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Humane
Infektion mit Gongylonema pulchrum
Eine Kasuistik
Thomas Urch, Bent Albrecht, Egbert Tannich, Dietrich Büttner
Berichtet wird über eine 27-jährige Patientin, die über
ein wanderndes Fremdkörpergefühl in der Mundschleimhaut klagte.
Bei sonst fehlendem klinischen Befund konnte erst anhand der Untersuchung
des von der Patientin selbst gewonnenen Gebildes die seltene Diagnose
einer Infektion mit dieser Nematodenart gestellt werden.
Anamnese und Befund:
Die 27-jährige Moldawierin ohne nennenswerte Vorerkrankungen, die
seit mehreren Jahren in Deutschland lebt, stellte sich wegen anhaltender
Sensationen der Mundschleimhaut in der Allgemeinarztpraxis vor. Geklagt
wurde über einen wandernden Fremdkörper in der Wangenschleimhaut,
wobei sie das Gefühl habe, dass er besonders in den Abendstunden
nach vorne wandere. Bei Berührung ziehe er sich rachenwärts
zurück.
Da die lokale Inspektion keinen auffälligen Befund ergab, wurde die
Patientin ohne Therapie nach Hause entlassen. Nach zwei Tagen stellte
sie sich erneut vor und präsentierte ein 4 cm langes, fadenförmiges
Gebilde, das sie nach Manipulation der Mundschleimhaut mit der Zahnbürste
extrahiert hatte.
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| Abb. 1: Vorderende
mit Längsreihen kutikulärer Verdickungen (Fotos: Deutsche
Medizinische Wochenschrift) |
Abb. 2: Glattes,
konisch zulaufendes Hinterende |
Weiterführende Diagnostik:
Die mikroskopische Untersuchung der filiformen Struktur im Bernhardt-Nocht-Institut
in Hamburg (Prof. Tannich) ergab den Nachweis eines graviden Nematoden-Weibchens
der Art Gongylonema pulchrum mit den typischen in Längsreihen angeordneten
Verdickungen am Vorderende (Abb. 1), zahlreichen embryonierten Eiern im
Uterus und konisch zulaufendem Hinterende (Abb. 2).
Die weiteren zielgerichteten Untersuchungen des Blutes und Stuhls ergaben
ebenso wie die durchgeführte Ösophago-Gastroskopie keinen auffälligen
Befund.
Therapie und Verlauf:
Klinik und Befund ließen sich nun miteinander vereinbaren. Die Patientin
war zunächst beschwerdefrei. Aber fünf Tage später klagte
sie erneut über die gleichartigen Beschwerden, diesmal aber in der
kontralateralen Wangenschleimhaut. Wieder ergab die Inspektion keinen
auffälligen Befund. Erst unter Verwendung einer Oralkamera mit Vergrößerungsoptik
in einer benachbarten Zahnarztpraxis zeigte sich ein bewegliches, filiformes
Gebilde, das sich bei Manipulation der Wangenschleimhaut kontrahierte
und mit der Geschwindigkeit von einigen Millimetern pro Sekunde fortbewegte.
Durch vorsichtige Schlitzung der Schleimhaut konnte ein zweiter Wurm dargestellt
werden, der allerdings beim Absaugen von Blut und Speichel verlorenging
und daher nicht weiter untersucht werden konnte. Aufgrund der Form, Größe
und Beweglichkeit besteht kein Zweifel, dass es sich ebenfalls um einen
Wurm der Gattung Gongylonema handelte. Nach Entfernung des zweiten Wurms
und ohne weitere therapeutische Intervention ist die Patientin jetzt seit
ca. zwei Jahren beschwerdefrei.
Diskussion:
Gongylonema pulchrum ist der einzige Parasit aus der Gruppe der Nematoden,
der primär die Schleimhaut des oberen Gastrointestinaltraktes höherer
Säugetiere wie Rinder oder Schafe besiedelt. Der Mensch spielt als
Endwirt keine größere Rolle. Seit der Erstbeschreibung durch
Pane in Italien im Jahre 1864 wurden weltweit bisher erst ungefähr
50 humane Infektionen beschrieben, überwiegend in Südosteuropa.
Daneben gibt es weitere Nematodenarten, die als kutane selten auch mucokutane
Larva migrans in der Unterhaut wandern. Diese sind aber wesentlich
kleiner und können morphologisch nicht verwechselt werden.
Die adulten Gongylonema-Weibchen besiedeln die Submukosa von Ösophagus
und Mundschleimhaut und können hier über längere Zeiträume
embryonierte Eier ablegen, die dann über den Gastrointestinaltrakt
mit dem Kot der Tiere ausgeschieden werden. Zur weiteren Entwicklung müssen
die relativ dickwandigen Eier von Dungkäfern als Zwischenwirte aufgenommen
werden. Hier schlüpfen die Larven und entwickeln sich bis zu einer
Länge von zwei Millimeter. Nach Ingestion der infizierten Käfer
durch Säugetiere wandern die Larven submukös vom Magen in den
Ösophagus oder die Mundschleimhaut und entwickeln sich dort innerhalb
von 14-19 Wochen zu adulten Würmern.
Die Länge der ausgewachsenen Weibchen liegt je nach Endwirt zwischen
4 und 14 cm, die der Männchen zwischen 2 bis 6 cm. Infizierte Tiere
zeigen gewöhnlich keine Symptome, in seltenen Fällen wurde über
Ösophagusdeformitäten berichtet.
Im vorliegenden Fall konnte der Infektionsweg nachvollzogen werden. Auf
genaues Befragen berichtete die Patientin, vier Monate vor Beginn der
Symptomatik Verwandte in Moldawien besucht zu haben. Hierbei habe sie
auch einige Tage einen Zelt- und Badeurlaub an einem See verbracht. Dieser
See hatte einen offenen Zugang für Rinder von nicht eingezäunten
Weiden.
Die Therapie besteht - wie im vorliegenden Fall geschehen - in der Exzision
des Wurmes, eine gesicherte medikamentöse Therapie ist nicht bekannt.
Wegen der ungewöhnlichen Beschwerden und dem scheinbar unauffälligen
Untersuchungsbefund wurde bei dieser Patientin primär an einen Dermatozoenwahn
gedacht. Aber gerade hinsichtlich der anhaltenden Zuwanderung aus entfernten
Regionen und natürlich der zunehmenden Reisetätigkeit der hiesigen
Bevölkerung muss mit unbekannten Erkrankungen als Ursache ungewöhnlicher
Beschwerden gerechnet werden. Besonders die hausärztlichen Kollegen
als erste Ansprechpartner der Patienten sollten dies bedenken.
Mit freundlicher Nachdruckgenehmigung der Deutschen Medizinischen Wochenzeitschrift
(DMW) 2005; 130; 2566-2568 (in gekürzter Form)
Dr. Thomas Urch, Bahnhofstr. 9, 25554 Wilster, Dr. med. dent. Bent Albrecht,
Bahnhofstr. 25, 25554 Wilster, Prof. Dr. Egbert Tannich, Prof. Dr. Dr.
Dietrich Büttner, Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin,
Bernhard-Nocht-Str. 74, 20359 Hamburg
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Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 3/2006
S. 63-65
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