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Homöopathische
Behandlung bei Fruktose-Unverträglichkeit
Jochen Rohwer
Seit Juni 2000 hatte ich gelegentlich einen damals achtjährigen Jungen
wegen rezidiven Bauch- und Kopfschmerzen, Husten und Schnupfen zu behandeln.
Die jeweiligen Behandlungsergebnisse waren ausreichend aber keinesfalls
spektakulär, sodass die weit entfernt wohnende Familie sich über
etwa zwei Jahre nicht mehr meldete.
Am 30. März 2004 wurde der Junge erneut vorgestellt: 2003 sei nach
Klinik-Aufenthalten (zur Diagnostik: Atemtest, Biopsie u. a.) die Diagnose
Fruktose-Intoleranz gestellt worden; die therapeutische Konsequenz
sei jedoch leider nur die Empfehlung gewesen, Fruchtzucker, also vor allem
Obst, zu meiden.
Ich machte eine erneute Anamnese, studierte die alten Aufzeichnungen.
Mittlerweile elfjährig, konnte der Junge seine Beschwerden und Empfindungen
zwar etwas besser beschreiben, doch noch immer waren einige Informationen
sehr unsicher.
Eine sinnvolle Verschreibung hängt in der Homöopathie sehr stark
von der Verlässlichkeit und Genauigkeit der erhobenen Symptome ab,
schließlich ist die Homöopathie eine phänomenologische
Medizin, Vermutungen und Interpretationen (etwa danach, was hinter den
Symptomen stecken könnte) sind in der Homöopathie ein sicherer
Irrweg. Gerade diese Art spekulativer Medizin war es historisch, die für
Samuel Hahnemann Anlass waren zur Suche nach einer sicheren Heilweise,
einer rationalen Heilkunde, als die er die Homöopathie entwickelte.
Nach einem Krankheitsnamen kann in der Homöopathie nicht behandelt
werden, notwendig sind Informationen über die Umstände, unter
denen Beschwerden sich verändern, über alle Empfindungen und
Empfindlichkeiten und deren Orte, Vorlieben, Abneigungen usw., um dann
in der Materia medica ein Arzneimittel passend zu diesen individuellen
Zeichen zu suchen.
Ich bat daher die Eltern um vermehrte Beobachtung und Aufzeichnungen.
Anfang Mai endlich konnten die Unsicherheiten weitgehend geklärt
werden, ich stellte nur die objektiven Zeichen und sichersten Symptome
zusammen, die für den Jungen charakteristisch waren: abdominale Schmerzen,
Durchfall und stinkende Winde nach dem Essen von Obst, Schwindel nach
Heißbaden, (Stirn)kopfschmerzen im warmen Raum und nach geistiger
Anstrengung wie z. B. Lesen, Schwindel bereits in geringer Höhe auf
einer kleinen Leiter. Deutliche Abneigung gegen Butter.
Verordnung: eine Dosis Pulsatilla pratensis C 1000 am 6. Mai 2004.
Nachricht am 8. Juni: Der Junge habe über den Zeitraum von zwei Wochen
Erdbeereis und Rhabarberkuchen essen können, am 15. Mai nach Obsttorte
leichten Durchfall gehabt. Am 30. Mai sei das Mittel erneut gegeben worden,
nach viel Gummibären und Erdbeerkuchen nun in den letzten Tagen wieder
Durchfall. Kopfschmerzen oder Schwindel seien jedoch nicht aufgetreten.
Ich verordnete eine Dosis Pulsatilla XMK (zehntausend), bat um einen genauen
Verlaufsbericht und eine Wiedervorstellung nach einem Verlauf von vier
Wochen.
Konsultation 6. Juli 2004: Am 19. Juni mittags habe der Junge die Arznei
erhalten, er sei bis zum Abend auffallend fröhlich, ja überdreht
gewesen. Kein Durchfall seit der Einnahme, doch starke Bauchschmerzen
über eine Stunde am 30. Juni Vertrage Pfirsich, Fruchtgummi und Apfelschorle.
Rat: Der Junge soll Obst essen können, daher das Mittel wiederholen,
immer, sobald wieder Bauchschmerzen auftreten. Telefonat am 5. August:
Er habe Bauchweh gehabt über ein paar Tage, weshalb ihm das Mittel
am 17. Juli wiederum gegeben wurde, danach sei es ihm gut gegangen. Am
3. August Operation wegen eines Panaritiums, er habe noch Schmerzen. Pulsatilla
ist bekannt für solche Entzündungen, ich rate zu einer Auflösung
des Mittels in einem Glas Wasser und häufigen Gaben. Mit drei Tropfen,
so die Mutter, sei der Junge jeweils eine Stunde schmerzfrei, auch wieder
sehr aufgekratzter Stimmung. Am 9. und 10. August vermehrt Bauchweh und
Schwindel, das Mittel wird ihm pur gegeben, wonach er am Folgetag starke
Schmerzen hatte, seitdem aber beschwerdefrei gewesen sei. Telefonat 2.
September Weintrauben gegessen, kein Durchfall, keine Kopfschmerzen, kein
Schwindel. Telefonat 30. September 2004: Er vertrage weiterhin Weintrauben.
So setzen sich die Eintragungen in der Akte fort; im März 2005 meinte
die Mutter, im Vergleich zum Vorjahr sei es mittlerweile zu einer Besserung
um 80 Prozent gekommen. Ihr Sohn vertrage mittlerweile sämtliches
Obst und Gummibären, nur vor Klassenarbeiten z. B. sehe er sich vor,
denn vermehrt habe er Beschwerden in Stressphasen schulischer Beanspruchung.
Stand März 2006: Insgesamt wurde im Laufe des Jahres 2005 zehn mal
eine Dosis Pulsatilla gegeben und damit etwa 50 Prozent seltener als im
Vorjahr.
Eine Fruktose-Intoleranz gilt als ein heriditäres, unheilbares Leiden.
Unter der homöopathischen Behandlung ist es bei diesem Jungen zu
einer deutlichen Verminderung der Beschwerdesymptomatik gekommen, er muss
nicht auf Obst verzichten.
Vorsichtshalber eine Schlussbemerkung:
Pulsatilla prat. wurde nach dem Vergleich wesentlicher individueller Symptome
des Patienten auf der Grundlage eines Vergleichs mit Symptomen von Pulsatilla
aus Arzneimittelprüfungen und klinischer Erfahrung in der Fachliteratur
gegeben, von der Gabe dieses Arzneimittels in einem anderen Fall von Fruktose-Intoleranz
ohne gute Fachkenntnisse wird abgeraten.
Dr. Jochen Rohwer, Schwartauer Allee 10, 23554 Lübeck
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Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 3/2006
S. 65-66
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