Die
letzten 189 Tage
Gottfried Benn
Sigurd Brieler
Bis zu seinem 70. Lebensjahr war Gottfried Benn (1886-1956) immer gesund
gewesen; seine Vita weist jedenfalls keine besonderen ernsthaften Erkrankungen
auf, sieht man einmal ab von einem schwankenden Bluthochdruck, einem Nikotinabusus
mittleren Grades sowie einem Übergewicht. Das änderte sich mit
dem Jahresbeginn 1956 dramatisch schnell und nur noch 189 Tage verblieben
dem großen deutschen Dichter und Arzt Gottfried Benn, einem Teilnehmer
zweier Weltkriegskatastrophen ...
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Totenmaske
Gottfried Benn
(Dr. Jürgen Zippel) |
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Was
war geschehen in jenen Tagen im Januar 1956? Nach einer gemütlichen
Sylvesterfeier im Kreise Berliner Freunde musste er auf dringendes Anraten
seines befreundeten Hausarztes das St. Gertrauden Krankenhaus in Berlin
Wilmersdorf aufsuchen. Diagnose: rezidivierende Meläna unklarer Genese.
Die röntgenologische Darstellung des Magen-Darmtraktes wenige Tage
später ergab - gottlob - nur ältere Vernarbungen im Zwölffingerdarm
mit einem fraglichen Ulkusrand, also kein Karzinom! Die damals standardisierte
Therapie schlug an: Strenge Diät und Rollkuren brachten bald Besserung,
eine Blutung trat in der Folgezeit nicht mehr auf. Dies hätte den
Dichter und Arzt eigentlich zufrieden stellen können, wenn da nicht
die deutlich erhöhte Blutsenkungsgeschwindigkeit (BSG) gewesen wäre,
verbunden mit hartnäckigen Rückenbeschwerden, die auf gängige
Analgetika nur kurzfristig anschlugen und immer schlimmer wurden. Gottfried
Benn wird auf Rheuma behandelt und offensichtlich hält auch er diese
Diagnose für gegeben.
Hören wir ihn selbst: Ließ mir einen Masseur kommen.
Dass es so etwas Brutales gibt, ahnte ich nicht ... der riss mich auseinander,
fuhr wie ein Trecker über den Rücken hin und her, aber ohne
jeden Erfolg.
Der 70. Geburtstag, der 2. Mai 1956, wird ein großes Fest für
ihn. Er wird gefeiert und steht auf dem Höhepunkt seines dichterischen
Schaffens, ja sogar auf der Vorschlagsliste für den nächstjährigen
Nobelpreis! Die wenigsten ahnten damals, dass er bereits todkrank war,
ihm nur noch wenigen Wochen blieben. Seine Krankheit sah man ihm nicht
an, bis zuletzt bewies er Haltung und Selbstdisziplin, zumindest nach
außen. Aber der interne Kreis seiner Vertrauten war informiert:
Die Blutsenkung jetzt bei 47/82. Völlig rätselhaft, aber
je men fiche. Spondylarthrosis, Arthritis, Neuritis, Rheuma. Die
rechte Schulter gelähmt, kann nicht schreiben ... fliege morgen in
ein Sanatorium ... wenn ich da die Schmerzen nicht loswerde, werfe ich
mich vor einen Autobus ...
Schlangenbad im Taunus
soll Linderung bringen, aber auch hier wendet sich nichts zum Guten. Im
Gegenteil, die i. m. Injektionen von Cortison und Irgapyrin sind völlig
wirkungslos und Gottfried Benn verzweifelt. Und er schreibt an einen Vertrauten:
Die Sache hier verlief leider ganz anders, als wir hofften. Als
ich halbtot vor Schmerzen hier ankam, warf ich mich auf das Bett, bat
einen Badearzt zu mir, der sich meine Geschichte anhörte und sagte:
Lieber Freund, Sie sind hier fehl am Platz, Sie sind vier Wochen
zu früh gekommen ... bei einem so schweren Anfall von Neuritis und
Rheuma und so hoher Blutsenkung eine balneologische Maßnahme zu
ergreifen, würde die Sache nur verschlimmern ...
Keiner kann ihm helfen, aber es ist auch keiner da, der ihn gezielt diagnostiziert,
und so wird ohne jedes Ergebnis die Behandlung vorzeitig abgebrochen und
Gottfried Benn nach Berlin zurückgeflogen.
Nun geht alles ganz schnell: Akuteinweisung in das Oskar-Helene-Heim,
gegen die Schmerzen Polamidon. Neue Röntgenaufnahmen, speziell der
Wirbelsäule zeigen Knochendestruktionen und Osteolysen im BWS-Bereich!
Es ist zu spät!
Zwei Tage später, am 7. Juli 1956, ist Gottfried Benn sanft eingeschlafen,
bis zum Ende liebevoll betreut von seiner Frau, die sein Ende miterlebt.
Deutschlands berühmtester Lyriker des 20. Jahrhunderts verstirbt
am urämischen Herz-Kreislaufversagen.
Eine Sektion wurde nicht durchgeführt und Ilse Benn sagte später:
... haben sie (die Ärzte) vorher nichts gefunden, dann brauchen
sie auch nachher nichts zu finden ...
Gottfried Benn hatte nebenbefundlich ein Ulkus duodeni und als Hauptbefund
wahrscheinlich ein in die Wirbelsäule metastasiertes okkultes Prostata
oder Bronchialkarzinom. Aber das ist posthume Spekulation. Sela, Psalmende!
Uns aber bleiben seine unvergänglichen Gedichte, seine einzigartige
Lyrik, seine scharfen Beobachtungen und Formulierungen, und wir erinnern
uns an einen großen, selbstlosen Arzt, mit dem es sich zu beschäftigen
gerade in unserer Zeit, 50 Jahre nach seinem Tod, besonders lohnt; und
immer wieder seine Verse: Hör zu, so wird der letzte Abend
sein ...
Prof. Dr. Sigurd Brieler, Duwockskamp 29, 21029 Hamburg
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Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 5/2006
S. 44/45
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