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Medizin und Wissenschaft
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| Arthrose Werner Loosen Immer wieder kommen per Post Schriften, in denen vollmundig behauptet und versprochen wird, wenn man nur dieses oder jenes einnehme, verschwänden die arthrotischen Schmerzen, sei die Arthrose gar zu heilen. Nicht zuletzt deshalb gibt beispielsweise die Deutsche Arthrose-Hilfe Informationen heraus, um Patienten vor solchen unhaltbaren Versprechungen zu schützen. Die Ärztekammern und wohl auch das Bundesgesundheitsministerium können offenbar gegen Anbieter in diesem Bereich nichts unternehmen, rechtliche Möglichkeiten gibt es auch nicht, um dagegen Erfolg versprechend vorzugehen. Sehen wir uns einmal an, was so ins Haus kommt. Unter der Überschrift Praktische Ratschläge für Ihre Gesundheit (Ausgabe 2006) heißt es zum Thema Arthrose: Jahrelanges Schweigen endlich gebrochen! Schmerzmittel - ein Skandal. Diese Medikamente lindern zwar vorübergehend Ihre Schmerzen - aber sie machen krank. Neue Giftstoffe greifen Ihre Gelenke an. Die Wahrheit über die wirksamen Therapien zur Behandlung von Arthrose und anderen rheumatischen Erkrankungen - demnach wäre die Arthrose eine rheumatische Erkrankung? - wird Ihnen verschwiegen. Es gibt natürliche Mittel, die Ihnen unnötige Schmerzen und Beschwerden ersparen. Und weiter: So vermeiden Sie eine Operation: Ihnen widerstrebt die Vorstellung, dass an Ihren Knochen herumgesägt, gemeißelt und geschraubt wird? Dabei gebe es heute natürliche Substanzen, die Sie von Ihren Schmerzen befreien, Ihre Beschwerden lindern oder Sie sogar vollständig von Arthrose und anderen rheumatischen Erkrankungen heilen können. Noch ein Satz: Einflussreiche Interessengruppen sind jedoch darum besorgt, dass diese Informationen nicht an die breite Öffentlichkeit gelangen. Um diesen beklagenswerten Zustand zu beenden, greifen also die Schreiber solcher Zeilen notgedrungen zum Stift und sorgen auf diese Weise im besten Fall für noch mehr Altpapier. Wie aber verhält sich ein schmerzgeplagter Zeitgenosse, wenn er von einem Ratgeber erfährt, in dem ein Buchautor mit einem französisch klingenden Namen behauptet, eine bestimmte Form des Vitamin B3 könne Schwellungen und Schmerzen abklingen lassen und steife Gelenke wieder beweglich machen? Wird der Leser solcher Behauptungen nicht hellhörig, wenn es weiter heißt, der amerikanische Arzt Jonathan V. Wright erkläre: Röntgenuntersuchungen haben bewiesen, dass dieses Vitamin eine durch Arthrose bedingte Zerstörung der Gelenke aufhalten kann? Und dann folgt die Frage: Warum informieren sich so wenig Ärzte über diese Möglichkeiten? Weil, so die Antwort, die so genannten Pharmariesen kein Interesse an solcher Aufklärung haben, denn was nutzen ihnen Patienten, die wieder gesund werden? Kostenlose Kur In einer anderen Postwurfsendung wird der lieben Leserin und dem lieben Leser gleich ein Gratisangebot gemacht, und zwar im Rahmen der internationalen Sensibilisierungskampagne gegen Arthrose. Da bietet ein in der Schweiz ansässiges Labor kostenlos eine Zehn-Tages-Kur eines neuen, natürlichen Präparats an, das zum ersten Mal an der Ursache der Schmerzen ansetzt ... Als Folge der größten medizinischen Entdeckung der letzten 30 Jahre entwickelt, wurde - Artro Cartil - strengsten klinischen Studien unterzogen. Das Präparat stellt wirklich eine große Linderung für alle Personen dar, die die Chance haben, es zu testen. Ich sage bewusst die Chance ... denn man muss erst einmal davon gehört haben! Die internationale Sensibilisierungskampagne sei also völlig berechtigt: Ihr alleiniges und einziges Ziel ist es, die zehn Millionen Personen zu informieren, die von allem, was sie bisher testen konnten, enttäuscht sind. Die Kampagne beruft sich auf einen der weltweit größten Rheumatologieforscher, Professor Abramson von der Universität New York, der gezeigt habe, dass Arthrose nicht einfach die Folge einer mechanischen Knorpelabnutzung ist! Vielmehr, so Abramson, ist Arthrose eine Erkrankung der besonderen Zellen, die Knorpel produzieren: die Chondrozyten. Und weil dies so sei, müsse man an der Wurzel der Krankheit ansetzen und die Fehlfunktion der Chondrozyten korrigieren, um die Hauptsymptome der Arthrose, nämlich Schmerzen und Mobilitätsverlust, definitiv zu bekämpfen. Warum nicht zum Wundermittel greifen? Und schon kommt das nächste Versprechen, gleich mit Bestellschein und zahlreichen Zitaten von Patienten, die sich begeistert zu einem, wie mehrfach genannt, Wundermittel bekennen, es sei wirksam und natürlich: Befreit Sie von Ihren Schmerzen, gibt Ihnen Ihre Bewegungsfreiheit zurück, stoppt die Entzündung, schützt das Gewebe, regeneriert die Knorpel, kurz: macht Ihre Gelenke wieder geschmeidig ... ohne unerwünschte Nebenwirkungen oder bekannte Gegenanzeigen. Das Schleswig-Holsteinische Ärzteblatt hat mit Prof. Dr. Joachim Hassenpflug, Jahrgang 1949, über dieses Thema gesprochen. Er ist ärztlicher Direktor der Klinik für Orthopädie am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel.
Was ist Arthrose, Herr Professor Hassenpflug? Prof. Hassenpflug: Um es akademisch auszudrücken - Arthrose ist eine formverbildende Aufbrauchserkrankung der Gelenke; dieser Verschleiß entsteht aufgrund eines Missverhältnisses zwischen der Beanspruchung der Gelenkoberfläche und ihrer Widerstandsfähigkeit. SHÄ: Welches sind die Ursachen? Prof. Hassenpflug: Es gibt ganz unterschiedliche Ursachen - dazu gehören beispielsweise angeborene und im Kindesalter erworbene Formveränderungen von Gelenken ebenso wie Fehlstellungen der Beinachsen, und solche Veränderungen führen mit der Zeit zu den gefürchteten schmerzhaften Störungen. Daneben gibt es Entzündungen der Gelenke, es gibt rheumatische Erkrankungen der Gelenke. So etwas bringt ebenso Verschleiß nach sich wie alte abgelaufene Gelenkinfekte. Bei vielen Arthrosen bleibt die Ursache aber auch unklar. SHÄ: Ist Arthrose heilbar, wie vielfach versprochen? Prof. Hassenpflug: Um es ganz klar zu sagen: Die Knorpelzerstörung, das wesentliche Kennzeichen der fortgeschrittenen Arthrose lässt sich bisher nicht rückgängig machen, mit nichts, mit keinem Mittel! Man kann versuchen, die Ursachen der Gelenkzerstörung soweit wie möglich zu behandeln, wenn sie denn erkennbar sind und man rechtzeitig kommt. Die mit der Arthrose einhergehenden Beschwerden aber lassen sich lindern und mildern. Stellen Sie sich das so vor: Weh tut dem Patienten nicht der Knorpelschaden selbst, sondern die Reaktion darauf. Wenn beispielsweise die Gelenkschleimhaut wegen einer Entzündung irritiert ist, führt das zu einem Erguss oder einer Schwellung im Gelenk und schadet wiederum dem Knorpel. Ein derartiger Reizzustand lässt sich medikamentös verringern; hilfreich ist auch eine Schonung und Entlastung des Gelenks. SHÄ: Kann der Patient selbst etwas tun gegen seine Beschwerden? Prof. Hassenpflug: Er kann sich, und das halte ich für extrem wichtig, mit seinem Verhalten auf die Arthrose und die begrenzte Leistungsfähigkeit einstellen, etwa indem er die betroffenen Gelenke weniger belastet. Das kann er erreichen, indem er zu weichen Schuhsohlen greift und indem er lang dauernde sportliche Aktivitäten unterlässt, etwa Tennis, das mit Antritt und plötzliche Stopps die Gelenke überaus belastet. Günstig sind Bewegungen ohne große einwirkende Kräfte, zum Beispiel je nach Gelenk Radfahren, Schwimmen, Aquajogging oder Bewegungsbäder. Die Voraussetzung ist allerdings, dass der Patient überhaupt erfährt, dass er unter Umständen an einer Arthrose leidet. SHÄ: Was ist von Versprechungen wie den oben zitierten zu halten? Prof. Hassenpflug: Ich möchte mich da ganz vorsichtig ausdrücken - ich halte so etwas für außerordentlich unwahrscheinlich! Die tägliche Praxis rechtfertigt solche Versprechungen keinesfalls. SHÄ: Wie denken Sie über Chondroprotektiva? Prof. Hassenpflug: Die so genannte Chondroprotektion, also der angebliche Schutz und Wiederaufbau des zerstörten Knorpels, ist auch nach mehreren Jahrzehnten immer noch umstritten. Vielleicht kommt es auf den Zeitpunkt an, wann dieses Mittel eingesetzt wird. Arthrose ist ja ein phasenweise fortschreitender Prozess. Ist dieser Prozess bereits weit fortgeschritten, nützen auch Chondroprotektiva absolut nichts. Und wenn man sie vorher gibt? Dazu sind mir keine eindeutigen evidenzbasierten Studien bekannt. Der Knorpel ist ein hoch kompliziertes Gewebe und eigentlich nicht in der Lage, sich im fortgeschrittenen Alter selbst zu regenerieren. Alle Ersatzgewebe sind in ihrer Leistungsfähigkeit eindeutig schlechter als der ursprüngliche Knorpel. Ich rate daher Patienten, sie sollten sich bewusst sein, dass sie den ihnen mitgegebenen Knorpel wirklich nur einmal im Leben haben, damit sollten sie pfleglich umgehen, die Muskulatur stärken, auf die Koordination achten und ihre Gelenke achtsam bewegen, und das heißt: Bewegung ohne große Belastung. SHÄ: Kann Physiotherapie einem Patienten helfen? Prof. Hassenpflug: Physiotherapie ist stets eine individuell einzusetzende Maßnahme, mit der versucht wird, den Funktionszustand der Gelenke zu verbessern. In jedem Fall ist das zunächst empfehlenswerter, als unkontrolliert und nicht überwacht in irgendein beliebiges Fitnessstudio zu gehen. In einer kompetent ausgeführten Physiotherapie wird beispielsweise darauf geachtet, was zu tun ist, wenn die Beweglichkeit einzelner Gelenke bereits schmerzhaft eingeschränkt ist. SHÄ: Prof. Hassenpflug, Sie sind beratend für die Deutsche Arthrose-Hilfe tätig - was empfiehlt, was tut diese Einrichtung, die in Deutschland seit Ende der achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts tätig ist? Prof. Hassenpflug: Ich denke, die wesentliche Aufgabe und das Ziel der Deutschen Arthrose-Hilfe ist es, Patienten mit ausreichenden und seriösen Informationen zu versorgen. Ein Patient weiß nicht von vornherein, dass er schon unter einer möglicherweise beginnenden Arthrose leidet, er weiß nicht, wie er sich verhalten soll, an wen er sich wenden kann. Für alle solche Fragen ist die Deutsche Arthrose-Hilfe da. Machen Sie sich eins klar: Muskel-Skelett-Erkrankungen und -Verletzungen sind aktuell für rund 40 Prozent aller Arbeitsausfalltage verantwortlich! Von daher ergibt sich ein gewaltiger Anteil dieser Erkrankungen an unserem gesamten Budget, das für die Gesundheit zu Verfügung steht - die Kosten beliefen sich 2003 immerhin auf 36 Milliarden Euro, jährlich! Ich denke, auch von daher ist die Bedeutung der bereits angesprochenen Informationen nicht hoch genug einzuschätzen. SHÄ: Besten Dank für dieses Gespräch, Professor Hassenpflug. Werner Loosen, Faassweg 8, 20249 Hamburg |
Schleswig-Holsteinisches
S. 73-75 |
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