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Schleswig-Holstein

Interview mit Prof. Dr. Fritz Beske
„Wir müssen bescheidener werden!“


Kürzlich kam eine Kunde aus dem Kieler Institut für Gesundheitssystemforschung, die so manchen Arzt zu der Aussage bewegt haben dürfte: „Na, bitte, habe ich doch immer gesagt.“ Die Wissenschaftler um Prof. Dr. Fritz Beske, Jahrgang 1922, haben nämlich in einem Vergleich von insgesamt vierzehn Ländern herausgefunden, dass das deutsche Gesundheitssystem besser ist, als ihm häufig nachgesagt wird*. Unser System ist also weder überdurchschnittlich kostenträchtig, noch ist es ineffektiv, wie die Kästen 1 bis 3 belegen.

Fritz Beske hat das Institut 1976 gegründet. Zu drei festen kommen zahlreiche externe freie Mitarbeiter. Längst macht Fritz Beske keine Auftragsforschung mehr: „Ich kümmere mich stattdessen um Themen, die gesundheitspolitisch bedeutsam sind.“ Stets sei es ihm gelungen, Sponsoren zu finden, die ein bestimmtes Projekt fördern, seien es Krankenkassen, Ärztekammern oder die Kassenärztliche Bundesvereinigung - „ich betone aber auch, dass dies immer in voller Freiheit geschieht, reinreden lasse ich mir nämlich nicht“. Gut zu wissen, dass es insofern (noch) unabhängige Wissenschaftler gibt. Das Schleswig-Holsteinische Ärzteblatt hat mit Fritz Beske in Kiel gesprochen.

 
Prof. Dr. Fritz Beske
(Foto: wl)
 

SHÄ:
Welches war der Anlass für Sie, sich um diesen Ländervergleich zu kümmern, Herr Prof. Beske?

Prof. Beske:
Wenn Sie wollen, ist meine Beschäftigung mit diesem Thema meine Reaktion auf die öffentliche und die veröffentlichte Meinung, das deutsche Gesundheitswesen sei schlecht. Es ist aber auch meine Reaktion auf das Gesundheitsmodernisierungsgesetz (GMG), das von falschen Voraussetzungen ausgeht und das ebenfalls einer schlechten Qualität unseres Gesundheitswesens das Wort redet, um Änderungen durchzusetzen. Denken Sie nur an den Slogan „Wir zahlen Mercedes und fahren Volkswagen“ - dies alles haben wir mit unserer Studie eindeutig widerlegt.

SHÄ:
Lassen Sie uns, bitte, noch einmal auf die falschen Voraussetzungen zurückkommen, von denen Sie gesprochen haben ...

Kasten 1:
Aus der Kieler Studie: Bei einem gemeinsamen Versorgungsindex für Gesundheits- und Geldleistungen (Tab. C) hat Deutschland im Vergleich der 14 Länder mit 116 den höchsten Versorgungsindex. Deutschland stellt der Bevölkerung den umfassendsten Leistungskatalog im Gesundheitswesen zur Verfügung und hat damit das umfassendste Gesundheitswesen.

Quelle: Eigene Berechnung und Zusammenstellung

Prof. Beske:
... zum einen ist die Ausgangslage falsch, mit der allerlei Reformen begründet werden, dass nämlich unser Gesundheitssystem in einem desolaten Zustand sei, das stimmt einfach nicht. Zum anderen gibt es zwar eine gewaltige Zahl von Regelungen, die unser System ändern sollen, aber nicht den Hauch einer Begleitforschung. Wenn etwa behautet wird, dies oder jenes müsse geändert werden, um zu mehr Effektivität zu kommen, dann ist dies in keiner Weise belegt. Schließlich ist das GMG nichts weiter als ein reines Kostensenkungsgesetz. Ich empfehle, dass sich Interessierte unsere Nr. 105 der Schriftenreihe anschauen, „Finanzierungsdefizite in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) - Prognose 2005-2050“, die gerade erschienen ist. Darin zeigen wir, dass wir jetzt schon unterfinanziert sind, und die Arbeit zeigt, dass auf die GKV erhebliche finanzielle Belastungen zukommen, die die Politik einfach nicht zur Kenntnis nimmt, beispielsweise Belastungen aufgrund des medizinischen Fortschritts oder auch solche wegen der demographischen Entwicklung. Das GMG erweckt vielmehr den Eindruck, man müsse nur ein paar Stellschrauben drehen, und alles sei im Lot. Das ist falsch!

SHÄ:
Muss denn überhaupt etwas geändert werden in unserem Gesundheitswesen?

Kasten 2:
Aus der Kieler Studie: Die Pro-Kopf-Ausgaben der Gesundheits- und Geldleistungen in Deutschland liegen nach Tabelle D im Vergleich der 14 Länder mit 3 560 Euro um 34 Euro unter den durchschnittlichen Pro-Kopf-Ausgaben für Gesundheits- und Geldleistungen. Deutschland wendet damit weniger finanzielle Mittel für das Gesundheitswesen auf als der Durchschnitt der vergleichbaren Länder.
Quelle: Eigene Berechnung und Zusammenstellung
Kursiv: Länder mit unzureichenden Daten

Prof. Beske:

Als Arzt sage ich: Vor die Therapie hat Gott die Diagnose gestellt. Zur Diagnose gehört, dass nicht nur die Einnahmen-, sondern auch die Ausgabenseite betrachtet werden muss. Das heißt: Der Leistungskatalog, wie er derzeit besteht, muss in Frage gestellt werden. Andererseits darf Krankheit nicht zu einer finanziellen Belastung für den Einzelnen oder eine Familie führen. Ich nenne einige Ziele für eine moderne Gesundheitspolitik: Der medizinische Fortschritt muss alle erreichen. Das individuelle Alter darf nicht zum Leistungsausschluss führen. Eine möglichst wohnortnahe Versorgung muss gewährleistet sein. Der Leistungsanbieter muss eine gewisse Planungssicherheit haben - heute werden doch selbst Facharztpraxen nicht mehr besetzt, und zwar als Folge der Überbürokratisierung. Oder nehmen Sie eine andere Zahl: Im Jahr 2004 haben die niedergelassenen Ärzte in Deutschland 7,9 Milliarden Euro weniger erhalten, als ihnen zugestanden hätte. Die Krankenhäuser stecken in einem Investitionsstau von 30 Milliarden - wenn Sie aber solche Zahlen im Bundesgesundheitsministerium vorlegen, schaut man dort lieber weg. Als Folge solcher Politik sage ich voraus, dass uns die Ärzte weglaufen, wenn nicht mehr für sie getan wird - bei der Bezahlung der Ärzte liegen wir nämlich schon heute unter dem europäischen Durchschnitt. Und in der Pflege wird das Problem schon in ganz kurzer Zeit noch erheblich größer sein!

SHÄ:
Nun sind wir beim Geld gelandet - woher soll es denn kommen, damit all das angemessen bezahlt werden kann?

Prof. Beske:
Erlauben Sie mir einen Satz vorab: Wir haben uns übernommen. Und das seit vielen Jahren. Die Folge ist, dass wir mit dem hier und heute zur Verfügung stehenden Geld die hier und heute abgefragten Leistungen nicht bezahlen können. Mehr Transparenz, mehr Wettbewerb sollen helfen - ich kann es nicht mehr hören! Denn auch dafür gibt es überhaupt keinen Beweis. Wir kommen also zurück zu dem, was wir eingangs besprochen haben: Wir müssen uns wertfrei anschauen, was ist. Und dann müssen wir im Leistungskatalog streichen, was nicht zu bezahlen ist, und zwar im Rahmen eines kompletten Programms - fragen Sie an dieser Stelle nicht weiter, ich werde ein solches Programm schon bald vorlegen! Wenn Sie fragen, woher das nötige Geld kommen soll, dann ist eine Antwort: Wir sind im Vergleich das Land mit den geringsten Zuzahlungen, gleichzeitig leisten wir uns die kürzesten Wartezeiten.

Kasten 3: Aus der Kieler Studie: Effizienzindex der 14 Länder. Nur Italien, Belgien und Kanada setzen nach dieser Aufstellung Finanzmittel zur Versorgung der Bevölkerung mit Gesundheits- und Geldleistungen effizienter ein. Diese Länder haben allerdings auch eine unzureichende Gesundheitsberichterstattung, wobei insbesondere die Kosten für das Gesundheitswesen zu gering ausgewiesen werden. Dessen ungeachtet hat Deutschland ein überdurchschnittlich effizientes Gesundheitswesen. Bei einer realistischen Angabe der Ausgaben in allen Ländern hätte Deutschland im Vergleich der 14 Länder vermutlich sogar das effizienteste Gesundheitswesen überhaupt.
Quelle: Eigene Berechnung und Zusammenstellung.
Kursiv: Länder mit unzureichenden Daten

SHÄ:
Apropos Vergleich - gelobt wird immer Schweden, dorthin sind schon vor Jahren deutsche Krankenhausärzte ausgewandert ...

Prof. Beske:
... Schweden hat ein staatlich finanziertes System. Was bei uns der Hausarzt macht, tut dort die Krankenschwester, sie versorgt beispielsweise die chronisch Kranken und entscheidet, wann ein Arzt hinzugezogen wird. Das ist zwar viel billiger als es in

unserem System wäre, das lässt sich aber gar nicht vergleichen, denn Schweden ist im Gegensatz zu uns extrem dünn besiedelt! Wenn ich von solchen Vergleichen höre, sage ich immer: Statistiken darf man nicht nur lesen, man muss sie auch interpretieren können. Abgesehen davon gibt es überall auf der Welt, in jedem Gesundheitssystem Reformen. Was wir hier diskutieren, wird in den anderen Industrieländern auch diskutiert. Einen Königsweg gibt es nirgends, dazu ist dieses System viel zu kompliziert - sperren Sie doch die weltweit führenden Gesundheitsökonomen in einen Raum und sagen Sie ihnen, sie dürften erst wieder hinaus, wenn sie eine Lösung für alle gefunden haben: Sie werden diese Menschen niemals wieder sehen! Woran das liegt? Nun, wir haben es in jedem System mit Menschen zu tun, die alle im Krankheitsfall das Bestmögliche für sich haben wollen, und genau das ist nicht

möglich! Ohne Rationierung geht das nicht, und: Jede Minute Wartezeit ist Rationierung, jede Zuzahlung ist Rationierung, jede Selbstbeteiligung ist Rationierung - man muss nur definieren, was Rationierung ist.

Kasten 4:
Unter dem Titel „Gesundheit: Aufwändig und übertrieben“ hieß es im SZ Wissen 05/2005 (Autorin: Lily Sprangers, Geschäftsführende Direktorin am Duitsland-Institut Amsterdam): „Um es nett zu formulieren: Die Deutschen sind sehr gesundheitsbewusst. In keinem anderen zivilisierten Land ist das Phänomen ‚Kur’ so verbreitet wie in Deutschland, ebenso die ‚Kreislaufstörung’. Und nirgendwo sonst unterhält man sich so gern über seine Befindlichkeit. Nur in Japan, wo sogar der Stuhlgang ein geläufiges Gesprächsthema ist, erfährt man mehr über den Zustand seiner Gesprächspartner.

Die Folge ist ein hervorragendes Gesundheitswesen. Qualität und Status des medizinischen Personals sind unbestreitbar - während in den Niederlanden schlechte Pflege in Krankenhäusern, ja sogar körperliche Gewalt an der Tagesordnung sind. Zustände, die sich ein Deutscher kaum vorstellen kann. Zudem hat kein Land in Europa, mit Ausnahme Frankreichs, so viele gut sortierte Apotheken. Der hohe Arzneimittelverbrauch und der einfache Zugang zu medizinischer Versorgung führen zu den höchsten Pro-Kopf-Ausgaben im Gesundheitswesen der OECD-Länder nach der Schweiz, Norwegen und den USA. Entsprechend aufmerksam achtet der Deutsche auf sein Wohl: Lassen sich Briten nur ungern eine Unpässlichkeit anmerken, nehmen Deutsche mit Hinweis auf den Kreislauf schon mal einen freien Tag - und sagen sogar private Verabredungen ab. In den Niederlanden sollte man dann wenigstens beweisen können, dass man gerade einen Verwandten oder den Arbeitsplatz verloren hat.

Der große Ernst, mit dem Deutsche ihr Wohlbefinden erkämpfen, mag auf Ausländer komisch wirken. Er ist der Nachlässigkeit der Nachbarn aber vorzuziehen.

SHÄ:
Wie also soll es weitergehen?

Prof. Beske:
Das Schlüsselwort heißt ‚ausreichend'. Mit begrenzten Mitteln lassen sich keine unbegrenzten Leistungen erbringen. Das mögen zwar einerseits trübe Aussichten sein. Andererseits sehe ich es als durchaus positiv, dass unser Gesundheitssystem im internationalen Vergleich weiterhin mit an der Spitze sein kann, wenn wir alle bescheidener werden und aufhören, über unsere Verhältnisse zu leben und zugleich mehr Selbstverantwortung entwickeln. Wir haben uns schlicht übernommen. Aber - ich diagnostiziere, und ich freue mich, wenn meine Diagnose zur Kenntnis genommen wird. Um die Therapie müssen sich diejenigen kümmern, die dafür verantwortlich sind. Ich bin kein Politiker.

SHÄ:
Besten Dank, Professor Beske, für das Gespräch! (wl)


Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 11/2005

S. 21-24