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Medizin und Wissenschaft
Zahngesundheit bei Kindern im Kreis Steinburg
Steinburger Gesundheitsbericht
Marion Thormählen, Ute Lutz, Ursula Bahr-Crome, Dirk-Peter Meckel, Sieglinde Schuback,
Hans-Peter Wiedemann


1. Einführung/gesetzliche Grundlagen
Der jugendzahnärztliche Dienst des Kreises Steinburg als Teil des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (ÖGD) führt die Reihenuntersuchungen in Kindertagesstätten (Kitas) und Schulen durch. In der Regel werden in den Grund-, Haupt- und Förderschulen alle Klassen im Abstand von ca. 18 Monaten vollständig untersucht. In den Kitas erfolgen die Untersuchungen alle zwei Jahre. Durch diese rein aufsuchende Tätigkeit ist es möglich, Kinder aller Bevölkerungsgruppen zu erfassen.

Die jugendzahnärztliche Untersuchung der Kinder umfasst die Inspektion der Mundhöhle, die Aufnahme und Dokumentation der erhobenen Befunde nach landeseinheitlichen Kriterien und bei festgestellten Zahnschäden die schriftliche Aufforderung zum Zahnarztbesuch.

 
Jugendzahnärztin Ute Lutz bei der Arbeit
(Foto: Dr. Thormählen)
 
Ergänzend wird durch zusätzliche Prophylaxekräfte der Kreisarbeitsgemeinschaft des Kreises Steinburg zur Förderung der Jugendzahnpflege e. V. (Kreisarbeitsgemeinschaft Jugendzahnpflege) Aufklärungsarbeit zur Zahngesundheit geleistet. So können bereits bei der jugendzahnärztlichen Untersuchung Prophylaxehelferinnen die Kinder zu praktischen Zahnputzübungen anleiten. Diese Prophylaxekräfte und -maßnahmen werden von den Landesverbänden der Krankenkassen finanziert. Der Kreis Steinburg trägt die Kosten für den jugendzahnärztlichen Dienst. Die zahnärztliche Behandlung findet in den Praxen der niedergelassenen Zahnärzte(innen) statt.

Das Schleswig-Holsteinische Gesundheitsdienst-Gesetz (GDG) von 2001 sieht die Gesundheitsberichterstattung (GBE) als pflichtige Selbstverwaltungsaufgabe vor. Der Kreis Steinburg hat hierfür einen Bericht aus dem jugendzahnärztlichen Dienst ausgewählt, der einen Vergleich über den Status der Zahngesundheit im Abstand von zehn Jahren gibt.

Den gesetzlichen Auftrag des präventiven Zusammenwirkens gem. § 21 Sozialgesetzbuch (SGB) Fünftes Buch (V) erfüllen im Kreis Steinburg die drei Partner - Krankenkassen, niedergelassene Zahnärzte und das Gesundheitsamt - in der Kreisarbeitsgemeinschaft Jugendzahnpflege (KAGJ).
Der § 7 Abs. 2 GDG verpflichtet die Kreise und kreisfreien Städte zur Sicherstellung der Jugendzahnpflege.

2. Die Untersuchungen zur Zahngesundheit bei Kindern im Kreis Steinburg in den Schuljahren 1992/93 und 2002/03 - ein Vergleich

Beschreibung der Zielgruppe
Diesem Bericht liegen die Daten zur Zahngesundheit von 1 261 Schülern aus insgesamt 68 ersten Klassen des Schuljahres 1992/93 und 1 566 Schülern aus insgesamt 74 ersten Klassen des Schuljahres 2002/03 der 30 Grundschulen im Kreis Steinburg zugrunde. Die Daten dieser Klassenstufe wurden bewusst ausgewählt, da sie als Steuerungsinstrument für frühzeitige Prophylaxeeinsätze besondere Bedeutung haben.

Definition der Merkmale

Ein naturgesundes Gebiss ist kariesfrei, bei einem sanierten Gebiss sind die kariösen Schäden behandelt, ein behandlungsbedürftiges Milchgebiss weist Karies an den Milchzähnen auf und ein behandlungsbedürftiges bleibendes Gebiss entsprechend Karies an bleibenden Zähnen.

Darstellung der Untersuchungsergebnisse

Während 30 Prozent der untersuchten Kinder 1992/93 ein naturgesundes Gebiss aufwiesen, waren es 2002/03 bereits 40 Prozent. Ebenfalls deutlich ist die Veränderung im 10-Jahresvergleich bzgl. des Merkmals „saniert“; 1992/93 lag für diesen Anteil der Prozentsatz aller Schüler bei 39 Prozent, 2002/03 hingegen nur noch bei 30 Prozent. Wesentlich geringer fallen die Veränderungen bzgl. der Behandlungsbedürftigkeit des Milchzahngebisses aus (1992/93: 24 Prozent - 2002/03: 26 Prozent). Dafür zeigt sich aber eine Tendenz zu weniger Kindern mit behandlungsbedürftigen bleibenden Gebissen (1992/93: sieben Prozent - 2002/03: vier Prozent).

Dieser beobachtete Anstieg der Anzahl der Kinder mit naturgesunden Zähnen im 10-Jahresvergleich entspricht den auch in anderen Zahngesundheitsberichten aufgezeigten positiven Trends (z. B. Lübecker Kindergesundheitsbericht 2000 u. a.).

In den untersuchten Parallelklassen sind teilweise erhebliche Unterschiede bzgl. der erhobenen Merkmale zu verzeichnen, deren Ursache in den verschiedenen Einzugsgebieten begründet zu sein scheint. Es liegen Vermutungen hinsichtlich des sozialen Status nahe, die jedoch wegen fehlender Hintergrunddaten nicht belegt werden können. Außerdem sind in einem 10-Jahreszeitraum die Klasseneinteilungen (Einzugsgebiete) nicht konstant und daher nicht vergleichbar.

Merkmal: naturgesundes Gebiss
Nur in einer Grundschule zeigte sich für beide Erhebungszeitpunkte ein überdurchschnittlicher Anteil an Kindern mit naturgesunden Zähnen. Weitere 23 Schulen zeigten Verbesserungen bzgl. dieses Merkmals, eine davon eine Veränderung um 42 Prozentpunkte. Drei Schulen wiesen eine Verbesserung zwischen 20 und 33 Prozentpunkten auf; bei elf Schulen lag die Verbesserung im zweistelligen Bereich bis 20 Prozentpunkte, bei weiteren acht im einstelligen Bereich. Verschlechterungen bezüglich des Merkmals zeigten hingegen sechs Schulen, eine davon massiv - 40 Prozentpunkte -, eine weitere im zweistelligen und vier im einstelligen Bereich. Insgesamt hatten 382 Schüler (30 Prozent) 1992/93 ein naturgesundes Milchgebiss gegenüber 629 (40 Prozent) im Untersuchungszeitraum 2002/03.

Faktoren der Kariesentstehung
Grundsätzlich sind für die Kariesentstehung vier Faktoren von Bedeutung: Zeit, Mikroorganismen (Bakterien), Substrat (Zucker) und Wirtsfaktoren (Zahn, Beläge).

Fehlt einer der Faktoren, wird die Wahrscheinlichkeit der Kariesentstehung erheblich vermindert.


Die Erstklässler haben im Durchschnitt sechs bleibende Zähne, die gerade durchgebrochen sind. Es fehlt somit einer der vier Faktoren für die Kariesentstehung - die Zeit - in Bezug auf das Vorhandensein dieser Zähne in der Mundhöhle. Folglich dürften in diesem Alter noch keine kariösen Schäden an bleibenden Zähnen auftreten.

Nach der Definition der DAJ (Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Jugendzahnpflege
e. V.) bedeutet bei Kindern im Alter von
sechs bis sieben Jahren bereits ein
bleibender Zahn mit kariösen Erkrankungen
ein erhöhtes Kariesrisiko für dieses Kind.

Merkmal: saniertes Gebiss

Ungefähr in dem Ausmaß, in dem die Anzahl der Kinder mit naturgesundem Gebiss zugenommen hat, reduzierte sich der Anteil der Kinder mit saniertem Gebiss (1992/93 - 39 Prozent und 2002/03 - 30 Prozent). Bei ca. 2/3, also 21 der untersuchten Schulen, ließ sich diese Tendenz beobachten. In dem anderen Drittel (neun Schulen) erhöhte sich der Anteil der Kinder mit saniertem Gebiss. Bei einigen dieser Schulen ging mit dieser Veränderung aber auch eine Erhöhung des Anteils der Kinder mit naturgesunden Gebissen sowie eine deutliche Reduktion derer mit behandlungsbedürftigen Gebissen einher. Insgesamt hatten 489 Kinder (39 Prozent) 1992/93 ein saniertes Gebiss gegenüber 467 Kindern (30 Prozent) in 2002/03.

Merkmal: behandlungsbedürftiges Milchgebiss
Im Vergleich zwischen 1992/93 und 2002/03 zeigten 15 der 30 untersuchten Schulen keine wesentlichen Veränderungen. Sieben Schulen zeigten deutlich Verbesserungen, d. h. die Zahl der Kinder mit behandlungsbedürftigem Milchgebiss sank, acht Schulen dagegen wiesen deutlich schlechtere Zahlen auf, d. h., der Anteil der Kinder mit behandlungsbedürftigem Milchgebiss stieg. Insgesamt hatten 303 Schüler (24 Prozent) 1992/93 Karies im Milchgebiss gegenüber 414 (26 Prozent) im Untersuchungszeitraum 2002/03.

Merkmal: behandlungsbedürftiges bleibendes Gebiss

Vorbehaltlich der geringen Fallzahlen (nur ein geringer Anteil der Erstklässler hat bereits kariöse bleibende Zähne) lässt sich folgende positive Entwicklung skizzieren:

Insgesamt hatte sich der Prozentsatz der Kinder mit behandlungsbedürftigen bleibenden Zähnen fast halbiert (von sieben Prozent [87 Kinder] 1992/93 auf vier Prozent [56 Kinder] 2002/03). 1992/93 waren in sieben Schulen keine Erstklässler mit behandlungsbedürftigen bleibenden Zähnen, 2002/03 traf dies schon bei zehn Schulen zu.

Diskussion der Ergebnisse

Die Zahngesundheit ist von vielfältigen Faktoren abhängig, wobei die Aufklärungsarbeit, eine angemessene Ernährung, das früh einsetzende Zahnputztraining und ein gesundheitsbewusstes Erziehungsverhalten der Eltern mit lokalen Maßnahmen an den Zähnen wie Fissurenversiegelungen und Schmelzhärtung durch Fluoride zu kombinieren sind. Der aufsuchenden, flächendeckenden Tätigkeit des Gesundheitsamtes kommt dabei eine besondere Bedeutung zu.

Bei der Auswertung der Ergebnisse der einzelnen Schulen zeigte sich, dass in 2002/03 schon fünf Schulen das Gesundheitsziel der Weltgesundheitsorganisation (WHO) für 2010 - 50 Prozent der Sechsjährigen mit naturgesunden Zähnen - erreicht haben. In weiteren fünf Schulen liegt die Anzahl dieser Kinder bereits zwischen 45 und 49 Prozent, wobei hier jeweils sechs- und siebenjährige Kinder untersucht worden sind, sodass die beobachteten Ergebnisse noch näher an der WHO-Vorgabe liegen dürften.

Der Vergleich im Abstand von zehn Jahren ergibt bzgl. des Merkmals „Naturgesundes Gebiss“ eine Verbesserung um zehn Prozentpunkte für den Gesamtdurchschnitt. Sollte sich diese positive Entwicklung fortsetzen, könnte das oben genannte Ziel der WHO für die Erstklässler bis 2010 durchaus erreicht werden.

Bei einigen Schulen lässt sich dieser positive Trend nicht nachweisen. Stillstand oder eine eher gegenläufige Entwicklung (Verschlechterung bzgl. naturgesunder Zähne) sowie Zunahme der Behandlungsbedürftigkeit lassen bei diesen Schulen einen Zusammenhang mit fehlendem Gesundheitsbewusstsein der Eltern, hohem Migrantenanteil und sozialen Minderheiten vermuten.
Eine Reihe weiterer Schulen weist zwar eine Steigerung des Anteils der Kinder mit naturgesunden Zähnen auf, aber gleichzeitig besteht auch ein hoher Anteil derer mit behandlungsbedürftigen Gebissen. Hier deutet sich an, dass die Erschließung von Neubaugebieten im Einzugsgebiet dieser Schulen mit der daraus folgenden Durchmischung der Sozialstruktur diese Verbesserung herbeigeführt hat. Trotzdem ist die Gruppe der Kinder mit hohem Kariesrisiko dort weiterhin vorhanden, tritt aber zahlenmäßig nicht so deutlich hervor.

Fazit
In den Schulen, in denen sich - wie oben gezeigt - Handlungsbedarf ergibt, sollen Prophylaxemaßnahmen dort und in den Kindergärten des jeweiligen Einzugsgebiets verstärkt eingesetzt werden. Ein häufigeres Aufsuchen der Einrichtungen mit zahnärztlichen Untersuchungen des Gesundheitsamtes, Putzübungen und Unterrichtseinheiten der KAGJ, Angebote spezieller Programme zur Zahnschmelzhärtung mit Fluoriden, Ernährungsberatung zum gesunden Frühstück und Förderung der Multiplikatorenfunktion der Lehrer(innen) und Erzieher(innen) sind erforderlich.
Unabhängig vom Handlungsbedarf für einzelne Schulen soll generell im Kreisgebiet eine frühzeitige und mehrsprachige Informationsmöglichkeit geschaffen werden: Über den Kontakt zu den Hebammen könnte eine flächendeckende Verteilung von vielsprachigen Informationsbroschüren für junge Eltern erfolgen und durch die Einstellung von z. B. türkisch oder russisch sprechenden Zahnarzthelferinnen für die Prophylaxearbeit vor Ort fortgesetzt werden.

Wie auch schon von Bötzel ausgeführt, konnte durch die kontinuierliche, aufsuchende und flächendeckende Betreuung des Jugendzahnärztlichen Dienstes in Kooperation mit den niedergelassenen Zahnärzten eine wesentliche Verbesserung des Zahngesundheitsstatus bei den Kindern erreicht werden. Durch Erfassung, Auswertung, Vergleich und Interpretation der erhobenen Daten kann durch den ÖGD von dieser Stelle aus eine gezielte Steuerung der präventiven Maßnahmen erfolgen und wie oben beschrieben weiter entwickelt werden.

Zusammenfassung:

Der Gesundheitsbericht zur Zahngesundheit von Erstklässlern im Kreis Steinburg basiert auf den Daten, die in den Schuljahren 1992/93 an 1 261 und 2002/03 an 1 566 Grundschülern im Kreis Steinburg erfasst wurden. Die Untersuchung bezog sich auf die Merkmale: „Naturgesundes Gebiss“, „Saniertes Gebiss“ und „Behandlungsbedürftiges Milchgebiss“ sowie „Behandlungsbedürftiges bleibendes Gebiss“.

Der Vergleich dieser im Abstand von zehn Jahren an zwei kompletten Grundschuljahrgängen erhobenen Daten zeigte eine deutlich positive Tendenz bzgl. der naturgesunden Zähne (zehn Prozentpunkte) und eine entsprechende Reduktion des Anteils der sanierten Zähne (neun Prozentpunkte). Die Ergebnisse werden diskutiert und Maßnahmen für eine noch effektivere Prophylaxe entwickelt.


Quellen bei den Verfassern

Dr. Marion Thormählen, Ute Lutz, Ursula Bahr-Crome, Dirk-Peter Meckel, Sieglinde Schuback, Hans-Peter Wiedemann, Gesundheitsamt des Kreises Steinburg, Viktoriastraße 17 a, 25524 Itzehoe


Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 5/2006

S. 40-43