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Frühsommer-Meningoenzephalitis
(FSME)
Untersuchung belegt ungenügenden Impfschutz in den Risikogebieten
Deutschlands
Frühsommer-Meningoenzephalitis
(FSME)
Die FSME wird durch die Übertragung des FSME-Virus auf Menschen
durch Zecken - in Deutschland durch die Spezies Ixodes ricinus - verursacht.
Ein Infektionsrisiko besteht vor allem in weiten Teilen Baden-Württembergs
und Bayerns, in Südhessen sowie Teilen von Thüringen und
Rheinland-Pfalz.1 Die Krankheit verläuft in etwa 30 Prozent aller
Fälle symptomatisch; dabei kommt es sieben bis 14 Tage nach einem
Zeckenstich zu einer grippeähnlichen Symptomatik. Bei etwa einem
Drittel der symptomatischen Fälle folgen nach etwa sieben weiteren
Tagen die spezifischen Symptome der FSME mit ZNS-Beteiligung, nämlich
Meningitis, Enzephalitis oder Myelitis, ggf. kombiniert. Da eine spezifische
Therapie nicht verfügbar ist, kommt der primären Prävention
ein hoher Stellenwert zu. Neben expositionsprophylaktischen Maßnahmen
zum Schutz vor Zeckenstichen, z. B. durch entsprechende Kleidung,
Repellents und eine postexpositionelle Zeckenkontrolle,
bietet vor allem die verfügbare Impfung einen zuverlässigen
Schutz. Die Ständige Impfkommission (STIKO) am RKI empfiehlt
die FSME-Schutzimpfung für Personen, die in vom RKI definierten
Risikogebieten1 wohnen oder arbeiten und dabei ein Zeckenstichrisiko
haben und für Personen, die sich aus anderen Gründen in
Risikogebieten aufhalten und dabei gegenüber Zecken exponiert
sind (z. B. naturnaher Urlaub, Camping). |
Flächendeckende
Daten zum Durchimpfungsgrad bei der Frühsommer-Meningoenzephalitis
in den Gebieten Deutschlands, in denen eine besondere FSME-Gefährdung
besteht, fehlten bisher weitestgehend. Gegenwärtig werden lediglich
bei Schulanfängern in Bayern, Baden-Württemberg und Hessen Daten
zum FSME-Impfstatus erhoben (s. Kasten). Beobachtungen in den FSME-Risikogebieten
ließen vermuten, dass die Inanspruchnahme des Angebots der Schutzimpfung
durch gefährdete Personen bisher eher gering war. In Fortbildungsveranstaltungen
mit niedergelassenen Ärzten wird dieser Mangel häufig diskutiert.
Im Juli 2005 führte die Gesellschaft für Konsumgüterforschung
(GfK) aus Nürnberg eine schriftliche Befragung von
20 000 Haushalten mit 44 956 Personen aus Bundesländern mit bekannten
FSME-Risikogebieten durch, um den Durchimpfungsgrad gegen FSME festzustellen.
Grundlage für die Erhebung waren die Einträge in den Impfausweisen.
Die auf Landkreisebene aggregierten Ergebnisse der Untersuchung wurden
für diesen Beitrag ausgewertet.
In den Abbildungen 1 und 2 ist der in der Befragung ermittelte Durchimpfungsgrad
nach Bundesländern dargestellt. In Baden-Württemberg liegt der
FSME-Durchimpfungsgrad (vollständige Grundimmunisierung) in den Landkreisen
im Mittel bei zwölf Prozent. In den Risikogebieten Baden-Württembergs
liegt der Mediän des Durchimpfungsgrades bei elf Prozent (Spannbreite
je nach Landkreis: 2-35 Prozent). In Bayern liegt der FSME-Durchimpfungsgrad
(vollständige Grundimmunisierung) im Mittel bei 16 Prozent. Der Mediän
des Durchimpfungsgrades in den Risikogebieten beträgt 20 Prozent
(Spannbreite: 2-53 Prozent). Bei weiteren 16 Prozent (Baden-Württemberg)
bzw. 19 Prozent der Befragten (Bayern) wurde zwar eine Grundimmunisierung
begonnen, bislang jedoch noch nicht vervollständigt. In anderen Bundesländern
mit FSME-Risikogebieten ist der Anteil der Einwohner mit vollständiger
Grundimmunisierung noch geringer.
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Der Mediän des
Durchimpfungsgrades in Landkreisen, die als Risikogebiet eingestuft sind,
liegt erwartungsgemäß höher als in Landkreisen, die nicht
als solche eingestuft sind (s. Abb. 2). Der geringere Unterschied zwischen
Risikogebieten und Nichtrisikogebieten in Baden-Württemberg liegt
vor allem an der seit 1998 landesweiten Empfehlung der Impfung, die deshalb
ausgesprochen wurde, weil in diesem Bundesland nur sehr wenige Kreise
nicht als Risikogebiet eingestuft werden.
Auffallend ist der hohe Anteil von Personen ohne abgeschlossene Grundimmunisierung
(Abb. 1). Hier lässt sich vermuten, dass sich diese Personen als
geschützt betrachten, ohne es tatsächlich zu sein. Die Notwendigkeit
einer Vervollständigung der Grundimmunisierung gegen FSME sollte
den Impfwilligen deutlicher als bisher vermittelt werden. Unvollständig
gegen FSME geimpfte Personen können nach einer Infektion mit dem
FSME-Virus ebenso schwer erkranken wie ungeimpfte, was im Rahmen einer
langjährigen Erhebung in Einzelfällen eindrucksvoll nachgewiesen
wurde.2,3

Eine Analyse der erhobenen Daten nach dem Alter der geimpften Personen
zeigt, dass der Durchimpfungsgrad mit zunehmendem Alter abnimmt (Abb.
3) - ein Phänomen, das auch in Österreich beobachtet wird.4
In der Regel kümmern sich Eltern intensiv um den Impfstatus ihrer
Kinder und denken weniger über das eigene Infektionsrisiko nach.
Aus den Meldedaten ist jedoch bekannt, dass FSME-Erkrankungen etwa ab
einem Alter von 50 Jahren deutlich häufiger auftreten als in den
Altersgruppen darunter.5 Zudem ist aus klinischen Untersuchungen
bekannt, dass FSME-Erkrankungen umso schwerer verlaufen, je älter
die Patienten sind.3 Der Durchimpfungsgrad unterscheidet sich
nicht wesentlich zwischen den Geschlechtern.

Die abgebildete Karte (Abb. 4) zeigt den Durchimpfungsgrad nach Landkreisen
mit einer Schraffierung der FSME-Risikogebiete (Stand April 2005). Auch
hier wird deutlich, dass der Durchimpfungsgrad in den Risikogebieten meist
unter 20 Prozent oder sogar unter zehn Prozent liegt (mit der Ausnahme
Bayerns, wo in etwa der Hälfte der Risikogebiete mehr als 20 Prozent
der Personen geimpft sind. Im Vergleich zu Österreich, wo in den
Gebieten mit einer FSME-Gefährdung rund 90 Prozent der Einwohner
durch Impfung geschützt sind, ist der Durchimpfungsgrad der Einwohner
in den Risikogebieten Deutschlands als sehr niedrig einzuschätzen.
Der im Jahr
2005 beobachtete Anstieg der an das RKI übermittelten FSME-Erkrankungen
auf 431 Erkrankungen (in den Jahren 2001-2004 durchschnittlich 262 Fälle)
unterstreicht, wie wichtig ein vollständiger Impfschutz ist. Dieser
Anstieg kann nur zu einem sehr geringen Teil auf eine Ausbreitung der
FSME-Naturherde zurückgeführt werden. Bis auf wenige Ausnahmen
wurden die übermittelten Erkrankungen in den bekannten Risikogebieten
oder im Ausland erworben. Dies bedeutet, dass die Mehrzahl der erkrankten
Personen durch eine Impfung geschützt gewesen wäre. Das Infektionsrisiko
kann nur durch eine rechtzeitig durchgeführte Impfung minimiert werden.
Ein zeitlich begrenzter Impfschutz (etwa für Urlauber) benötigt
mindestens zwei Impfdosen, ein länger bestehender Impfschutz jedoch
mindestens drei Impfdosen. Die Angaben der Impfstoffhersteller sollten
besonders beachtet werden (z. B. Abweichungen bei Schnellimmunisierung).
Der Schutz ist auf drei bis fünf Jahre begrenzt, sodass bei fortbestehendem
Infektionsrisiko Auffrischimpfungen notwendig werden.
Zum
FSME-Impfstatus der Kinder bei der Einschulung
Aus Bayern und Baden-Württemberg wurden dem RKI - nach §
34 Abs. 11 IfSG - Daten zum Impfstatus der Kinder bei der Einschulungsuntersuchung
(2004/2005) übermittelt. Dabei liegt in Bayern der FSME-Durchimpfungsgrad
in den als Risikogebiete definierten Landkreisen im Mediän bei
16,2 Prozent (Spannbreite 1,2-74,4 Prozent). In den Landkreisen, die
nicht als Risikogebiete eingestuft sind, liegt der Durchimpfungsgrad
im Mediän bei 3,7 Prozent (Spannbreite 0,5-43 Prozent). Vor allem
in Landkreisen, die an Risikogebiete angrenzen, ist der Durchimpfungsgrad
in diesen Kreisen oft höher. In Baden-Württemberg liegt
der Durchimpfungsgrad in den als Risikogebieten definierten Landkreisen
im Mediän bei 16,1 Prozent (Spannbreite 1,1-34,7 Prozent). In
den fünf Landkreisen, die bisher nicht als Risikogebiet eingestuft
wurden, die jedoch alle an Risikogebiete angrenzen, lag der Durchimpfungsgrad
im Mediän bei 6,9 Prozent (Spannbreite 1,1-16,l Prozent). Diese
Daten bestätigen und ergänzen die hier vorgestellten Ergebnisse
der Befragung. |
Mit freundlicher Nachdruckgenehmigung
des Robert Koch-Instituts, Epidemiologisches Bulletin Nr. 12 vom 24. März
2006
Für diesen Bericht danken wir PD Dr. J. Süss, Konsiliarlaboratorium
für Alpha- und Flaviviren (außer Dengueviren), Friedrich-Loeffler-lnstitut,
Jena (E-Mail Jochen.Suess@fli.bund.de), Prof. Dr. R. Kaiser, Neurologische
Klinik, Städtisches Klinikum Pforzheim, und Prof. Dr. P. Kimmig,
Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg, Stuttgart. Aus dem RKI hat
besonders Dr. W. Hellenbrand, Abteilung für Infektionsepidemiologie,
Beiträge zu dem Bericht geleistet.
Literatur
1. RKI: Risikogebiete der Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) in
Deutschland. Epid Bull 2005; 16: 137-140
2. Kaiser R: The clinical and epidemiological profile of tick-borne encepha-litis
in southern Germany 1994-98. A prospective study of 656 patients. Brain
1999; 122: 2067-2078
3. Kaiser R: Frühsommer-Meningoenzephalitis. Prognose für Kinder
und jugendliche günstiger als für Erwachsene. Deutsches Ärzteblatt
2004; 101(33): Ci822-Ci826
4. www.gesundheit.steiermark.at/cms/beitrag/i0035707/842337/^9
5. RKI: FSME (Frühsommer-Meningoenzephalitis). Infektionsepidemiologisches
Jahrbuch meldepflichtiger Krankheiten für 2004. Berlin, Robert Koch-Institut,
2005: 70-73
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Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 5/2006
S. 56-58
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