|
Medizin und Wissenschaft
|
|||||||||||||||||||
|
30. Interdisziplinäres
Forum der
Fortschritt und Fortbildung in der Medizin - das Motto des jährlichen Fachkongresses der Bundesärztekammer, der bereits zum 30. Mal (und zum zweiten Mal in Berlin) stattfand, ist so aktuell wie eh und je. Hochrangige Experten aus verschiedenen Bereichen der Medizin berichteten wieder über neueste Erkenntnisse der Forschung und ihre Anwendung in Klinik und Praxis. Zu den Themen in diesem Jahr gehörten:
Über die Grenzen und Möglichkeiten der Naturheilverfahren wurde fundiert vorgetragen und kontrovers diskutiert. In Zeiten ökonomischen Drucks auf die medizinische Versorgung neigten Patientinnen und Patienten gerade bei Befindlichkeitsstörungen verstärkt dazu, sich mit Naturheilmitteln selbst zu therapieren. Jedem sollte dabei klar sein, dass man auch bei pflanzlichen Arzneistoffen nicht allein mit therapeutischen Wirkungen, sondern auch mit unerwünschten Nebenwirkungen rechnen muss, sagte Prof. Dr. Ernst-Gerhard Loch, stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Senats für ärztliche Fortbildung der Bundesärztekammer, in seiner Moderation. Deshalb müsse auch vor einer therapeutischen Entscheidung mit naturgemäßen Methoden eine exakte Diagnostik nach den Grundregeln der medizinischen Wissenschaft erfolgen, forderte Loch.
Als sehr informativer Beitrag erwies sich der Vortrag von Dr. Barbara Burkhard, München, die sich mit den Erkenntnissen aus der Akasha-Chronik, d. h. den theoretischen Ansätzen der antroposophischen Medizin, auseinandersetzte. Akne: Keine Therapie mit UV-Strahlung Akne wird in der Bevölkerung vorwiegend als kosmetisches Problem betrachtet, als vorübergehende Pubertätserscheinung mit Pickeln im Gesicht, die mit dem Beginn des Erwachsenenalters abheilt. Dass es sich bei Akne auch um eine ernst zu nehmende Krankheit mit einer Vielzahl an Ausprägungen handeln kann, die einen großen Leidensdruck erzeugt, betonten die Dermatologen. Heute können aber selbst bei schweren Verläufen der Akne gute therapeutische Erfolge erzielt werden. Der zielgerichtete Einsatz von Medikamenten zur innerlichen und äußerlichen Anwendung kann die Schwere der Erkrankung mildern, den Verlauf verkürzen und Narben verhindern, sagte Prof. Dr. Gerd Plewig, Direktor der Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Allergologie an der Universität München. Nicht zu empfehlen sind dagegen ältere therapeutische Ansätze wie die Behandlung mit Schwefel, Schieferöl oder Hefeextrakten. Auch von einer Therapie mit UV-Strahlung raten die Experten wegen des erhöhten Krebsrisikos ab.
Akne durch Doping Große Sorgen bereitet den Ärzten der Missbrauch anaboler Steroide bei Freizeitsportlern und Besuchern von Fitness-Einrichtungen in Deutschland. Nach einer aktuellen Studie der Universität Tübingen haben etwa 13,5 Prozent der Besucher von Fitnessstudios mindestens einmal solche Dopingmittel genommen. Neben den gefährlichen Langzeitnebenwirkungen für das Herz-Kreislaufsystem und die Psyche tritt bei der Hälfte der Anwender solcher Substanzen die so genannte Bodybuilding-Akne auf. Besonders häufig betroffen sind junge Männer im Alter zwischen 21 und 25 Jahren. Eine verbesserte Aufklärung der Ärzteschaft, vor allem über die Langzeitnebenwirkungen der anabol-androgenen Steroide, verbesserte Prävention mit gezielten Interventionsprogrammen sowie konsequentes Handeln gesundheitspolitisch Verantwortlicher im Jugend- und Verbraucherschutz sind längst überfällig, sagte Prof. Dr. Bodo Melnik, Lehrbeauftragter im Fachbereich Humanwissenschaften der Universität Osnabrück. Erhebliche Behandlungserfolge bei Herzinfarkten Der Herzinfarkt ist bei alten Menschen schwerer zu erkennen, weil die typischen Symptome, wie zum Beispiel heftiger Schmerz im Brustkorb, bei ihnen weniger ausgeprägt sind oder gar nicht auftreten. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes starben im Jahr 2004 in Deutschland 67 736 Menschen an akuten Herzinfarkten, zu 54 Prozent Männer, zu 46 Prozent Frauen. Insgesamt sterben aber an Herz-Kreislauferkrankungen (akute Herzinfarkte, chronische ischämische Herzkrankheit sowie Herzinsuffizienz) mehr Frauen als Männer: Frauen sterben entsprechend häufiger an einer Herz-Kreislauferkrankung, weil sie im Durchschnitt älter werden als Männer, erklärte Dr. Ann-Kathrin Meyer vom Allgemeinen Krankenhaus Hamburg-Wandsbek.
Inkontinenz - nicht nur ein Problem des Alters
Harninkontinenz ist ein soziales Thema. Falsche Vorstellungen in der Bevölkerung wie die, dass Inkontinenz zum Älterwerden dazugehöre und unvermeidbar sei, sind ein Grund dafür, dass viele Inkontinenzbetroffene gar keinen Anlass für eine ärztliche Konsultation sehen. Doch das ist ein Irrtum. Vielen Betroffenen ist bereits mit einfachen, konservativen Maßnahmen zu helfen, sagte Dr. Christina Niederstadt vom Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), Köln. Mithilfe eines physiotherapeutischen Beckenbodentrainings oder auch verschiedenen Entspannungstherapien könne vielen Patienten geholfen werden, die soziale Kontinenz zu erlangen, die für die Lebensqualität entscheidend ist. Der individuelle Leidensdruck der Betroffenen sei erstaunlicherweise nicht so groß, wie es das Ausmaß der Inkontinenz vermuten lässt. Es erscheint aber realistisch, dass etwa sechs Prozent der Bevölkerung, d. h. circa 4,8 Millionen Bundesbürger, durch unfreiwilligen Harnverlust im sozialen Leben gestört und in der Lebensqualität beeinträchtigt sind. Bei der hausärztlichen Inkontinenz-Therapie ist das ärztliche Beratungsgespräch von fundamentaler Bedeutung, erklärte Niederstadt. Dabei könnten bereits unkomplizierte Inkontinenzformen von potenziell gefährlichen, mit Schmerzen oder Fieber einhergehenden Verläufen abgegrenzt werden.
Verbesserte Diagnostik bei Brustkrebs Brustkrebs ist in westlichen Industrieländern die häufigste weibliche Krebserkrankung. In Deutschland erkranken jährlich etwa 47 500 Frauen an Brustkrebs, durch Fortschritte in der Diagnostik und Therapie konnte jedoch die Sterblichkeit in den letzten Jahren reduziert werden. Wichtig ist zunächst die genaue Anamnese zur Erstellung eines Risikoprofils. Dazu gehört die Beachtung des Alters bei der Entbindung, das Stillen, familiäre Mamma- oder Ovarialkarzinome, aber auch Ernährungsfaktoren, sagte Prof. Dr. Helmut Madjar vom Fachbereich Gynäkologie und Brustklinik der Deutschen Klinik für Diagnostik in Wiesbaden. Trotz aller Fortschritte in der Therapie muss angesichts der hohen Erkrankungsraten die Prävention des Mammakarzinoms im Fokus aller Bemühungen stehen. Risikomindernd können Maßnahmen wie Gewichtsabnahme, die Vermeidung fettreicher und kohlenhydratreicher Nahrung, minimaler Alkoholkonsum, körperliche Aktivität sowie der Einsatz von Lipidsenkern sein, unterstrich Prof. Dr. Manfred Kaufmann, Direktor der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe im Klinikum der Universität Frankfurt am Main.
Den Abschluss des 30. Interdisziplinären Forums bildete unter Vorsitz von Prof. Dr. Bruno Müller-Oerlinghausen, Berlin, die Sitzung der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, die sich dieses Mal der Therapie und Prävention von Infektionskrankheiten widmete. Neben neuen Trends bei Impfungen (Zoster, Rota, Influenza) standen die Infektionsprophylaxe bei Tumorpatienten, die Problematik der MRSA, die Therapie und Prävention der Hepatitis B sowie die Therapie der HIV-Infektion auf der Tagesordnung. Zu den Problemen gehören u. a. die zunehmende Resistenzentwicklung auch bei bislang auf Antibiotika gut empfindlichen Keinen, die wesentlich auf den verbreiteten irrationalen und überflüssigen Einsatz von Antibiotika zurückzuführen ist; es finden sich unter iatrogener oder krankheitsbedingter Immunsuppression ein hohes Infektionsrisiko und schlechte Therapieansprache; das Spektrum virostatischer Medikamente ist unzureichend; es besteht Unsicherheit über das tatsächliche Nutzen-Risiko-Verhältnis moderner Antibiotika, da auch teure, neueste Substanzen meist nicht wissenschaftlich vergleichend untersucht werden; schließlich ist eine Stagnation der industriellen Forschung auf dem Gebiet der Antibiotika zu verzeichnen, da die Hersteller eher interessiert sind an der Entwicklung von Substanzen, die - im Gegensatz zu Antibiotika - über lange Zeit bei größeren Bevölkerungsgruppen eingesetzt werden. Zusammenfassungen der Referate sind von der Internetseite der Bundesärztekammer (www.baek.de) abrufbar. Die vollständigen Referate des 30. Interdisziplinären Forums der Bundesärztekammer werden im Berichtsband, der zur Jahresmitte beim Deutschen Ärzteverlag erscheint, enthalten sein. Dr. Edda Oppermann, Ärztekammer Schleswig-Holstein, Bismarckallee 8-12, 23795 Bad Segeberg |
Schleswig-Holsteinisches
S. 50-55 |
||||||||||||||||||