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Stammzellforschung
Werner Loosen
Wenn es um das Ziel geht, sind sich alle Forscher einig: Sie wünschen
sich Therapien nach Maß. So auch als Ergebnis eines großen
Kongresses in Hamburg festzuhalten, zu dem rund
3 500 Fachleute kamen, deren Spezialgebiet die Knochenmark- und Stammzelltransplantation
ist. Klar ist offenbar auch schon, dass vor allem ältere Patienten
von den neuen Techniken profitieren.
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| Prof.
Dr. Martin Bornhäuser (Fotos: DKMS) |
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Aufklärung
Zur selben Zeit, in der die Experten tagten, hatte die DKMS - Deutsche
Knochenmarkspenderdatei (siehe Kasten) - zu einem Workshop in die Hansestadt
eingeladen. Die DKMS ist als gemeinnützige Gesellschaft die weltgrößte
Spenderdatei. Ihr Ziel in Hamburg: Aufklären über dieses schwierige
Thema. Dazu gehört die Sicherheit, auch die für den Spender.
Nach Erfahrung von Prof. Dr. Martin Bornhäuser vom Universitätsklinikum
Dresden vereinbart die DKMS dazu einen Termin mit der jeweiligen Entnahmeklinik,
der etwa einen Monat vor der eigentlichen Spende liegt. Das Wichtigste
dabei, so Bornhäuser, ist die Anamnese, das heißt,
dem Spender werden Fragen gestellt, die die eigene Gesundheit betreffen
- es geht uns vor allem um den Patientenschutz, denken Sie an HIV, unter
dem Aspekt des Spenderschutzes aber auch um die Erfassung von Krankheiten,
die dem Spender möglicherweise gar nicht bewusst gewesen sind.
Es folgt eine komplette Untersuchung, Herz und Lunge werden abgehört,
der Blutdruck wird gemessen. Alle relevanten Lymphknotenstationen werden
untersucht; eine Reihe von Laborwerten wird erhoben, um mögliche
Erkrankungen auszuschließen (Nieren- und Leberwerte), es wird ein
Blutbild abgenommen, ebenso wie viele Infektionsparameter, die,
so Bornhäuser, für die Transplantation wichtig sind, die
aber auch eine Aussage darüber ermöglichen, ob bei dem Spender
vielleicht chronische Infektionskrankheiten vorliegen, die wichtig sein
könnten.
Sowohl bei der Knochenmark-
als auch bei der Stammzellspende folgen apparative Untersuchungen (etwa
Ultraschall des Bauches, um die Größen von Milz und Leber zu
erfassen, aber auch um nachzusehen, ob im Bauchraum vergrößerte
Lymphknoten sind); bei der Knochenmarkentnahme wird häufig noch ein
Röntgenbild der Lunge angeschlossen. Das EKG wird analysiert, und
es wird überprüft, ob der Spender für das avisierte Verfahren
in Frage kommt. Bornhäuser: Es gibt durchaus Spender, die aufgrund
bestimmter Begleiterkrankungen eher für eine Blutstammzellspende
ohne Vollnarkose geeignet sind; andererseits gibt es Menschen, die sich
mehr für eine Knochenmarkentnahme eignen - ich sehe es als Aufgabe
des Arztes, so etwas zu prüfen, damit nicht ein Spendeverfahren gewählt
wird, das für den Spender zusätzlich riskant sein könnte.
Diese und weitere Untersuchungen führen dazu, dass Spender selten
über Nebenwirkungen klagen. Nachfragen in Dresden haben beispielsweise
ergeben, dass 90 Prozent der Spender nichts über Nebenwirkungen berichten;
selten kommt es zu Kopfschmerzen und unspezifischen Beschwerden wie Gliederschmerzen.
Martin Bornhäuser stellte zufrieden fest, dass Spenderschutz und
Sicherheit wichtige Punkte sind für alle an der Blutstammzellspende
beteiligten Institutionen, etwa die ärztlichen Mitarbeiter und das
Pflegepersonal: Die mehrfache Aufklärung des Spenders, die
kontinuierliche Nachsorge, die Dokumentation von Nebenwirkungen und Langzeiteffekten
haben beide Verfahren als sichere Spendeverfahren etabliert. Sicher werden
sie auch in den kommenden Jahren der Standard bleiben.
Warnung
Beim Thema Nabelschnur-Blutbanken warnte Prof. Dr. Gerhard Ehninger, Mitgründer
und Verwaltungsratsvorsitzender der DKMS, vor kommerziellen Firmen, die
Eltern für mehr als
1 500 Euro die Lagerung von Nabelschnurblut als Sicherung für die
eigenen Kinder anbieten: Da wird vorgegaukelt, das sei für
das Kind sicher, es könne die Zellen wieder gebrauchen. Aber - es
gibt für diese private Lagerung keine sinnvolle medizinische Begründung!
Ehninger erläuterte seine Aussage: Das Argument, vielleicht könne
man irgendwann einmal Organe daraus machen, also Knorpel, Herz oder Niere,
sei immer noch im Bereich Science Fiction anzusiedeln. Wenn man sage,
das Kind könne mal krank werden und die Zellen brauchen, müsse
man entgegnen: Es ist gerade nicht die eigene Zelle, die heilen
kann, sondern die allogene, die von einem anderen Stammende, die
könne beispielsweise gegen eine Leukämie eintreten. Das dritte
Argument, man könne das Blut nehmen, wenn etwa ein Geschwister krank
werde, ziehe auch nicht recht, denn: Dann ist auch das Geschwister
da, das lebend spenden kann, und zwar entweder periphere Stammzellen oder
Knochenmark. Ingesamt, so Ehninger, habe die Kommerzialisierung
dazu geführt, dass viele Eltern darauf hereinfielen, dass sie dafür
sehr viel bezahlen müssten, denn jährlich kommt für
das Gefroren-Halten im Flüssigstickstoff noch ein weiterer Betrag
hinzu. Man könne es auch so ausdrücken: Die Spende
für alle auf der Welt ist eine sozial verantwortliche solidarische
Sache; das Einfrieren für den Eigenbedarf ist nichts weiter als unsolidarisch
und egoistisch, betonte der Wissenschaftler.
Zur Erinnerung: Früher wurde Nabelschnur zu Salbe verarbeitet oder
weggeworfen. In den 70er und 80er Jahren haben Forscher herausgefunden,
dass sie viele Stammzellen enthält, zwischen 70 und 120 ml, und dass
diese Stammzellen ausreichen, um den Körper wieder mit einem blutbildenden
System auszustatten. 1887 wurde die erste erfolgreiche Transplantation
durchgeführt. Die DKMS hat eine Nabelschnurbank, in der etwa 1 200
Nabelschnur-Restblutprodukte lagern. Neben Knochenmark- und peripherer
Stammzellentnahme ist das Nabelschnur-Restblut eine weitere Quelle für
die Blutstammzelltransplantation. Der Vorteil: Es ist rasch verfügbar,
denn es ist ja schon abgenommen und eingefroren. Nachteile: Es ist nur
einmal verfügbar. Und, so Gerhard Ehninger: Man kann vom Spender
keine zusätzlichen Zellen bekommen, die vielleicht gegen eine Leukämie
wirksam sind, und die Zellzahl ist oft für einen Erwachsenen zu gering.
Immerhin sind im vergangen Jahr europaweit mehr als 200 Kinder und rund
160 Erwachsene transplantiert worden.
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Die
DKMS ist 1991 von Dr. Peter Harf und Prof. Dr. Gerhard Ehninger in
Tübingen gegründet worden, dort ist auch der Firmensitz.
Büros gibt es in Köln, Berchtesgaden und Hövelhof (Westfalen).
Die DKMS hat 94 Mitarbeiter, 34 weitere arbeiten im DKMS-Life Science
Lab in Dresden. Die gemeinnützige Gesellschaft will möglichst
vielen Leukämiekranken durch eine Stammzelltransplantation helfen.
Sie kümmert sich vor allem um den konsequenten Ausbau ihrer mit
knapp 1 400 000 registrierten Spendern weltweit größten
Datei. Heute werden täglich durchschnittlich vier Spender vermittelt.
Inzwischen finden rund 75 Prozent der Patienten im weltweiten Verbund
einen passenden Spender. In den Jahren seit Gründung der Gesellschaft
haben mehr als 9 000 Patienten im In- und Ausland dank DKMS-Spen-
dern eine Chance auf ein neues Leben bekommen. |
| Prof.
Dr. Gerhard Ehninger |
Spendersuche
Und wie wird der richtige Spender gefunden? Dazu sagte Dr. Dr. rer. nat.
Alexander Schmidt, medizinischer Direktor der DKMS, die human leukocyte
antigen (HLA)-Merkmale von Spender und Patient sollten möglichst
gut übereinstimmen. Besonders wichtig sei dies, um die so genannte
Graft-versus-Host-Reaktion zu verhindern, also die Transplantat-gegen-Wirt-Reaktion.
Diese Reaktion sei gewissermaßen das Gegenteil der Abstoßreaktion
nach einer Organtransplantation: Nach einer Organtransplantation
besteht die Gefahr, dass der Körper des Transplantatempfängers
sich gegen das transplantierte Organ richtet und dieses abstößt.
Bei der Stammzelltransplantation sind die Zellen, die transplantiert werden,
selbst immunkompetent, sodass diese sich gegen den Organismus des Empfängers
richten können. Daher sei die Graft-versus-Host-Reaktion eine
der schwerwiegendsten Komplikationen nach einer Stammzellspende. Es komme
daher unter anderem drauf an, weitere potenzielle Stammzellspender zu
gewinnen, vor allem solche, die die HLA-Diversität der Datei erhöhen.
Diesem Zweck diene beispielsweise das Minoritätenprogramm der DKMS.
Trotz dieses Programms und zusätzlicher Bemühungen ist es nach
den Worten von Alexander Schmidt kaum möglich, für alle Patienten
mit seltenen HLA-Merkmalen einen passenden Spender zu finden. Deshalb
komme es darauf an, so genannte Mismatches zu identifizieren, die möglichst
geringe Probleme für den Patienten mit sich bringen: Insgesamt
handelt es sich bei diesen Fragen um ein aktuelles Forschungsgebiet, in
dem noch weitere neue Erkenntnisse zu erwarten sind. Die Situation
werde dadurch erschwert, dass nicht nur die möglichst gute Übereinstimmung
der HLA-Merkmale von Spender und Patient von Bedeutung sei, sondern
dass es auch genetische Faktoren außerhalb des HLA-Systems gibt,
die in diesem Kontext eine Rolle spielen. Als Beispiel nannte Schmidt
Zytokinrezeptoren und die so genannten killing inhibitory receptor (KIR)-Gene.
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| Dr.
Dr. rer. nat. Alexander Schmidt |
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Zurück zum erwähnten
Kongress. Dort erklärte Kongresspräsident Prof. Dr. Norbert
Schmitz, Chefarzt am Krankenhaus St. Georg in Hamburg, finde sich trotz
intensiver Suche kein geeigneter Spender, muss man in einigen Fällen
auf Zellen von Vater oder Mutter zurückgreifen und diese so manipulieren,
dass das Transplantat verträglich wird; Schmitz schränkte
seine Aussage ein: Diese aufwändige Technik sei längst nicht
optimal. Sie könne aber dazu beitragen, dass es irgendwann für
jeden Patienten einen geeigneten Spender gebe, heute seien es rund 80
Prozent, denen geholfen werden könne. Längst, so Schmitz weiter,
sei übrigens die Spendenbereitschaft kein Problem mehr. Statt wie
früher etwa dem Spender unter Vollnarkose Knochenmark aus dem Beckenkamm
zu entnehmen, schlucke er ein Wachstumshormon. Es bewirke, dass Blutstammzellen
aus dem Knochenmark in das Blut ausgeschwemmt werden. Eine Blutspende
reiche dann, um die begehrten Zellen zu gewinnen - ein Verfahren das inzwischen
etwa drei Viertel aller Spender in Deutschland nutzen.
Werner Loosen, Faassweg 8, 20249 Hamburg
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Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 5/2006
S. 74-76
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