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Maligne periphere
Nervenscheidentumore
Andreas M. Stark, H. Maximilian Mehdorn
Vorwort
Tumoren peripherer Nerven sind zumeist gutartige Geschwulste, die überwiegend
problemlos operativ entfernt werden können. Selten finden sich jedoch
unter ihnen maligne Tumore, die unter dem Begriff maligner peripherer
Nervenscheidentumor (MPNST) zusammengefasst werden. Ältere Synonyme
sind: malignes Schwannom, Neurofibrosarkom, neurogenes Sarkom. Aufgrund
der unspezifischen Symptome stellt der MPNST eine besondere Herausforderung
an den behandelnden Arzt dar. Nicht selten kommt die Diagnose nicht nur
für den Patienten, sondern auch für den Arzt überraschend.
Im Folgenden soll dieser seltene, aber differenzialdiagnostisch wichtige
Tumor näher beschrieben werden.
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| Abb.
1: 52-jähriger Patient mit Cervikobrachialgien und Ataxie. MRT
(T1): sanduhrförmiger Tumor Höhe HW 3. Histologie: MPNST |
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Definition
Unter einem malignen peripheren Nervenscheidentumor versteht man eine
bösartige Geschwulst, die sich aus Zellen der peripheren Nervenscheide
entwickelt oder die Eigenschaften der peripheren Nervenscheide aufweist.
Der Tumor entsteht etwa jeweils zur Hälfte sporadisch in zuvor normalen
peripheren Nerven oder im Rahmen einer Neurofibromatose Typ 1, der sog.
von Recklinghausen-Erkrankung, innerhalb eines Neurofibroms. Ca. zehn
Prozent der MPNSTs entwickeln sich in einem Hautbereich, der zuvor aufgrund
einer anderen Erkrankung bestrahlt wurde. In sehr seltenen Fällen
entsteht er innerhalb eines Schwannoms1, das Vorkommen in Ganglioneurinomen
oder Phäochromozytomen ist als Rarität anzusehen.
MPNSTs entsprechen nach der aktuellen WHO-Klassifikation der Tumore des
Nervensystems dem Malignitätsgrad III oder IV7.
Epidemiologie
Der MPNST stellt ca. fünf Prozent aller Weichteilsarkome, seine Häufigkeit
im allgemeinen Patientengut liegt bei etwa 1:100 000. Der Tumor kommt
allerdings bei Patienten mit einer Neurofibromatose in bis zu zehn Prozent
vor. Das Geschlechtsverhältnis ist ausgeglichen, es sind vor allem
Erwachsene in der dritten bis sechsten Lebensdekade betroffen. Als Risikofaktoren
für das Entstehen eines MPNST sind lediglich eine Neurofibromatose
und eine vorausgegangene Bestrahlung bekannt2,3,4,7,10.
Symptome & Befunde
Der MPNST kann überall dort vorkommen, wo sich Nervengewebe befindet,
also nahezu im gesamten Körper. Das häufigste Erstsymptom ist
eine lokale Schwellung mit oder ohne Schmerzen. Nicht selten besteht dann
bereits ein neurologisches Defizit. Das diagnostische Intervall vom Auftreten
erster Symptome bis zur histologischen Klärung beträgt im Median
sechs Monate, gelegentlich jedoch bis zu mehreren Jahren. Dabei kann ein
kleiner Tumor über Jahre in der Größe unverändert
bleiben, um dann recht plötzlich zu wachsen oder Schmerzen zu bereiten.
Häufige Fehldiagnosen sind die Rotatorenmanschettenruptur, der Bandscheibenvorfall
und das Karpaltunnelsyndrom3.
Eine einfache Einteilung unterscheidet die folgenden drei Lokalisationen:
(1) Rumpf, (2) Extremitäten und (3) Kopf/Hals-Region4,11,14.
Mit etwa 50 Prozent sind Tumore am Rumpf am häufigsten. Dabei werden
Läsionen an der Rumpfwand in der Regel früh durch eine zunehmende
Schwellung bemerkt, intrathorakale und intraabdominelle Tumore können
dagegen eine beträchtliche Größe erreichen, bevor sie
klinisch manifest werden. Der para- und intraspinale MPNST stellt eine
besondere Herausforderung dar: Er führt zu Radikulopathien und Querschnittsymptomen
und kann häufig nur unzureichend entfernt werden (siehe Abbildung
1).
MPNSTs der Extremitäten stellen mit ca. 30 Prozent die zweitgrößte
Gruppe dar. Diese Tumore führen häufig zu neurologischen Störungen,
und werden daher relativ früh erkannt. Eine vollständige Resektion
ist meistens möglich (siehe Abbildung 2).
Ca. 20 Prozent der Tumore finden sich im Kopf/ Hals-Bereich. Dabei sind
zumeist die parapharyngealen Halsweichteile betroffen. Diese Tumoren können
neben einer lokalen Schwellung Heiserkeit, Schluckstörungen und Atemnot
verursachen sowie die Schädelbasis infiltrieren. Interessanterweise
ist die intrakranielle Manifestation sehr selten. Bisher wurden 12 Fälle
einer Beteiligung der Hirnnerven publiziert. Dabei ist der N. trigeminus
häufiger betroffen als der N. vestibularis1,13 (siehe
Abbildung 3). Noch seltener ist das intrazerebrale Auftreten, bisher wurden
fünf solcher Fälle beschrieben12.
Eine andere Einteilung richtet sich nach der Tumorlokalisation in Bezug
auf den Nervenverlauf. Es werden dabei proximale Tumore der Nervenwurzel
oder des Nervenplexus von distalen Tumoren im peripheren Nervenverlauf
unterschieden3. Diese Einteilung ist vor allem in Bezug auf
die Resezierbarkeit (und damit auf die Prognose) relevant.
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| Abb.
2: 29-jähriger Patient mit einem Tumor im Bereich der rechten
Leiste. MRT (T1): scharf begrenzte, ellipsoide Läsion im Hautniveau.
Histologie: MPNST. (Quelle: A. M. Stark) |
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Bildgebende Diagnostik
Die Bildgebung der Wahl ist die Magnetresonanztomograhie (MRT). Diese
stellt den Tumor mit inhomogener Kontrastmittelaufnahme und mehr oder
weniger scharfer Begrenzung zum umliegenden Gewebe dar. Eine verlässliche
Abgrenzung zu gutartigen Tumoren, insbesondere zu Neurinomen oder Neurofibromen
ist mit der MRT allerdings nicht möglich. Hier kommt die Positronen-Emissions-Tomographie
(PET) zur Anwendung. Dabei reichert sich das 18FluoroDesoxyGlucose,
ein Glukose Analogon, stoffwechselabhängig in malignen Tumoren oder
auch malignisierten Tumorbereichen an. Insbesondere bei NF-1-Betroffenen,
die über den gesamten Körper verstreut zahlreiche Tumore aufweisen,
ist diese Untersuchung hilfreich. Zur Beurteilung der Knocheninfiltration
wird die Computertomographie eingesetzt. Hier lässt sich z. B. die
Ausdehnung einer Schädelbasisinfiltration oder einer knöchernen
Wirbelsäulenbeteiligung darstellen.
Behandlung
Die Behandlung der Wahl ist die operative Entfernung. Sie sollte vollständig
und, soweit möglich, mit einem Sicherheitsabstand von mindestens
fünf Zentimetern erfolgen. An den Extremitäten sind diese Forderungen
häufig zu erfüllen, nicht jedoch im Kopf/Hals-Bereich oder paraspinal.
Konkret wird die Rate komplett resezierbarer Tumore an den Extremitäten
mit 95 Prozent, diejenige paraspinal gelegener Läsionen dagegen mit
nur 20 Prozent angegeben3. Bei dem Verdacht auf einen MPNST
ist eine vorherige Stanzbiopsie sinnvoll, da der operative Eingriff dann
gezielt geplant werden kann.
Der Tumor stellt sich intraoperativ fest bis hart und mit einer Pseudokapsel
umgeben dar. Die Schnittfläche ist gräulich mit Hämorrhagien
und Nekrosen. In etwa der Hälfte aller Fälle kann ein Ursprungsnerv
identifiziert werden, dabei ist der N. ischiadicus am häufigsten
betroffenen.
Bezüglich der postoperativen Bestrahlung bestehen nur wenige retrospektive
Studien. Es konnte gezeigt werden, dass die adjuvante Bestrahlung die
lokale Tumorkontrolle und das rezidivfreie Überleben verlängert.
Allerdings konnte bisher kein signifikanter Einfluss auf das Gesamtüberleben
der Patienten nachgewiesen werden. In der klinischen Praxis sollte eine
Bestrahlung auf jeden Fall bei subtotal resezierten Tumoren erwogen werden.
Bei vollständig entfernten Geschwulsten kann auch bis zum Auftreten
eines Rezidivs gewartet werden. Die strahlentherapeutische Behandlung
kann beim MPNST sowohl als externe als auch interstitielle Bestrahlung
vorgenommen werden.
Die zytoreduktive Chemotherapie hat keinen etablierten Stellenwert in
der Erstbehandlung des MPNST. Sie kann als palliative Maßnahme bei
metastasiertem Leiden erwogen werden. Als einigermaßen wirksam haben
sich dabei die Substanzen Doxorubicin und Ifosfamid erwiesen6.
Die Remissionsrate liegt bei 25 Prozent, der Effekt hält meist nicht
lange an.
Nachsorge
Eine regelmäßige Nachsorge ist bei MPNST Patienten unumgänglich.
Lokalrezidive sind häufig, sie treten in mindestens 40 Prozent der
Fälle, im Median 10-20 Monate nach der initialen Behandlung, auf3,14.
Sie können aber auch erst nach Jahrzehnten manifest werden3. Bei
Auftreten eines Rezidives sind vor allem erneut die Behandlungsmöglichkeiten
der Operation und Bestrahlung zu prüfen. Bei manchen Patienten werden
bei geeigneter Lokalisation, z. B. an den Extremitäten, multiple
Rezidive innerhalb weniger Jahre operativ entfernt.
Die Häufigkeit von Fernmetastasen wird mit 203 bis 40 Prozent angegeben4,14.
Sie finden sich gehäuft in der Lunge, der Leber, in den Lymphknoten
und im Knochen. Sie können jedoch nahezu jedes Organ betreffen, so
wurden sie auch im subkutanen Fettgewebe und in endokrinen Drüsen
beschrieben. Interessanterweise ist die Metastasierung in das Zentralnervensystem
sehr selten und wird vor allem bei miliarer Tumoraussaat beobachtet8,9.
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Abb.
3: 59-jähriger Patient mit Trigeminusneuralgie seit 18 Monaten.
MRT (T1): Tumor im Bereich des N. trigeminus links. Histologie: MPNST. |
Prognosefaktoren
Als gesicherte prognostische Indikatoren können die folgenden Parameter
genannt werden: (1) das Vorliegen einer NF-1 führt statistisch gesehen
zu einer Halbierung der genannten Überlebensraten. (2) eine Tumorgröße
von über fünf Zentimetern ist prognostisch ebenso ungünstig
wie (3) die unvollständige Tumorresektion.
Der WHO Grad des Tumors, also Grad III oder IV, korreliert nicht mit dem
Überleben. Wohl aber zeigen sich prognostische Unterschiede bei den
histologischen Subtypen. Dabei sind der epitheloide und der glanduläre
Subtyp mit einer besseren, der rhybdomyosarkomähnliche Subtyp, der
so genannte Tritontumor, mit einer schlechteren Prognose assoziiert7.
MPNST bei Neurofibromatose
Ca. 50 Prozent aller MPNSTs treten bei NF-1-Betroffenen auf. Diese autosomal-dominant
vererbte Krankheit mit einem Verlust des NF-1 Tumorsuppressorgens tritt
mit einer Häufigkeit von etwa 1:4000 Lebendgeborenen auf und ist
u. a. mit der Ausbildung von dutzenden bis hunderten kutaner Neurofibrome
verbunden. Dabei kommen auch Konglomerate von Neurofibromen, so genannte
plexiforme Neurofibrome vor. Plexiforme Neurofibrome stellen innerhalb
dieser Patientengruppe einen weiteren Risikofaktor für das Entstehen
eines MPNST dar. Insgesamt beträgt das lebenslange Risiko, an einem
MPNST zu erkranken, für NF-1 Patienten ca. 8 bis 13 Prozent, sodass
die frühe Erkennung dieser Tumore hier eine besondere Rolle spielt6.
Der behandelnde Arzt sollte an einen MPNST denken, wenn der Patient (1)
die rasche Größenzunahme eines plexiformen Neurofibroms, (2)
unerklärliche Schmerzen, (3) eine Änderung der Konsistenz des
Tumors von weich zu hart oder (4) ein neurologisches Defizit aufweist.
Weitere diagnostische Schritte sind dann die MRT und die PET.
MPNSTs treten bei NF-1-Betroffenen nicht nur wesentlich häufiger,
sondern auch im Durchschnitt 15 Jahre früher auf. Das rezidivfreie,
wie auch das Gesamt-Überleben sind gegenüber Patienten mit sporadisch
auftretendem Tumor verkürzt6.
Zusammenfassung
Der MPNST stellt eine Tumorentität mit hohem Rezidiv- und hohem Metastasierungsrisiko
dar. Er kann nahezu im gesamten menschlichen Körper vorkommen, Metastasen
wurden in fast allen Organen beschrieben. Häufig sind die Lunge,
die Leber und der Knochen betroffen. Er tritt entweder sporadisch, bei
Neurofibromatose-Betroffenen oder nach einer Bestrahlung auf. Das Behandlungsziel
sollte die möglichst vollständige operative Entfernung mit einem
Sicherheitsabstand von mindestens fünf cm sein. Zusätzlich wird
die Strahlentherapie angewendet. Die Patienten bedürfen einer engmaschigen
Nachsorge.
PD Dr. Andreas M. Stark, Prof. Dr. H. Maximilian Mehdorn, Klinik für
Neurochirurgie, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel,
Schittenhelmstr. 10, 24105 Kiel
Korrespondierender Autor: PD Dr. Andreas M. Stark, Klinik für Neurochirurgie,
Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel, Schittenhelmstr.
10, 24105 Kiel, Tel. 0431/597-8550,
Fax 0431/597-4823, E-Mail starka@nch.uni-kiel.de
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Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 5/2006
S. 46-49
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