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Personalia
Prof. Dr. Jochen Schaefer zum 75. Geburtstag
Michael Schöttler

 
Prof. Dr. Jochen Schaefer (Foto: Privat)  
Er war einer der ersten invasiv tätigen Fachkardiologen Deutschlands. Er brachte mit einigen Weggefährten die internistisch-kardiologische Intensivmedizin, die Rechts- und Linksherzkatheteruntersuchung einschließlich Koronararteriographie und die Herzschrittmacherversorgung nach Kiel. Das war vor gut vierzig Jahren. Er pflegte enge Kontakte zu nationalen und internationalen Wissenschaftlern und war voll von sprühenden Ideen. Er bereitete auch für mich den Weg zu einer wissenschaftlich geprägten Karriere und ermöglichte mir die Habilitation.

Warum war und ist sein Ruf so zwiespältig?

Er war unbequem! Er hinterfragte Sinn und Unsinn der invasivtechnischen Diagnostik und die therapeutischen Konsequenzen. Dies galt besonders für die Koronararteriographie und die operative Myokardrevaskularisation, die Anfang der Siebzigerjahre ja noch in den Kinderschuhen steckten. Damit stellte er sich gegen die allgemein akzeptierten Handlungsweisen der aufstrebenden Kardiologie und Koronarchirurgie.

Was ihn störte, war die Kritiklosigkeit. Die Koronararteriographie war nicht ungefährlich. Gleiches galt für die Koronarchirurgie. Durch technischen Fortschritt und wachsende Erfahrung konnten die Risiken im Laufe der Zeit zwar erheblich gemildert werden - sie existieren aber grundsätzlich weiter. Koronararteriographie als alleiniges diagnostisches Verfahren ohne brauchbare therapeutische Folgen lehnte er als l’art pour l’art ab. Seine Vision war, Diagnostik und Therapie zu verbinden.

Das „Wie“ erarbeiteten aber andere. So Andreas Grüntzig, der die Ballondilatation von Koronarstenosen entwickelte. Schaefer war dieser Therapiemethode gegenüber sehr aufgeschlossen. Letztlich hat die Nachfolgegeneration seine Vision erfolgreich umgesetzt. Ich erinnere hier nur an die Leitlinien zur Behandlung des akuten Koronarsyndroms.

Er selbst konnte diesen Weg durch ein unglückseliges Ereignis nicht mehr mitgehen. Das war der so genannte „Herzschrittmacherskandal“. Die enge und in erster Linie wissenschaftliche Zusammenarbeit mit einer Firma wurde ihm zum Verhängnis. Der Vorwurf der Vorteilnahme wog für die Landesbehörden so schwer, dass er von einem Tag auf den anderen von seinen Dienstverpflichtungen entbunden wurde. Ich behaupte einmal, dass es für viele eine günstige Gelegenheit war, den unbequemen, nonkonformistischen Wissenschaftler und Arzt loszuwerden.

Der Kampf um Recht und Reputation hat ihn sehr erschüttert und sehr viel Kraft gefordert. In der Klinik Küppelsmühle in Bad Orb fand er einen aufgeschlossenen Träger. Hier konnte er neben ärztlicher Tätigkeit weiter wissenschaftlich arbeiten. Er nutzte seine erworbene innere Distanz zur invasiven Kardiologie, um sich mehr erkenntnistheoretischen Gedanken zur Kardiologie und schließlich auch zu dem gesamten System von Gesundheit und Krankheit zu widmen. Hier gründete er das Internationale Institut für Theoretische Cardiologie.

Dabei ging und geht es ihm um „den verbindenden Dialog unterschiedlicher Forschungseinrichtungen in den Natur- und Geisteswissenschaften: Inwiefern ist es möglich, Methoden und Konzepte der Theorie dynamischer Systeme in der biomedizinischen, ökologischen und ökonomischen Forschung zu nutzen?“

Dies war die Zielsetzung, die er zum 12. Symposium seines Instituts vom 19.08.- 20.08.2005 in Kiel formulierte.

Am 21.08.2005 beging er seinen 75. Geburtstag. Sein wohl erster Schüler und treuester Wegbegleiter, Klaus-Jürgen Nordmann (zuletzt Chefarzt an der Mühlenberg-Klinik in Bad Malente-Gremsmühlen), rief mich kürzlich an, „uns’ Jochen“ habe eine Laudatio aus Anlass dieses Jubiläumsgeburtstages verdient.

Sicher eine schwierige Aufgabe für jemanden wie mich, der gewissermaßen auf dem anderen Ufer der Kardiologie steht. Vor fünfundzwanzig Jahren schüttelte Schaefer den Kopf und sagte zu mir: „Sie können’s wohl nicht lassen ...“

Nein, wir beide konnten es nicht lassen - jeder auf seine Weise.

Ich erinnere mich gern an Jochen Schaefer und bin ihm dankbar. Er war mein Lehrer, Förderer und Kritiker zugleich. Ohne ihn wäre ich nicht da, wo ich heute stehe. Über mehr als zehn Jahre haben wir uns täglich, vor allem abends nach der Routinearbeit, die Köpfe heiß geredet, Verbindendes und Trennendes aufgearbeitet. Er hinterfragte alles, nichts wurde als gegeben hingenommen. Das „Warum“ diente dem Erkenntnisgewinn. Er wollte wissen, was andere über ein Problem dachten. Immer fand er Lücken, die er geklärt wissen wollte. Manchmal war ich der Weißglut und Verzweiflung nahe. Und tags darauf ging die Diskussion weiter! Dabei ging es keinesfalls nur um erkenntnistheoretische Belange, sondern sehr wohl auch um ganz pragmatische Dinge, die unser alltägliches Handeln lenkten.

Diese Schaefer’sche Schule war fordernd, aufrüttelnd, bildend und amüsant zugleich. Fazit für mich: Handwerkliches Können allein macht nicht den Arzt, die Neugier und Lauterkeit, das kritische Überdenken des Handelns und das ehrliche Bekennen zu Wissenslücken und Fehlern sind ebenso unverzichtbar.

Für diese Erkenntnis, lieber Jochen Schaefer, danke ich Ihnen von Herzen. Klaus-Jürgen Nordmann und ich gratulieren Ihnen und wünschen Ihnen Kraft und Erfolg für Ihre weitere Forschung.

Prof. Dr. Michael Schöttler, Martin-Luther-Krankenhaus, Lutherstr. 22, 24837 Schleswig


Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 10/2005

S. 18-20