Rauchen
und chronisch-obstruktive Atemwegserkrankungen
Klaus-Dieter Kolenda
Durch
das Rauchen werden bevorzugt die Lungen vor zahlreichen anderen Organen
geschädigt1. Im Bereich der Atemwege spielt sich nahezu die Hälfte
aller durch das Rauchen bedingten Gesundheitsschäden ab. Ein großer
Teil dieser Gesundheitsschäden endet tödlich. Dies gilt insbesondere
für die Lungencarzinome, aber auch für die chronisch-obstruktive
Lungenkrankheit mit oder ohne Emphysem (COPD), der wichtigsten Form
der chronisch-obstruktiven Atemwegserkrankungen2. Dazu gehört außerdem
als zweite große Volkskrankheit im Bereich der Atemwege das Asthma
bronchiale. Obwohl COPD und Asthma aus pathogenetischer Hinsicht zwei
grundsätzlich verschiedene Krankheitsbilder sind und vor allem
aus therapeutischen Gründen unterschieden werden müssen, gibt
es auch viele Gemeinsamkeiten. So gibt es in der klinischen Praxis nicht
selten Patienten, die nicht eindeutig einer COPD oder einem Asthma zugeordnet
werden können, bei denen ein Mischbild besteht und beide Diagnosen
gestellt werden müssen. Das gilt insbesondere für rauchende
Asthmatiker. Im Folgenden soll anhand der neueren Literatur dargestellt
werden, welche Bedeutung das Rauchen für Pathogenese und Verlauf
der beiden chronisch-obstruktiven Atemwegserkrankungen hat.
Rauchen und COPD
Die COPD ist mit Abstand die wichtigste chronische Krankheit der Atemwege,
an der ca. fünf Millionen Bundesbürger leiden2,3,4,5,6. Weltweit
steht die COPD derzeit an der 4. Stelle der Todesursachen. Sie ist die
einzige Volkskrankheit, deren Inzidenz weiter zunimmt, sodass sie wahrscheinlich
im Jahre 2020 weltweit an der 3. Stelle der Todesursachenstatistik nach
der koronaren Herzkrankheit (KHK) und den cerebrovaskulären Erkrankungen
stehen wird2,3,4. Die Zahl der Todesfälle durch COPD
wird in Deutschland auf ca. 20 000-30 000/Jahr geschätzt.2,6
Die COPD ist eine allmählich fortschreitende chronisch-entzündliche
Atemwegserkrankung, die in ca. 90 Prozent der Fälle durch das Rauchen
verursacht ist. Bei Rauchern ist die Sterblichkeit an COPD um das 14-fache
erhöht. Daneben geht die Erkrankung bei etwa 10 Prozent der Fälle
auf andere verursachende Faktoren zurück, zu denen Asbest, Kadmium,
Kohle-, Gold- und Getreidestaub sowie möglicherweise auch Kobalt,
Baumwollstaub, Holz- und Papierstaub und bestimmte Metalle (Mangan,
Quecksilber, Nickel, Zink, Platin, Chrom, Beryllium, Aluminium usw.)
gehören2. Die volkswirtschaftlichen Belastungen durch die COPD
sind enorm. Die Gesamtkosten werden in Deutschland auf ca. sechs bis
acht Milliarden Euro/Jahr geschätzt, eingeschlossen sind dabei
ca. 24 Millionen Arbeitsunfähigkeitstage und ca. zwei Millionen
Krankenhaustage/Jahr aufgrund einer COPD3.
Langjähriges
Zigarettenrauchen (z. B. 20 Zigaretten pro Tag über 20 Jahre entsprechend
20 packyears) führt in der Regel ab der 4.-5. Lebensdekade zu produktivem
Husten, der eine beginnende oder fortgeschrittene COPD anzeigt3.
Damit einhergehend kommt es zum Verlust der Zilien und einer Zunahme
der Schleimdrüsen in den Hauptbronchien, zu Entzündungen,
Epithelveränderungen, Fibrose und einem Sekretstau in den peripheren
Atemwegen und einer Hypertrophie der Bronchialmuskulatur mit entsprechenden
Gefäßveränderungen. Eine weitere wichtige Veränderung
bildet sich im Bereich der peripheren Atemwege aus. Hier kommt es zu
einer Destruktion der Alveolen und einem Verlust der Flexibilität
der Atemwege, des elastischen Rückstoßes und der Gasaustauschoberfläche.
Dafür ist vor allem ein chronischer Entzündungsprozess verantwortlich,
der durch aktivierte Makrophagen und neutrophile Granulozyten gekennzeichnet
ist und mit einer Freisetzung verschiedener Mediatoren einhergeht, zu
denen auch Proteasen gehören. Die Folge ist ein Ungleichgewicht
von Proteasen und Anti-Proteasen. Letztere sind Schutzfaktoren, deren
Konzentration im Lungengewebe genetisch festgelegt ist. Der bekannteste
dieser Schutzfaktoren ist das Alpha-1-Antitrypsin. Bei einem homozygoten
Mangel kommt es bei Patienten sehr frühzeitig zu einem ausgeprägten
Emphysem. Diese Zusammenhänge erklären, warum nicht alle Raucher,
d. h. ca. 40 Prozent der erwachsenen Männer und ca. 30 Prozent
der erwachsenen Frauen in Deutschland, an einer COPD erkranken, sondern
nur ein Teil von ihnen, etwa 15 Prozent3,5,7.
Mithilfe der Lungenfunktionsdiagnostik lassen sich diese Zusammenhänge
veranschaulichen. Das forcierte exspiratorische Volumen in einer Sekunde
(FEV1) als Ausdruck der Lungenfunktion fällt im Verlauf des normalen
Altersprozesses bei Nie-Rauchern um etwa 30 ml/Jahr ab. Der Abfall ist
bei Rauchern unabhängig von der Entwicklung einer COPD etwa doppelt
so hoch. Bei 10-20 Prozent der Raucher, der so genannten anfälligen
Raucher, ist dieser Verlust jedoch auf über das Fünffache
gesteigert (150-200 ml/Jahr) und es entwickelt sich eine COPD3,5,8.
In der Abbildung 1 sind diese Zusammenhänge
graphisch dargestellt. Die Beendigung des Rauchens führt in jedem
Lebensalter zu einer Abflachung der Beschleunigung des FEV1-Abfalls
und einer verbesserten Lebenserwartung im Vergleich zu Weiter-Rauchern
sowie zu einer Minderung der Symptome der COPD3. Rauchen der Mutter
in der Schwangerschaft gilt heute als ein COPD-Risikofaktor für
das Kind, jugendliche Raucher erreichen nicht die normale Lungenfunktion.
Passivrauchen im erwachsenen Alter ist ein wahrscheinlicher, aber bislang
nicht sicher nachgewiesener Risikofaktor für eine COPD.
 |
| Abb. 1: FEV1-Verläufe
männlicher Raucher in Abhängigkeit von den Rauchgewohnheiten
und der persönlichen Disposition. * Arbeitsabläufe etc.
(aus 3) |
Rauchen
und Asthma bronchiale
Das Asthma bronchiale ist die zweite große chronische Volkskrankheit
der Atemwege, von der ca. acht Millionen Bundesbürger betroffen
sind2,9. An den Folgen eines Asthma bronchiale sterben in Deutschland
nach vorsichtiger Schätzung pro Jahr bis zu 1 000 Personen, von
denen viele Fälle bei konsequenter Behandlung vermeidbar wären2.
Die volkswirtschaftliche Bedeutung des Asthma bronchiale ist ebenfalls
groß. Die Gesamtkosten werden in Deutschland auf 2,6 Milliarden
Euro/Jahr geschätzt2. Krankheitskosten für Kinder und Erwachsene
mit mittelschwerem allergischem Asthma bronchiale errechneten sich auf
2 200-2 700 Euro/Patient und Jahr, bei schweren Formen resultierten
7 900-9 300 Euro/Patient und Jahr9. Die Kosten für die
vielfach schwereren Krankheitsverläufe nicht allergischer Asthmaformen
dürften noch wesentlich höher anzusetzen sein.
Asthma bronchiale ist eine chronisch-entzündliche Atemwegserkrankung
auf dem Boden einer bronchialen Überempfindlichkeit (Hyperreagibilität),
die häufig mit einer allergischen Diathese einhergeht. Die genetische
Prädisposition ist ein gesicherter Risikofaktor für die Entstehung
von Asthma und Allergie. Ihr Anteil an der Krankheitsentstehung wird
auf bis zu 75 Prozent geschätzt9. Neben dem allergischen
Asthma unterscheidet man das so genannte intrinsische Asthma, das wahrscheinlich
durch Virusinfekte im Kindes- oder Erwachsenenalter ausgelöst wird2.
Welchen Zusammenhang gibt es zwischen Rauchen und Asthma bronchiale?
Trotz verschiedener Studien zu diesem Thema ist eine gesicherte ursächliche
Beziehung bisher nicht nachzuweisen1. Aber es gibt deutliche Hinweise
dafür, dass das Asthma bronchiale im klinischen Verlauf durch Zigarettenrauchen
ungünstig beeinflusst wird10. Zunächst fördert
das Rauchen das Auftreten von Infekten im Bereich der Lunge und der
Bronchien, ein Faktor, der sich sicher ungünstig auf den Verlauf
eines Asthma bronchiale auswirkt11. Zum Zweiten können auch Patienten
mit einem Asthma bronchiale zusätzlich durch das Rauchen eine COPD
ausbilden, die zu einer Parenchymzerstörung mit Ausbildung eines
Emphysems führt, sodass ein Mischbild von Asthma und COPD entsteht12.
In der Praxis werden solche Fälle relativ häufig beobachtet.
Zum Dritten kann das Rauchen bei Asthmatikern die Hyperreagibilität
der Bronchien verstärken und dadurch den Verlauf eines Asthmas
ungünstig beeinflussen13,14.
Beim Jahreskongress der European Respiratory Society (ERS) 2004 in Glasgow
wurde ebenfalls berichtet, dass das Rauchen für Patienten mit Asthma
bronchiale ein deutlicher Risikofaktor ist15. Bei einer Nachuntersuchung
von Patienten mit schwerstem Asthma zeigte sich, dass die Mortalität
bei rauchenden Asthmatikern mit 28 Prozent deutlich über der bei
Nichtrauchern mit zehn Prozent lag. Als Erklärung wurde angenommen,
dass das Rauchen neben den medizinischen Auswirkungen als Prädiktor
für eine mangelnde Fähigkeit, sich selbst und die Krankheit
ausreichend kontrollieren zu können, gelten müsse. Außerdem
sei die Therapie bei rauchenden Asthmatikern schwieriger. Theophyllin
werde doppelt so schnell ausgeschieden und viele Raucher zeigten eine
Cortisonresistenz. Kürzlich wurde berichtet, dass aktives
Zigarettenrauchen auch die Wirksamkeit von inhaliertem topischen Corticosteroiden
bei mildem Asthma verschlechtert16. Weiterhin wurde auf dem Kongress
in Glasgow berichtet, dass trotz dieser Zusammenhänge 25 Prozent
der Asthmatiker in Schottland Raucher seien, etwa gleichviel wie in
der Allgemeinbevölkerung. Zahlen über die Raucherquote bei
Asthmatikern in Deutschland sind in der Literatur leider nicht zu finden.
Der Prozentsatz wird bei erwachsenen Asthmatikern auf etwa 30 Prozent
geschätzt und soll bei Jugendlichen noch höher liegen17.
Da der moderne Mensch etwa 90 Prozent seiner Zeit in Innenräumen
verbringt, wurde die Bedeutung von Innenraum-Schadstoffen für die
Asthmaentstehung untersucht. Der quantitativ bedeutsamste Faktor ist
neben der Allergenexposition die Passivrauchbelastung9. Diese ist quantitativ
und qualitativ von besonderer Bedeutung nicht nur für die Verschlimmerung,
sondern auch für die Auslösung asthmatischer Erkrankungen.
Dies gilt sowohl im Kindesalter als auch für Erwachsene18.
Abbildung 2 zeigt, dass der Schweregrad des Asthmas,
das Ausmaß der verminderten Lungenfunktion sowie die gesteigerte
Reaktivität der Bronchien auf Histamin in einer Studie an
94 Kindern im Alter von 7-17 Jahren mit einer Asthmaanamnese abhängig
davon war, ob die Mutter Raucherin oder Nichtraucherin gewesen ist19.
Damit gehört die Passivrauchexposition zu den prinzipiell am einfachsten
zugänglichen und vollständig vermeidbaren Risikofaktoren für
die Entstehung und Verschlimmerung eines Asthma bronchiale.
 |
| Abb. 2: Passivrauchen
und kindliches Asthma bronchiale. Dargestellt sind der Schweregrad
des Asthmas, das Ausmaß der herabgesetzten Lungenfunktion
und die gesteigerte Reaktivität der Bronchien auf Histamin
(nach 19; aus 1) |
Zusammenfassung und Schlussfolgerungen
Die chronisch-obstruktive Lungenerkrankung (COPD) ist nach dem Lungenkrebs
und kardiovaskulären Krankheiten die wichtigste durch das Rauchen
bedingte Krankheit, der ca. 20 000-30 000 Menschen/Jahr in Deutschland
zum Opfer fallen. Beim Asthma bronchiale von Erwachsenen und Kindern
verschlechtert das Rauchen und auch das Passivrauchen den Krankheitsverlauf.
Viele Patienten mit Asthma bronchiale sind Raucher. Deshalb gehört
das Angebot einer konsequenten Raucherentwöhnung für beide
Patientengruppen zum Programm einer Rehabilitationsklinik.
In der Ostseeklinik Schönberg-Holm wird Patienten mit COPD oder
Asthma bronchiale ein von unseren Psychologen durchgeführter verhaltensmedizinisch-orientierter
Raucherentwöhnungskurs angeboten20,21. Vonseiten unserer
Ärzte und anderer Mitarbeiter werden die rauchenden Patienten mit
COPD und Asthma bronchiale zur Teilnahme aufgefordert und motiviert.
Den Patienten, die bei uns das Rauchen aufgeben wollen, wird vonseiten
der Ärzte zusätzlich eine Nikotinersatztherapie angeboten,
bei der wir uns auf die Erfahrungen des Erfurter Raucherberatungszentrums
stützen22. Ein wichtiges Problem bei der Nachsorge von
Patienten, die bei uns eine Nikotinersatztherapie begonnen haben, ist
die sachgerechte weitere Betreuung durch die Hausärzte. Aus diesem
Grunde wird die Landesarbeitsgemeinschaft Herz und Kreislauf in Schleswig-Holstein
e. V.23 in Zusammenarbeit mit der vor kurzem gegründeten
bundesweiten Ärzte-Initiative Raucherhilfe (AIR)24 demnächst
Kurse für Ärzte zum Erwerb von Kenntnissen zur Raucherentwöhnung
anbieten.
Prof. Dr. Klaus-Dieter Kolenda, Ostseeklinik Schönberg-Holm,
An den Salzwiesen 1, 24217 Schönberg
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Anschrift siehe S. ................
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