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Wer war Peter Plett?
Klaus-Dieter Kolenda
Auf Peter Plett bin ich zum ersten Mal 1985 zu Beginn meiner Tätigkeit
in der Ostseeklinik Schönberg-Holm gestoßen. Bei einer Radwanderung
mit einer Patientengruppe kamen wir durch Stakendorf, das etwa zehn Kilometer
von der Ostseeklinik Schönberg-Holm entfernt liegt. Mitten in diesem
Dorf stießen wir auf einen großen Feldstein, auf dem eingraviert
war: Peter Plett/1769-1823 (Abb.). Dieser Name war mir und meinen Kollegen
aus der Klinik völlig unbekannt. Über Peter Plett konnte ich
zunächst nichts in Erfahrung bringen. Das Internet gab es damals
noch nicht. Auf meine diesbezügliche Frage in der morgendlichen Besprechung
äußerte ein Spaßvogel, dass es sich vielleicht um den
Erfinder des Plätteisens handeln könnte. Nach einiger Zeit stieß
ich jedoch auf einen Artikel in der Zeitschrift Die Medizinische
aus dem Jahre 1953, der das Rätsel löste und mich zugleich in
großes Erstaunen versetzte1. Weitere Einzelheiten über das
Leben von Peter Plett waren einem Aufsatz von J. Nitschke aus Schönberg
zu entnehmen, der 1975 in den Blättern für Heimatkunde erschienen
war2.
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| (Foto: Ostseeklinik) |
Peter Plett, ein
Vorläufer Jenners
Peter Plett wurde am 29. Dezember 1766 (nicht 1769) in Klein Rheide im
Kirchspiel Kropp geboren3. Als junger Mann war er zunächst auf verschiedenen
Höfen und Gütern in der Probstei als Hauslehrer tätig.
Ihm fiel auf, dass Personen, die mit dem Melken der Kühe befasst
waren, zumeist nicht von Menschenpocken befallen wurden. Das war auch
den Melkern bekannt. Einige Melker und Milchmädchen haben damals
ganz bewusst Kühe gemolken, wenn diese die Kuhpocken hatten. Sie
steckten sich damit an, überwanden diese Krankheit innerhalb von
zwei Wochen ohne wesentliche Komplikationen und wurden dann nicht von
den gefährlichen Menschenpocken, den schwarzen Blattern,
befallen. Darüber hinaus hatte Peter Plett in Preetz offensichtlich
auch einer damals praktizierten Impfung mit Material von Menschenpocken
beigewohnt und sich die Technik gemerkt.
1791 wechselte er seine Stelle und wurde Hauslehrer bei dem Gutpächter
Martini auf Hasselburg im Gute Wittenberg. Hier unternahm er Versuche
an zwei Töchtern und einem Sohn des Gutpächters. Er nahm mit
einem Holzspan von dem Euter einer Kuh, welche Pocken hatte, Blatternmaterial
ab, ritzte bei den beiden Mädchen und dem Jungen zwischen Daumen
und Zeigefinger eine Wunde, wie er es in Preetz gesehen hatte, und strich
Blatternmaterial hinein. Die Kinder ertrugen die Operation ohne weitere
Unpässlichkeiten und nach 14 Tagen war alles gut überstanden.
1793 verließ Peter Plett Hasselburg und besuchte das Lehrerseminar
in Kiel. Hier begegnete er eines Tages (entweder 1794 oder 1795) seinem
alten Wirt, Herrn Martini. Er befragte ihn nach seiner Familie und deren
Befinden und erhielt zu seiner großen Freude die Antwort, dass die
Kinder die natürlichen Blattern und zum Teil sehr bösartige
durchgemacht hätten, aber die drei, die er damals mit den Kuhblattern
geimpft hatte, wären verschont geblieben und freuten sich ihrer unverletzten
Gesichter.
In einem Kommentar schreibt 1953 der Eutiner Arzt Dr. Fritz Reich, in
dem ihm zugänglichen medizinisch-historischen Schrifttum habe Peter
Plett als Nichtmediziner fünf Jahre früher als der britische
Landarzt Edward Jenner einen genialen Einfall zur Tat werden lassen, der
ihm einen Platz unter den Unsterblichen hätte sichern können,
wenn er sein intuitiv-empirisches Verfahren der medizinischen Fachwelt
unterbreitet hätte1.
Edward Jenner und die Pockenprävention
Seit dem Altertum sind immer wieder Pockenepidemien aufgetreten, denen
ein großer Teil der jeweiligen Bevölkerung zum Opfer fiel3.
Der bedeutendste und im entscheidenden Ausmaß lebensrettende Fortschritt
in der praktischen Medizin des 18. Jahrhunderts war die Einführung
zunächst der Variolation (Impfung mit Material von Menschenpockenpusteln)
und dann die Vakzination (Schutzimpfung mit Material aus Kuhpockenpusteln).
Die Pocken wurden damals das gefleckte Ungeheuer genannt,
hatten ganz Europa im Griff und waren in schlimmen Jahren für etwa
10-40 Prozent aller Todesfälle verantwortlich.
Schon lange war bekannt, dass eine Pockenerkrankung Immunität hinterließ,
doch die medizinische Elite nahm davon zunächst kaum Notiz. Die Weiterverbreitung
dieses Wissens ist den Beobachtungen von Lady Mary Wortley Montagu (1689-1762)
zu verdanken, der Gattin des damaligen britischen Konsuls in Konstantinopel.
Sie berichtete davon, wie türkische Bauersfrauen in Gruppen von jeweils
etwa 15 Personen routinemäßig Inokulationen mit Krankheitsmaterial
von Menschenpocken vornahmen3. Ziel war es, eine geringe Dosis zu verabreichen,
die einen lebenslangen Schutz ohne Pockennarben ermöglichte. Nach
ihrer Rückkehr aus Konstantinopel ließ Lady Montagu 1721 in
Großbritannien ihre 5-jährige Tochter impfen. Es folgten Experimente
mit verurteilten Schwerverbrechern und Waisenkindern. Später ließ
auch der Prince of Wales, der spätere George II., bei seinen Töchtern
die Variolation vornehmen.
Die Variolation fand ihren Weg auch in andere Länder. In Preußen,
Österreich und Russland wurde sie von Mitgliedern der Königshäuser
bekannt gemacht. Aufgrund medizinischer, moralischer und religiöser
Bedenken verbreitete sich die Methode auf dem Kontinent jedoch nur zögernd.
Viele einheimische Ärzte lehnten die Methode ab, während sie
von über das Land reisenden englischen Ärzten3, so wahrscheinlich
auch in Preetz, durchgeführt wurde.
Einer der englischen Landärzte, die die Variolation praktizierten,
war Edward Jenner, der von 1749-1823 lebte. In seiner Heimat Glouchestershire
war ebenso wie in der Probstei in der Bevölkerung bekannt, dass es
eine Rinderkrankheit gab, die Kuhpocken, mit denen sich gelegentlich die
Melkerinnen infizierten und die gegen Menschenpocken immun mache. Jenner
hielt es für möglich, dass diese Immunität durch eine Arm-zu-Arm-Inokulation
von Kuhpockenpustelmaterial hervorgerufen werden könnte. Er war der
Meinung, dass diese Methode vermutlich sicherer sei als die Variolation,
da die Kuhpocken bei Menschen gutartiger verlaufen würden.
So wagte Jenner am 14. Mai 1796 das entscheidende Experiment. Er inokulierte
einem 8-jährigen Jungen Material, das er der Kuhpockenpustel einer
Viehmagd entnommen hatte. Der Junge entwickelte leichtes Fieber, von dem
er sich jedoch bald erholte. Sechs Wochen später inokulierte Jenner
ihm Material von Menschenpockenpusteln. Zu einem Ausbruch der Pockenerkrankung
kam es nicht.
1798 veröffentlichte Edward Jenner seine Entdeckung in dem berühmten
Artikel An Inquiry into the Causes and Effects of Variolae Vaccinae,
a Disease known by the Name of the Cow-Pox. Der Bericht erregte
sofort große Aufmerksamkeit und wurde bald in viele europäische
Sprachen übersetzt. Im Jahre 1799 waren in England bereits mehr als
5 000 Personen auf diese Weise geimpft und im Ausland wurde diese Praxis
bald übernommen. Schweden erließ einen Impfzwang. Napoleon
förderte die Impfung und ließ seine Armee impfen. Edward Jenner
wurde berühmt und geadelt. 1802 wurde er vom britischen Parlament
mit 10 000 Pfund Sterling belohnt.
Erste Kuhpockenimpfungen in der Probstei
Nachdem Peter Plett 1791 in der Probstei wahrscheinlich die erste Kuhpockenimpfung
der Welt durchgeführt hatte, wirkte er ab 1796 als Lehrer einer einklassigen
Schule in Laboe, die der Aufsicht seines Gönners und Vorgesetzten,
des Pastors Dr. Schmidt, unterstand2. Dieser ging 1807 als Hauptpastor
nach Schönberg. Pastor Schmidt war seit 1800 ein eifriger Verfechter
des 1798 von Edward Jenner veröffentlichten Impfverfahrens. Im Jahre
1801 erschien seine Flugschrift Empfehlung der Schutzblatternimpfung.
An meine Gemeinde. Durch Pastor Schmidt wurde die Vakzination in
Holstein eingeführt und bekannt gemacht. Den Impfstoff ließ
er sich aus Hannover vom Hofmedicus Ballhorn und dem Hofchirurgen Strohmeyer
schicken. Von Schmidt existieren zahlreiche weitere Rundschreiben aus
dem Jahre 1802, die über die Widerstände und Bedenken, die damals
zu überwinden waren, Aufschluss geben.
Im Jahre 1808 holte der Pastor Peter Plett in seinen Schulaufsichtsbereich.
Er wurde Dorfschullehrer in Stakendorf. Zunächst war er eine Reihe
von Jahren dort erfolgreich tätig. Ab 1815/16 häuften sich jedoch
die Klagen über einen zeitweise betriebenen Alkoholmissbrauch. 1820
wurde Peter Plett deshalb als Dorfschullehrer entlassen und vorzeitig
in den Ruhestand versetzt. Für die damalige Zeit bemerkenswert ist,
dass die Dorfgemeinschaft ihm in Anerkennung seiner bisherigen Leistungen
eine Pension (Versorgung mit Lebensmitteln und eine Wohnung
bis zu seinem Lebensende) zur Verfügung stellte. 1823 ist Peter Plett
dann in Stakendorf verstorben.
2004 fiel mir per Zufall das Buch Die Kunst des Heilens - eine medizinische
Geschichte der Menschheit von der Antike bis heute von Roy Porter
in die Hände4. Bei der Lektüre dieses faszinierenden Überblicks
über fünf Jahrtausende Medizingeschichte wurde mir erneut vor
Augen geführt, welche Bedeutung die Erfindung der Vakzination im
18. Jahrhundert gehabt hat und ich erinnerte mich an Peter Plett. Ich
gehöre ja noch zu der Generation, die mit einer Vakzine gegen Pocken
geimpft wurde. Noch in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts
haben die Pocken, besonders in Asien und Afrika, zahlreiche Opfer gefordert.
1966 wurde von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ein weltweites Programm
zur Ausrottung der Pocken ins Leben gerufen, dem ein voller Erfolg beschieden
war. 1977 trat der letzte Pockenfall in Somalia auf. Am 26. Oktober 1979
verkündete die WHO die Ausrottung der Pocken. Seither sind wahrscheinlich
keine neuen Erkrankungen mehr aufgetreten.
Ich staunte nicht schlecht, als ich dann im Sommer 2005 einen Telefonanruf
erhielt und sich mein Gesprächspartner mit Peter Plett vorstellte.
Im Gespräch stellte sich dann heraus, dass es sich um einen Nachkommen
von Peter Plett aus Stakendorf handelte, der im Schwarzwald lebt, Historiker
ist und an einem Buch über seinen bedeutenden Ururgroßonkel
schreibt, über dessen große Tat seit einer Reihe von Jahren
eine Tafel neben dem Gedenkstein in Stakendorf informiert. Auch aus dem
Internet kann man sich heute Informationen über Peter Plett und dessen
Wirken herunterladen3. Im Oktober 2005 teilte mir der Historiker Peter
Plett mit, dass sein Buch voranschreite und demnächst erscheinen
werde. Bisher sei er auf 60 Schriften gestoßen, die Peter Plett
aus Stakendorf erwähnen würden, darunter solche aus USA, Spanien,
Mexiko, Großbritannien, Dänemark und Finnland. Mit dem vorliegenden
Artikel möchte ich auch alle medizin-historisch Interessierten auf
das bevorstehende Erscheinen dieses sicherlich hochinteressanten Buches
über Peter Plett aus Stakendorf, einem Vorläufer Edward Jenners,
aufmerksam machen.
Prof. Dr. Klaus-Dieter Kolenda, Ostseeklinik Schönberg-Holm, An
den Salzwiesen 1, 24217 Schönberg
Literatur
- Reich, F.: Peter
Plett, ein Vorläufer Jenners. Beitrag zur Geschichte der Schutzpockenimpfung.
Die Medizinische, begründet von Franz Volhard, 11. April 1953/Nr.
15
- Nitsche, J.: Schullehrer
Plett aus Stakendorf, ein Lebensschicksal durch Höhen und Tiefen.
Blätter für Heimatkunde, Veröffentlichungen des Verbandes
zur Pflege und Förderung der Heimatkunde im Eutinischen. Nr. 17/1975
- N.N.: Peter Plett
aus Klein Rheide bei Schleswig im Jahre 1791. Internet: http://home.t-online.de
- Porter, R.: Die
Kunst des Heilens. Eine medizinische Geschichte der Menschheit von der
Antike bis heute. Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg-Berlin 2003
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Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 3/2006
S. 56-58
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