zurück zur Rubrikensuche
zurück zum Inhaltsverzeichnis

Medizin und Wissenschaft
Samuel Thomas Soemmerring aus Thorn an der Weichsel
Mediziner und Naturwissenschaftler der Goethezeit
Rolf Siemon

 
Samuel Thomas Soemmerring, Ölgemälde von Wendelin Moosbrugger, München um 1813 (Privatbesitz) (Foto: Harry Haase)  
„Ich kann Ihnen heute, mein liebster Soemmerring, für Ihren freundschaftlichen Brief und Ihr Geschenk meinen Dank nur sagen, nicht ihn darstellen; ich selbst kenne ihn noch nicht ganz, da ich wegen Krankheit Ihre Schrift noch nicht lesen konnte. (…) Ich lieh sie meinem Arzte, dem Hofrath Hellwach, der ein trefflicher Kopf und wahrhaft gelehrter Mann ist. Dieser erzählte mir daraus und vermehrte meine Ungeduld. Seine Freude über das Werk war unsäglich.“

Diese Zeilen stehen am Anfang eines Briefes, den der Philosoph und Schriftsteller Friedrich Heinrich Jacobi am 3. April 1796 aus Eutin an seinen Freund Soemmerring in Frankfurt am Main schrieb. Bei der genannten Schrift handelte es sich um dessen Aufsehen erregendes Werk „Über das Organ der Seele“. Jacobi war auf der Flucht vor französischen Revolutionstruppen vom Niederrhein nach Eutin gekommen. Der in seinem Brief genannte Hofrat Christoph Friedrich Hellwag (oder Hellwach), Leibarzt des Prinzen von Holstein und Physikus im Fürstentum Lübeck, sandte Soemmerring ebenfalls einen (sehr umfangreichen) Brief, in dem er die Buchleihgabe Jacobis zum Anlass nahm, dem berühmten Anatom Soemmerring verschiedene Fragen zu stellen.

Zur Eröffnung der Ausstellung „Samuel Thomas Soemmerring aus Thorn an der Weichsel - Mediziner und Naturwissenschaftler der Goethezeit“ (10. Mai bis 30. Juni 2006) des Westpreußischen Landesmuseums Münster in Zusammenarbeit mit der Stadtmarketing Bad Segeberg GmbH und der Landsmannschaft Westpreußen, Landesgruppe Schleswig-Holstein e. V., am 10. Mai um 19 Uhr, im Rathaus der Stadt Bad Segeberg, werden

Hans-Joachim Hampel, Bürgermeister der Stadt Bad Segeberg,
Dr. Klaus Peter Stritzel, stellvertretender Landesobmann der Landsmannschaft Westpreußen, Landesgruppe Schleswig-Holstein, und
Hans-Jürgen Kämpfert, Vorstandsvorsitzender der Kulturstiftung Westpreußen,

Grußworte sprechen.

Rolf Siemon
, Kurator der Ausstellung, führt mit Lichtbildern in die Ausstellung ein.

Öffnungszeiten: Mo.-Do. 8:00-17:00 Uhr, Fr. 8:00-13:00 Uhr. Weitere Informationen bei Stadtmarketing Bad Segeberg GmbH, Oldesloer Str. 20, 23795 Bad Segeberg, Tel. 04551/964916.

Weitere Soemmerring-Ausstellungen unter
www.uni-goettingen.de/de/sh/21306.html


Nicht nur mit Jacobi und Hellwag stand Soemmerring nördlich der Elbe in Kontakt, zu nennen wäre auch der Physiker und Entdecker des Elektromagnetismus in Kopenhagen, Hans Christian Oerstedt. Beispielhaft angeführt werden kann auch das 1830-45 in Altona erschienene, mehrbändige medizinbiographische Lexikon des dänischen Mediziners Adolph Carl Peter Callisen, mit einem ausführlichen Soemmerring-Beitrag. Gründe genug für das Westpreußische Landesmuseum Münster in Zusammenarbeit mit der Stadtmarketing Bad Segeberg GmbH und der Landesgruppe Schleswig-Holstein e. V. der Landsmannschaft Westpreußen, den Mediziner und Naturwissenschaftler aus Thorn an der Weichsel in einer Ausstellung vorzustellen. Vom 10. Mai bis zum 30. Juni 2006 werden im Rathaus der Stadt Bad Segeberg anhand zahlreicher Thementafeln Breite und Vielfalt im Leben und Werk von Samuel Thomas Soemmerring dokumentiert. Bereits mit seiner medizinischen Dissertation zog dieser die Aufmerksamkeit der renommiertesten medizinischen Fachgelehrten auf sich und wurde später als Anatom und Physiologe selbst berühmt. Auch als praktischer Arzt und universaler Forscher auf den Gebieten Anthropologie, Physik, Chemie, Paläontologie und Astronomie leistete er Vortreffliches. Soemmerring stand zudem mit führenden Dichtern und Denkern seiner Zeit in Kontakt, darunter Georg Forster, Goethe, Kant, der bereits genannte Jacobi, Heinse, Lichtenberg, Camper, Blumenbach, die Brüder von Humboldt, Fraunhofer, Merck und Cuvier. Er nimmt somit auch eine wichtige Stellung innerhalb der deutschen Kulturgeschichte ein.

 
Der Philosoph und Schriftsteller Friedrich Heinrich Jacobi, Portraitstich von Carl Ernst Christoph Heß nach Frans Hemsterhuis, 1781 (Universitäts- und Landesbibliothek, Münster)  
In einer akademischen Jubelfeier der Physikalisch-Medizinischen Gesellschaft zu Königsberg in Soemmerrings Heimat Preußen (Thorn gehörte seit 1793 zur Provinz Westpreußen) aus Anlass von dessen 50-jährigem Doktorjubiläum rühmte der Anatom Carl Ernst von Baer Soemmerring 1828 als „Deutschlands Zier und Preußens Stolz“. Der am 28. Januar 1755 in Thorn an der Weichsel geborene Arztsohn, bereits seit frühester Jugend mit anatomischen Sektionen vertraut, studierte ab 1774 an der führenden deutschen Aufklärungsuniversität in Göttingen Medizin. Mit seiner Dissertation über die Basis des Hirns und den Ursprung der das Hirn verlassenden Nerven wies er der Hirnforschung 1778 neue Wege. Soemmerring teilte das Hirn erstmals in zwei spiegelbildliche Hälften (mediansagittaler Hirnschnitt) - seine Einteilung der damals bekannten zwölf Hirnnerven hat bis heute Gültigkeit. Seit 1780 wichtigster Rezensent medizinischer Literatur für die Göttinger Gelehrten Anzeigen, das führende deutsche Rezensionsorgan, blieb Soemmerring zeitlebens mit seiner Alma Mater verbunden.

 
  Geburtshaus von Samuel Thomas
Soemmerring mit Gedenktafel an der Ostseite des altstädtischen Marktes in Thorn (Foto: Rolf Siemon)
Auf einer Studienreise durch Nordwesteuropa lernte der junge Doktor der Medizin dann die medizinischen Koryphäen seiner Zeit persönlich kennen, darunter den niederländischen Mediziner und Naturforscher Petrus Camper. Besonders wichtig wurde in London die Begegnung mit dem nur zwei Monate älteren Georg Forster, der als Naturforscher mit James Cook die Welt umsegelt hatte und nun berühmt war. Zu dem ebenfalls am Weichselunterlauf geborenen Landsmann entwickelte sich eine außerordentlich enge Freundschaft. Als Professor für Naturgeschichte in Kassel vermittelte Forster dort Soemmerring 1779 seine erste Anatomieprofessur, mit hervorragenden Arbeitsbedingungen. Dazu zählte das modernste deutsche Anatomietheater (das erste Medizinische Institut), eine berühmte Menagerie mit zahlreichen exotischen Tieren, deren Kadaver Soemmerring sezierte sowie menschliche Leichen in stattlicher Anzahl. In Kassel präparierte er 1780 auch einen indischen Elefanten, dessen Schädel sich Johann Wolfgang Goethe für osteologische Studien entlieh - Beginn einer lebenslangen Gelehrtenfreundschaft. 1783 entdeckte Soemmerring die Sehnervenkreuzung im Säugetierhirn und ließ bei physikalisch-chemischen Experimenten in Kassel den ersten deutschen Freiballon aufsteigen - eine mit Gas gefüllte, gefirnisste Fruchtblase. Seine Forschungen fanden Eingang in seinen grundlegenden Publikationen u. a. zur Embryologie und Teratologie.

 
„Profil des Gesichtsorgans von der linken Seite angesehen“, Kupferstich von Christian Koeck nach Klauber aus Samuel Thomas Soemmerring „Abbildungen des menschlichen Auges“, 1801  
Soemmerring folgte 1784 einem Ruf an die Mainzer Universität und verhalf der katholischen Hochschule zu einem vorher nie gekannten Ansehen. Zu den Restaurationsfeierlichkeiten legte er als gedrucktes Programm 1784 seine auf Kasseler Untersuchungen basierende, anatomisch-anthropologische Untersuchung „Über die körperliche Verschiedenheit des Mohren vom Europäer“ vor - ein wesentlicher, allerdings nicht unumstrittener erster Wissenschaftsbeitrag zur modernen Anthropologie. Mit einer Schrift gegen den Korsettgebrauch „Über die Wirkungen der Schnürbrüste“ trat Soemmerring 1788 auch als medizinischer Aufklärer in der breiten Öffentlichkeit hervor. Während seiner Tätigkeit an der Medizinischen Fakultät entstanden seine wichtigsten medizinischen Schriften. Dazu gehörte sein anatomisches Hauptwerk, die siebenbändige Enzyklopädie „Vom Baue des menschlichen Körper“ (1791-1796). Führend in Deutschland und didaktisch wegweisend wurde sein Handbuch mehrfach aufgelegt und in verschiedene Sprachen übersetzt. Weniger Erfolg hatte 1796 sein Versuch, die Seele im menschlichen Hirn zu lokalisieren: „Über das Organ der Seele“ stieß wegen der Vermischung von Physiologie und Philosophie überwiegend auf Ablehnung - auch bei dem Philosophen Immanuel Kant, der ein Nachwort verfasste.

 
  Die Wirkungen des Korsetts auf das weibliche Skelett, Stich von Johann Daniel Berger nach Christian Koeck aus Samuel Thomas Soemmerring „Über die Wirkungen der Schnürbrüste“, zweite Auflage 1793 (Universitäts- und Landesbibliothek, Münster)
Hervorzuheben sind Soemmerrings Publikationen zur Neurologie sowie vier physiologische Tafelwerke über die menschlichen Sinnesorgane. In Mainz bewies er 1784 die Sehnervenkreuzung beim Menschen. Es folgte 1791 die Entdeckung des Gelben Fleckes in der Augennetzhaut.
Seine Forschungsarbeiten über die Sinnesorgane sind hervorragend illustriert und ästhetische Meisterwerke.

Die Tafelwerke wurden aber erst ab 1801 in Frankfurt gedruckt. Im Zuge der Französischen Revolution verlegte Soemmerring seinen Wohnsitz 1792 von Mainz nach Frankfurt. Dort hatte er im selben Jahr Margarethe Elisabeth Grunelius geheiratet und wurde Mitglied der Bürgerschaft. In Frankfurt kamen 1793 und 1796 auch seine beiden Kinder Detmar Wilhelm und Susanne Catharina zur Welt. Weil sich die Mainzer Universität nicht mehr von den Kriegsfolgen erholte, reichte Soemmerring 1797 seine Demission ein, die ihm der Mainzer Fürstbischof nur ungern gewährte. Zuvor hatte er 1795 als erster Wissenschaftler einen Zusammenhang zwischen Pfeifenrauchen und der Entstehung von Unterlippenkrebs beschrieben.

 
Gegenüber seiner Dissertation verbesserter mediansagittaler Schnitt durch das menschliche Hirn, gestochen von Ludwig Schmidt nach Christian Koeck aus Samuel Thomas Soemmerring „Über das Organ der Seele“, 1796 (Universitäts- und Landesbibliothek, Münster)  
Seit 1795 war Soemmerring Mitglied im Kollegium der praktischen Ärzte von Frankfurt und wurde in die vornehmsten Bürgerhäuser der Stadt gerufen. Mit einem Kollegen führte er gegen erhebliche Widerstände 1800 in Frankfurt die Pockenschutzimpfung nach Jenner ein. Der frühe Tod seiner Ehefrau 1802 erschütterte Soemmerring zutiefst und er wollte Frankfurt verlassen. Sein hervorragender Ruf brachte ihm Angebote zahlreicher deutscher und ausländischer Akademien und Universitäten ein. Er entschied sich, einen Ruf an die Bayerische Akademie der Wissenschaften anzunehmen, wo er als deren Mitglied von 1805 bis 1820 lebte und forschte und sein Freund Jacobi Akademiepräsident wurde. In München wandte sich Soemmerring zunehmend anderen Forschungsgebieten als der Medizin zu und wurde 1808 in den persönlichen Adelsstand erhoben. Ein Jahr später erfand Ritter Samuel Thomas von Soemmerring den elektrischen Telegraphen - ein Meilenstein in der Entwicklung der Nachrichtentechnik. Zudem avancierte er zu einem deutschen Pionier der Paläontologie mit vorbildlichen Publikationen. Da ihm die politischen
 
  Die im Rahmen der Jubiläums-
feierlichkeiten „25 Jahre Städtepartnerschaft Göttingen - Thorn“ am 28. Juni 2003 an Soemmerrings Geburtshaus enthüllte Marmor-Gedenktafel in polnischer und deutscher Sprache
(Foto: Benon Frackowski)
Entwicklungen, insbesondere das Bündnis Bayerns mit Napoleon, missfielen und er die öffentlich ausgetragenen Zerwürfnisse zwischen einigen Akademiemitgliedern („Streit um die Nordlichter“) verurteilte, nahm er 1820, nun auswärtiges Akademiemitglied, seinen Altersitz in Frankfurt. Dort erforschte er zudem noch als Astronom die Sonnenflecken mit einem Teleskop, das ihm der Physiker und Optiker Joseph Fraunhofer aus München sandte.

Soemmerring, Mitglied zahlreicher europäischer Gelehrtengesellschaften, darunter der Academie Royal de Medicine in Paris und der Londoner Royal Society, wurde in Frankfurt 1818 unter die Gründungsmitglieder der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft kooptiert und zählte 1824 zu den Gründungsmitgliedern des Physikalischen Vereins. Zu seinem 50-jährigen Doktorjubiläum im Naturmuseum Senckenberg feierte und ehrte ihn die Wissenschaftsgemeinschaft. Die Senckenbergische Naturforschende Gesellschaft lobte auf seinen Namen einen begehrten Preis für herausragende physiologische Forschungsleistungen aus. Nach Soemmerring wurden ein Mondkrater, eine Antilope, ein japanischer Fasan und ein Saurier benannt sowie ein Nervenzellenkern im Mittelhirn - Soemmerings ganglion. In dieser Hirnregion hatte er 1800 dunkle Ablagerungen entdeckt („substantia nigra“) und damit zur Erforschung der Parkinsonkrankheit beigetragen. Daher erhielt die 2002 in Bad Nauheim gegründete medizinische Einrichtung für Bewegungsstörungen und Verhaltensneurologie den Namen „Soemmerring-Institut“. Frankfurter Bürger errichteten Soemmerring 1897 ein Denkmal. Seit 1978 ehrt die Landesärztekammer Rheinland-Pfalz besondere Verdienste um die Gesundheit der Bevölkerung mit der Samuel-Thomas-von-Soemmerring-Medaille, seit 1996 der Physikalische Verein Frankfurt astronomische Arbeiten mit dem Samuel-Thomas-von-Soemmerring-Preis. In Göttingen und Thorn wurden für Soemmerring Gedenktafeln enthüllt, in mehreren deutschen Städten Plätze und Straßen nach ihm benannt.

Kulturgeograph Rolf Siemon, Kurator der Soemmerring-Ausstellungen, Westpreußisches Landesmuseum Münster, Am Steintor 5, 48167 Münster


Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 5/2006

S. 62-65