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Gesundheitsschäden
durch
Passivrauchen
Klaus-Dieter Kolenda
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Nachdem 2004 in Irland
und 2005 in Italien Nichtraucherschutzgesetze in Kraft getreten sind,
gilt ab 1. Januar 2006 auch in Spanien ein weitreichendes Rauchverbot.
Rauchen ist am Arbeitsplatz, in öffentlichen Einrichtungen, in Einkaufzentren
und Verkehrsmitteln strikt untersagt. Bars und Restaurants mit mehr als
100 m2 Fläche müssen getrennte Bereiche für Raucher und
Nichtraucher einrichten. Wie dringend auch Deutschland ein umfassendes
Nichtraucherschutzgesetz benötigt, ergibt sich aus den neuesten wissenschaftlichen
Arbeiten zu diesem Thema, die kürzlich in der Broschüre Passivrauchen
- ein unterschätztes Gesundheitsrisiko vom Deutschen Krebsforschungszentrum
Heidelberg, zugleich WHO-Kollaborationszentrum für Tabakkontrolle,
veröffentlicht wurden1. Die folgenden Ausführungen stützen
sich im Wesentlichen auf diese wichtige Publikation.
Toxische Inhaltsstoffe im Passivrauch
Tabakrauch enthält 4 800 verschiedene Substanzen. Bei über 70
von ihnen ist nachgewiesen, dass sie krebserregend sind oder im Verdacht
stehen, Krebs zu erregen.
Tabakrauch in der Umgebung - englisch Environmental Tobacco Smoke (ETS)
wird auch als Secondhand Smoke (SHS) oder Passivrauch bezeichnet. Er wird
aus dem Nebenstromrauch, der beim Verglimmen der Zigarette zwischen den
Zügen entsteht, sowie aus den vom Raucher wieder ausgeatmeten Bestandteilen
des Hauptstromrauches gebildet. Passivrauch besteht zu 85 Prozent aus
Nebenstromrauch und zu 15 Prozent aus ausgeatmetem Hauptstromrauch. Während
der Hauptstromrauch bei einer Verbrennungstemperatur von ca. 950 °C
entsteht, wird der Nebenstromrauch bei ca. 500 °C gebildet. Letzterer
enthält noch mehr giftige und krebserregende Stoffe als der Hauptstromrauch.
Dazu gehören giftige Substanzen wie Blausäure, Acetonitril,
Ammoniak, Kohlenmonoxid und eine Vielzahl karzinogener Stoffe wie polyzyklische
aromatische Kohlenwasserstoffe, N-Nitrosamine, aromatische Amine, Benzol,
Vinylchlorid, Arsen, Cadmium, Chrom und das radioaktive Isotop Polonium
210. Die Verweildauer einzelner Komponenten des Tabakrauchs in der Raumluft
ist beträchtlich. Tabakfeinstaubpartikel lagern sich an Wänden,
Decken, Böden und Gegenständen ab und werden von dort wieder
emittiert. Innenräume, in denen Rauchen erlaubt ist, stellen eine
kontinuierliche Expositionsquelle für die im Tabakrauch enthaltenen
Schadstoffe dar, selbst wenn dort aktuell nicht geraucht wird. Somit gefährdet
auch kalter Tabakrauch die Gesundheit. Lüftungstechnische
Anlagen können nicht wirksam vor den Schadstoffen des Tabakrauchs
schützen, da selbst die modernsten Ventilationssysteme die gefährlichen
Inhaltsstoffe des Tabakrauchs nicht vollständig aus der Raumluft
entfernen können.
Ausmaß der Tabakrauchexposition in Deutschland
Hierzu wird in einer in der Broschüre des Deutschen Krebsforschungszentrums
enthaltenen Publikationen ausgeführt, dass über 170 000 Neugeborene
jährlich bereits im Mutterleib den Schadstoffen des Tabakrauchs ausgesetzt
sind2. Die Hälfte aller Kinder unter sechs Jahren und etwa 2/3 aller
6-13-Jährigen leben in einem Haushalt, in dem mindestens eine Person
raucht. Schätzungsweise über acht Millionen Kinder und Jugendliche
unter 18 Jahren leben in einem Haushalt mit mindestens einem Raucher.
In der erwachsenen Bevölkerung werden mehr als 35 Millionen Nichtraucher
zu Hause, am Arbeitsplatz, in ihrer Freizeit oder gleichzeitig an mehreren
dieser Orte häufig mit den Schadstoffen des Passivrauchs belastet.
Allein am Arbeitsplatz sind noch immer etwa 8,5 Millionen nichtrauchende
Erwerbstätige Passivrauch ausgesetzt.
Passivrauchbedingte Morbidität und Mortalität in Deutschland
In der Broschüre des Deutschen Krebsforschungszentrums ist außerdem
eine wichtige wissenschaftliche Studie enthalten, in der erstmals versucht
wird, die passivrauchbedingte Morbidität und Mortalität in Deutschland
exakt abzuschätzen3.
Ein Zusammenhang zwischen Passivrauchen und Gesundheitsschäden wurde
bereits vor über 40 Jahren nachgewiesen. Die ersten Publikationen,
die einen Kausalzusammenhang zwischen Passivrauchen und Lungenkrebs bestätigten,
erschienen Mitte der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts. Mittlerweile
belegen zahlreiche epidemiologische und toxikologische Übersichtsarbeiten
das gesamte Ausmaß der gesundheitsschädigenden Auswirkungen
des Passivrauchens. Diese Arbeiten zeigen deutlich, dass Personen, die
Passivrauch ausgesetzt sind, die gleichen akuten und chronischen Krankheiten
wie Raucher erleiden können, wenn auch in geringerem Ausmaß
und mit geringerer Häufigkeit.
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Atemwegsbeschwerden
- Verringerte
Lungenfunktionswerte
- Reizung
der Atemwege mit der Folge von Husten und Auswurf
- Kurzatmigkeit
bei körperlicher Belastung
- Reizung
der Nase
Sonstige
Beschwerdebilder
- Augenbrennen
und -tränen
- Schwellungen
und Rötungen der Schleimhäute
- erhöhte
Infektanfälligkeit
- Kopfschmerzen
- Schwindelanfälle
Tab. 1: Akute
Beschwerdebilder bei Erwachsenen durch Passivrauchen (nach 3)
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Die meisten Nichtraucher
fühlen sich unwohl, wenn sie Tabakrauch ausgesetzt sind, denn Tabakrauch
verursacht bei Erwachsenen eine Reihe von Beschwerdebildern, die in Tabelle
1 aufgeführt sind. Dazu gehören Atembeschwerden wie Husten,
Auswurf, Kurzatmigkeit und Augenbrennen und -tränen, aber auch eine
erhöhte Infektanfälligkeit.
Passivrauchen ist aber auch ein Grund für die Entwicklung zahlreicher
und häufig auftretender chronischer Krankheiten und Todesursachen
bei Erwachsenen (Tabelle 2). Hierzu gehören in erste Linie Lungenkrebs,
koronare Herzkrankheit (KHK) und Herzinfarkt, Schlaganfall und chronisch-obstruktive
Lungenerkrankung (COPD). Auch der plötzliche Kindstod bei Säuglingen
(SIDS) wird durch Passivrauch gefördert. Zu diesen Krankheitsbildern
werden erstmals Morbiditäts- und Mortalitätsziffern für
Deutschland vorgelegt. Im Anhang der Broschüre wird das methodische
Vorgehen ausführlich dargelegt. Grundlage der Berechnungen hinsichtlich
des Anteils der Nichtraucher sind die Ergebnisse des Bundesgesundheitssurveys
von 1998. Die relativen Risiken des Passivrauchens für Nichtraucher
wurden für Lungenkrebs und KHK aus den aktuellen Metaanalysen entnommen,
für das Risiko von Schlaganfall und COPD aus den Ergebnissen von
Kohortenstudien und für SIDS aus einer Metaanalyse von Fall-Kontroll-Studien.
Am Lungenkrebs starben 2003 in Deutschland 39 286 Menschen. Für diese
mit Abstand häufigste Krebstodesursache in Deutschland ergeben die
Berechnungen eine Gesamtzahl von 263 passivrauchbedingten Krebstodesfällen
bei Nichtrauchern (Tabelle 3). Das bedeutet, dass etwa 7,5 Prozent aller
Lungenkrebstodesfälle bei Nichtrauchern auf Passivrauchbelastungen
im eigenen Haushalt oder bei der Arbeit zurückzuführen sind.
Die geschätzte Anzahl der jährlichen Neuerkrankungen an Lungenkrebs
durch Passivrauchen im eigenen Haushalt oder bei der Arbeit beträgt
noch einmal 283 Fälle pro Jahr.
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Atemwegserkrankungen
- Asthma (Entstehung
und Verschlimmerung)
- Lungenentzündung
(Entstehung und Verschlimmerung)
- Bronchitis
(Entstehung und Verschlimmerung)
- Verschlimmerung
der Mukoviszidose
- Chronisch-obstruktive
Lungenerkrankung (COPD)
Herz- und
Gefäßerkrankungen
- Koronare
Herzkrankheit (KHK), insbesondere
- Herzinfarkt
- Schlaganfall
- Periphere
arterielle Verschlusskrankheit
Krebserkrankungen
- Lungenkrebs
- Gebärmutterhals
(mutmaßlich)
Tab.
2: Chronische Krankheiten und Todesursachen bei Erwachsenen durch
Passivrauchen (nach 3)
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Die KHK ist auch in
Deutschland die häufigste Todesursache. Im Jahre 2003 starben in
Deutschland 163 445 Menschen an einer KHK, das entspricht einem Fünftel
aller Todesfälle in diesem Jahr. Da diese Krankheitsgruppe für
das Passivrauchen relative Risiken in der gleichen Größenordnung
aufweist wie das Lungencarzinom, ergeben sich für die KHK etwa fünf-
bis zehnmal höhere Fallzahlen als für den Lungenkrebs. Nach
den vorliegenden Berechnungen versterben pro Jahr in Deutschland 2 148
Nichtraucher an den Folgen der KHK aufgrund von Passivrauchen (Tabelle
3). Zusätzlich muss davon ausgegangen werden, dass 1 628 nicht tödliche
Neuerkrankungen an KHK pro Jahr dem Passivrauchen geschuldet sind. Dabei
handelt es sich um eine konservative Schätzung, bei der nur die Passivrauchexposition
zu Hause, nicht aber am Arbeitsplatz und in der Freizeit, berücksichtigt
worden ist. Deshalb kann davon ausgegangen werden, dass die tatsächliche
Anzahl von KHK-Erkrankungs- und -Todesfällen durch Passivrauchen
in Deutschland deutlich höher ist. Das ergibt sich auch aus dem Vergleich
mit einschlägigen amerikanischen und britischen Studien.
Der Schlaganfall ist in den Industrieländern eine der häufigsten
Ursachen für Tod und Behinderung. Die Häufigkeit wird in Deutschland
auf ca. 160 000 erstmalige Ereignisse pro Jahr geschätzt. Damit liegt
der Schlaganfall an dritter Stelle in der Todesursachenstatistik. Erstmals
werden in der vorliegenden Studie Zahlen über das Ausmaß der
durch Passivrauch verursachten Erkrankungshäufigkeit und Mortalität
für den Schlaganfall in Deutschland angegeben. Die Berechnungen ergeben,
dass 774 Schlaganfalltodesfälle (Erst- und Folgeerkrankungen) pro
Jahr bei Nichtrauchern auf die Passivrauchbelastung zurückgeführt
werden (Tabelle 3). Zusätzlich muss mit 1 063 passivrauchbedingten
nicht tödlichen erstmaligen Schlaganfällen pro Jahr in Deutschland
gerechnet werden. Auch hier handelt es sich um eine konservative Schätzung,
bei der nur die Passivrauchexposition zu Hause berücksichtigt wurde.
In einer kürzlich vorgelegten Arbeit wurden für Großbritannien
mehr als 4 000 durch Passivrauchen verursachte Schlaganfall-Todesfälle
pro Jahr berechnet. Dabei wurde unter anderem die Passivrauchbelastung
am Arbeitsplatz mitberücksichtigt.
Weiterhin ergab die deutsche Studie, dass mit 56 passivrauchbedingten
Todesfällen durch eine COPD pro Jahr gerechnet werden muss (Tabelle
3). Außerdem ist bekannt, dass das SIDS-Risiko für Kinder mit
rauchenden Eltern insgesamt etwa doppelt so hoch ist wie in Nichtraucherhaushalten.
Davon ausgehend wurde berechnet, dass etwa 60 SIDS-Fälle pro Jahr
in Deutschland durch Passivrauch bedingt sind (Tabelle 3). Das entspricht
etwa 16 Prozent der SIDS-Fälle in Deutschland.
Insgesamt ist zu sagen, dass Erkrankungen, die durch die Aufnahme von
Passivrauch hervorgerufen werden, eine bedeutende Todesursache in Deutschland
darstellen. Den vorliegenden Berechnungen zu Folge sterben jährlich
ca. 3 300 Nichtraucher in Deutschland an verschiedenen Erkrankungen, die
durch Passivrauch hervorgerufen werden (Tabelle 3). 70 Prozent der berechneten
passivrauchbedingten Todesfälle betreffen Frauen. Dies ist unter
anderem darauf zurückzuführen, dass weibliche Nichtraucher häufiger
als männliche Nichtraucher im eigenen Haushalt den Gefahren des Passivrauchs
ausgesetzt sind.
Fazit
Die vorliegenden Ergebnisse
machen deutlich, dass Passivrauch erheblich zur Sterblichkeit in Deutschland
beiträgt. Etwa neun Todesfälle pro Tag durch koronare Herzkrankheit,
chronisch-obstruktive Lungenerkrankung, Lungenkrebs, Schlaganfall und
Plötzlichem Kindstod sind auf die Exposition von Nichtrauchern mit
Tabakrauch zurückzuführen. Darüber hinaus wird eine Vielzahl
nicht tödlicher Neuerkrankungen an den genannten Krankheitsbildern
durch Passivrauch hervorgerufen. Passivrauch verursacht auch bei konservativer
Schätzung in Deutschland mehr Todesfälle als illegale Drogen
und AIDS zusammengenommen. Ein umfassender und wirksamer Nichtraucherschutz
ist daher dringend erforderlich, um die Gesundheit der Nichtraucher zu
schützen und passivrauchbedingte Erkrankungen und Todesfälle
zu vermeiden.
Prof. Dr. Klaus-Dieter
Kolenda, Ostseeklinik Schönberg-Holm, An den Salzwiesen 1, 24217
Schönberg, E-Mail medizin@okli-holm.de
Literatur
- Deutsches Krebsforschungszentrum
(Hrsg.): Passivrauchen - ein unterschätztes Gesundheitsrisiko,
Heidelberg, 2005
- Schulze A. Ausmaß
der Tabakrauchexposition in Deutschland. In: Deutsches
Krebsforschungszentrum (Hrsg.): Passivrauchen - ein unterschätztes
Gesundheitsrisiko. Heidelberg 2005, S. 14 - 18
- Keil U, Becker
H, Heidrich J, Heuschmann P, Kraywinkel K, Vennemann M, Wellmann J.
Passivrauchbedingte Morbidität und Mortalität in Deutschland.
In: Deutsches Krebsforschungszentrum (Hrsg.): Passivrauchen - ein unterschätztes
Gesundheitsrisiko. Heidelberg 2005, S. 19 - 33
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Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 5/2006
S. 49-52
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