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Rezension
Das Gesundheitsdilemma. Woran unsere Medizin krankt
Bibliographische Angaben: Klaus Dörner, Ullstein Verlag, Berlin 2004, 208 Seiten, 7,95 Euro, ISBN 3-548-36705-4

Der Autor kritisiert den „Machbarkeitswahn“ der Medizin, die oft vollständige Gesundheit verspreche und zu einer neuen Form der Abhängigkeit von Experten führe. Die „Gesundheitsfalle“ besteht nach Klaus Dörner darin, dass am liebsten nur noch Gesundheit, kaum noch von Krankheit gesprochen wird. Das Herstellenwollen von Gesundheit kann zum Zwang werden, sodass wir hypochondrisch um unsere Gesundheit kreisen. Die Medikalisierung des Lebens, Überdiagnostik und -therapie werden kritisiert. Der Autor fürchtet, dass die Medizin immer mehr von der Marktmacht der Gerätehersteller und Arzneimittelindustrie bestimmt wird, die „Produkte erfinden, für die Krankheiten wie Jetlag, Haarausfall, Reizmagen, Alter und soziale Phobie mit erdacht werden.“ Allerdings werden konkrete Probleme der Prävention, z. B. Hyperlipidämie, Screeningtests auf Mamma- und Prostatakarzinom, in dem vorliegenden Buch ausgespart, dessen Polemik nicht selten die nötige Balance und das sorgfältige Abwägen von Pro und Contra vermissen lässt. Der rote Faden des Buches ist die beschworene Gefahr der Medikalisierung. In Deutschland sind 4,2 von 80 Millionen Menschen im Gesundheitssystem beschäftigt. Da sie ihren Arbeitsplatz sichern wollen, müssen sie „anstreben, dass möglichst alle anderen Menschen lebenslang behandlungsbedürftige Kranke sind ...“ Die Medizin werde zunehmend von der Wirtschaft bestimmt. Wissenschaftler beraten die Industrie, referieren auf firmengesponserten Fortbildungen, erhalten großzügige Zuwendungen und erwerben Firmenanteile. Das alles führt zu finanziellen Konflikten der Interessen. Es ist auch bedenklich, dass heute die Fähigkeit zur Erwerbung von Drittmitteln für Führungspositionen qualifiziert. Den Fortschritten der Medizin ist es zu danken, dass viele akut Kranke weiterleben. Deshalb heißt heute eine der wichtigsten Aufgaben die Betreuung und Begleitung chronisch Kranker durch einen guten Hausarzt. Die Medizin „hält immer noch viel zu sehr am alten Fortschrittstraum fest“, was sich an der Bevorzugung akut Kranker und an der Aversion gegen chronisch Kranke zeige.

Es ist das Recht des Autors, gegen eine zu stark betonte Selbstbestimmung des Patienten, gegen pränatale und (in Deutschland untersagte) Präimplantationsdiagnostik (PID) sowie gegen Patientenverfügungen zu polemisieren. Dem Rezensenten hätte mehr Toleranz gefallen, andere Auffassungen zu ihrem Recht kommen zu lassen. PID ist beispielsweise nicht bloß eine Selektion der „besten Embryonen“. Sie macht bei schweren Erbkrankheiten spätere Schwangerschaftsunterbrechungen unnötig. Patientenverfügungen sind in einer Ära der Hightech Medizin durchaus sinnvoll. Sie sind nicht, wie der Autor meint, Ausdruck einer überzogenen Selbstbestimmung, sondern der berechtigten Sorge, dass evtl. medizinische Apparate den Sterbeprozess gegen den Willen des Betroffenen in die Länge ziehen. Trotz mancher Einseitigkeiten ist das Buch empfehlenswert, da es mit seinen Hauptthemen der zunehmenden Medikalisierung und der Betreuung chronisch Kranker bemerkenswerte Akzente setzt.

Rezensent: Prof. Dr. Karlheinz Engelhardt, Jaegerallee 7, 24159 Kiel


Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 12/2005

S. 96