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Transvaginale Implantation
von Polypropylene-Netzen
Gelungener Start in ein neues Zeitalter der Beckenbodenchirurgie
Ulrich
Retzke
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| Prof. Dr. med.
habil. Ulrich Retzke (Foto: Privat) |
Seit jeher ist die
Beckenbodenchirurgie eine Säule der operativen Gynäkologie.
Ihr erklärtes Ziel ist die Wiederherstellung der normalen Anatomie
und Funktion des Beckenbodens bei Frauen mit Beckenbodeninsuffizienz.
Dazu gehören Descensus bzw. Prolapsus vaginae sine/et uteri, Urethro-Zystozele,
Rektozele, Douglaso(Entero)zele, Scheidenstumpfprolaps nach Hysterektomie,
Stressharninkontinenz, posttraumatische bzw. postoperative Beckenbodenrelaxation,
Kohabitationsbeschwerden usw.
Statistiken zufolge machen
beckenbodenchirurgische Eingriffe etwa 30 Prozent aller größeren
Operationen in Frauenkliniken aus. Mit der ständig zunehmenden Lebenserwartung
dürften Krankheitsbilder und Funktionsstörungen, die auf gestörte
Beckenbodenstatik zurückzuführen sind, eher häufiger werden.
Allerdings ist das Bemühen um effektive Behandlung der Beckenbodeninsuffizienz
mit Senkungszuständen des weiblichen Genitale und Harninkontinenz nicht
neu. Es sei an solche glänzenden Namen wie Axel Ingelman-Sundberg (Stockholm),
Helmut Kraatz (Berlin), Kurt Richter (Bruck a. d. Mur, München), Walter
Stoeckel (Berlin) u. a. erinnert. Sie alle kreierten Operationsmethoden,
die über viele Jahrzehnte das Repertoire in unseren gynäkologischen
Operationssälen bestimmten. Zugeben muss man allerdings auch, dass
ihre Effizienz hinsichtlich stabil bleibender Beckenbodenstatik und permanenter
Befreiung von Stressharninkontinenz und anderer Funktionsstörungen
durchaus begrenzt ist. So verwundert es nicht, dass ingeniöse Kenner
der Beckenpathologie nach neuen Behandlungsansätzen suchten und hierfür
dem neuzeitlichen Trend folgend alloplastisches Implantationsmaterial erprobten.
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| Perigee®-Mesh
mit den am Arcus tendineus fasciae pelvis fest fixierten Haltearmen
in situ. Die Schraffierung des Netzes symbolisiert, dass das Netz
zwischen Blasenboden/ Blasenhals und Vaginalwand platziert ist (aus
Palma et al. 2005) |
Das faszinierende Operationsprinzip
der Tension-free Vaginal Tapes (TVT)-Techniken geht auf langjährige
Entwicklungsarbeiten von V. Ulmsten und P. Petros in den 1990er Jahren zurück
und fand schließlich in der Empfehlung zum transobturatorischen Vorgehen
durch Delorme (2001) eine ausgesprochen praxisrelevante Perfektionierung.
Die hierfür verwendeten relativ schmalen alloplastischen Bänder
zielen auf einen lokal begrenzten Effekt an der Urethra und damit die Wiederherstellung
ihrer Verschlussfunktion (Kontinenz). Sinnvolle und höchst innovative
Weiterentwicklungen dieses Gedankengutes sind Netze, die der Stabilisierung
des Beckenbodens in seiner funktionellen Gesamtheit dienen. Für das
vordere Compartment des Beckenbodenbereiches wurde von AMS (American Medical
Systems) das Perigee®-Netz und für das hintere Compartment das
Apogee®-Netz mit jeweils speziellen Netzabformungen geschaffen. Seit
Beginn des Jahres 2005 haben diese aus Polypropylene bestehenden Netze die
offizielle Zulassung zur klinischen Anwendung erhalten und werden seitdem
zunehmend häufig implantiert. Man kann heute schon einschätzen,
dass sie die Lücke, die die klassischen Operationsverfahren (s. o.)
hinsichtlich klinischer Effizienz und Praktikabilität gelassen haben,
schließen und dadurch ein neues Zeitalter in der Beckenbodenchirurgie
begründen.
Perigee®-Netz: Die Applikation der vier Tragarme (auch als Halte- oder
Fixationsarme bezeichnet) erfolgt transobturatorisch. Das Gewebe dieser
Tragarme weist seitlich eine haifischartige Verzahnung auf, sodass sie nicht
mehr durch das Gewebe gleiten und im Bereich des Arcus tendineus an der
seitlichen Beckenwand fest verankert bleiben. Sie tragen das rechteckig
geformte, großporige monofilamente Polypropylene-Netz, welches zwischen
Blasenboden und Vagina zu liegen kommt (Abb.). Histologische Untersuchungen
beweisen, dass es schon innerhalb der ersten beiden Wochen zur Einwucherung
von Bindegewebe in die 1,0 mm2 großen Netzporen kommt. Dieses Bindegewebe
wird in den folgenden drei Monaten zunehmend fibröser und fester. Dann
ist die Integration der Netzsegmente in das Nachbargewebe nahezu unwiderruflich.
Das bedingt die nachhaltige Stabilisierung des Blasenbodens, des Blasenhalses
und des Apex vaginae (bei Zustand nach Hysterektomie).
Zur Abwendung von Verwerfung und Faltenbildung wird das Netz an vier Punkten
fixiert. Es trägt die Urethro-Zystozele bzw. den Scheidenstumpf, eleviert
die deszendierten Strukturen des vorderen Compartments und sorgt auf diese
Weise für eine Verlängerung der Scheide. Ist noch ein Uterus vorhanden,
so wird dieser bei korrekter Netzapplikation und ausreichendem Nachjustieren
über die Haltearme in einen physiologischen Höhenstand geführt
und hier gehalten. Auf diese Weise kann einer jungen Frau mit z. B. Descensus
vaginae (Urethro-Zystozele) und Descensus uteri im Fall einer Senkungsoperation
ggf. die Reproduktionsfähigkeit erhalten bleiben!
Im englischen Sprachbereich ist für die Perigee®-Netzimplantation
auch die Bezeichnung anterior transobturator mesh repair üblich.
Apogee®-Netz: Dieses zweiarmige Netz dient der Stabilisierung der Beckenbodenstrukturen
im hinteren Compartment. Klassische Indikation für die Apogee®-Netzinterposition
ist posteriorer Scheidendeszensus bzw. -prolaps mit Rektozele und ggf. Scheidenblindsackvorfall
im posterioren Bereich. Die beiden Haltearme werden trans-ischiorektal eingebracht,
sie durchdringen den M. iliococcygeus in Höhe der Spina ischiadica
und sind dann (wie das Perigee®-Netz) im Bereich des Arcus tendineus
fasciae pelvis fest verankert. Das Netz liegt auf der frei gelegten Rekto-Enterozele
und erfährt ebenfalls eine Vierpunktfixation. Bei korrekter Netzapplikation
und dosiertem Nachjustieren über die Haltearme kann der Apex vaginae
bis in die physiologische Höhe der Spinae ischiadicae angehoben und
die Vagina dadurch effektiv verlängert werden.
Für die Apogee®-Netzimplantation ist im englischen Sprachbereich
die Bezeichnung posterior transischiorectal mesh repair üblich.
Zusammenfassende Wertung
- Operative Beckenbodenrekonstruktionen,
die allein auf Raffung bzw. Wiedervereinigung dehiszenter endogener
faszialer Strukturen beruhen, weisen oftmals enttäuschende Langzeitergebnisse
auf. Bei Patientinnen mit Beckenbodeninsuffizienz ist intra operationem
nicht selten Gewebe zu finden, welches wenig oder gar nicht belastbar
scheint. Bei Rezidiven und/oder schlechter endogener faszialer Gewebsqualität
ist deshalb die Interposition von Netzen aus alloplastischem Materialien
die einzige (Dauer)Erfolg versprechende Lösung.
- Zusätzliche
plastische Rekonstruktionen wie z. B. Diaphragmaplastik, hohe Peritonealisierung,
Kolpoperineoplastik oder Vaginalstumpffixation werden zuweilen vorgenommen
(Gauruder-Burmester und Tunn 2005, Moore et al. 2005), sind aber üblicherweise
nicht erforderlich. In aller Regel erübrigt sich auch jedwede Scheidenhautresektion
(Götze et al. 2005). Perigee- und Apogee-Interposition können
ebenso miteinander kombiniert werden wie mit zusätzlichen transobturatorischen
Schlingenimplantationen (z. B. Monarc®).
- Intraoperative
Komplikationen (Gefäß-, Nerven-, Blasen- oder Rektumverletzungen)
sind bei standardmäßigem Vorgehen nicht zu erwarten (Palma
et al. 2005). Operationsdauer 30-45 Minuten.
- Post operationem
kommt es in 2-5 Prozent der Fälle zur partiellen Dehiszenz der
Kolpotomie mit Netzerosion. Ist diese asymptomatisch, kann Re-Epithelialisierung
abgewartet werden. Bei symptomatischer Erosion (Fluor) empfehlen sich
Wundrandmobilisation und spannungsfreier Wundverschluss, ggf. partielle
Netzresektion. Auf Einzelfälle beschränken sich postoperative
revisionspflichtige Hämatome, De-novo-Stressharninkontinenz, De-novo-Enterozele
und nennenswerte Restharnmengen (Götze et al., Moore et al.).
- Nach eigenen Erfahrungen
und nach den Aussagen mehrerer Beobachtungsstudien ist die Scheide post
operationem deutlich verlängert und der Apex vaginae bis etwa zur
Höhe Interspinalebene eleviert. Auch die übrigen anatomischen
Parameter entsprechen post operationem den physiologischen Normen. Die
Patientinnen sind mit dem Operationsresultat durchweg zufrieden (Götze
et al., Moore et al., Palma et al, eigene Erfahrungen). Deshalb ist
dieses minimal-invasive Verfahren Frauenkliniken zu empfehlen, die Beckenbodenchirurgie
praktizieren. Aufwändige abdominale oder kombiniert vaginal-laparoskopische
Verfahren können durch Perigee- bzw. Apogee-Interposition ersetzt
werden. Dies mindert die allgemeine postoperative Morbidität bei
Beckenbodenrekonstruktionen, nicht nur in der Alterschirurgie.
- Natürlich
fehlen derzeit noch Langzeitbeobachtungen. Die guten Erfahrungen mit
dem Implantationsmaterial Polypropylene (Prolene®), welches auch
den TVT-, Monarc®- und vergleichbaren Schlingen zugrunde liegt,
berechtigen aber zum Optimismus hinsichtlich Gewebekompatibilität
des Netzmaterials.
Mit freundlicher Nachdruckgenehmigung des Ärzteblattes Thüringen
17 (2006) 2, S. 80-82.
Literatur beim Verfasser
Prof. Dr. med. habil. Ulrich Retzke, Fördeklinik Flensburg, Mürwiker
Straße 115, 24943 Flensburg
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Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 3/2006
S. 59-61
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