|
Medizin und Wissenschaft
|
||||||||||||||||||||||
|
Postmortale-
und Lebendnierenspende aus medizinischer Sicht
Die postmortale Organspende Die Organtransplantation ist weltweit ein anerkanntes Verfahren zur Behandlung der terminalen Organinsuffizienz. Die Transplantationen von Nieren, Herzen, Lungen und Lebern sind inzwischen zu Routineverfahren geworden. Als hartnäckigstes Problem stellt sich dabei die Verfügung über ausreichend Spenderorgane heraus. In Deutschland tritt die postmortale Organspende seit 1990 auf der Stelle. Bis zum Jahr 2002 gab es sogar einen steten Rückgang der jährlichen Organspenderzahlen, erstmals konnte im Jahr 2003 wieder eine leichte Zunahme um elf Prozent verzeichnet werden (Abb. 1).
Auch die Verabschiedung
des Transplantationsgesetzes 1997 hat an dieser Entwicklung nichts geändert.
Demgegenüber ist in dem vergangenen Jahrzehnt die Lebendspende deutlich
vorangeschritten. Der eklatante Organmangel in Deutschland führte
1998 zum Beispiel dazu, dass von der Herz- und Leberliste über 1
100 Patienten vor Erreichen ihrer Transplantation verstarben. Die Mortalität
auf den Wartelisten hat inzwischen ein derart hohes Ausmaß erreicht,
dass in Deutschland heute neben etwa elf durchgeführten Transplantationen
täglich vier - fünf Patienten auf der Warteliste sterben.
Die Statistiken der
europäischen Nachbarländer deuten darauf hin, dass die Gesetzgebung
einen nicht unerheblichen Einfluss auf die Organspendezahl haben könnte.
Länder wie Österreich und Belgien praktizieren die so genannte
Widerspruchslösung und weisen gleichzeitig doppelt so viele Organspender
pro Millionen Einwohner pro Jahr auf wie Deutschland. In Spanien ist der
gesamte Organspendebereich hochprofessionell organisiert, was dazu führt,
dass dort Organmangel praktisch nicht existiert. Spanien hat etwa dreimal
so viele Organspender wie Deutschland.
Die Gründe für
diese Zunahme sind zwar sehr vielfältig, an dieser Stelle seien aber
nur die wichtigsten genannt: Zum einen hat das Transplantationsgesetz
von 1997 ermöglicht, dass auch Lebendnierenspenden unter Nichtverwandten
durchgeführt werden können. Zum anderen hat in der Zwischenzeit
die durchschnittliche Wartezeit auf eine Transplantation durch ein postmortal
gespendetes Organ derart zugenommen, dass in vielen Familien betroffener
Patienten die Möglichkeit einer Lebendspende erörtert wird.
Die Angst, eine 6- bis 8-jährige Wartezeit auf ein postmortal gespendetes
Organ eventuell nicht zu überleben, ist für viele bedrückend.
Letztlich ist vielen Betroffenen bekannt geworden, dass die Transplantation
und besonders die Lebendspende gegenüber der chronischen Dialyse
in Bezug auf Lebenserwartung und Lebensqualität deutliche Vorteile
bieten. Welche sind die Hauptgründe für einen Lebendnierenspenden
welche Fragen müssen beantwortet werden und welche Probleme müssen
vor einer Lebendspende bearbeitet werden (Tab. 1)?
Studien von 1997 und
1998 haben eindrucksvoll belegen können, dass die Nierentransplantation
gegenüber der chronischen Dialyse in Bezug auf Lebenserwartung (Mortalität)
und Lebensqualität eindeutig von Vorteil ist. Diese Studien sind
von hoher Qualität, sodass die Nierentransplantation gegenüber
der chronischen Dialyse für alle Patienten, die prinzipiell für
die Transplantation in Frage kommen, mit höchster wissenschaftlicher
Evidenz empfohlen werden kann. Diese Empfehlung gilt in ganz besonderem
Maß für die Lebendnierenspende; auch noch fünf Jahre nach
Transplantation sind die Ergebnisse (Organüberleben) der Lebendnierentransplantation
um etwa 15 Prozent besser als die Transplantation einer postmortal entnommenen
Niere. Damit ist die Frage, ob die Lebendnierentransplantation zu vergleichbaren
Ergebnissen wie die herkömmliche Transplantation führt, nicht
nur positiv zu beantworten, sondern es ist zu konstatieren, dass die Ergebnisse
sogar deutlich besser sind. Dies ist besonders bemerkenswert, da in die
oben genannten Ergebnisse der Lebendnierentransplantationen auch die gewebe-inkompatiblen
Transplantationen unter Nichtverwandten eingehen. Wir wissen heute, dass
sogar diese HLA-inkompatiblen Lebendtransplantationen noch zu besseren
Ergebnissen führen als die HLA-kompatiblen Transplantationen durch
postmortal gespendete Organe. Diesen großen Vorteilen der Lebendnierentransplantationen
steht die Frage der gesundheitlichen Zumutbarkeit der Organspende gegenüber
einem potenziellen Freund oder Angehörigen gegenüber. Auf diese
Frage richtet sich das Hauptaugenmerk in der Vorbereitung einer Lebendnierenspende.
Ziel ist zu sichern, dass der potenzielle Spender weder in Bezug auf Lebenserwartung
noch auf Lebensqualität in irgendeiner Weise gefährdet wird.
Es findet deshalb nicht nur eine organspezifische Vorbereitung (Niere)
statt, sondern eine umfassende ärztliche Prüfung der Operationsfähigkeit,
der kurzfristigen und langfristigen Risiken sowie der psychischen Belastbarkeit.
Wichtig ist in diesem Zusammenhang vor allem die Definition möglicher
chronischer Risikofaktoren für Arteriosklerose, da dieser Erkrankung
der Gefäße Patienten mit Einzelnieren besonders ausgesetzt
seien können, vor allem wenn weitere Risikofaktoren für Arteriosklerose
bestehen: Bluthochdruck, Neigung zur Zuckerkrankheit, Übergewicht,
Fettstoffwechselstörungen, Nikotinkonsum. Aus den Ergebnissen der
Voruntersuchungen der potenziellen Spender lassen sich absolute und relative
Kontraindikationen gegen eine Lebendspende ableiten (Tab. 2).
Absolute Kontraindikationen
schließen eine Nierenspende aus, über relative Kontraindikationen
ist durch ein interdisziplinäres Ärztegremium zu entscheiden.
Nach medizinischer Evaluierung eines Spenders erfolgt eine obligate psychologische
Prüfung von Spender und Empfänger, die ebenso wie die medizinische
vor einer möglichen Lebendspende zu einem positiven Votum führen
muss. Abschließend werden die medizinischen und psychologischen
Gutachten der speziell für diese Fragen nach dem Transplantationsgesetz
eingerichteten Kommission an der Landesärztekammer zur Prüfung
vorgelegt, um eine endgültige Entscheidung über die gewünschte
Lebendspende herbeizuführen. Erfahrungsgemäß werden in
dem Vorbereitungsprozess zur Lebendnierenspende etwa 40 Prozent der gewünschten
Lebendspenden abgelehnt, fast immer aus medizinischen Gründen bei
den potenziellen Spendern. Die praktische Chirurgie der Lebendnierenspende
ist heute bereits Routine; auch hier ist es das Ziel, die Morbidität
- vor allem des Spenders - zu minimieren. Am Universitätsklinikum
Lübeck wird als eines von drei deutschen Zentren die laparoskopische
Spendernephrektomie angeboten, die die Invasivität der Nierenentnahme
deutlich begrenzt und eine Entlassung aus dem Krankenhaus in der Regel
innerhalb von fünf Tagen möglich macht. Diese Methode zur Entnahme
der Spenderniere hat sich bei inzwischen über 50 Patienten in Lübeck
sehr bewährt und ist mit insgesamt minimalen Komplikationen behaftet.
Nach erfolgter Lebendnierentransplantation ist viel häufiger als
bei normalen Nierentransplantationen mit sofortiger Funktionsaufnahme
des Transplantats zu rechnen, was allein schon die postoperativen Komplikationen
deutlich reduziert.
|
Schleswig-Holsteinisches
S. 74-77 |
|||||||||||||||||||||