Big
Pharma is watching you
Karen Dente
In
den meisten Ländern der Welt dürfen Arzneifirmen nicht direkt
bei Patienten werben. Also behelfen sie sich damit, Artikel in Medizinjournalen
in ihrem Sinne zu beeinflussen.
Ein
Erfahrungsbericht aus den USA von Karen Dente.
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| Karen Dente
(Foto: Fernanda Rocha) |
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Als frisch gebackene
Ärztin wollte ich, vielleicht etwas untypisch, Journalistin werden.
2002 machte ich mich als freie Journalistin in New York selbstständig.
Bald schrieb ich für Reuters Health, und die New York Academy of
Sciences, die Welt und das Deutsche Ärzteblatt. Es dauerte nicht
lange, bis sich mir eine eigenartige Begleiterscheinung des medizinischen
Journalismus offenbarte: die Welt der Pharmawerber. Für kurze Zeit,
und recht naiv, tauchte ich dort ein.
In den meisten Ländern
der Welt, darunter Deutschland, ist es verboten, mit Arzneimitteln direkt
bei Patienten zu werben. So müssen sich Pharmawerber an die Ärzte
wenden. Eine Form sind kostenlose Nachrichtenblätter, möglichst
praxisnah und relevant geschrieben, um viel beschäftigte Ärzte
nicht mit komplizierten Sachverhalten zu langweilen. Manche Ärzte
ziehen sie den Fachjournalen mit ihrem schwer verdaulichen Texten vor.
Andere lesen lieber die Journale.
Was viele nicht wissen: In beiden Arten von Publikationen ist eine wachsende
Zahl der Berichte gekauft. Sie sind Schleichwerbung der Pharmakonzerne.
Im Sommer 2003 machte ich damit meine erste Erfahrung. Ich stieß
auf eine Ausschreibung für eine medizinische Redakteursstelle bei
einer Kommunikationsfirma. Man bot mir eine Vollzeitstelle an, doch
ich beließ es bei der freien Mitarbeit.
Etwas unbehaglich war mir gleich. Die Arbeit wurde unter dem Vorwand
der wissenschaftlichen Weiterbildung von Ärzten betrieben. Die
Konzerne zahlten educational grants, also Weiterbildungsbeihilfen, zur
Finanzierung unserer Arbeit und durften nicht direkt auf die Inhalte
der Mitteilungen und Nachrichtenblätter Einfluss nehmen. Gesetze
sahen vor, dass eine solche Trennung bestand. Wir verfassten Nachrichten
zu Studienergebnissen auf Medizinerkongressen, zu neuen Arzneistoffen
und deren Wirksamkeit. Das Material wurde von fachkundigen Reportern
zusammengetragen, bei uns redaktionell bearbeitet und an Ärzte
verschickt. Mir fiel die Aufgabe zu, das Geschriebene auf wissenschaftliche
Richtigkeit zu überprüfen, wobei ich bald merkte, dass damit
nicht auch Aufrichtigkeit gemeint war. Eine Berichterstattung im journalistischen
Sinne war dies nicht. Wir waren eine Erweiterung der Marketingarmee
der Pharmaunternehmen.
Das Zusammengetragene versuchte zwar objektiv daherzukommen,
doch beim genaueren Hinsehen wurden häufig Studienergebnisse vermittelt,
die wegen eines fadenscheinigen Designs der Studien gar keine eindeutige
Aussage zu den Vorteilen der beschriebenen Medikamente zuließen.
Trotzdem wurden sie den Ärzten als solche verkauft. Pharmakonzerne
finanzieren gern diese Art oberflächlicher Studien (seeding
trials), die den weiteren Vorteil hatten, dass viele Ärzte
dabei als Forscher eingespannt wurden. Sie können das Medikament
in ihrer Praxis ausprobieren und sich schon einmal daran gewöhnen.
Als ich der Redaktion die Lücken und Schwächen einiger Studien
erklärte, wurde mir gesagt, man könne am Inhalt nichts ändern.
Das sei der Wunsch des Klienten.
Ohne Geld von den Firmen blieben viele Fachschreiber unterbezahlt
Ich verließ die Agentur im Spätsommer 2003. Medizinischer
Boulevardjournalismus war mit meinem ärztlichen Ethos nicht vereinbar.
Dass auch medizinische Journale mit wissenschaftlichem Anspruch von
solcher Praxis nicht verschont sind, war mein zweiter Illusionsverlust.
Ohne Zusatzeinnahmen von den Pharmafirmen blieben viele Fachschreiber
eklatant unterbezahlt. Freilich ist die Praxis des Werbens bei den vermeintlich
seriösen Publikationen komplizierter. Die Pharmafirmen brauchen
dafür einen weiteren Komplizen, den Ghostwriter.
Es dauerte nicht lange, bis mich Edelman ansprach, eines der größten
PR-Unternehmen weltweit. Man hatte mich durch die Alumnigruppe der New
York University gefunden, wo man offenbar gezielt nach Leuten wie mir
suchte. Die Frage lautete, ob ich nicht einen Bericht über AIDS
bei Waisenkindern in Rumänien schreiben wollte. Es war von Beginn
an klar, dass dahinter die Firma Merck stand (die nichts mit dem gleichnamigen
deutschen Unternehmen zu tun hat). Der US-Konzern wurde damals in der
Pharmabranche für seine hohe Geschäftsethik regelrecht verehrt.
Der Skandal um das Merck-Schmerzmittel Vioxx hatte noch nicht für
Schlagzeilen gesorgt.
Edelman sitzt in New York am Times Square. Die Büroräume der
Penthouse-Etage erlauben einen Adlerblick auf die Umgebung, wo sich
viele Medienriesen tummeln, die New York
Times, Bertelsmann, Condé Nast und Reuters. Merck hatte die PR-Firma
beauftragt, ein wenig Imagepflege zu betreiben und die philanthropische
Seite des Konzerns aufblitzen zu lassen.
Man versprach mir 7 000 Dollar für die Recherche, ich sollte komplette
Freiheit über die Berichterstattung behalten. Man übte allerdings
Druck aus, dass ich meine Kontakte bei einem renommierten Journalen
nutzte, um Interesse für diesen Beitrag zu erschleichen. Ich weigerte
mich. Später wurde mir nahe gelegt, dass der Bericht nicht unter
meinem Namen erscheinen sollte. Die Namen zweier Ärzte, die für
die Firma Merck in Rumänien arbeiteten, sollten in der Verfasserzeile
erscheinen.
Es war meine erste Erfahrung als Ghostwriter. Pharmafirmen beauftragen
PR-Firmen, die sich wiederum einen Schreiber suchen, um einen konzernfreundlichen
Artikel zusammenzustellen. Dann finden sie einen Experten auf dem jeweiligen
Fachgebiet, der dem Artikel Glaubwürdigkeit verleiht.
Ein Kollege aus meinem amerikanischen Journalistenverband, den ich für
diesen Beitrag interviewte und der mich um Anonymität bat, erzählte
mir, wie er einmal selber als geheimer Schreiber engagiert
wurde. Er arbeitete damals für eine Kommunikationsfirma, die ihn
beauftragte, für einen Arzt dessen Studienergebnisse für einen
Artikel zusammenzustellen. Ihm war dabei ähnlich mulmig zumute
wie mir, doch fühlte er sich isoliert. Es gibt eine Menge
Leute, die überhaupt keine Hemmungen bei so etwas haben,
sagte er mir.
Heute ist er bei einer Fachzeitung als Redakteur engagiert und beteuert,
es bei der einzigen Erfahrung belassen zu haben. Besonders komisch kam
es ihm vor, dass der Artikel, den er für den Arzt schreiben sollte,
sehr vielen Änderungen unterlag. Es kam mir sehr merkwürdig
vor, erzählt er, dass es vonseiten eines Arztes so viele
widersprüchliche und vielfache Änderungen gab. Vermutlich
handelte es sich um ein Gerangel mit der Pharmafirma, die dahinter stand.
Ärzte sind längst nicht mehr die einzige Zielgruppe der Pharmawerber.
Krankenschwestern sind als Zielgruppe noch viel besser beeinflussbar,
sagt Diana J. Mason, die Chefredakteurin des American Journal of Nursing
in New York, des Fachjournals für Krankenschwestern mit der weltweit
höchsten Auflage. Im Vergleich zu Ärzten sind Krankenschwestern
es noch nicht gewohnt, mit maskierter Werbung umzugehen, erklärt
sie. Die Pharmawerber mögen Krankenschwestern, weil sie einen großen
Einfluss auf ihre Patienten haben. In den USA informieren sich Kranke
öfter als in Deutschland vorab über Medikamente und fragen
dann die Schwester um Rat.
Wenn Diana Mason ein Manuskript auf dem Tisch hat, ruft sie immer den
Hauptverfasser an und fragt, ob finanzielle Verbindungen zu privaten
Firmen bestünden. Eine sichere Methode zum Herausfiltern der Ghostwriter
ist das nicht. Was tun, wenn der vermeintliche Autor einfach über
die Verbindungen schweigt?
Viele renommierte Fachjournale haben ihre Richtlinien verschärft,
indem sie von den Autoren eine Offenlegung finanzieller Verbindungen
fordern. Trotzdem geschehen Verstöße immer wieder - selbst
bei angesehenen Journalen wie dem New England Journal of Medicine (NEJM)
oder dem Journal of the American Medical Associaton (JAMA). Eine Ermittlung
des Center for Science in the Public Interest hat dies offen gelegt.
48 Prozent der im NEJM zwischen Dezember 2003 und Februar 2004 veröffentlichten
Studien sind von privaten Firmen finanziert worden. Zirka fünf
Prozent der Studienautoren hätten es versäumt, vorhandene
Interessenkonflikte anzugeben.
Wem schadet diese Praxis? Wenn Marketingfirmen Berichte erstellen, werden
die Vorteile bestimmter Medikamente gegenüber Konkurrenten besonders
hervorgehoben. Negative Studienergebnisse bleiben eventuell verborgen
und das kann Folgen haben. Das weltweit respektierte britische Fachjournal
The New England Journal of Medicine beschuldigte Wissenschaftler, die
von Merck gesponsert werden, in einem bei ihnen veröffentlichten
Bericht über die Nebenwirkungen des Merck-Schmerzmittels Vioxx
wesentliche Daten unterdrückt zu haben. Die Risiken des Schmerzmittels
für das Herz seien heruntergespielt worden.
Das mag ein extremer Fall sein. Doch die Ärzteschaft hat sich in
der Vergangenheit als dankbarer Empfänger solchen Werbens erwiesen.
Der ehemalige Chefredakteur des British Medical Journal schrieb vor
einiger Zeit über die Allianz zwischen den Pharmaherstellern und
Fachjournalen: Pharmawerbung beeinflusst fast sicher die Verschreibungspraxis,
obwohl die meisten Ärzte das abstreiten.
So bestehet ein Ungleichgewicht zwischen den steten Wachstum der Marketing-
und PR-Budgets und den begrenzten Mitteln der seriösen Journale.
Fachzeitschriften leiden seit Jahren unter sinkenden Auflagen. Pharmafirmen
geben viel Geld für die Werbung aus - und für wenig subtile
Dinge wie Nachdrucke. Das sind Auszüge aus einem seriösen
Journal, die eine Pharmafirma nachbestellt und zu Marketingzwecken an
Ärzte verteilt.
Ob sich die Industrie damit einen Gefallen tut, ist höchst fraglich
Dabei können schon einmal mehr als eine Million US-Dollar für
den Nachdruck einer einzigen Studie fällig werden. Natürlich
ist das eine wesentliche Einnahmequelle für die Journale und ein
Anreiz, freundliche Studien häufiger zu drucken.
Ob sich die Pharmaindustrie damit selber einen Gefallen tut, ist längst
fraglich. Das Image der Pharmaindustrie leidet. Die Branchennachrichten
des vergangenen Jahres wurden monatelang durch den Vioxx-Skandal dominiert.
In Washington ist eine Kongressermittlung im Gange - der Versuch, einen
genaueren Blick hinter die Kulissen der Promotionstaktiken der Pharmazieunternehmen
zu werfen. Der Senat will genauer wissen, wo und wie die Gelder eingesetzt
werden, die Pharmafirmen so großzügig im Namen der Weiterbildungsförderung
von Ärzten ausgeben.
Kurz vor dem Jahreswechsel bekam ich per E-Mail eine Mitteilung von
Edelman. Möchten Sie Ihren Dienstagmorgen mit ein paar Informationen
zum Thema nasale Polypen starten? Eine neue Studie dazu sei im
Journal of Allergy and Clinical Immunology erschienen. Inzwischen weiß
ich Bescheid. Die US-Firma Schering-Plough (nicht verwandt mit der deutschen
Firma Schering) hat ein Nasenspray entwickelt, das nasale Polypen bei
Allergien verkleinern soll. Als Ärztin bezweifle ich zwar die Wirkung
der meisten Arzneistoffe für Allergien. Aber auf das Marketing
der Hersteller kann man sich verlassen: Einige Kollegen, etwa die Nachrichtenagentur
Reuters, brachten die Geschichte von den Polypen und den Allergien.
Am nächsten Tag informierte mich mein Absolventenverbund der New
York Universität über zwei neue offene Stellen für wissenschaftliche
PR bei Edelman. Das Geld scheint zu fließen.
Mit freundlicher Nachdruckgenehmigung von Die Zeit vom 06.04.2006
Karen M. Dente, M. D., M. A., freelance medical journalist, 70 8th
Avenue, Apt. 5, Brooklyn, New York, 11217, USA