Jahr könnte sonst das Gefängnispersonal gesundheitlich beeinträchtigt werden. „Ich will mit solchen Beispielen belegen“, so Jörg Gölz, „dass Raucher als gefährlichste Feinde der Gesellschaft stigmatisiert werden. Gesundheit wird zu einem parareligiösen Wert in einer säkularen Welt - und dagegen wende ich mich vehement!“ Eine Zeitstimmung, so der Arzt aus Berlin, die Gesundheit und Fitness zu parareligiösen Werten stilisiert, werde niemanden dulden, der für bestimmte Genüsse eine kürzere Lebenszeit in Kauf nehme. Wer sich dennoch selbstbestimmt verhalten möchte, dem oder der empfiehlt Jörg Gölz, sie müssten „jetzt selbst dafür sorgen, dass ihr Leben als Raucher nicht über den Nichtraucherschutz hinaus eingeschränkt wird“. (wl)


Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 8/2006

S. 35